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Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 11

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 11

Die Verhaftung des Doktors

Eine volle Minute hindurch blieb Dr. Quartz regungslos stehen und starrte dem Detektiv mit brennenden Blicken unausgesetzt in das Gesicht. Dann lächelte er wieder, doch dieses Lächeln war grundverschieden von dem vorigen, und eine Welt voll Hohn und Verachtung prägte sich nun in ihm aus.

»Mr. Nick Carter, es tut mir leid, dass ich Ihnen den Gefallen nicht tun kann, beim Anhören Ihres Namens, den Sie augenscheinlich für einen höchst berühmten halten, wie vom Donner gerührt niederzubrechen«, versetzte Dr. Quartz, um dann voll kühler Gelassenheit fortzufahren. »Stecken Sie Ihre Revolver ein, mein berühmter Herr Detektiv, denn Sie werden zu deren Gebrauch keine Veranlassung haben. Wie, Sie wollen nicht – wirklich nicht? Nun, dann …«

Er hatte vollkommen gelassen bis zu dem Moment gesprochen, in dem er plötzlich innehielt. Als dies geschehen war, schlug er auch schon mit der Schnelligkeit des Gedankens auf die Dielen nieder, und im selben Augenblick warf er sich wie ein Tiger auf den Detektiv. Dies kam so unerwartet, dass Nick Carter bei all seiner Geistesgegenwart, zumal er nicht geglaubt hatte, im Ernst seine Waffen gebrauchen zu müssen, darauf völlig unvorbereitet war. Die hinterlistige Handlungsweise seines Gegners hatte zur Folge, dass sich Nick Carter im nächsten Moment in wildem Ringen mit dem anderen begriffen sah, ohne auf diesen einen Schuss haben abfeuern zu können.

Nun war es hierzu zu spät geworden. Er begriff, dass es sich bei diesem Kampf, zu welchem er so urplötzlich gezwungen worden war, lediglich darum handelte, wer von ihnen beiden sich zuletzt als der Stärkere erwies. Darum ließ der Detektiv die nutzlos gewordenen Revolver niederfallen und packte den Doktor mit starkem Griff. Gleich darauf hatten sich die beiden Männer nach Ringerart umfasst. Es war dem Detektiv gelungen, den Obergriff zu bekommen, sein Gegner dagegen hatte ihn untergefasst. Schon von diesem Moment an begriff Nick Carter, dass er es zumindest mit einem ihm völlig gleichstarken Gegner zu tun hatte.

Wie zwei in tödlichem Kampf verstrickte Schlangen fielen die beiden Kämpfenden schließlich auf den Zimmerteppich nieder, ohne sich loszulassen. Fast regungslos lagen die beiden Männer nebeneinander, der eine auf dem linken, der andere auf dem rechten Arm ruhend. Keinem von ihnen gelang es, den anderen niederzudrücken und sich auf ihn zu legen. Wie lange der Kampf noch unentschieden gedauert haben mochte, hätte keiner von ihnen zu sagen vermocht. Nick Carter war stark genug, um das Ringen stundenlang fortzusetzen; aber er begriff, dass auch seinem Gegner dieselbe Kraft innewohnte.

»Nun«, meinte Dr. Quartz schließlich in einem Ton, dem erstaunlicherweise keinerlei Ermattung anzuhören war, »wäre es nicht besser, Mr. Carter, wir würden auf einen Augenblick Waffenstillstand schließen? Sie brauchen mich darum nicht loszulassen, sondern ich will Ihnen nur einige Worte sagen.«

»Heraus mit der Sprache!«, stieß Nick Carter hervor. »Sie sind stärker, als ich voraussagte!«

»Mag sein! Doch auch Ihre Körperstärke lässt nichts zu wünschen übrig!«

»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, ja, in Wirklichkeit weiß ich mehr über Sie, als Sie sich vielleicht träumen lassen. Auf einen Kampf mit Ihnen habe ich mich nur eingelassen, um an mir persönlich zu erproben, wie weit Ihre Körperkraft eigentlich geht. Wäre es mir gelungen, Sie niederzuzwingen, so würde ich Ihnen nicht nur gestattet haben, sich unverletzt wieder zu erheben, sondern ich würde Sie auch freiwillig zum Polizeichef begleitet haben. Wollen Sie mir nun bitte sagen, was Sie eigentlich von mir wünschen?«

In Nick Carters Augen leuchtete es grimmig auf. »Ich habe Sie wegen fünf Mordtaten für verhaftet erklärt, Doktor«, stieß er rau hervor. »Doch nun ist der Waffenstillstand zu Ende, und ich greife von Neuem an!«

Während er noch sprach, hatte er auch schon mit einer blitzschnellen Bewegung seinen Körper auf denjenigen des Gegners zu werfen vermocht. Nun lag er auf dem Überrumpelten, und wenige Sekunden später war es ihm gelungen, dem Arzt trotz dessen grimmiger Gegenwehr stählerne Fesseln um die Handgelenke zu befestigen und ihn dadurch wehrlos zu machen.

»Mr. Carter, Sie brauchen sich dieses Sieges über mich nicht allzu sehr zu rühmen«, versetzte der Gefangene nun kaltblütig. »Vielleicht kommt der Tag, wo ich Ihnen zeigen werde, dass meine Körperkräfte ungleich stärker sind, als Sie jetzt glauben mögen. Heute spiele ich nur mit Ihnen, doch die Stunde wird kommen, Nick Carter, wo ich Ernst mit Ihnen machen werde. Ich werde jetzt mit Ihnen gehen, wohin immer es Ihnen belieben mag«, setzte Doktor Quartz mit verbindlichem Lächeln hinzu. »Doch ich wiederhole: Sie sind auf dem besten Wege, sich unsterblich lächerlich zu machen! Es wird sein, wie es schon der alte Horaz geschildert hatte: Die Berge kreißen und sie bringen ein Mäuslein zur Welt!«

»Wirklich?«, entgegnete Nick Carter mit grimmigem Lächeln.

»Sie mögen noch so grimmig lächeln, Mr. Carter«, versetzte der Gefangene spöttisch, »es bleibt dabei: Sie haben die falsche Person verhaftet!«

»Well, glauben Sie wirklich, Doktor, dass ich mich so leicht übertölpeln lasse?«, fragte Nick Carter sarkastisch zurück. »Derartige Behauptungen habe ich schon häufig gehört!«

»Öffnen Sie die Tür hinter sich, Mr. Carter, und Sie werden die wirklichen Mörder entdecken. Ich habe sie selbst während der verflossenen Nacht zur Strecke gebracht und war gerade dabei, nach einem Wagen zu telefonieren, als ich in diesem löblichen Beginnen durch Ihren liebenswürdigen Besuch unterbrochen wurde.«

»Sieh da«, meinte Nick Carter lachend. »Am Ende wollen Sie wohl noch gar behaupten, Sie wollten diese wirklichen Mörder, wie Sie sich ausdrücken, persönlich nach dem Polizeihauptquartier fahren?«

»Überzeugen Sie sich durch den eigenen Augenschein, mehr habe ich nicht zu sagen«, äußerte Doktor Quartz gelassen.

Nick Carter öffnete die von dem Verhafteten bezeichnete Tür. Dicht hinter ihr erblickte er zwei auf Stühlen sitzende und fest an diese gebundene Frauen. In der einen von ihnen erkannte der Detektiv augenblicklich die hagere, eckige, süßsauer dreinblickende und bejahrte Frau, welche er in der Güterhalle zuerst gesehen hatte. Beide Frauen schienen zu schlafen; jedenfalls befanden sie sich in einem Zustand völliger Bewusstlosigkeit. Als Nick Carter die andere und jüngere Frau anblickte, da ging es auch schon gleich einem elektrischen Schlage durch seine Glieder; denn abgesehen von dem Unterschied einiger weniger Jahre glich diese Frau Zug um Zug der holdseligen Toten, welche in der unheimlichen Car auf dem Bett ausgestreckt lag, den Dolch im Herzen.

»Bitte, Mr. Carter, bedienen Sie sich des Fernsprechers dort in der Zimmerecke«, sagte Dr. Quartz mit seinem liebenswürdigsten Lächeln. »Sie können sich von hier aus direkt mit dem Polizeihauptquartier in Verbindung setzen.«

Dies waren die letzten Worte, welche Nick Carter von seinem Gefangenen zu hören bekam. Dr. Quartz hüllte sich fortan in tiefes Schweigen, und es gelang dem Detektiv nicht, ihn auch nur zu einer einzigen weiteren Äußerung zu bewegen. Im Polizeihauptquartier stellte es sich heraus, dass Nick Carters Vermutungen hinsichtlich der unheimlichen Fracht-Car und ihres noch grauenvolleren Inhalts in der Hauptsache zutrafen, obwohl Dr. Quartz ein undurchdringliches Stillschweigen bewahrte.

Doch das half weder dem Arzt noch den beiden in seiner Behausung betroffenen weiblichen Gefangenen. Sie wurden sämtlich wegen des fünffachen Mordes unter Anklage gestellt. Was die Car und ihren entsetzlichen Inhalt anbelangte, so gelang es den Behörden von Kansas City nicht, mehr Licht in das Geheimnis zu bringen, als es den Bemühungen des berühmten Detektivs bereits gelungen war. Da unter allen Umständen aber das unheimliche Geheimnis ans Tageslicht gebracht werden musste, so wurde Nick Carter von der Behörde mit der weiteren Untersuchung des Falles beauftragt und ihm unumschränkte Vollmachten erteilt.

Ende

Der nächste Band (Nr. 20) enthält: Ein Kindesraub.

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