Die Abenteuer des Harry Dickson – Band 2 – Kapitel 4
Die Abenteuer des Harry Dickson
Band 2
Das verrufene Hotel in Kairo
Kapitel 4
Die Verhaftung
Zur großen Überraschung Harry Dicksons und zum unverkennbaren Entsetzen Mr. Bakers stellte sich heraus, dass Ali Pascha persönlich, der Polizeichef von Kairo, in Begleitung von vier bewaffneten Beamten erschienen war.
»Wo steckt Mr. Baker?«, herrschte Ali Pascha den Lehrling in barschem Ton an. Der Junge starrte fassungslos auf das Aufgebot der Gesetzeshüter.
»Er ist in seinem Arbeitszimmer; er hat Besuch«, stammelte er.
»Rufen Sie ihn sofort!«
Der Junge schickte sich an, dem Befehl Folge zu leisten, als sich die Bürotür öffnete und Harry Dickson an der Seite von Fred Baker auf der Schwelle erschien.
»Sie hier?«, staunte Ali Pascha. »Sie sind mir tatsächlich zuvorgekommen! Wahrlich ein Spürhund, Mr. Dickson. Hat dieses Individuum«, er deutete auf Baker, der totenbleich geworden war, »bereits ein umfassendes Geständnis abgelegt?«
»Ein Geständnis, Exzellenz?«, fragte Harry Dickson zurück. »Wollen Sie damit sagen, dass Mr. Baker für das Verschwinden von Mr. Dudleigh verantwortlich sein soll?«
»Gewiss!«, erwiderte Ali Pascha bestimmt. »Alles deutet darauf hin.«
Nach diesen Worten trat er hinter den Tresen, gab seinen Beamten ein Zeichen und betrat mit ihnen das Arbeitszimmer.
»Sind Sie der Drogist Fred Baker?«, fragte er im Tonfall eines Verhörs, während die Polizisten den Verdächtigen umringten. Baker lehnte sich haltlos gegen sein Pult und starrte den hohen Beamten mit verstörtem Blick an. Harry Dickson nahm wieder im Sessel Platz, um die Szene genau verfolgen zu können.
»Ja, mein Herr«, antwortete Baker und versuchte, seiner zitternden Stimme Festigkeit zu verleihen. »Ich bin Fred Baker, und diese Drogerie gehört mir.«
»Wissen Sie, dass Mr. Dudleigh, einer Ihrer Landsleute, der im benachbarten Hotel Le Crocodile wohnte, seit einigen Tagen vermisst wird?«
»Ich komme dort oft vorbei und habe davon gehört.«
»Waren Sie mit Mr. Dudleigh bekannt oder kannten Sie ihn schon früher?«
»Ich kannte ihn schon seit langem.«
»War es eine freundschaftliche oder lediglich eine geschäftliche Beziehung?«
»Beides. Als Mr. Dudleigh noch in London lebte, war ich jahrelang in seinem Büro angestellt …«
Ali Pascha wandte sich triumphierend an den Detektiv: »Sollte ich mich etwa geirrt haben?«
Harry Dickson bestätigte dies mit einem knappen Nicken.
»Nun, Baker, öffnen Sie sofort Ihr Pult! Oder haben Sie das Geld woanders versteckt?«, fuhr der Polizeichef barsch fort. »Leugnen ist zwecklos. Wir wissen, dass Sie Mr. Dudleigh kaum von der Seite gewichen sind. Es wird uns nicht überraschen, das Geld in Ihrem Besitz zu finden.«
»Mein Herr!«, rief Baker empört. »Ich bin weder ein Dieb noch ein Mörder! Das Geld und der Ring wurden mir von Mr. Dudleigh persönlich und aus freiem Willen übergeben.«
»Das nehmen wir zu Protokoll«, spottete Ali Pascha. »Ersparen Sie uns diese Märchen und öffnen Sie das Pult!«
Zitternd gehorchte Baker. Kaum hatte der Polizeichef das Bündel Banknoten und das kostbare Juwel erblickt, spiegelte sein Gesicht triumphierende Freude wider.
»Ha, ha, Mr. Baker! Behaupten Sie immer noch, nichts mit dem Verschwinden von Mr. Dudleigh zu tun zu haben? Das hier beweist alles. Was sagen Sie dazu, Mr. Dickson?« Der Detektiv zuckte die Achseln. »Vorläufig ziehe ich es vor zu schweigen, Exzellenz.« »Heißt das, Sie zweifeln an der Schuld dieses Mannes?«
»Ich kann mich noch nicht mit Gewissheit äußern«, antwortete Dickson ruhig. »Der Anschein ist oft trügerisch. Diese Beweise sind für mich nicht schlüssig genug für ein Urteil.«
»Das erstaunt mich«, entgegnete Ali Pascha sarkastisch. »Für mich ist jeder Zweifel ausgeschlossen. Übrigens hoffe ich, heute noch die restlichen Beweise zu finden, die Sie für so unerlässlich halten. Beschlagnahmen Sie das Geld und den Ring!«, befahl er einem Polizisten. »Und nun wird Mr. Baker uns durch sein Haus führen. Wir beginnen im Keller und arbeiten uns bis zum Dachboden vor. Ich bin sicher, wir werden Mr. Dudleigh irgendwo finden. An dem Tag, als Sie sich hier einschlossen und Ihrem Lehrling Urlaub gaben, war der alte Mann bei Ihnen. Gott weiß, was ihm in Ihrer Gesellschaft zugestoßen ist.«
Baker reagierte nicht auf die Provokation. Er biss sich so fest auf die Lippen, dass Blut hervortrat. Ein düsterer, entschlossener Stolz stand auf seiner gefurchten Stirn, die von kaltem Schweiß bedeckt war. Harry Dickson, der gewohnheitsmäßig tief in die Seelen der Menschen blickte, empfand in diesem Moment tiefes Mitleid. Eine innere Stimme sagte ihm, dass dieser Mann unschuldig war.
Das ist keine Arroganz, dachte er, das ist reiner Kummer, Not und eine Wut, die ihm die Kehle zuschnürt. Er nahm sich vor, seinen ganzen Scharfsinn einzusetzen, um Baker aus dieser kritischen Lage zu retten.
Auf ein Zeichen Ali Paschas führte Baker die Männer durch einen dunklen Korridor zum Keller. Ein Polizist nahm ihm die Schlüssel ab und öffnete die massive Eichentür. Im hellen Schein einer Laterne stiegen sie die Steinstufen hinab. Unten erblickten sie eine Reihe von Gewölben, gefüllt mit Fässern und Kisten, die sich teilweise bis zur Decke stapelten.
Fasziniert lauschte Harry Dickson einem Rauschen, das unverkennbar von einem nahen Wasserlauf stammte. Offenbar verlief der Kanal vom Eskebieh-Garten direkt unter diesen Bodenplatten. Ali Pascha durchsuchte jeden Winkel nach allen Regeln der Kunst. Er ließ die Fasslager auf den Kopf stellen, in der Hoffnung, den Leichnam zu finden – doch das Ergebnis blieb gleich null.
Verärgert wollte der Polizeichef die Suche bereits abbrechen, als ein Ausruf Dicksons ihn innehalten ließ.
»Hallo, Exzellenz! Mir scheint, wir sollten diese Stelle genauer untersuchen.« Er stand auf einer schweren Eisenklappe, die in den Boden eingelassen war. »Dieser Deckel verbirgt einen Wasserlauf. Nehmen wir ihn ab.«
»Ich pflichte Ihnen bei«, antwortete Ali Pascha, innerlich verärgert darüber, nicht selbst darauf gekommen zu sein. Er befahl, die Falltür zu öffnen. Mit vereinten Kräften wuchteten die Beamten den Deckel hoch. Ein dunkler Abgrund klaffte zu ihren Füßen.
Harry Dickson kniete am Rand nieder und ließ das Licht seiner Taschenlampe in die Finsternis gleiten. Plötzlich entfuhr ihm ein kurzer Schrei.
»Hier ist er!«
»Wer?«, fragte Ali Pascha ungeduldig.
»Mr. Edwin Dudleigh.«
Ein gellender Schrei entwich Bakers Kehle, bevor er ohnmächtig in die Arme eines Polizisten sank. Ein Schauder des Grauens ergriff die Anwesenden. Harry Dickson griff in den gähnenden Schacht und zog mit übermenschlicher Anstrengung etwas Entsetzliches hervor: Er hatte die Leiche an den Haaren gepackt und hievte den Kopf langsam über den Rand der Zisterne. Die Polizisten halfen ihm, den durchnässten, algenbedeckten Körper ganz aus dem Schacht zu ziehen. Dickson richtete den Lichtstrahl auf den Toten.
Es war tatsächlich der alte Mann: Die markante Narbe auf seiner Stirn ließ keinen Zweifel zu. Doch der Anblick war grauenvoll. Der Mörder musste mit bestialischer Gewalt vorgegangen sein; das Hinterhaupt war nur noch eine klebrige, blutige Masse – als hätte ein Monster mit einer Keule auf ihn eingeschlagen, bis der Schädel zertrümmert war.
»Nun, Baker? Wagen Sie es angesichts dieses Opfers immer noch zu leugnen?«, herrschte Ali Pascha den wie gelähmt wirkenden Drogisten an. »Gestehen Sie, dass Sie ihn erschlagen und in diesen Kanalarm geworfen haben!«
»Ich war es nicht!«, stammelte Baker und verbarg sein Gesicht hinter den Händen. »Ich schwöre bei Gott, ich bin unschuldig! Der Kanal fließt unter meinem Keller hindurch. Er muss draußen ermordet und ins Wasser geworfen worden sein. Die Strömung hat ihn hierher getrieben.«
»Und warum liegt er dann genau unter Ihrer Falltür?«
»Das ist leicht zu erklären«, schaltete sich Dickson ein. »Der Körper hat sich an den Sprossen der Eisenleiter verfangen. Es ist also durchaus möglich, dass die Tat außerhalb geschah. Um sicherzugehen, sollten wir das Becken weiter sondieren. Vielleicht steckt hier auch die Leiche des Händlers aus Plymouth im Schlamm fest. Sollte das der Fall sein, wäre bewiesen, dass beide Opfer auf dieselbe Weise hier entsorgt wurden.«
Mit langen Stangen tasteten die Polizisten den Grund ab. Plötzlich stieß einer von ihnen einen Schrei aus: »Ich spüre noch eine Leiche!«
Dickson übernahm die Stange selbst. »Der Beamte hat recht. Wir brauchen Eisenhaken.«
Nachdem Werkzeug aus einer nahen Schlosserei geholt worden war, gelang es den Männern mit großer Mühe, einen zweiten Körper emporzuhieven. Wenn der erste Tote Entsetzen ausgelöst hatte, so sorgte dieser für nackte Bestürzung. Die Verwesung war bereits weit fortgeschritten. Dennoch war erkennbar, dass es sich um einen wohlhabenden Europäer handelte: der vermisste Händler aus Plymouth.
Auch er war auf dieselbe bestialische Weise durch Schläge auf den Hinterkopf ermordet worden. Um ihn unter Wasser zu halten, waren seine Taschen mit Kieselsteinen beschwert worden. Ohne Dicksons Geistesgegenwart wäre dieses Rätsel wohl nie gelöst worden.
Trotz der Beweislast beteuerte Baker weiterhin lautstark seine Unschuld. Doch außer Harry Dickson schenkte ihm niemand Beachtung. Ali Pascha ließ Baker sofort in Eisen legen. Die Leichen wurden abtransportiert, der Laden polizeilich versiegelt.
Der Polizeichef war überglücklich. In seinem Büro rieb er sich die Hände. Er bildete sich ein, dem berühmten Detektiv Harry Dickson in nichts nachzustehen. Er sorgte umgehend dafür, dass ein glorifizierender Bericht in den Zeitungen erschien, der seine eigenen Verdienste hervorhob. Für ihn war der Fall Dudleigh abgeschlossen – sein Ruhm schien gesichert, auch wenn Dickson angekündigt hatte, seine Nachforschungen fortzusetzen.
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