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Eine Reise ins Jahr 2000 – Kapitel 19

William Wallace Cook
Eine Reise ins Jahr 2000
Kapitel 19

618

Dieses überaus wichtige Dokument aus dem Jahre 1900 schien wie verhext. Das mysteriöse Verschwinden hatte den armen Lumley völlig aus der Fassung gebracht.

»Könnte einer der Muglugs es genommen haben?«, fragte er mit matter Stimme.

»Nein. Muglugs tun exakt das, was man ihnen aufträgt – nicht mehr und nicht weniger. Sorge dich nicht, Lumley. Es wird sich schon wieder anfinden. Es tut mir leid, dich in einer Stunde wie dieser allein zu lassen, aber ich muss in die Unterstadt. Ich muss alles dafür vorbereiten, meinen Platz als Oberster Ratsvorsitzender einzunehmen. Es gibt noch viel zu tun, bevor ich die Führung übernehme, und ich habe meine Zeit ohnehin schon weit überschritten.«

»Ich nehme an, ich werde diesen Ort verlassen müssen?«, sagte Lumley.

»Keineswegs. Ich bitte dich inständig, dieses Haus für die nächsten Stunden als dein Heim zu betrachten – solange, bis es mir vergönnt ist, eine kurze Pause von meinen Pflichten einzulegen und für ein letztes Wort zu dir zurückzukehren.«

»In unserem früheren Gespräch habe ich eine Spur von Blut angedeutet. Vergiss diese Bemerkung, Lumley. Ich habe mit Tiburos gesprochen und werde das Ausmaß der Zerstörung, die ich anzurichten gedenke, begrenzen. Sollte es mir nicht möglich sein, bis heute Nachmittag um sechs Uhr zurückzukehren, begib dich zum Koloniehaus und schließe dich deinen Freunden an.

Und noch etwas – bitte beherzige meine Worte wohl und mache keinen Fehler: Sende eine Übertragung an die Kameraden aus dem Jahr 1900. Sag ihnen, sie sollen nach halb zwei kein Luftschiff mehr betreten, das Haus nicht mehr verlassen und ein wachsames Auge auf ihre Muglugs haben.«

Die ernste Miene und das entschlossene Auftreten von Tibilus versetzten Lumley in tiefe Unruhe.

»Was wird geschehen?«, verlangte er zu wissen.

»Ein guter Feldherr offenbart seinen Schlachtplan nicht im Voraus«, erwiderte Tibilus. »Hier ist dein Erbstück, Lumley. Tiburos hat es gebracht und mich gebeten, es dir auszuhändigen. Sieh des Öfteren auf die Uhr. Sei nach halb zwei darauf gefasst, dass etwas geschieht. Wenn wir uns nie wiedersehen sollten …« Tibilus zögerte und sah Lumley lange und unverwandt in die Augen.

»Tu nichts Unbesonnenes«, bat Lumley inständig.

»Lass gut sein, mein Freund. Ich habe mein Bett gemacht und werde nun darin liegen. Für den Arbeiter leuchtet bereits der Morgenstern der Hoffnung am industriellen Himmel. Und wenn ich den vollkommenen Tag, der da kommen wird, nicht mehr erlebe, so soll es eben sein. Kehre so schnell wie möglich in das Jahr 1900 zurück, Lumley. Es war dein Glück zu erfahren, dass die Nachwelt deine Theorien zu schätzen wusste und das Beste daraus gemacht hat. Jeder Reformer lebt für die Nachwelt und nicht für seine eigene Zeit; ertrage die Spötteleien und den Hohn der Unwissenheit also mit einer gelassenen Seele.«

Ein kurzer Händedruck, ein einziger Blick zurück, und Tibilus war verschwunden.

Eine ganze Weile saß Lumley im Nachrichtenzimmer, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände vergraben.

Die Aufgabe dieser Republik ist die Erschaffung des Menschen, nicht des Geldes.

Das war die wahre Evolution, die einzig denkbare. Lumleys psychologische Theorien hatten bittere Früchte getragen. Doch es war nicht die Schuld der Theorien selbst, sondern jener, die sie in die Tat umgesetzt hatten. So wie damals bei dem Experiment mit Osborne der glänzende Erfolg durch ein Verbrechen besudelt worden war, so hatte auch in diesem Jahr 2000 der unaufhaltsame Fortschritt schweres Unrecht herbeigeführt.

Plötzlich sprang Lumley auf und warf den Mächten des Guten, die irgendwo in den höheren Sphären schwebten, einen Handkuss zu.

»Viel Erfolg, Tibilus!«, rief er ekstatisch. »Stürze die bestehende Ordnung um, und du wirst ein größerer Mensch sein als ich!«

Die prosaische, nüchterne Gegenwart vermochte es nicht, den Flügeln von Lumleys Fantasie die Schwingen zu stutzen. Und wie er so dastand, den Kopf zurückgeworfen, den Blick erhoben und die rechte Hand gen Himmel gestreckt, schwangen sich seine kreisenden Gedanken in weite, lichte Höhen empor.

Doch nur für einen flüchtigen Moment. Denn – was war das? War das nicht eines jener spöttischen Kicherns aus dem Jahr 1900, das ihn schon so oft auf den Boden der Tatsachen zurückgepeitscht hatte?

Er drehte sich um. Muglug 618 stand im Raum – aufgerichtet, starr, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Geh hinaus!«, rief Lumley.

Der Muglug verschwand wie ein Geist.

Lumley trat an den Hauptsender und schlug zweimal dagegen.

»Verbinden Sie mich mit der Kolonie von 1900«, rief er.

»Ah, hallo!«, ertönte die Antwort. »Hier ist Mortimer.«

»Hier ist Lumley.«

»Herzliche Grüße, alter Knabe. Ich schätze, wir müssen dich allmählich den Obersten Meister des Verschwindens nennen. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so abrupt das Weite sucht wie du. Was gibt es Neues?«

»So viel, dass ich selbst kaum noch mitkomme. Sind alle Männer da, Mortimer?«

»Alle unterwegs, bis auf meine Wenigkeit. Warum?«

»Wann werden sie zurück sein?«

»Zum Abendessen finden sich alle wieder hier ein.«

»Gut. Wenn sie da sind, halte sie fest. Lass sie heute Nachmittag nicht mehr ausgehen.«

»Das ist ein ziemlich großer Befehl, Lumley.«

»Das lässt sich nicht ändern, Mort. Tu, was ich dir sage. Und noch etwas: Keiner von euch darf nach halb zwei auch nur einen Fuß in ein Luftschiff setzen.«

»Großer Cäsar! Was soll denn geschehen?«

»Frag mich nicht – ich könnte es dir selbst nicht sagen, wenn ich wollte. Und achtet nach halb zwei penibel auf eure Muglugs.«

»Verstanden. Aber ich würde ein Vermögen darum geben, die Hintergründe von all dem zu erfahren.«

»Leb wohl.«

»Hör mal!«, rief Mortimer durch die Leitung. »Warte …«

»Kann nicht warten. Habe zu tun.«

Lumley schaltete den Sender ab und wandte sich ab. Er wollte die Suche nach dem verlorenen Geständnis fortsetzen.

Er ließ sich auf die Knie fallen und sah zum zwanzigsten Mal unter jedem Möbelstück nach. Dann durchwühlte er erneut die Truhe und tastete noch einmal seine eigenen Taschen ab – in der vagen Hoffnung, er könnte das Papier in einem Moment der Geistesabwesenheit doch an sich gesteckt haben.

Doch das Dokument blieb unauffindbar. Als letzten Ausweg dehnte er seine Suche über alle Wahrscheinlichkeit hinaus aus und durchstöberte die übrigen Teile des Hauses.

Er spähte in das Triklinium, huschte in die Salons für die Gäste, eilte durch die Schlafgemächer und Waschräume und fand sich schließlich auf dem Dach wieder. Doch von dem Geständnis fehlte jede Spur. Enttäuscht und mit leerem Blick trat er den Rückweg an.

Als er den oberen Korridor durchschritt, schluckte der Gummiläufer jeden seiner Schritte, sodass er sich in völligem Schweigen vorwärtsbewegte. Da erblickte er plötzlich den Muglug 618. Am fernen Ende des Ganges saß der Automat – so seltsam es auch klingen mag – auf einem Stuhl, den Rücken zu Lumley gewandt.

Da ein Muglug jedoch unfähig war, Müdigkeit zu verspüren, war Ruhe für ihn gänzlich überflüssig; niemals legte er sich nieder, niemals setzte er sich.

Nummer 618 indessen war ein überaus neugieriges Exemplar seiner Gattung, und so schlich sich Lumley leise von hinten an, um zu sehen, was die Kreatur im Schilde führte.

Wunder über Wunder! Als er nahe genug herangekommen war, sah Lumley, dass das stählerne Gebilde ein Stück Papier in seinen Metallhänden hielt und vorgab, es zu lesen!

Und dieses Papier war das verlorene Dokument! Mit einer blitzschnellen Bewegung versuchte Lumley, es ihm zu entreißen.

Doch der Versuch misslang. Nummer 618 hörte ihn im entscheidenden Moment, erhob sich mit metallischem Rasseln und stieß das Papier durch eine Öffnung auf der Rückseite seines Halses.

»Du Schurke!«, rief Lumley. »Gib das sofort her!«

Doch Nummer 618 war in rebellischer Aufruhr. Es gab keine Antwort, starrte ihn lediglich voller Trotz an und hob drohend die stählernen Hände.

Lumley war gewiss kein Feigling, doch er hielt es nicht für ratsam, unnötige Risiken einzugehen.

»Nummer Eins!«, rief er laut.

Augenblicklich erschien der silberne Riese auf der Bildfläche.

»Dieser Muglug hat ein Papier, das mir gehört«, sagte Lumley. »Zwinge ihn, es herauszugeben!«

Zitterte Nummer 618 etwa? Lumley war aufgeregt, aber er hätte schwören können, dass die Gestalt bebte.

Der silberne Riese trat vor, ruhig und unaufhaltsam. 618 wich einen Schritt zurück, vollführte eine flinke Bewegung mit der rechten Hand und brachte einen Revolver alten Modells zum Vorschein. Ping, ping, ping gellten die Schüsse, bis die Waffe leergeschossen war – und jede Kugel erzeugte beim Aufprall einen fast musikalischen Klang, wie das Schlagen einer Glocke.

Die bleiernen Geschosse prallten gegen die Rüstung des Riesen und fielen, plattgedrückt und harmlos, zu Boden. Als das letzte Echo verhallte, wurde das Geräusch von einer unerwarteten Durchsage aus dem Zeitministerium abgelöst.

»Zwei Uhr! Der neue Oberste Ratsvorsitzende ist nun im Amt! Zwei Uhr!«

Aus jedem Sender der Stadt schallten diese Worte, und wie ein Blitz durchfuhr es Lumley: Tibilus war im Begriff, seine große Reform einzuleiten! Die Wirkung auf den silbernen Muglug war verblüffend.

Er drehte sich auf dem Absatz um und rannte mit scheppernden Schritten davon. Er schien genau zu wissen, was er tat, und hielt unentwegt Kurs.

»Komm zurück!«, rief Lumley mit strenger Stimme.

Nummer Eins gehorchte nicht, sondern verschwand abrupt aus dem Korridor. Doch er war nur für einen Wimpernschlag außer Sicht; als er zurückkehrte, hielt er eine Axt in den stählernen Händen und stieß ein wildes, knirschendes Geräusch aus.

Geradewegs auf Nummer 618 stürmte der Riese zu und schwang die Axt drohend über seinem Kopf. Ein einziger Blick genügte Nummer 618, um sich zur Flucht zu wenden – und der versilberte Dämon jagte in wilder Verfolgung hinterher.

Lumley erblasste und flüchtete sich in das Nachrichtenzimmer. Dort wartete er in bitterer Angst, während das scheppernde Echo der Jagd von Raum zu Raum und von Etage zu Etage an sein Ohr drang.

Mal klangen die Geräusche gedämpft aus dem entlegensten Teil des Hauses, mal wurden sie lauter und immer lauter, je näher der Gejagte und sein Verfolger kamen. Schließlich stürzte Nummer 618 in das Nachrichtenzimmer, kaum zwei Schritte vor dem Riesen.

»Rette mich, rette mich!«, kreischte Nummer 618 und sank hinter Lumleys Rücken auf die gepanzerten Knie.

Lumley war fassungslos. Als er sich umdrehte und den Blick auf Nummer 618 richtete, riss das Wesen sich den metallische Hauptteil vom Kopf – und offenbarte das Gesicht von Jasper Kinch!

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