Archiv

Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 6 – Der König der Zauberer – 4. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 6
Der König der Zauberer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 4
Vor dem König der Zauberer

Der Herold blieb stehen, stieß seinen Stab dröhnend auf das Deck und wandte sich mit einer ruckartigen Bewegung dem blau gekleideten Greis zu. Dann rief er mit schallender Stimme auf Holländisch – einer Sprache, die sowohl Richard als auch Gustav verstanden: »Unser Gebieter hat befohlen, und sein Wort ist Gesetz! Diese Flüchtlinge auf dem Schiff sind den ersten Tod gestorben, als sie die Grenze unserer Insel überschritten.« Er stampfte erneut mit dem Stab auf, vollführte eine militärische Wendung und blieb steif wie ein Soldat stehen.

Das Ganze wirkte wie eine bizarre Zeremonie: Eine römische Galeere, ein moderner Schoner, barocke Holländer und preußische Disziplin – ein wahrlich bizarres Durcheinander. Doch trotz des Spuks bemerkten die Versteckten bald, dass es sich um lebende Menschen handeln musste. Einer der weiß gekleideten Jünglinge stolperte über eine Leiste, und das Gewand des Greises blieb an einem Nagel hängen und riss ein Loch in den Stoff. Zudem rann dem Alten der Schweiß von der Stirn. Geister schwitzen nicht und sie stolpern nicht.

Dennoch war die Furcht der Mannschaft greifbar. Selbst einer der hoheitsvollen Jünglinge zitterte am ganzen Leib.

»Zweifelst du nun noch an meiner Macht, Scipio?«, fragte der Alte mit tiefer Stimme den jungen Mann an seiner Seite.

»Verzeihe mir, o Gebieter«, antwortete dieser demütig. »Ich bin kein Gottmensch wie du. Wenn du beschlossen hast, mich den zweiten Tod sterben zu lassen, bin ich bereit.«

Richard und Gustav trauten ihren Ohren kaum. Besaß dieser Mann tatsächlich Macht über Leben und Tod?

Der Gottmensch hob nun sein Zepter.

»Sie kannten meine Macht und haben ihr widerstrebt«, rief er drohend. »Sie wurden gewarnt und haben die Warnung missachtet. Sie sollen den zweiten Tod sterben. Über Bord mit ihnen!«

Plötzlich kam Leben in die Mannschaft. Sie packten die starren Körper und warfen sie emotionslos ins Meer. Die Schiffbrüchigen in ihrem Versteck hörten das Platschen und das Schnappen der Haifische, die sich um die Beute stritten.

Als der tote Kapitän und seine Frau aus der Kajüte gebracht wurden, bemerkte Richard, dass das junge Mädchen kein Nachtgewand, sondern ein altrömisches Kostüm trug. »Cora kommt auf mein Schiff. Ich nehme sie zurück, denn ich brauche sie noch«, sagte der Alte mit zitternder Stimme.

Richard sah Tränen über die Wangen des Greises in seinen weißen Bart rinnen. In diesem Moment war er sich sicher: Dies war kein Gott, sondern ein leidender Mensch.

Während die Frau auf die Galeere geschafft wurde, warfen sie den Mann über Bord. Matrosen, die leise in verschiedenen Sprachen – Deutsch, Englisch, Französisch – miteinander tuschelten, machten das Schiff zur Abfahrt bereit und vertäuten es an der Galeere.

Plötzlich wies der Greis mit seinem Zepter direkt auf die Leinwand, hinter der Richard und Gustav kauerten.

»Dieser Vorhang verbirgt zwei Fremde. Bringt sie auf mein Schiff!«

Ohne eine Reaktion abzuwarten, kehrte er der Szene den Rücken.

Im nächsten Moment wurde die Leinwand weggerissen. Richard und Gustav waren entdeckt. Starr vor Schreck konnten sie kein Wort hervorbringen. Einer der Jünglinge trat auf sie zu: »Fürchtet euch nicht. Unser Gebieter ist streng, aber gerecht. Folgt mir!«

Mechanisch folgten sie ihm auf die Galeere. Wie in Trance beobachtete Richard, wie die Matrosen sich auf die Ruderbänke setzten und den Schoner in Schlepptau nahmen. Alles wirkte wie ein Fiebertraum aus einer längst vergangenen Zeit.

Gustav jedoch wurde schnell wieder pragmatisch. Als man ihnen Brot, Fleisch und Rotwein vorsetzte, griff er beherzt zu.

»Noch leben wir«, sagte er mit einem Anflug von Galgenhumor. »Wer einem Braten, Wurst und guten Wein vorsetzt, kann nichts allzu Böses im Schilde führen. Wahrscheinlich sind wir einfach bei ein paar Inselbewohnern gelandet, die sich mit diesem Hokuspokus Fremde vom Leib halten wollen.«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert