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Einbrecher aus Leidenschaft – Ein Gaunerstück – Teil 1

E.W. Hornung
Einbrecher aus Leidenschaft
Ein Gaunerstück

Teil 1

Ganz London sprach damals von einem Mann, dessen Name heute nur noch ein Name ist und nichts weiter. Reuben Rosenthall hatte seine Millionen auf den Diamantenfeldern Südafrikas gemacht und war in die Heimat zurückgekehrt, um sie nach seiner Fasson zu genießen. Wie er dabei zu Werke ging, dürfte kaum einem Leser jener billigen Abendblätter entgangen sein, die sich in endlosen Anekdoten über seine einstige Mittellosigkeit und seine gegenwärtige Verschwendungssucht ergingen, abgewechselt mit pikanten Einzelheiten über das außergewöhnliche Anwesen, das sich der Millionär in St. John’s Wood eingerichtet hatte. Hier hielt er sich ein Gefolge von Kaffern, die buchstäblich seine Sklaven waren; und von hier aus pflegte er auszuziehen, kolossale Diamanten auf dem Hemde und am Finger, im Geleit eines Preisboxers von denkbar schlechtestem Ruf, welcher jedoch keineswegs das fragwürdigste Element in Rosenthalls Entourage darstellte. So jedenfalls raunte es der Klatsch; die Wahrheit dieser Gerüchte wurde jedoch durch das Einschreiten der Polizei bei mindestens einer Gelegenheit hinreichend untermauert, gefolgt von einer richterlichen Untersuchung, über die die besagten Zeitungen mit berechtigter Genugtuung und in riesigen Schlagzeilen berichteten.

Und das war alles, was man über Reuben Rosenthall wusste, bis zu jener Zeit, als der Old Bohemian Club, der schwere Tage durchmachte, es für klug befand, ein großes Diner zu Ehren eines so begüterten Verfechters der Clubprinzipien auszurichten. Ich selbst war bei dem Bankett nicht geladen, aber ein Mitglied hatte Raffles mitgenommen, der mir noch in derselben Nacht alles darüber berichtete.

»Die außergewöhnlichste Vorstellung, die ich je in meinem Leben gesehen habe«, sagte er. »Was den Mann selbst angeht – nun, ich war auf etwas Groteskes gefasst, aber der Kerl hat mir schlicht den Atem verschlagen. Zunächst einmal ist er eine optisch schier umwerfende Kreatur: weit über ein Meter achtzig groß, mit einer Brust wie ein Fass, einer mächtigen Habichtsnase und dem rötesten Haar und Schnurrbart, den du je gesehen hast. Er trank wie eine Feuerwehrspritze, wurde aber gerade nur so betrunken, um uns eine Rede zu halten, die zu verpassen ich nicht für zehn Pfund missen wollen hätte. Ich bedauere wirklich, dass du nicht auch da warst, Bunny, alter Junge.«

Ich begann es selbst zu bedauern, denn Raffles war alles andere als ein leicht erregbarer Mensch, und nie zuvor hatte ich ihn so aufgepeitscht gesehen. Hatte er sich etwa an Rosenthalls Beispiel orientiert? Dass er um Mitternacht in meine Zimmer kam, bloß um mir von seinem Abendessen zu erzählen, war an sich schon Grund genug für einen Verdacht, der im krassen Widerspruch zu allem stand, was ich über A. J. Raffles wusste.

»Was hat er denn gesagt?«, fragte ich mechanisch, da ich eine subtilere Erklärung für diesen Besuch vermutete und mich wunderte, was um alles in der Welt es sein könnte.

»Gesagt?«, rief Raffles. »Was hat er nicht gesagt! Er prahlte mit seinem Aufstieg, er protzte mit seinem Reichtum und er beschimpfte die feine Gesellschaft, weil sie ihn wegen seines Geldes aufgenommen hatte und ihn nun aus purem Groll und Neid fallen ließ, weil er so viel davon besaß. Er nannte auch Namen, und zwar mit der charmantesten Ungeniertheit, und schwor, er sei ein ebenso guter Mann, wie das alte Vaterland ihn nur hervorbringen könne – den Old Bohemians zum Trotz. Zum Beweis deutete er auf einen riesigen Diamanten mitten auf seiner Hemdbrust, während sein kleiner Finger unter einem zweiten, völlig identischen Juwel fast begrub. Welcher unserer aufgeblasenen Prinzen könnte so ein Paar vorweisen? Tatsächlich schienen es ganz wundervolle Steine zu sein, mit einem seltsamen, lila Schimmer, der ein Vermögen bedeuten muss. Aber der alte Rosenthall schwor, er würde keine fünfzigtausend Pfund für die beiden nehmen, und wollte wissen, wo der andere Mann sei, der mit fünfundzwanzigtausend Pfund auf der Brust und weiteren fünfundzwanzigtausend am kleinen Finger herumlaufe. Es gäbe ihn nicht. Und selbst wenn, hätte er nicht den Schneid, sie zu tragen. Er aber schon – und er wollte uns auch sagen, warum. Und ehe man sich’s versah, hatte er einen riesigen, wuchtigen Revolver hervorgezogen!«

»Doch nicht etwa bei Tisch?«

»Bei Tisch! Mitten in seiner Rede! Aber das war noch gar nichts gegen das, was er eigentlich vorhatte. Er wollte tatsächlich, dass wir ihn seinen Namen mit Kugeln in die gegenüberliegende Wand schreiben ließen, um uns zu demonstrieren, warum er keine Angst hatte, mit all seinen Diamanten herumzulaufen! Dieser brutale Purvis, der Preisboxer, der sein bezahlter Leibwächter ist, musste seinen Herrn erst gehörig einschüchtern, bevor er sich davon abbringen ließ. Für einen Moment herrschte eine regelrechte Panik; ein Kerl sprach seine Gebete unter dem Tisch, und die Kellner türmten bis zum letzten Mann.«

»Was für eine absurde Szene!«

»Absurd genug, aber ich hätte mir fast gewünscht, sie hätten ihn aufs Ganze gehen und drauflosballern lassen. Er brannte darauf, uns zu zeigen, wie er auf seine lila Diamanten aufzupassen gedachte; und weißt du, Bunny, ich brannte ebenso darauf, es zu sehen.«

Und Raffles lehnte sich mit einem verschmitzten, langsamen Lächeln zu mir herüber, das mir den verborgenen Sinn seines Besuchs endlich nur allzu deutlich vor Augen führte.

»Du trägst dich also mit dem Gedanken, dich selbst an seinen Diamanten zu versuchen?«

Er zuckte die Achseln.

»Es ist schrecklich naheliegend, ich gebe es zu. Aber – ja, ich habe mein Herz an sie verloren! Um ganz offen zu sein, sie liegen mir schon seit einiger Zeit auf dem Gewissen. Man konnte gar nicht so viel von dem Mann, seinem Boxer und seinen Diamanten hören, ohne es als eine Art Pflicht zu empfinden, einen Versuch zu wagen. Aber wenn es so weit kommt, dass einer mit dem Revolver fuchtelt und praktisch die ganze Welt herausfordert, wird die Sache unumgänglich. Sie wird einem förmlich aufgedrängt. Es war mir vorherbestimmt, diese Herausforderung zu hören, Bunny, und ich, für meinen Teil, muss sie annehmen. Ich habe nur bedauert, dass ich mich nicht auf die Hinterbeine stellen und es ihm an Ort und Stelle ins Gesicht sagen konnte.«

»Nun«, sagte ich, »ich sehe die Notwendigkeit angesichts unserer derzeitigen Lage zwar nicht, aber natürlich bin ich dein Mann.«

Mein Tonfall mag halbherzig gewesen sein. Ich tat mein Bestes, es nicht so klingen zu lassen. Aber es war kaum einen Monat her seit unserem Coup in der Bond Street, und wir hätten es uns gewiss leisten können, uns noch eine Weile anständig zu verhalten. Wir waren so gut vorangekommen: Auf seinen Rat hin hatte ich das eine oder andere zusammengeschustert; von Raffles inspiriert hatte ich sogar einen Artikel über unseren eigenen Juwelenraub geschrieben; und für den Moment war ich mit dieser Art von Abenteuer durchaus zufrieden. Ich fand, wir sollten wissen, wann es uns gut ging, und sah keinen Sinn darin, neue Risiken einzugehen, bevor wir dazu gezwungen waren. Andererseits war ich darauf bedacht, nicht den geringsten Anschein zu erwecken, als wolle ich das Versprechen brechen, das ich ihm vor einem Monat gegeben hatte. Doch Raffles hängte sich keineswegs an meinem offenkundigen Widerstreben auf.

»Notwendigkeit, mein lieber Bunny? Schreibt der Schriftsteller nur, wenn der Wolf vor der Tür steht? Malt der Maler allein für sein Brot? Müssen du und ich zum Verbrechen getrieben werden wie jeder gewöhnliche Taschendieb aus dem East End? Du kränkst mich, mein lieber Junge; du brauchst gar nicht zu lachen, denn du tust es wirklich. Kunst um der Kunst willen ist ein billiges Schlagwort, aber ich gestehe, es spricht mich an. In diesem Fall sind meine Motive absolut rein, denn ich bezweifle, dass wir jemals in der Lage sein werden, solch markante Steine weiter zu veräußern. Aber wenn ich es nicht versuche – nach dem heutigen Abend –, werde ich nie wieder erhobenen Hauptes gehen können.«

Sein Auge blitzte schelmisch, doch es glänzte auch vor Entschlossenheit.

»Da haben wir uns ja ein schönes Stück Arbeit vorgenommen«, war alles, was ich dazu sagte.

»Und glaubst du, ich würde so darauf brennen, wenn es nicht so wäre?«, rief Raffles. »Mein lieber Freund, ich würde die St. Paul’s Cathedral ausrauben, wenn ich könnte, aber ich könnte ebenso wenig eine Kasse plündern, wenn der Geschäftsführer gerade wegsieht, wie ich einer alten Frau die Äpfel aus dem Korb stibitzen könnte. Selbst die kleine Angelegenheit im letzten Monat war eine schmutzige Geschichte; aber sie war notwendig, und ich finde, ihre Strategie hat sie bis zu einem gewissen Grad aufgewertet. Nun liegt aber ein gewisser Ruhm und weit mehr Sport darin, dorthin zu gehen, wo man sich rühmt, auf der Hut vor einem zu sein. Die Bank von England zum Beispiel ist der ideale Bruch; aber dafür bräuchte es ein halbes Dutzend von unserer Sorte und Jahre, die man der Arbeit opfern müsste. In der Zwischenzeit ist Reuben Rosenthall ein hinreißend hohes Wild für dich und mich. Wir wissen, dass er bewaffnet ist. Wir wissen, wie Billy Purvis kämpfen kann. Es wird kein Spaziergang, das gestehe ich dir zu. Aber was macht das schon, mein guter Bunny – was macht das schon? Der Horizont eines Menschen muss weiter sein als sein Blickfeld, mein Lieber, oder wozu zum Kuckuck ist der Himmel da?«

»Mir wäre es lieber, wir würden unseren Horizont vorerst nicht überschreiten«, antwortete ich lachend, denn sein Elan war unwiderstehlich, und der Plan begann trotz meiner Bedenken, Gestalt in mir anzunehmen.

»Verlass dich ganz auf mich«, war seine Antwort, »ich bringe dich da durch. Schließlich erwarte ich, dass die Schwierigkeiten fast alle nur an der Oberfläche liegen. Diese beiden Kerle saufen wie die Löcher, und das dürfte die Sache erheblich vereinfachen. Aber wir werden sehen, und wir müssen uns Zeit lassen. Es werden sich vermutlich ein Dutzend verschiedene Wege finden, wie die Sache anzustellen ist, und wir werden zwischen ihnen wählen müssen. Das bedeutet in jedem Fall, das Haus mindestens eine Woche lang zu beobachten; es kann noch viele andere Dinge bedeuten, die weit länger dauern. Aber gib mir eine Woche, und ich werde dir mehr sagen können. Das heißt natürlich nur, wenn du wirklich dabei bist?«

»Natürlich bin ich das«, entgegnete ich entrüstet. »Aber warum sollte ich dir eine Woche geben? Warum sollten wir das Haus nicht gemeinsam beobachten?«

»Weil zwei Augen so gut sind wie vier und weniger Platz wegnehmen. Geh niemals zu zweit auf die Jagd, es sei denn, du bist dazu gezwungen. Aber schau nicht so beleidigt, Bunny; es wird genug für dich zu tun geben, wenn die Zeit reif ist, das verspreche ich dir. Du wirst deinen Teil vom Spaß abbekommen, hab keine Angst, und einen lila Diamanten ganz für dich allein – wenn wir Glück haben.«

Alles in allem ließ mich dieses Gespräch jedoch weniger als lauwarm zurück, und ich erinnere mich noch gut an die Niedergeschlagenheit, die mich überkam, als Raffles gegangen war. Ich sah die Torheit des Unternehmens, zu dem ich mich verpflichtet hatte – die schiere, mutwillige, unnötige Torheit. Und die Paradoxien, in denen Raffles schwelgte, und die frivole Kasuistik, die dennoch halb ernst gemeint war und der seine bloße Persönlichkeit im Moment des Sprechens absolute Plausibilität verlieh, sprachen mich in kaltem Blute kaum noch an. Ich bewunderte den Geist des reinen Mutwillens, in dem er bereit schien, seine Freiheit und sein Leben aufs Spiel zu setzen, aber bei ruhiger Überlegung fand ich diesen Geist keineswegs ansteckend.

Dennoch war an einen Rückzug nicht im Entferntesten zu denken. Im Gegenteil, ich war ungeduldig angesichts der von Raffles verordneten Verzögerung; und vielleicht rührte ein nicht geringer Teil meines heimlichen Unmuts von seiner kränkenden Entschlossenheit her, bis zum letzten Moment ohne mich auszukommen.

Es machte die Sache nicht besser, dass dies bezeichnend für den Mann und seine Haltung mir gegenüber war. Seit einem Monat waren wir, so schätze ich, die engsten Spießgesellen in ganz London, und doch war unsere Vertrautheit merkwürdig unvollständig. Bei all seiner einnehmenden Offenheit lag in Raffles eine Ader launischer Zurückhaltung, die deutlich genug spürbar war, um ungemein zu irritieren. Er besaß die instinktive Geheimniskrämerei des eingefleischten Kriminellen. Er machte aus Angelegenheiten von allgemeinem Interesse ein Mysterium; so wusste ich beispielsweise nie, wie oder wo er die Juwelen aus der Bond Street veräußert hatte, von deren Erlös wir beide nach außen hin noch immer das Leben von Hunderten anderer junger Gentlemen in der Stadt führten. Er war in Bezug auf dieses und andere Details, von denen ich meinte, mir das Recht erworben zu haben, alles zu wissen, konsequent geheimnisvoll. Ich konnte nicht umhin, mich daran zu erinnern, wie er mich mittels eines Tricks in mein erstes Verbrechen hineingezogen hatte, als er sich noch unschlüssig war, ob er mir vertrauen konnte oder nicht.

Das konnte ich mir nun nicht mehr erlauben ihm nachzutragen, aber sein mangelndes Vertrauen in mich kränkte mich dennoch. Ich sagte zwar nichts, aber es wurmte mich jeden Tag aufs Neue, und nie mehr als in der Woche nach dem Rosenthall-Diner. Wenn ich Raffles im Club traf, erzählte er mir nichts; wenn ich in seine Zimmer ging, war er ausgeflogen oder tat zumindest so.

Eines Tages sagte er mir, er komme gut, aber langsam voran; es sei ein heikleres Spiel, als er gedacht habe; doch als ich anfing, Fragen zu stellen, schwieg er sich aus. Knall auf Fall fasste ich in meinem Ärger einen eigenen Entschluss. Da er mir nichts über das Ergebnis seiner Nachtwachen erzählen wollte, beschloss ich, auf eigene Faust eine abzuhalten, und fand noch am selben Abend den Weg zu den vorderen Toren des Millionärs.

Das Haus, das er bewohnte, ist, wie ich glaube, das weitaus größte im Viertel St. John’s Wood. Es steht in dem Winkel, den zwei breite Durchgangsstraßen bilden, von denen, wie es der Zufall will, keine eine Omnibuslinie ist, und ich bezweifle, dass es viele ruhigere Orte innerhalb des innerstädtischen Vier-Meilen-Radius gibt. Ebenso still lag das große, quadratische Haus in seinem Garten aus Rasenflächen und Sträuchern; die Lichter waren gedämpft, der Millionär und seine Freunde verbrachten ihren Abend offensichtlich andernorts. Die Gartenmauern waren nur wenige Fuß hoch. In einer befand sich eine Seitentür, die in einen gläsernen Gang führte; in der anderen zwei fünflattige, gemaserte und lackierte Tore, eines an jedem Ende der kleinen, halbkreisförmigen Einfahrt, und beide standen sperrangelweit offen. So friedlich war der Ort, dass ich große Lust verspürte, kühn hineinzuspazieren und mich ein wenig mit dem Gelände vertraut zu machen; tatsächlich war ich gerade im Begriff, es zu tun, als ich hinter mir einen raschen, schlurfenden Schritt auf dem Pflaster hörte. Ich drehte mich um und blickte in das finstere Grollgesicht und die schmutzigen, geballten Fäuste eines heruntergekommenen Landstreichers.

»Du Narr!«, sagte er. »Du vollkommener Idiot!«

»Raffles!«

»Das ist es«, flüsterte er grimmig; »erzähl es ruhig der ganzen Nachbarschaft – verrate mich mit deiner lautesten Stimme!«

Damit drehte er mir den Rücken zu, schlurfte die Straße hinunter, zuckte die Achseln und murmelte vor sich hin, als hätte ich ihm ein Almosengewährt verweigert. Einige Augenblicke stand ich fassungslos, empört und ratlos da; dann folgte ich ihm. Seine Füße schleiften, seine Knie gaben nach, sein Rücken war gebeugt, sein Kopf nickte unablässig; es war der Gang eines achtzigjährigen Mannes. Bald wartete er auf mich in der Mitte zwischen zwei Laternenpfählen. Als ich herankam, zündete er mit einem übelriechenden Schwefelholz minderwertigen Tabak in einer kurzen Pfeife an, und die Flamme zeigte mir den Hauch eines Lächelns.

»Du musst mir meine Hitze verzeihen, Bunny, aber es war wirklich ausgesprochen töricht von dir. Da versuche ich jeden erdenklichen Kniff – bettle in der einen Nacht an der Tür – verstecke mich in der nächsten in den Sträuchern – tue alles Menschenmögliche, außer dazustehen und das Haus anzustarren, wie du es gerade getan hast. Das hier ist ein Kostümstück, und du stürzt in deiner Alltagskleidung herein. Ich sage dir, die halten Tag und Nacht Ausschau nach uns. Es ist die härteste Nuss, die ich je zu knacken hatte!«

»Nun«, sagte ich, »wenn du mir das vorher gesagt hättest, wäre ich nicht gekommen. Du hast mir ja nichts erzählt.«

Er musterte mich scharf unter der zerbrochenen Krempe eines ramponierten Melonenhutes.

»Du hast recht«, meinte er endlich. »Ich war zu verschlossen. Das ist mir zur zweiten Natur geworden, wenn ich etwas aushecke. Aber damit ist es nun vorbei, Bunny, was dich betrifft. Ich gehe jetzt nach Hause, und ich möchte, dass du mir folgst; aber um Himmels willen, halte Abstand und sprich mich nicht wieder an, bis ich das Wort an dich richte. So – gib mir einen Vorsprung.« Und schon war er wieder unterwegs, ein hinfälliger Vagabund mit den Händen in den Taschen, hochgezogenen Ellbogen, während die abgewetzten Rockschöße zerlumpt von einer Seite zur anderen schwangen.

Ich folgte ihm bis zur Finchley Road. Dort bestieg er einen Atlas-Omnibus, und ich setzte mich einige Reihen hinter ihn auf das Oberdeck, jedoch nicht weit genug entfernt, um der Plage seines abscheulichen Tabaks zu entkommen. Dass er seine Charakterstudie so weit treiben konnte – er, der sonst nur eine einzige Zigarettenmarke rauchte! Es war der letzte, feinste Pinselstrich des unersättlichen Künstlers, und er wischte die verbliebene Kränkung in mir hinweg. Wieder einmal spürte ich die Faszination eines Gefährten, der einen immer wieder mit einer neuen, ungeahnten Facette seines Wesens blendete.

Als wir uns dem Piccadilly Circus näherten, fragte ich mich, was er wohl tun würde. Er würde doch wohl nicht in diesem Aufzug das Albany betreten? Nein, er nahm einen anderen Omnibus zur Sloane Street, und ich saß wieder hinter ihm wie zuvor. An der Sloane Street stiegen wir erneut um und befanden sich bald in der langen, kargen Ader der King’s Road. Ich brannte nun darauf, unser Ziel zu erfahren, und wurde nicht viele Minuten länger im Ungewissen gelassen. Raffles stieg aus. Ich folgte ihm. Er überquerte die Straße und verschwand in einer dunklen Abzweigung. Ich drängte ihm nach und kam gerade rechtzeitig, um seine Rockschöße zu sehen, als er nach rechts in eine noch dunklere, plattengedeckte Gasse einbog. Er richtete sich nun auf und schritt wieder aus wie ein junger Mann; auch sah er auf eine subtile Weise bereits weniger berüchtigt aus. Aber nur ich war da, um es zu sehen; die Gasse war absolut menschenleer und verzweifelt finster. Am weiteren Ende öffnete er eine Tür mit einem Drücker, und im Inneren war es noch dunkler.

Instinktiv weichte ich zurück und hörte ihn leise lachen. Wir konnten uns nicht mehr sehen.

»Schon gut, Bunny! Diesmal gibt es keinen Hokuspokus. Das hier sind Ateliers, mein Freund, und ich bin einer der rechtmäßigen Mieter.«

In der Tat befanden wir uns eine Minute später in einem hohen Raum mit Oberlicht, Staffeleien, einem Umkleideschrank, einem Podium und allen anderen Requisiten, außer den Zeichen tatsächlicher Arbeit. Das Erste, was ich sah, als Raffles das Gaslicht entzündete, war dessen Reflexion auf seinem Seidenzylinder, der an den Haken neben dem Rest seiner normalen Kleidung hing.

»Suchst du nach den Kunstwerken?«, fuhr Raffles fort, zündete sich eine Zigarette an und begann, sich seiner Lumpen zu entledigen. »Ich fürchte, du wirst keine finden, aber da drüben steht die Leinwand, auf der ich schon seit jeher einen Anfang machen will. Ich erzähle den Leuten, ich suche überall nach meinem idealen Modell. Ich lasse den Ofen aus Prinzip zweimal die Woche heizen, schaue kurz rein, lasse eine Zeitung und den Duft von Sullivans zurück – wie gut sie nach diesem billigen Shag schmecken! Unterdessen zahle ich meine Miete und bin in jeder Hinsicht ein guter Mieter; und es ist ein äußerst nützliches kleines pied-à-terre – man kann nie wissen, wie nützlich es im Notfall sein könnte. So wie es aussieht, kommt der Melonenhut rein und der Zylinder geht raus, und kein Mensch nimmt auch nur die geringste Notiz von beiden; zu dieser Nachtzeit stehen die Chancen gut, dass sich außer uns keine Seele im Gebäude befindet.«

»Du hast mir nie erzählt, dass du dich auf Verkleidungen verstehst«, sagte ich und beobachtete ihn, wie er sich den Schmutz von Gesicht und Händen wusch.

»Nein, Bunny, ich habe dich in jeder Hinsicht sehr schofel behandelt. Es gab eigentlich keinen Grund, warum ich dir diesen Ort nicht schon vor einem Monat hätte zeigen sollen, und doch gab es keinen Anlass dazu, und es sind durchaus Umstände denkbar, unter denen es uns beiden zum Vorteil gereicht hätte, wenn du in aufrichtiger Unkenntnis über meinen Verbleib gewesen wärst. Ich habe hier etwas zum Schlafen, wie du siehst, falls es hart auf hart kommt, und natürlich heiße ich in der King’s Road nicht Raffles. Du siehst also, man könnte weitaus weiter flüchten und es schlechter treffen.«

»Unterdessen nutzt du den Ort als Garderobe?«

»Das ist mein privater Pavillon«, sagte Raffles. »Verkleidungen? In manchen Fällen sind sie die halbe Miete, und es ist immer beruhigend zu wissen, dass man im schlimmsten Fall nicht unbedingt unter seinem echten Namen verurteilt werden muss. Außerdem sind sie absolut unerlässlich, wenn man mit Hehlern verhandelt. Ich wickle all meine Geschäfte im Dialekt und im Gewand von Shoreditch ab. Tät ich das nicht, stünde mir der Sinn nach dem leibhaftigen Teufel in Gestalt von Erpressung. Hier, dieser Schrank ist voll von allerlei Plunder. Der Frau, die hier sauber macht, erzähle ich, das sei für meine Modelle – wenn ich denn mal welche finde. Übrigens hoffe ich nur, dass ich etwas Passendes für dich habe, denn du wirst für morgen Abend eine Montur brauchen.«

Fortsetzung folgt …

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