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Der Gefangene der Stadtvogtei – Kapitel 7

Der Gefangene der Stadtvogtei
Eine Berliner Kriminalgeschichte
von Jodocus Donatus Hubertus Temme
G. Behrend (Falkenbergische Verlagsbuchhandlung), Berlin, 1861

Kapitel 7

Eine Diebin

In der einsamen Zelle dahinten in dem abgelegensten Winkel der Stadtvoigtei war es wieder so still, wie dunkel. Der Gefangene der Zelle lag wieder ruhig auf seiner Pritsche; doch heute wohl nur äußerlich ruhig, denn bald teilte seine innere Unruhe sich auch seinem Äußeren mit. Er stand von seinem Lager auf und ging in der engen, dunklen Zelle umher. Gefühle und Gedanken mancherlei Art hatten ihn nicht mehr ruhen lassen, sie mussten auch aus seinem Inneren heraus durch halblaute Worte sich Luft machen.

Anna! Sie war sein erster Gedanke. Die Luberska hat eine wilde und wild eifersüchtige Liebe. Das arme Mädchen ist mit ihr unter einem Dach! Sie kennt die Frau nicht, die zu allem fähig ist. Das war ein unglückliches Zusammentreffen. Und nun auch noch dieses einfältige Duell! Hoffentlich erschieße ich den Menschen, ich bleibe dann ruhig die erste Zeit hier, vier, fünf, sechs Wochen, solange ich will. Diese ebenso starsinnige wie bornierte Berliner Polizei lässt mich noch ein Jahr sitzen, wenn ich Lust habe. Wie werden sie sich unterdessen über den Mörder des Grafen Luberski den Kopf zerbrechen, ihn mit Steckbriefen verfolgen, während sie ihn schon in dem sichersten Verwahrsam der Welt, in ihrer Stadtvoigtei haben! Aber Anna! Was sollte aus ihr in der Zwischenzeit werden? Auch sie könnte keine Nachricht von mir erhalten. Die arme Anna! Sie war auch sein letzter Gedanke. Schritte näherten sich der Zelle. Wenn der Inspektor heute nur früher käme! Hatte er noch unmittelbar vorher gesagt. Da hörte er die Schritte. Wie gerufen! Er legte sich auf sein Lager zurück. Die Schritte kamen wie am gestrigen Abend. Die Doppeltür der Zelle wurde geöffnet, der Inspektor trat mit seiner Laterne in die Zelle, der Gefangenenwärter blieb draußen an der Tür zurück. Der Gefangene blieb ruhig auf seiner Pritsche liegen. Der Inspektor sah mit seinem klugen und verschlossenen Gesicht genau und scharf in der Zelle umher, er fand nichts, was ihm auffiel. Er stellte sich vor den Gefangenen.

»Sie haben mir noch immer nichts zu sagen?«

»Nein, mein Herr.«

»Ihr Grab — Sie wissen doch, dass Sie hier in Ihrem Grab sind?«

»Sie hatten öfters die Güte, mir das zu sagen.«

»Ihr Grab scheint Ihnen zu gefallen.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Aus Ihrer Beharrlichkeit, und aus Ihrer Heiterkeit.«

»Rechnen Sie für nichts, dass man auch Vertrauen in die preußische Gerechtigkeit setzen kann?«

Der Beamte biss sich ein wenig in die Lippen. Aber er war ein gewandter Polizeimann. »Sie, mein Herr, haben die preußische Gerechtigkeit nur zu fürchten.«

»Warum übergeben Sie mich denn nicht dieser Gerechtigkeit?«, rief lebhaft der Gefangene. »Oder ist die Polizei in Preußen das Recht?«

Der Inspektor hatte auch darauf eine Antwort. »Wohlan, mein Herr«, sagte er rasch, »wenn ich Sie noch heute Abend, auf der Stelle dem Kriminalgericht übergäbe, Sie aus diesem Polizeigefängnis in die Kriminalgefängnisse der Stadtvoigtei hinüberbringen ließe?«

Die Worte machten den Gefangenen verlegen, sie machten ihn verwirrt.

»Wohlan«, erwiderte auch er, aber er konnte es nicht in freiem, herausfordernden Ton, und als der Beamte ihn scharf ansah, musste er die Augen niederschlagen.

»Was ist denn das?«, fragten sich darauf die scharfen, klugen Blicke des Inspektors. Unmittelbar danach lächelte er zufrieden. Das zufriedene Lächeln gewahrte noch der Gefangene, der seinen Blick wieder erhob. Er erbebte in seinem Inneren und wollte schnell etwas sagen. Der Inspektor hatte schon seine Laterne genommen, um sich wieder zu entfernen.

 

 

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