Archiv

Der Detektiv – Band 32 – Zwei Zigarettenstummel – Kapitel 3

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Zwei Zigarettenstummel
Kapitel 3
Die Eidechsen-Knöpfe

In demselben Moment rief der Matrose Ewald, der an einem der Backbordfenster stand: »Ein kleines, offenes Motorboot biegt um die Landzunge! Drei Leute sind darin!«

»Los – an Deck, Pi-Mano!«, befahl Harst.

Der Alte hatte sich in sein Schicksal ergeben. Die Tür nach der Treppe hin blieb offen. Harst beobachtete den Birmanen scharf, obwohl wir von seiner Seite kaum etwas zu befürchten hatten.

Das kleine Motorboot legte an der Jacht an. Wir spürten die Erschütterung und hielten uns bereit. Kersten hatte eine eichene Latte wie eine Keule in der Hand.

Pi-Mano sprach mit den Leuten im Boot; wir konnten alles verstehen. Nun kam er die Treppe hinab, während wir uns hinter der Tür zusammengedrängt hatten. Hinter dem Alten betrat ein Malaie den Salon – ein baumlanger Kerl, europäisch gekleidet. Sogar einen Leinenkragen und eine Krawatte trug dieser braune Riese.

Kaum war er zwei Schritte von der Tür entfernt, als Harst sie auch schon zuschlug. Der Malaie fuhr herum. Dann – und das ging so blitzschnell, dass wir gar nicht eingreifen konnten – riss er unter der Jacke ein Messer hervor, tat einen Satz und stieß zu. Dreimal!

Der alte Birmane schrie gellend auf, taumelte und sank in die Knie.

»Die beiden im Boot!«, rief Harst mahnend. Wir stürzten an Deck, Kersten als Erster. Zwei Hiebe mit der schweren Latte, und die beiden Bootsinsassen knickten bewusstlos zusammen. Es waren Birmanen und noch jüngere Leute.

Da – aus dem Wohnsalon ein Pistolenschuss – noch einer! Kapitän Weber, Jürgensen und ich rasten schon wieder die Treppe hinab. Mitten im Salon stand der Malaie mit hochgereckten Armen. Zu seinen Füßen lag der tote Pi-Mano. Die Rechte des Riesen blutete stark; das Blut lief ihm in den Ärmel. Harst hatte ihm das Messer aus der Hand schießen müssen und ihm dann noch eine Kugel durch den Oberarm gejagt. Der Bursche war anders nicht zu bewältigen gewesen. Er schäumte jetzt vor Wut, seine schwarzen Augen waren weit aufgerissen.

»Fesselt ihn!«, befahl Harald. »Bindet ihm auch ein Tuch über das Gesicht!«

Es geschah. Kapitän Weber holte Verbandzeug und stillte die Blutung der beiden Schusswunden.

Wir alle, Harst ausgenommen, befanden uns in hochgradiger Erregung. Die Ermordung des alten Birmanen und die Szene hier im Wohnsalon, diese wilde, hasssprühende Wut des Malaien, der blutige Teppich und all das andere hätten wohl auch den Phlegmatischsten aufgerüttelt.

Weber trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

»Donner noch eins!«, meinte er. »Ich habe doch schon so manches erlebt. Aber in Ihrer Gesellschaft, Herr Harst – da geht es, scheint es, stets recht aufregend zu!«

Harst beugte sich über den Malaien, der auf einem Sessel festgebunden worden war. Ich glaubte, er würde ihn ausfragen, aber nach ein paar Sekunden richtete er sich wieder auf und erklärte:

»Wir können die Fahrt fortsetzen. Die Leiche Pi-Manos bringen wir in die Hütte des Frachtbootes. Jürgensen, fassen Sie bitte mit an!«

Inzwischen hatte Kersten die beiden bewusstlosen Birmanen gefesselt. Als der Tote in die Bambushütte des gesunkenen Kahnes gelegt worden war, schickte Harst den Maschinisten Jürgensen auf die Jacht zurück.

»Macht nur alles zur Weiterfahrt fertig«, sagte er. »Schraut und ich wollen uns hier nur noch genauer umsehen.«

So waren wir denn allein in dem mit Gerümpel aller Art halb gefüllten Deckhäuschen. Ich hatte Harst so manches zu fragen, und diese Gelegenheit schien mir dazu günstig. Während er neben dem Toten kniete und dessen Kleider durchsuchte, begann ich etwas zögernd, denn ich fürchtete, mich mit dieser ersten Frage zu blamieren:

»Dürfte diese Lapo Tau-Tau, die ein Mann sein soll, nicht Eugenie Malcapier heißen?«

»Wie sonst? Natürlich ist es unsere vielgestaltige Feindin. Weißt du, was die birmanischen Wörter Lapo und Simlo bedeuten? Nun – Lapo bedeutet groß und Simlo klein. Es gibt also eine große und eine kleine Tau-Tau. Was Tau-Tau ist, muss dir bekannt sein.«

»Allerdings. Wie sollte ich auch wohl schon das Eidechsen-Problem unseres vorigen Abenteuers vergessen haben! Tau-Tau ist eine gelbschwarze Rieseneidechse.«

»Ganz recht. Mithin existiert eine große und eine kleine Eidechse; also zwei Menschen, die unter diesem Titel in hiesigen Verbrecherkreisen hohes Ansehen besitzen. Und diese Verbrecherkreise dürften keine willkürliche Anzahl von Personen sein, sondern eben eine Filiale jenes Geheimbundes, dem man in den indischen und indochinesischen Hafenstädten längst auf der Spur ist, ohne ihn jedoch unschädlich machen zu können. Man könnte von einem Eidechsen-Bund sprechen. Wenn du dir nun vergegenwärtigst, wie der Firmenstempel des Zigarettenpapiers aussah, das wir zusammen als zu jenem Zigarettenstummel gehörig besichtigten, dann …«

»Ah – ich verstehe: Den Stummel ließ die verkleidete Eugenie im Redaktionszimmer zurück. Der Stempel zeigte zwei übereinanderliegende Eidechsen. Und von Pi-Mano hörten wir nun die Bezeichnungen große und kleine Eidechse, was so viel heißen kann wie ›erster‹ und ›zweiter‹ Führer des Bundes. Also stoßen wir hier wieder auf Eidechsen! Da darf man wohl mit Recht sagen: Wir sind der Verbrechergesellschaft dicht auf den Fersen.«

Harst schaute sich gerade eine Zigarette an, die der alte Birmane in einem Blechschächtelchen bei sich getragen hatte.

»Hm«, meinte er, »es ist dasselbe gelbliche Zigarettenpapier und auch eine selbst gedrehte Zigarette! Sehr merkwürdig! Sehen wir nach, ob das Papier ebenfalls den blauen Firmenstempel trägt – den Stempel der Eidechsen-Verbrecherfirma!« Er war plötzlich angeregt und lebhaft; fraglos witterte er hier eine neue Spur.

Er schnitt die Zigarette auf und schüttete mir den Tabak in die Hand.

»Wahrhaftig – der Stempel!«, rief er leise. »Und hier stehen noch ein paar Zeichen, darunter so etwas wie eine Skizze, ein Achteck darstellend, darin acht Häkchen. Hm … hm, dies bestätigt meine Vermutung, dass die Malcapier schon wieder einen großen Streich plant, bei dem sie es diesmal auf etwas abgesehen hat, das vielleicht – nein, ganz bestimmt – einzig in seiner Art ist.«

Ich nahm ihm das Blättchen Zigarettenpapier ab.

»Aber die Zeichen?«, fragte ich. »Was sollen die wohl bedeuten? Es sieht so aus, als ob …«

»Ja – als ob es die Umrisse dreier Buddhastandbilder sind, von denen die beiden ersten durch einen Strich …« Ich suchte nach einem passenden Ausdruck.

»… ungültig gemacht sind«, ergänzte Harald rasch. Ich schaute ihn an. Seine grauen Augen strahlten.

»Mein Alter«, flüsterte er jetzt, »diesmal fangen wir sie – ganz bestimmt! Und dann wird Rangun und die ganze buddhistische Welt mich preisen. Dann wird man es mir glauben, dass nur unsere Eugenie den Artikel für die EXPRESS POST geschrieben hat – diesen unvorsichtigen Artikel, in dem sie bereits andeutete, was … Doch lassen wir das jetzt. Den größten Teil der Geheimnisse des Eidechsen-Bundes kennen wir schon. Wir wissen, dass die Mitglieder sich harmloser Zigaretten zur Weitergabe von Befehlen bedienen. Pi-Manos Zigarette hier ist ein solcher Befehl. Und weiter: Der Tote trägt auch das Erkennungszeichen des Bundes an sich! Da – bücke dich, besieh dir die Knöpfe seiner Weste! Der zweite von unten ist es! Erkennst du die eingravierten und vergoldeten Eidechsen auf dem runden, flachen Ding? Nun – die blutgierige Simlo Tau-Tau trägt an der Jacke genau denselben Knopf! Das besagt genug, denke ich!«

Ich kniete schon neben der Leiche. Was hatte Harst nur für Augen! Niemals wäre es mir eingefallen, unter all den bunten, verschiedenen Westenknöpfen Pi-Manos nach einem einzelnen zu suchen, der Ähnlichkeit mit dem »Stempel« haben könnte.

Wirklich – da war dieser Knopf, dieses Erkennungszeichen! Und wie schlau war es ersonnen! Es fiel so gar nicht auf. Man konnte es offen tragen und brauchte doch nicht zu befürchten, dass es Verdacht erregen könnte.

»Bemerktest du den Knopf zufällig, Harald?«, fragte ich und stand wieder auf.

»Zufällig?! Leute wie wir sollten das Wort Zufall aus ihrem Lexikon streichen! Ich hatte einfach wie stets die Augen überall. Ich sah den Knopf von Weitem, und die Gravierung war so eigenartig. Deshalb starrte ich auch im Wohnsalon Pi-Manos Weste so interessiert an. Dann genügte ein Blick. Gehen wir jetzt, mein Alter. Vergiss nicht, dass morgen der letzte der drei großen buddhistischen Feiertage ist, die in Rangun unter so ungeheurem Zulauf von Pilgern begangen werden. Es ist schade, dass wir uns das Treiben an der Shwedagon-Pagode nicht angesehen haben. Dort spielt sich der Hauptakt der drei Feiertage ab; diese Pagode ist ja weit und breit das größte Heiligtum der Buddhisten.«

Ich wurde aufmerksam. Er hatte beide Male das drei so merkwürdig betont. Wir standen jetzt auf dem vom Wasser halb bespülten Deck des gesunkenen Frachtbootes. Ich schaute Harst forschend ins Gesicht, und er – er lächelte ein wenig.

Drei buddhistische Feiertage! Drei! Und drei Umrisse von Buddha-Statuen enthielt das Blättchen Zigarettenpapier – die ersten beiden durchstrichen, ungültig! Ich begriff plötzlich. Ich packte Harsts Arm und drückte ihn.

»Du – die dritte Buddha-Statue, die noch gültige, bedeutet den dritten Feiertag, also morgen!«, erklärte ich überstürzt. »Morgen will die große Eidechse etwas ausführen – etwa eben den Streich, von dem du sprachst!«

Er nickte nur und sagte aufmunternd: »Gut so! Und weiter?«

»Weiter?«

»Nun ja. Wogegen wird sich der Streich richten?«

Ich sann angestrengt nach.

»Denke mal an den Artikel in der Ranguner EXPRESS POST«, half mir Harald nach einer Weile. »Da stand Folgendes: Wenn es ihr – der Malcapier – jetzt einfallen würde – dies nur im Scherz gesagt! – etwa die acht Haupthaare Buddhas aus der Shwedagon-Pagode zu rauben … Dies, mein Lieber, hat doch die Malcapier bekanntlich selbst geschrieben. Und es ist kein Scherz! Nein, ganz im Gegenteil! Schon gestern, als ich euch den Aufsatz vorlas, stieg in mir der Verdacht auf, unsere Eugenie könnte diesen Diebstahl tatsächlich planen und wollte durch diese Sätze im Artikel so etwas wie einen höhnisch-überlegenen Witz an meine Adresse machen. Jetzt weiß ich: Sie wird tatsächlich versuchen, den goldenen Schrein zu entführen, in dem die acht Kopfhaare Buddhas aufbewahrt werden. Auf dem Zigarettenpapier-Befehl erkennt man ja ein Achteck, darin acht Häkchen. Diese Häkchen sind die kostbaren Reliquien, sind die Haupthaare des Gottes Buddha! Pi-Mano war also fraglos in den Plan eingeweiht. Nur der Tag, an dem der Raub ausgeführt werden sollte, war noch nicht genau bestimmt – bis ihm dann das gestempelte Papier die Weisung gab, sich für den dritten Feiertag bereitzuhalten.«

»Harald … Harald – ein solcher Diebstahl ist doch unmöglich!«, stammelte ich.

Er lachte kurz auf. »Nicht für die Malcapier, mein Alter! Allerdings ist auch mir noch unklar, wie sie diesen Streich glücklich zu erledigen gedenkt. Ich bin gespannt, was sie da ersonnen hat. Wir werden schon dahinterkommen.«

Wir stiegen nun auf die STANDARD hinüber, die dann sofort weiter der Mündung des Rangun-Flusses zulief.

Im Wohnsalon befanden sich die drei gefesselten Insassen des kleinen Motorbootes, das wir ins Schlepptau genommen hatten. Die beiden von Kersten niedergeschlagenen Birmanen waren wieder zu sich gekommen. Die Simlo Tau-Tau, der malaiische Riese, saß noch mit verhülltem Gesicht gefesselt auf demselben Sessel.

Harst deutete jetzt schweigend auf einen der Jackenknöpfe dieses blutgierigen Tigers, wie Pi-Mano ihn bezeichnet hatte. Ich schaute genau hin: Es war derselbe Knopf, dieselbe vergoldete Gravierung.

Harst nahm ihm nun das Tuch ab. Die jetzt vor maßloser Wut rot geäderten Augen des Malaien schienen mit ihren giftigen Blicken töten zu wollen.

»Gib mich frei, du Hund!«, sprudelte der Mensch hervor. »Du ahnst nicht, mit wem du es hier zu tun hast! Ich werde dich vernichten! Ihr alle werdet den Tod erleiden, den wir euch zugedacht hatten!«

»Ich weiß«, erwiderte Harald gemütlich. »Ich weiß! Wir sollten durch eine Säge in einer Schneidemühle zerschnitten werden, nachdem man uns an einen Baumstamm gebunden hatte. Es wäre ein sehr ungemütliches Ende gewesen, ohne Frage! Aber die Lapo Tau-Tau wird sich noch etwas gedulden müssen!«

Der Malaie konnte sein bestürztes Erstaunen kaum verhehlen.

»Du … du fantasierst!«, sagte er unsicher. »Und was redest du da von einer Lapo Tau-Tau?! Hat etwa Pi-Mano auch das verraten?«

»Nichts hat er verraten – nichts! Eugenie Malcapier dürfte dir wohl erzählt haben, dass ich so ein wenig mehr kann als andere Leute. Mir genügt es, wenn ich zwei Eidechsen-Knöpfe bemerke!«

Des Malaien Gesicht verzerrte sich. Er wurde wieder erdfahl. Aber sein Blick suchte jetzt den Boden.

Harst winkte Ewald und Kersten herbei und ließ die drei Gefangenen in einen festen Verschlag tragen, nachdem er ihre Fesseln nochmals untersucht hatte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert