Die Gespenster – Vierter Teil – 45. Erzählung
Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil
Fünfundvierzigste Erzählung
Die eingetroffene Ahnung zu Westerburg
Im Januar des Jahres 1792 hörten mehrere glaubhafte Bürger in Westerburg – einem dem gräflichen Hause Leiningen gehörigen Ort im Oberrheinischen Reichskreis – einen unheimlichen Totengesang, der vom Begräbnisplatz vor der Stadt herüberklang. Dieser glich vollkommen dem Gesang, den die Schüler anzustimmen pflegten, wenn beispielsweise ein Bürger feierlich beerdigt wurde. Nach Beendigung dieses spukhaften Gesanges sprach das sonderbare, singende Gespenst ein vernehmliches und lautes Amen. Jedermann war davon überzeugt, dass diese schreckensvolle Erscheinung eine Todesahnung sei, die einem Westerburger gelte. Dies war für die Bewohner umso schauderhafter, da zu diesem Zeitpunkt noch niemand im ganzen Städtchen krank war; die Todesbotschaft schien also auf einen gewaltsamen Tod hinzudeuten.
Tatsächlich ging diese Ahnung nur zu bald auf schauderhafte Art in Erfüllung. Georg Philipp Knod, ein braver und allgemein geachteter Bürger des Städtchens, war das bedauernswerte Opfer, auf das der singende Wahrsagegeist sein Augenmerk gerichtet zu haben schien. Dieser Unglückliche hatte von der Bürgerschaft eine Eiche als Bauholz gekauft. Dabei war ihm zur Pflicht gemacht worden, vor dem Fällen des Baumes die Hauptzweige einzeln abzuschlagen, damit die in der Nähe stehenden jungen Bäumchen nicht beschädigt würden.
Als rüstiger Mann, der sich gut aufs Klettern verstand, hatte er sich diese Bedingung leicht gefallen lassen. Am zweiten Februar ging er in aller Frühe ganz allein in den Wald, erstieg den Baum und befreite ihn in kurzer Zeit von den obersten Zweigen. Zu seinem Verderben blieben diese jedoch auf den beiden untersten, sehr ausladenden und starken Ästen liegen. Als nun auch diese an der Reihe waren, abgeschlagen zu werden, und der eine davon mit der gesamten darauf ruhenden Last zu sinken begann, schnellte einer der darauf liegenden Äste, dessen dickes Ende in die Höhe ragte, mit solcher Gewalt auf ihn zu, dass er vom Baum stürzte.
Sein achtzehnjähriger Sohn befand sich mit dem Wagen kaum zwanzig Schritte vom Baum entfernt und musste den schrecklichen Sturz seines Vaters mit ansehen. Er eilte sogleich herbei, fand ihn jedoch betäubt und besinnungslos vor. Mit Hilfe einiger Nachbarn brachte der trauernde Sohn den verunglückten Vater zwar sofort nach Hause; kaum hatte man jedoch seine Wohnung erreicht und ihn auf ein Bett gelegt, verstarb er auch schon. Der Ast, der ihn in die Tiefe gerissen hatte, hatte ihm den Schädel zerschmettert und den Kiefer gespalten. Durch den Sturz auf den steinigen Boden war zudem sein Brustkorb an drei bis vier Stellen so stark gequetscht worden, dass keine Aussicht auf Rettung mehr bestand. Er hinterließ eine kränkliche Frau mit sechs unmündigen Kindern, die dem fleißigen und rechtschaffenen Vater Tränen des tiefsten Bedauerns nachweinten – Tränen, in die sich sogleich Not und Elend mischten.
Kaum war dieser tragische Todesfall im Städtchen bekannt geworden, hieß es einstimmig: „Seht! Das hat der Totengesang bedeutet! Da wird es doch nun unwidersprechlich wahr, dass es keineswegs töricht ist, an spukhafte Anzeigen und Vorbedeutungen zu glauben.“
Doch wie beschämt schwiegen bald wieder alle, als sich das Rätsel bei genauerer Nachfrage in der Schule von selbst löste und alles Wunderbare verschwand. Einige Schulknaben, die an jenem Abend in der Gegend des Kirchhofs Wasser auf die Wiesen geleitet hatten, hatten in ihrer unbedarften Jugendfröhlichkeit jenes Sterbelied angestimmt und nach dessen Beendigung das laute Amen ausgerufen.
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