Der Wolfdämon – 5. Kapitel
Albert W. Aiken
Der Wolfdämon
Oder: Die Königin von Kanawha
5. Kapitel
Virginias Verehrer
Im besten Zimmer von Trevelings Haus saßen der alte General und ein junger Mann namens Clement Murdock. Murdock war ein Verwandter Trevelings und genoss hohes Ansehen beim alten Soldaten.
General Treveling war ein Mann von fünfzig Jahren. Die Jahre hatten sein Haar ergrauen lassen und seine einst stattliche Gestalt gebeugt. Murdock war um die dreißig – ein dunkler, blasser Mann mit stechenden schwarzen Augen und einem hochmütigen Auftreten.
Der junge Mann war gerade eingetreten und hatte nach der herzlichen Begrüßung des Generals an dessen Seite Platz genommen.
»Gibt es etwas Neues?«, fragte Treveling.
»Nichts Besonderes, General«, erwiderte der andere.
»Nichts Neues von den Rothäuten? Es wird langsam wieder Zeit, dass sie auf den Kriegspfad gegen uns ziehen.«
»Sie haben die Tracht Prügel vom letzten Jahr wohl noch nicht vergessen«, erwiderte der junge Mann. »Aber ich möchte mit Ihnen über ein Thema sprechen, das mich in letzter Zeit sehr beschäftigt.«
Der alte General blickte überrascht über diesen Einstieg. »Nun gut, worum geht es?«
»Es geht um Ihre Tochter Virginia, General«, sagte Murdock langsam. »Ich möchte Sie um die Erlaubnis bitten, um sie werben zu dürfen. Ich liebe Ihre Tochter schon lange und möchte sie zu meiner Frau machen.«
»Nun, Clement, du weißt, dass du meinen Segen hast. Es gibt keinen Mann in der Siedlung, dem ich mein Kind lieber anvertrauen würde. Aber du musst zuerst ihre Zustimmung gewinnen – das versteht sich von selbst. Wenn sie willens ist, werde ich mich nicht querstellen.«
Die Freude spiegelte sich deutlich in Murdocks Gesicht wider.
»Das ist alles, worum ich bitte, General«, sagte er rasch. »Ich hielt es nur für richtig, dass Sie als Erster von meinen Absichten erfahren.«
»Nun, du hast meine Unterstützung, Clement«, sprach der alte Soldat, »und ich zweifle nicht daran, dass du Wohlwollen in Virginias Augen finden wirst. Sie müsste bald nach Hause kommen. Sie ist hinunter zum Fluss gegangen, um Brombeeren zu pflücken.«
Noch während der Vater sprach, öffnete sich die Tür und Virginia trat ein, gefolgt von dem jungen Abenteurer Harvey Winthrop.
»Oh, Vater, ich bin knapp dem Tod entronnen!«, rief das Mädchen aufgeregt und berichtete sogleich von ihrer Begegnung mit dem Bären im Wald.
»Mister, ich verdanke Ihnen das Leben meines Kindes!«, rief der General bewegt, als das Mädchen geendet hatte. »Wie ist Ihr Name?«
»Winthrop – Harvey Winthrop. Ein Abenteurer, der sein Glück an der Grenze sucht«, antwortete der junge Mann.
»Sie müssen eine Weile bei uns bleiben – zumindest für kurze Zeit, falls wir Sie nicht dazu bewegen können, Point Pleasant zu Ihrem dauerhaften Heim zu machen«, meinte der alte Soldat herzlich. »Ich bin General Treveling, Mister. Das ist meine Tochter Virginia und dies ist ein Verwandter von uns, Clement Murdock.«
Obwohl Murdock dem Fremden, der seine schöne Cousine vor dem Bären gerettet hatte, freundlich die Hand schüttelte, wünschte er ihn auf den Grund des Ohio. Hatte Clement etwa Angst, dass der gut aussehende Fremde seine Pläne bezüglich der sanftmütigen Virginia durchkreuzen könnte?
Freimütig – und in demselben Geist, in dem sie ausgesprochen wurde – nahm Winthrop die Einladung des alten Soldaten an. Vielleicht trug auch der Gedanke, die Gesellschaft des schönen Mädchens genießen zu können, dessen Leben er gerettet hatte, zu seiner raschen Zusage bei.
Virginia ließ ihren Vater und Winthrop in ein tiefes Gespräch vertieft zurück und ging ins hintere Zimmer. Murdock ergriff die Gelegenheit und folgte ihr. Er hatte sich entschlossen, ihr unverzüglich seine Liebe zu gestehen. Er war schon seit längerer Zeit ein offener und bekannter Verehrer Virginias. Tatsächlich hielten alle Siedler eine Hochzeit für ausgemacht. Und obwohl Murdock nie explizit behauptete, der erwählte Brautwerber der Generalstochter zu sein, verstand er es doch, durch manch feine Anspielung genau diesen Eindruck zu erwecken. So hatten sich seine Rivalen um die Gunst des Mädchens nach und nach zurückgezogen und dem berechnenden Liebhaber das Feld überlassen.
Doch nun, kurz vor dem Ziel, als er glaubte, die Hand des Mädchens sei ihm gewiss, war dieser junge Fremde aufgetaucht – und das unter Umständen, die ihm die Dankbarkeit, wenn nicht gar die Liebe des Mädchens sichern mussten.
Murdock war zutiefst verärgert über den Zwischenfall, der dem jungen Mann ein solches Ansehen bei ihr eingebracht hatte. Dennoch war er entschlossen, sofort um ihre Hand anzuhalten.
Virginia drehte sich überrascht um, als sie bemerkte, dass Clement ihr gefolgt war. Er schloss sorgfältig die Tür hinter sich und trat an das junge Mädchen heran.
»Virginia«, sagte er mit seiner sanftesten Stimme, »ich habe mir schon lange eine Gelegenheit gewünscht, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Ich habe mit deinem Vater gesprochen und er heißt mein Werben gut. Virginia, kannst du mir den unschätzbaren Schatz deiner Liebe schenken? Willst du meine Frau werden?«
Bei Murdocks Worten stieg dem Mädchen die Röte bis an die Schläfen. Sie hatte geahnt, dass er um sie warb, hatte es aber sorgfältig vermieden, ihm Hoffnung zu machen. Denn um die Wahrheit zu sagen: Das junge Mädchen liebte ihn nicht, sondern fürchtete ihn vielmehr. Ein böser Blick lag in seinen wilden, schwarzen Augen und seine sinnlichen Lippen umspielten hässliche Züge, die ihr keineswegs entgangen waren. In ihrem Herzen hielt Virginia Murdock für alles andere als einen guten Menschen.
»Es tut mir leid, Mister Murdock, dass Sie auf diese Weise zu mir sprechen«, sagte das Mädchen langsam und mit offensichtlicher Verlegenheit. »Es schmerzt mich, Ihnen eine Absage erteilen zu müssen. Ich kann die Liebe, die Sie mir anbieten, nicht erwidern.«
Murdock fuhr zornig herum, und das finstere Runzeln seiner Stirn verriet seinen tiefen Unmut.
»Ist das Ihr Ernst?«, fragte er fassungslos.
»Vollkommen«, antwortete das Mädchen. Der Tonfall, in dem er die Frage gestellt hatte, missfiel ihr zutiefst.
»Sollten Sie sich nicht lieber etwas Zeit nehmen, um darüber nachzudenken?«, sagte er. »Womöglich ändern Sie Ihre Meinung noch.«
»Das ist unwahrscheinlich«, entgegnete sie kalt. »Ich kann mich jetzt genauso entscheiden wie in der Zukunft. Ich spüre, dass ich Sie nicht lieben kann.«
»Lieben Sie etwa einen anderen?«, fragte er wie aus der Pistole geschossen.
Ein zartes Erröten stieg auf die Wangen des Mädchens, was den eifersüchtigen Augen des abgewiesenen Liebhabers nicht entging.
»Sie haben kein Recht, mir diese Frage zu stellen!«, rief sie.
»Werden Sie sie mir beantworten?«
»Nein!«
»Nein?«
»Nein!«, wiederholte Virginia, während das ganze Feuer ihres Wesens durch das anmaßende Auftreten des Mannes geweckt wurde, der finster vor ihr stand.
»Sie wagen es nicht, zu antworten.«
»Es geht Sie nichts an, was meine Beweggründe sind«, erwiderte Virginia stolz.
»Sie bilden sich ein, in jemanden verliebt zu sein. Mich können Sie nicht täuschen! Doch Ihr Liebhaber sollte sich in Acht nehmen. Wenn Sie nicht meine Frau werden können, schwöre ich, dass Sie die Frau keinem anderen sein werden. Sie sind ein schönes Mädchen, Virginia, aber Ihre Schönheit wird jedem Sterblichen zum Verhängnis werden, der es wagt, mir in den Weg zu treten!«
Murdock sprach in hellem Zorn, und der wütende Blick eines Dämons blitzte aus seinen dunklen Augen.
»Falls ich einen Liebhaber habe, wird er sich gegen einen Feigling zu verteidigen wissen, der es nur wagt, einer Frau zu drohen!«
Mit diesen Worten schritt Virginia stolz aus dem Zimmer.
»Bei allen Mächten der Finsternis, ich schwöre, dass ich Mittel finden werde, deinen hochmütigen Sinn zu beugen! Auf Knien wirst du mich noch um Verzeihung für diese stolzen Worte bitten!«, rief der getäuschte Liebhaber mit vor Wut heiserer Stimme.
Dann verließ er das Haus durch die Hintertür und trat auf die Straße. Er wollte dem alten General nicht unter die Augen treten, da er ahnte, dass man ihm seine Niederlage sofort ansehen würde.
»Wer kann dieser Liebhaber nur sein?«, grübelte er, während er langsam die Straße hinabging. »Könnte es dieser junge Fremde sein, der sie in der Schlucht vor dem Bären gerettet hat? Es wäre möglich. Ich bin sicher, dass es keinen Burschen an der Grenze gibt, den sie bevorzugt, denn ich habe sie genau beobachtet. Soll mir die Beute, für die ich so hart gearbeitet habe, etwa von diesem Abenteurer aus der Hand gerissen werden? Sie muss mich heiraten – oder sie muss sterben! Sie ist das einzige Hindernis zwischen mir und dem Vermögen des alten Generals. Und dieses Vermögen werde ich mir holen; die alberne Laune eines schwachen Mädchens wird mich nicht daran hindern.«
Clement Murdocks Stirn war finster und unheilvoll, während er weiterschritt. Dunkle, düstere Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
»Die Würfel sind gefallen – ich habe mich entschieden«, murmelte er vor sich hin. »Zuerst muss ich herausfinden, wer dieser Liebhaber ist, der mir in den Weg getreten ist – denn dass das Mädchen einen Liebhaber hat oder in jemanden verliebt ist, steht fest. Ich habe das leichte Erröten bemerkt, das ihre Wangen färbte, als ich ihr vorwarf, einen anderen zu lieben. Dieses Erröten hat mir die Wahrheit verraten. Ich habe einen Rivalen, und zwar einen gefährlichen, denn sie liebt ihn. Ich muss herausfinden, wer es ist. Wenn der junge Abenteurer der Mann ist, sollte er gut auf sich aufpassen. Das Glück, das er an den Ufern des Ohio sucht, könnte sich schnell in ein Grab im Wald verwandeln – mit den grauen Wölfen als einzige Trauergäste. Es stimmt zwar, dass sie sich erst seit wenigen Stunden kennen, aber manchmal trifft die Liebe einen wie ein Blitz. Das Vermögen meines Verwandten wird mir gehören – mit Virginia oder ohne sie. Ich muss mir ein paar willige Werkzeuge suchen, denn ich ahne, dass ich schon bald starke Arme und rücksichtslose Herzen brauchen werde.«
In diesem Moment fielen Murdocks Augen auf eine kleine Gruppe von Siedlern am unteren Ende der Station, nahe dem Ufer des Kanawha.
»Hallo! Was hat das zu bedeuten?«, rief er aus. »Da braut sich offenbar Ärger zusammen. Vielleicht ein weiterer Indianerangriff? Ich muss nachsehen, was los ist.« Und er schritt auf die Gruppe zu.
Schreibe einen Kommentar