Das Astoria-Abenteuer – Teil 7
Max Felde
Das Astoria-Abenteuer
Nach den zeitgenössischen Aufzeichnungen von Washington Irving erzählt
Illustriert von L. Berwald
Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. Stuttgart, Berlin, Leipzig. 1912
Mac Dougal erfährt eine Demütigung
Während der Nacht hatte sich ein kräftiger Nordostwind erhoben, der den Himmel nach und nach mit dunklem Gewölk überzog. Mr. Dougal und seine Gefährten waren nach dem Auftritt in der Kapitänskajüte wieder in das Hinterschiff gegangen. An Schlafengehen war bei der großen Erregung, in der sie sich befanden, jedoch zunächst nicht zu denken. Dazu traten rasch nacheinander weitere Beunruhigungen und Belästigungen ein, die später noch näher geschildert werden.
Die Bewegungen des Schiffes, das bisher ziemlich steif auf Steuerbord lag, wurden allmählich stärker und schließlich sogar heftig. Gegen Mitternacht erhob sich auf den Treppen und an Deck in immer kürzeren Pausen ein gewaltiges Getrampel. Kommandorufe erschallten und schrilles Pfeifen ertönte. Die Freiwachen, die inzwischen geweckt worden waren und ihre schweren Wasserstiefel anziehen mussten, stampften nach oben. Sie wurden zum Dienst herangezogen – was kein gutes Zeichen war.
Als am nächsten Morgen der Tag graute, bot das Schiff ein wenig erfreuliches Bild. Der feine Regen, der trotz des kräftigen Nordostwinds niedergegangen war, hatte alles durchnässt; Leinen und Taue tropften. Die gleichmäßige Dünung vom Vortag war einem schweren Seegang gewichen. Hohe Wellenberge mit weiß schäumenden Häuptern wälzten sich mit Ungestüm herbei. Sie drohten mit gieriger Hast alles zu überrennen oder zu verschlingen, was sich ihnen entgegenstellte. Zwar hatte der Kapitän verhältnismäßig viel Segel beigesetzt – schließlich ist es das Bestreben eines Seemanns, die Zeit bestmöglich zu nutzen, um das ihm anvertraute Schiff so schnell wie möglich ans Ziel zu führen, solange dies ohne dringende Gefahr machbar ist.
Als es am frühen Morgen etwas heller geworden war, erschien der Kapitän wieder auf der Kommandobrücke; er hatte sich nach einer durchwachten Nacht für ein Stündchen in seine Kajüte zurückgezogen.
»Lieber Howells«, redete er den Schiffsmeister an, nachdem er sich ein Bild vom Wetter gemacht hatte, »ich befürchte zwar, dass wir noch mehr abbekommen werden, vorläufig können wir aber ganz zufrieden sein. Ich glaube, wir machen keinen Fehler, wenn wir die Leinen vor dem Wind belassen, wie sie sind. Da man aber nie wissen kann, was noch kommt, scheint es mir angebracht, die Gelegenheit zu nutzen und nach unseren Landratten zu sehen. Schicken Sie doch Mister Potter in die Logis, damit er Umschau hält und für Ordnung sorgt. Wir wollen Vorsorge treffen, dass unser gutes Schiff von den Herren, die sich etwa unwohl befinden, nicht gar zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird.«
»Soll geschehen, Kapitän«, erwiderte Mr. Howells und rief seinerseits den Schiffsmeistergehilfen zu sich, um ihm die Anweisung weiterzugeben. Mr. Potter setzte daraufhin eine kleine silberne Pfeife an die Lippen und versammelte durch einen schrillen Pfiff die Schiffsjungen um sich. Diese hatten sich mit jeweils zwei gefüllten Wassereimern zu bewaffnen, woraufhin er mit den jungen Leuten in die Luke des Vorderschiffes hinabstieg.
Nach kurzer Zeit sah man die kanadischen Bootsleute aus der Luke auftauchen. Sonst stets lebhaft und guter Dinge, schwankten sie nun einzeln, verstörten Angesichts und auf unsicheren Beinen heraus. Tastend und balancierend schlichen sie an Deck nach einem einigermaßen windgeschützten Winkel, wo sie sich stumpf und gleichgültig niederließen. Dort lagen sie eine ganze Weile, aber schon bald schien es manchem von ihnen auf dem nasskalten Deck nicht mehr zu gefallen. Der eine oder andere erhob sich wieder, um einen günstigen Augenblick zu erspähen, um ungesehen in die Luke hinab zu schleichen.
Doch da hatten sie die Rechnung ohne Mr. Potter und die Matrosen gemacht. Sobald man die Ausreißer ertappte, wurden sie zuerst in einem väterlich-höhnischen Ton belehrt, dass dies unter keinen Umständen gestattet sei. Nützte das nichts, folgte eine recht barsche Zurechtweisung.
Den Kommis erging es nicht anders: Fast alle hatten Neptun bereits ihren Tribut entrichtet. Man behandelte sie jedoch – vielleicht eine Folge des Auftritts vom Vorabend – etwas höflicher. Wo Widerspruch laut wurde, suchte man sie zu überzeugen, dass ein Verbleib in den geschlossenen Räumen unten unmöglich sei und sie sich im Freien sicherlich wohler fühlen würden. Um zu vermeiden, dass sich später wieder jemand nach unten schlich, um sich aufs Ohr zu legen, ließ Mr. Potter in allen Logis die Hängematten abnehmen und in einem verschlossenen Raum verstauen.
Erbost über den ganzen unerquicklichen Vorgang schienen die Schiffsjungen zu sein, welche die Logis zu reinigen hatten. Jedes Mal, wenn sie mit einem Eimer Schmutzwasser aus der Luke stiegen, um es über Bord zu kippen, trugen sie angeekelte Gesichter zur Schau.
»Mr. Potter«, sagte der Kapitän, der eine halbe Stunde später über Deck schritt, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen, »wenn Sie mit den Herren fertig sind, die Sie an die frische Luft befördert haben, sehen Sie doch auch nach den großen Herrschaften, die uns gestern Abend so viel zu schaffen machten. Einerseits gebietet es die Christenpflicht, andererseits sollte man die anspruchsvollen Leute in ihren Kojen nicht ganz nach Belieben schalten und walten lassen.«
Der Schiffsmeistergehilfe ließ aus Gründen der Reinlichkeit noch eine Anzahl gefüllter Wassereimer neben den auf Deck umherliegenden Gruppen aufstellen. Sie waren fürsorglich für diejenigen gedacht, die im Drang ihres Elends die Reling nicht mehr rechtzeitig erreichen konnten. Danach verschwand er wieder nach unten.
Wenig später kehrte er mit Mac Key und den beiden Stuarts an Deck zurück. Sie schwankten geisterbleich an seiner Seite und zeigten für die eindringliche Rede, die Mr. Potter ihnen hielt, offenbar nicht das mindeste Verständnis. Wie Kinder ließen sie sich folgsam in eine Nische führen, die von festliegenden Kisten und Tauen gebildet wurde. Man breitete ihnen einige Decken auf den Planken aus, auf denen sie sich niederließen, und stellte auch ihnen eine Pütze Wasser bereit.
»Es handelt sich jetzt nur noch um Mr. Dougal«, meldete der Schiffsmeistergehilfe dem Kapitän, »aber der scheint zu meiner großen Verwunderung seefest zu sein. Als ich seine Koje betreten wollte, schlugen mir Töne entgegen, die für einen sehr gesunden und tiefen Schlaf sprechen.«
»Schade«, entgegnete der Kapitän. »Das heißt …«, verbesserte er sich sogleich, »ich war geneigt anzunehmen, dass dieser Herr mit seinem großen Mundwerk den Ergüssen, die Neptun von den Landratten fordert, noch am ehesten trotzen würde.«
Mr. Potter lächelte, was auch den Kapitän veranlasste, für einen Augenblick etwas weniger ernst dreinzuschauen, ehe er in das Kompasshäuschen eintrat.
Die Beobachtung des Schiffsmeistergehilfen traf tatsächlich zu. Mr. Dougal und seine Kollegen hatten sich nach dem Auftritt am Vorabend in ihre Kajüte begeben, wo an Schlaf vor Erregung lange nicht zu denken gewesen war. Sie hatten das Bedürfnis verspürt, sich über das Erlebte auszusprechen. Als die Bewegungen des Schiffes heftiger wurden, war Mac Key als Erster aufgestanden, um sich in seine Koje zurückzuziehen. Er spürte ein merkwürdiges, unangenehmes Gefühl der Beklemmung, das er vergeblich zu deuten versuchte.
»Kein Wunder«, versetzte Mr. Dougal, »wenn man sich über diesen Rappelkopf von Kapitän so ärgert. Hätte ich meine Galle nicht gehörig ausgespuckt, ginge es mir kein Haar anders als euch.«
Mac Key schien über die Natur seiner Übelkeit anderer Ansicht zu sein, behielt dies aber für sich. Die Art, wie er sich entfernte, sprach Bände. Er lag wohl noch gar nicht richtig unter der Decke, als auch David Stuart der Ältere und sein Neffe Robert über Kopfschmerzen und Schwindel klagten. Gedrückt und schweigsam schlichen auch sie davon.
Mr. Dougal schüttelte verwundert den Kopf. Als er sich allein sah, blieb ihm nichts übrig, als sich ebenfalls in seine Kabine zu begeben. Er fiel sofort in einen tiefen Schlaf, der die ganze Nacht anhielt.
Erst spät am Morgen erwachte er und wunderte sich über die heftigen Schiffsbewegungen: Draußen ein unheimliches Heulen, Pfeifen und Brausen; im Schiff ein Knarren und Ächzen; von Zeit zu Zeit ein Rollen, als seien Gegenstände umgefallen. Verwundert rieb er sich die Augen. Siedend heiß kam ihm die Erinnerung an den Streit mit dem Kapitän und die Vereinbarung, die Sache heute Morgen auszutragen.
»Verdammt! Der Teufel hole seine vertrackte Schiffsdisziplin! Ich werde diesem Kommis, der seine Aufgabe missversteht, schon begreiflich machen, dass wir uns nicht auf einer Kriegsfregatte befinden und keinesfalls mit Matrosen gleichgestellt werden wollen!«, knurrte er. »Der Lieutenant soll erfahren, dass er es mit ehrenwerten Kaufleuten zu tun hat, nicht mit hergelaufenem Gesindel. Dougal kennt seinen Wert!«
Ergrimmt sprang er auf, wusch sich, kleidete sich an und eilte die Treppe hinauf. Über der Luke blieb er stehen und verankerte sich an einer Lafette. Welches Bild bot sich ihm: Seine Leute lagen bleich und fröstelnd in den Ecken, eng aneinandergedrängt, um sich zu wärmen. Die sonst so lauten Kanadier waren verstummt, während die Elemente tobten. Der Sturm heulte, die See rauschte, und das Takelwerk knarrte. Das Schiff hob sich schwer gegen die Wellenberge, um sich dann bedenklich auf die Seite zu legen und in die Wassertäler hinabzuschießen.
Dougal riss die Augen auf; sein ergrimmtes Gesicht glättete sich. Oben auf der Kommandobrücke sah er den Kapitän breitbeinig, aber in aufrechter Haltung im Gespräch mit Mr. Howells. Ein schriller Pfiff ertönte, der von den Maaten weitergegeben wurde. Die Matrosen sprangen herbei, bereit für ein Manöver. Des Kapitäns Stimme erscholl, und die Mannschaft enterte in das Takelwerk, um die Marsrahen zum Wind zu stellen.
Es war beängstigend mitanzusehen, wie die Seeleute rittlings auf den Stangen saßen und bei den heftigen Schiffsbewegungen ihre gefährliche Arbeit verrichteten. Ein Versehen hätte den Tod bedeutet. Nach langer Arbeit verkündeten rasselnde Geräusche das Gelingen: Die Rahen glitten nach unten, die Leinen wurden gesichert, und die Mannschaft enterte vorsichtig wieder herab.
Dougal atmete erleichtert auf. Auf seinen Fahrten durch die Wildnis hatte er dem Tod oft ins Auge geschaut – er wusste, was die Matrosen geleistet hatten. Mit der Anerkennung stieg auch seine Achtung vor dem Kapitän, der die Verantwortung trug. Dies stimmte ihn milder.
»Das war kein leichtes Werk«, sagte er und angelte nach einem Tauende, um sich zu Mac Key und den Stuarts zu hangeln, die unter einer Lafette lagen. Doch diese antworteten nicht. Leichenblass, mit geschlossenen Augen, lagen sie auf einer Decke, völlig gleichgültig gegen alles. Auch Dougals teilnahmsvolle Fragen ließen sie unbeantwortet.
Verwundert schüttelte er den Kopf. Er bemerkte, wie der Kapitän erneut den Schiffsmeister zu sich bat und auf ihn einredete. Dougal schien es, als blickten beide zu ihm herüber. Wollte der Kapitän ihm wieder eins auswischen? Bei dem Gedanken stieg ihm erneut die Galle hoch. Wenn Mr. Thorn das wagte, sollte er etwas erleben!
Die sympathischen Regungen verblassten rasch. Dougal nahm sich vor, hart zu bleiben und keine Zugeständnisse zu machen. Als der Schiffsmeister vorbeiging, fragte Dougal, wann die Verhandlung fortgesetzt werde. Mr. Howells verwies auf das schwere Wetter, versprach aber nachzufragen. Dougal sah das ein und begab sich, da Gischt über das Deck schlug und er durchnässt war, zurück in die Kajüte.
Dort warf er sich auf den schmalen Diwan und sann nach. Doch plötzlich wurde er bleich. Er spürte das herannahende Unheil. Einer der Schiffsjungen, der die Veränderung in Dougals Gesicht vorausgesehen hatte, lief aus der Tür und kehrte sogleich mit einem gefüllten Wasserkübel zurück, den er Mr. Dougal direkt vor die Füße stellte. Dieser wollte sich noch mit gebietender Gebärde aufrichten, um gegen diese demütigende Zumutung zu protestieren – doch angesichts des übermächtigen Übels musste er schließlich tun, was sich nicht verhindern ließ.
Als die stürmische Begebenheit vorüber war, erfasste Mr. Howells ihn unter dem Arm und geleitete ihn zu einem Stuhl. Dort blieb Dougal sitzen: den bleichen, schweren Kopf tief auf den zusammengesunkenen Oberkörper geneigt – wie ein gebrochener Mann.
Der Kapitän hatte sich auf den Höhepunkt des Geschehens hin schicklicherweise nach oben begeben.
»Na, sehen Sie«, sagte er zu Mr. Howells, als dieser eine Viertelstunde später auf der Kommandobrücke erschien, »so unschön die Seekrankheit in ihren Äußerungen ist, so hat sie doch ihr Gutes. Sie hat bewirkt, dass selbst das größte Großmaul verstummen muss. Die Natur sorgt eben immer weise dafür, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen!«
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