Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 3.1
Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Zweites Kapitel Teil 3
Kampf mit einem Schwertfisch
»Schneller … schneller, Genosse Lord! Ich halte ihn am Schwanz. Dass ihn der Teufel hole! Meine Kräfte schwinden, verflucht sei das Biest!«
»Skworeschnja!«
Was war das?
Der Zoologe schwamm aus dem Dickicht des Tangs. Was er sah, war ein ungewöhnliches Bild. Auf einer offenen Lichtung, im hellen grünlichen Licht, stand neben einigen Maschinen, die unter transparenten, fast wie aus Glas gefertigten Kuppeln arbeiteten, eine gigantische menschliche Gestalt in einem metallischen Raumanzug und einem gewaltigen Helm. Wie ein mächtiger, gespannter Bogen bog er sich nach hinten. Mit einer Hand hielt er eine Schlinge aus einem dicken, flexiblen Kabel, das die Kuppeln mit den laufenden Maschinen verband. In dieser Schlinge verbiss sich ein zwei Meter langer Hai. Mit der anderen Hand umklammerte der Gigant den massigen Körper des Fisches direkt über dem Schwanzansatz. Die Schnauze des Hais ragte weit über das breite Maul hinaus; seine dunkelgraue, raue Haut erinnerte an eine Feile. Die großen, runden Augen waren stumpf, ausdruckslos und glühten in einem weißlich-rosa Licht blinder Wut.
Der Zoologe erkannte sofort den Heringshai, dessen sagenhafte Gefräßigkeit schon die Gelehrten der Antike in Staunen versetzt hatte. Zur gewöhnlichen Beute dieses Hais gehören Heringe, wenn sie in riesigen Schwärmen aus der Tiefe zum Laichen an die Küste ziehen. Er jagt jeden Fisch, den er zu überwältigen vermag. Nur in puncto Größe und Eleganz steht der Heringshai seiner berühmten Verwandten, der berüchtigten Räuberin der Meere – dem Menschenhai –, etwas nach.
Der Hai, den der Gigant mit übermenschlicher Anstrengung am Schwanz festhielt, wand sich, bog sich und peitschte umher, doch er ließ das Kabel, in das er sich verbissen hatte, nicht los.
Skworeschnjas Beine waren knöcheltief in den Sand gedrückt. Sein Gesicht war vor Anstrengung rot angelaufen und mit Schweiß bedeckt. Der Hai zerrte wütend an dem Kabel, konnte es jedoch nicht aus der Hand des Giganten reißen.
Der Zoologe riss seinen Dolch aus der Scheide und stürmte auf den Hai zu.
»Die Handschuhe! Die Handschuhe, Lord!«, schrie Skworeschnja, der von den wilden Bewegungen des Haies hin und her geschleudert wurde. »Mit dem Dolch erreichen Sie hier gar nichts!«
Der Zoologe hielt inne. In einem Sekundenbruchteil waren die Spezialhandschuhe übergestreift und eingerastet. Er legte beide Handflächen an die Flanken des Hais. Das Tier zuckte zusammen wie bei einem Stromschlag, krümmte sich krampfhaft zu einem Ring und streckte sich dann mit solch gewaltiger Kraft, dass Skworeschnja und der Zoologe wie Kätzchen in verschiedene Richtungen geschleudert wurden. Dann öffnete der Hai das Maul und sank, vor Erschöpfung zitternd, zu Boden.
Der Zoologe war sofort wieder auf den Beinen, doch Skworeschnja erhob sich nur mühsam vom Grund.
»Was ist passiert, Skworeschnja?«
»Puh … Lassen Sie mich zu Atem kommen … Hätten Sie zwei, drei Minuten später reagiert, wäre es böse ausgegangen … für die Maschinen. Dieser verrückte Fisch hielt das Kabel vor Hunger für genießbar und verbiss sich hinein. Verstehen Sie, Arsen Dawidowitsch, was mit den Aggregaten passiert wäre, wenn sie das Kabel aus den Kuppeln gerissen hätte? Der Druck des eindringenden Wassers hätte diese empfindlichen Apparaturen zerstört. Ich habe aus dem Kabel eine Schlinge geformt, dort wo er zubiss, und habe wie eine Feder alle Schläge des Haies abgefangen. Erst habe ich diesem Wahnsinnsvieh auf die Schnauze, in die Augen geschlagen, aber es schüttelte nur den Kopf, ließ nicht los und riss mit seinem Schwanz an dem Kabel. Dann habe ich mit der anderen Hand den Schwanz gepackt. Was für eine Kraft!«
»Warum haben Sie nicht sofort Ihre Handschuhe eingesetzt?«
»Weil ich Angst hatte, das Kabel loszulassen. Gott weiß, was er in diesem Moment angerichtet hätte! Aber wo ist Pawlik? Ich habe unser Gespräch gehört. Ist er zurückgeblieben?«
Der Zoologe wurde unruhig. »Ach du meine Güte!«, rief er. »Ich habe ihn völlig vergessen. Pawlik! Pawlik! Warum antwortest du nicht? Pawlik!«
Er sah Skworeschnja mit besorgtem Blick an. »Hören Sie auch keine Antwort?«
Der Gigant wurde nervös. Wie immer in solchen Momenten verfiel Skworeschnja in eine wilde Mischung aus ukrainischen und russischen Wörtern, die er seine Muttersprache nannte – eine Sprache, die durch seine Herkunft aus einem halb ukrainischen, halb russischem Dorf bei Woronesch, seine russische Schulbildung und seine Liebe zur russischen sowie ukrainischen Literatur geprägt war.
»Nein, ich höre nichts«, sagte er schwer atmend und fügte mit unverhohlenem Ärger hinzu: »Wo haben Sie den Jungen verloren?«
»Er ist im Korallenwald zurückgeblieben, als ich zu Ihnen eilte. Skworeschnja … Pawlik! Pawlik! Antworte doch! … Er schweigt … Ihm muss etwas zugestoßen sein«, sagte der Zoologe. »Wir müssen los, Skworeschnja!«
»Sie hätten nicht zu mir eilen sollen. Starten Sie den Antrieb, ich folge Ihnen sofort.«
Er öffnete die Tasche an seinem Gürtel und drückte einen der zahlreichen Knöpfe am Steuerpult. Eine Stimme erklang: »Hier spricht Oberleutnant Bogrow. Was gibt es, Skworeschnja?«
Skworeschnja nahm wie gewohnt Haltung an. »Melde gehorsamst: Der Junge Pawlik, der in Begleitung von Genosse Lordkipanidse zum Arbeitsort Nummer sechs unterwegs war, ist in den Korallenriffen zurückgeblieben, hat sich verirrt und antwortet nicht mehr auf Funksprüche. Genosse Lordkipanidse, der mir auf meinen Hilferuf hin wegen eines Haiangriffs zu Hilfe eilte, ist bei mir. Erbitte Erlaubnis, zur Suche nach dem Jungen aufzubrechen und eine Ablösung für den Außenposten anzufordern.«
»Verstanden, Skworeschnja«, antwortete Bogrow hastig. »Sofort die Suche aufnehmen. Die Ablösung kommt, warten Sie nicht darauf.«
»Zu Befehl, Genosse Oberleutnant!«
Er griff nach einer kleinen Schaufel am Boden und schüttete das Kabel eilig mit Sand zu. Zeitgleich öffnete der Zoologe sein Steuerpult. Aus dem Buckel seines Anzugs schob sich ein Stab hervor, entfaltete sich wie eine Blüte und wurde zu einem kleinen Propeller. Gleichzeitig klappten Metallflossen an den Beinen aus, die als Seiten- und Höhenruder dienten. Der Zoologe betätigte den Hebel, der Propeller begann zu rotieren, und der Wissenschaftler schoss, in halbliegender Position, durch das Wasser.
Eine Minute später schoss Skworeschnja wie ein riesiger Torpedo an ihm vorbei. Trotz seiner Sorge um den Jungen konnte der Zoologe nicht umhin, die kraftvolle, elegante Gestalt Skworeschnjas zu bewundern.
»Was für eine großartige Erfindung von Krepin!«, flüsterte er.
»Was sagten Sie?«
»Nichts … gar nichts«, stammelte der Zoologe verlegen. Es erschien ihm unverzeihlich, jetzt an etwas anderes zu denken als an Pawlik.
»Schneller, Lord! Schneller!«
Der Zoologe schloss zu Skworeschnja auf. Sie erhöhten die Tourenzahl der Motoren und schossen in vollkommen horizontaler Lage noch schneller voran. Die Fische am Wegesrand flohen erschreckt vor diesen seltsamen, unnatürlichen Geschöpfen. Ein kleiner Tintenfisch zögerte zu lange und wurde von der Schulter des Zoologen erfasst; er hinterließ eine dichte Wolke aus Tinte und sank, die zehn Fangarme weit ausgebreitet, leblos zu Boden. Einige Aale wurden in den Sog von Skworeschnjas Anzug gezogen, schlängelten sich panisch davon und wurden von den scharfen Kanten der Ruder an seinen Füßen zerteilt. Ein kleinerer Hai wollte den Weg der beiden kreuzen, wand sich jedoch im letzten Moment um und flüchtete nach oben in das hellere Wasser der Oberfläche.
Nachdem sie die Schutzgitter vor die Propeller geschoben hatten, brachen die beiden wie zwei schwere Geschosse in den Wald aus riesigem Sargassotang ein. Die Wurzeln der Pflanzen, die nur der Befestigung am Boden dienten, rissen unter der Wucht der Anzüge leicht ab. Die luftgefüllten Bläschen an den goldenen Stämmen platzten wie reife Trauben, und das Wasser schien auf ihrem Weg zu kochen.
Dann endete das Algendickicht. Hinter einer weiteren Lichtung begann das Korallenriff.
»Wo sollen wir ihn bloß suchen?«, fragte Skworeschnja.
»Auf der anderen Seite.«
Sie drosselten das Tempo und durchkämmten das Riff in Zickzackkursen, die Augen angestrengt auf das Gewirr der farbenprächtigen Korallen gerichtet. Pawlik war nirgends zu sehen. Sie flogen tiefer, fast die Spitzen der Korallen streifend und dabei zarte Blütenzweige und Algengirlanden abbrechend.
»Pawlik! Pawlik! Wo bist du?«
»Antworte, Söhnchen! Wir sind hier!«
Plötzlich vollführte Skworeschnja eine jähe Drehung, tauchte kopfüber zum Fuß einer hoch aufragenden Korallensäule und rief: »Da ist er! Er liegt da! Hierher, Lord! Hierher! Mein Gott, welche ein Schrecken! Schauen Sie nur, mit wem er es zu tun bekam!«
Der Zoologe erstarrte, wie vom Blitz getroffen.
»Ein Schwertfisch!«, rief er schließlich und stürzte vor dem im Sand liegenden Pawlik auf die Knie.
Ein riesiger Fisch, mindestens drei Meter lang, mit einem kraftvollen Körper und einer sichelförmigen Rückenflosse, hatte Pawlik unter seiner Last halb begraben. Sein rauer Rücken leuchtete in einer seltsamen Mischung aus Rot und Blau, doch der Rest des Körpers dominierte in verschiedenen Blautönen: der Bauch bläulich-weiß mit silbernem Glanz, die Flossen graublau, der Schwanz blauschwarz. Selbst die großen, runden Augen waren dunkelblau.
Wie bei den meisten Fischen bot die Färbung Schutz – von oben verschmolz der dunkle Rücken mit der Tiefe des Wassers, von unten löste sich der helle Bauch im Licht der Oberfläche auf. Doch das Erstaunlichste an diesem Fisch war das Schwert – ein über 75 Zentimeter langer, flacher und messerscharfer Fortsatz des Oberkiefers, eine wahrhaft schreckliche Waffe. Dieses Schwert, das Pawlik niedergestreckt hatte, steckte nun fast vollständig in einem von Algen verdeckten Spalt der Korallensäule, die über dem Schauplatz dieses Unterwasserdramas thronte.
»Hat er ihn etwa getötet?«, fragte der Zoologe mit zitternder Stimme, während er das bleiche Gesicht des Jungen und seine fest geschlossenen Augen betrachtete.
»Nein, er lebt, Lord!«, sagte Skworeschnja mit fester Stimme und erhob sich von den Knien. »Der Schwertfisch hätte ihn nur töten können, wenn er den Raumanzug durchstoßen hätte. Das ist, wie Sie sehen, nicht geschehen – der Anzug ist völlig intakt. Der Junge lebt! Aber schau mal einer an, wie er das Biest erwischt hat! Es war auf der Stelle sofort tot!«
Fortsetzung folgt …
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