Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 7 – Das Stahlross – 4. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 7
Das Stahlross
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 4
Vereitelte Listen
»Er kommt! Dort naht das Stahlross!«
Seit dem Besuch des Direktors war erst eine Stunde vergangen, und Mister Litton war noch damit beschäftigt, seinen Leuten – die vollzählig auf dem Kasernenhof, einem freien Platz vor der Stadt, versammelt waren – Instruktionen für den Empfang des seltsamen Gastes zu erteilen, als obige Rufe an sein Ohr drangen.
Sofort wandte er sich um und hielt zum Schutz gegen die blendende Sonne die Hand vor die Augen.
»Er kommt schon? Verdammt, das sind ja zwei!«, waren seine ersten Worte. Dann aber wurde er, wie jeder, der zum ersten Mal das Stahlross in Bewegung sah, von solchem Staunen ergriffen, dass er alles Übrige vergaß – zumal er Gelegenheit fand, mehrere besondere Wunder der ingeniösen Maschine zu beobachten.
Richard hatte die Landstraße verlassen und einen schmaleren Pfad eingeschlagen. Als er um die Ecke eines kleinen Gehölzes bog, sah er, dass ein vom letzten Sturm gefällter, mächtiger Baumstamm den Weg versperrte.
»Das wusste ich nicht, wir müssen umkehren«, meinte Georg.
Doch Richard folgte der Aufforderung nicht. Das Stahlross trabte weiter, fiel plötzlich in einen kurzen Galopp und setzte – den Kopf in die Höhe werfend und auf die Hinterbeine fallend – in leichtem Sprung über den zwei Meter dicken Baumstamm hinweg, um auf der anderen Seite ruhig weiterzutraben. Aber nicht nur das: Jetzt lenkte es seitwärts zu einem klaren Bach, trat mit den Vorderfüßen hinein und senkte den Kopf immer tiefer, bis es mit dem Maul das Wasser erreichte und trank – ganz genau wie ein lebendes Pferd. Keine Lenkung des Reiters war dabei zu bemerken gewesen, und niemand sah, dass es das Wasser nicht mit dem Maul trank, sondern durch die Nüstern einsog.
»Das Wasser, das das Stahlross zu sich nimmt, bildet unseren Proviant«, erklärte Richard seinem Gefährten. »So wissen wir genau, dass wir reines Quellwasser zu trinken bekommen.«
Georg war zu sehr von Staunen ergriffen, um die Vorsicht seines jungen Retters zu verstehen, die sich in diesen Worten offenbarte. Wenn schon er, der bereits zwei Stunden auf der Wundermaschine saß, außer sich vor Staunen war, so mussten es diejenigen, die sie zum ersten Mal sahen und den Sprung sowie das Saufen des Stahlrosses beobachtet hatten, erst recht sein.
»Das ist keine stählerne Maschine, keine Erfindung eines Menschen – das ist eine mit Höllenkünsten verwirklichte Fantasiegeburt«, flüsterte der Polizeihauptmann, aus dessen Antlitz alle Farbe gewichen war.
Dann raffte er sich auf, denn der Scheck über eine Million war ihm wieder eingefallen. Er kommandierte »Stillgestanden!« und eilte auf das Stahlross zu, das gerade den Bach verließ.
»Mister Richard!«, rief er in ehrerbietigem und zugleich herzlichem Ton. »Natürlich, wer kann es anders sein? Mein Name ist Frederik Litton, Polizeihauptmann von Kolobeny. Mir ist von der englischen Regierung aus Kapstadt der Befehl zugegangen, den genialsten Mann des zwanzigsten Jahrhunderts bei seiner Durchreise durch Kolobeny mit militärischen Ehren zu empfangen. Achtung, präsentiert das Gewehr!«
Trommelwirbel erschallte. Die weißen und schwarzen Soldaten hielten die Gewehre so ungleichmäßig wie möglich schräg vor sich hin, und einige von ihnen vergaßen vor Staunen sogar, den offenen Mund wieder zuzumachen.
Richard dankte kalt, während er scharf den Leutnant beobachtete, und bemerkte, wie dieser ebenso genau seinen Begleiter musterte. Zu erkennen schien er Georg jedoch nicht, da dessen Gesicht von Schrammen und noch mehr durch die ausgestandene Todesangst entstellt war.
»Haben Sie einen guten Ritt hinter sich?«, fuhr Mister Litton höflich lächelnd fort. »Sind Sie allen Gefahren glücklich entgangen? Man weiß wirklich nicht, ob man mehr Ihren Mut oder Ihre göttliche Genialität bewundern soll. Nein, diese kolossale Schnelligkeit! Und wie jung Sie noch sind! Ein Kind noch, und schon … verzeihen Sie, Mister Richard, aber ich bin außer mir! Ich möchte niederfallen und Sie wie einen Gott anbeten! Natürlich sind Sie mein Gast, Mister Richard. Sie müssen sich von den Strapazen erholen. Mein Haus, ganz Kolobeny gehört Ihnen. Wollen Sie nicht absteigen und mir gestatten, Ihr Zauberross zu führen?«
Er streckte die Hand nach dem Zügel aus.
»Halt!«, rief Richard schnell. »Fassen Sie es um Gottes willen nicht an! Es beißt bei der Berührung jeder fremden Hand, und seine vergifteten Zähne wirken augenblicklich tödlich!«
Als wäre er schon von einer Giftschlange gebissen worden, zog Mister Litton schlagartig die Hand zurück. Das Zauberross hatte vergiftete Zähne und biss! Das war fatal! Denn nach dem, was man bereits gesehen hatte, traute man der Maschine alles zu.
»Beißt es auch, wenn ich seinen Schwanz anfasse?«, fragte er kleinlaut.
»Der ist erst recht giftig. Das Stahlross sticht damit unfehlbar sicher wie ein Skorpion mit dem Stachel. Wo man es auch anfasst: Es reicht mit dem Maul überall hin. Jede Berührung einer fremden Hand gegen meinen Willen erzeugt nämlich eine besondere Art von Magnetismus an dieser Stelle, und dorthin schnappt und sticht es stets. Das ist meine Hauptsicherheit. Nur die Hand seines Meisters kennt das Ross – ich bin durch eine besondere Vorrichtung isoliert.«
Dem Polizeihauptmann rutschte das Herz vollends in die Hose. Ja, wenn das Teufelsvieh so beschaffen war, wie sollte man ihm dann überhaupt beikommen?!
Doch so leicht ließ sich der zähe Engländer nicht einschüchtern. Unter diesen Umständen musste das giftige Höllentier eben in einen Gitterkäfig gelockt werden. Man würde ihm mit Zangen die Giftzähne ausbrechen, den Schwanz ausreißen und es dann im Käfig wie ein reißendes Tier transportieren. Zunächst kam es aber darauf an, den Reiter festzusetzen.
»So darf ich wohl auf die Ehre rechnen, Sie zu meinem Haus führen zu dürfen?«
»Danke sehr, aber ich beabsichtige nicht, mich länger in Kolobeny aufzuhalten«, entgegnete Richard. »Meine Zeit ist knapp bemessen, es handelt sich um eine Wette.«
»Oh, eine Wette – das ist freilich etwas anderes!«, stimmte der Engländer sofort ein. »Aber eine kleine Erfrischung werden Sie und Ihr Begleiter doch wenigstens zu sich nehmen?«
»Auch das muss ich mit Bedauern anlehnen. Meine Wette verbietet mir nämlich, irgendetwas zu genießen, das ich nicht selbst mit meiner Büchse erlegt habe. Übrigens bin ich in Kolobeny gar nicht so unbekannt; ich habe hier einen sehr guten Freund, dem ich zuerst einen Besuch schuldig bin. Sie kennen ihn wohl, Herr Polizeihauptmann. Er ist ein deutscher Farmer hier in der Nähe, sein Name ist Georg Schneider.«
Der Hauptmann verlor nur ganz kurz die Farbe. Dann schlug er wie vor Bestürzung die Hände über dem Kopf zusammen.
»Oh Gott! Welcher unglückselige Zufall!«, rief er. »Da muss ich Ihnen verkünden, dass Ihr armer Freund gestern gestorben ist!«
»Tot?«, schrie Richard in gut gespieltem Schrecken. »Wie fand er seinen Tod?«
»In den Flammen seiner eigenen Wohnung. Eingeborene überfielen die Farm und steckten sie in Brand. Wir kamen leider zu spät – oh, dieses furchtbare Verhängnis!«
Der Polizeihauptmann sprach übermäßig laut, sodass ihn jeder hören musste. Fast die ganze Stadt war schließlich versammelt. Und wehe dem, der jetzt etwas anderes ausgesagt hätte als das, was Mister Litton behauptete!
»Und Anna, seine Schwester?«, forschte Richard weiter.
»Auch seine schöne, unschuldige Schwester ist verbrannt«, schrie Mister Litton jammernd. »Nichts konnte mehr gerettet werden.«
»Bitte schreien Sie nicht so«, sagte der kühne Knabe ungeduldig. »Sie machen ja sogar mein Pferd scheu, obwohl es aus Stahl ist. Nun, dann will ich mich nicht länger aufhalten. Bitte beten Sie am Grab von Georg und Anna. Und meinen besten Dank für das Trommeln und Präsentieren. Good-bye. Hopp, Schimmel!«
Der Schimmel setzte sich in Trab, und zähneknirschend blickte ihm der Polizeihauptmann nach. Entgangen war ihm der Scheck allerdings noch nicht, denn das Zauberpferd hatte noch manches zu überwinden, ehe es die Grenze erreichte – und zuletzt wartete schließlich noch die angesägte Brücke! Aber was er sich sonst gedacht hatte – die Gastfreundschaft, das Weglocken, der Betäubungstrank, den er schon in der Tasche trug und mit dem er vielleicht sogar die Maschine tränken wollte –, das war vorläufig ebenso umsonst gewesen wie seine höflichen Worte.
Da ließ ein Einheimischer plötzlich sein Gewehr fallen, sprang auf ihn zu und rief:
»Herr Hauptmann, Herr Hauptmann! Der da hinten sitzt – das ist doch kein anderer als Georg Schneider!«
Nun fiel es Mister Litton wie Schuppen von den Augen, und jede weitere List war vergessen. Georg Schneider! Ah, jetzt ritten Richard und Georg natürlich in das rote Tal und holten auch noch Anna ab! Da half nur noch rohe Gewalt!
»Auf die Pferde! Ihnen nach!«, brüllte der Geprellte, rasend vor Wut. »Keine Schonung! Fangt sie! Schießt sie! Tötet sie!«
Mit diesen Worten hetzte er seine Männer den Entflohenen hinterher. Ha, so schnell konnte die plumpe Eisenmaschine schließlich nicht laufen wie die Wüstenrenner! Gezähmt, erdrückt, umgekippt musste sie werden! Und wenn das Maul biss und der Schwanz stach und Gift ausspritzte – irgendwann musste das Ross seinen Vorrat verspritzt haben! Wenn dabei ein paar Dutzend Soldaten verendeten, was ging ihn das an? Er war ja abgesichert! Jetzt brauchte er auch den Deutschen nicht mehr zu schonen: Dieser hatte schließlich einen Verbrecher befreit, nahm ihn in Schutz und entzog ihn der Gerechtigkeit!
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