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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 10 – 7. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 10
Der Mann mit den sieben Frauen
7. Kapitel
Sherlock Holmes’ Schattenanzug

»Wach auf, Harry, es ist Zeit!«

Sherlock Holmes musste seinen jungen Famulus kräftig schütteln, bevor dieser die Augen aufschlug und sich auf seinem Lager aufrichtete.

Und Sherlock Holmes hatte an diesem Abend darauf bestanden, dass Harry sich zeitig niederlege, da er glaubte, dass er in der Nacht viel zu tun bekommen würde.

»Ist es denn schon Mitternacht?«, fragte Harry, indem er sich die Augen rieb.

»Es fehlt noch eine Viertelstunde bis zwölf Uhr«, gab Sherlock Holmes zur Antwort, »aber da Geister die Angewohnheit haben, um Mitternacht ihr Grab zu verlassen, um in einem alten Gemäuer umher zu spuken, dürften auch die Gespenster dieses Schlosses zu finden sein!«

Vorwärts, Harry! Lege dir nun den Schattenanzug an. Ich trage ihn bereits, wie du siehst!«

Der Schattenanzug, der sowohl bei Detektiven als auch bei Verbrechern üblich ist, ist eine Erfindung von Sherlock Holmes.

Er besteht aus einem schwarzen Trikot, das den Körper vom Hals bis zu den Füßen bedeckt, und einer schwarzen Kapuze, die fest am Kopf anliegt. Das Gesicht wird durch eine dunkle Maske bedeckt, sodass nur die Augen und der Mund frei bleiben.

Ein Mensch, der sich in der Nacht in einem dunklen Raum in diesem Anzug bewegt, hebt sich absolut nicht vom dunklen Hintergrund ab. Und wenn er damit, wie es bei Sherlock Holmes der Fall war, noch absolut lautlose Schritte verbindet, so kann er sich in einem Raum, in dem sich eine andere Person befindet, bewegen, ohne von dieser bemerkt zu werden.

Sherlock Holmes hatte mit dem Schattenanzug die besten Erfahrungen gemacht.

So war es ihm schon gelungen, manchem Verbrecher nachzuschleichen, ohne dass dieser eine Ahnung davon hatte.

Leider wurde die geniale Erfindung später von Verbrechern selbst benutzt. Einer der berühmtesten Hoteldiebe schlich sich nachts im Hotel von Stockwerk zu Stockwerk in einen solchen Anzug, schlich sich in offen stehende Zimmer hinein oder öffnete sich die Türen mit Nachschlüsseln. Da er nicht wahrgenommen werden konnte, stahl er auf diese Weise bedeutende Summen und wertvolle Kleinodien.

Doch damals war der Schattenanzug noch ausschließlich Eigentum von Sherlock Holmes und es gab nur zwei Exemplare davon.

Eines für den berühmten Detektiv und eines für seinen Famulus Taxon.

Harry zog nun so schnell wie möglich seinen Schattenanzug an.

Sherlock Holmes hatte derweil auf seiner Brust eine kleine schwarze Blendlaterne mit elektrischer Zündung an einem schwarzen Band befestigt. Er überzeugte sich, dass er in einer Tasche, die an einem schmalen, schwarzen Gürtel hing und natürlich ebenfalls ganz in Dunkelheit gehüllt war, einen Revolver, einen Schlagring und sein Dolchmesser trug. Dann winkte er Harry zu und beide verließen durch die lautlos geöffnete Tür ihre Gemächer.

Sherlock Holmes schritt voran.

Er ging immer gebückt und war stets zum Sprung bereit.

Die Blicke des Detektivs durchdrangen die Finsternis auf den Treppengängen, denn seltsamerweise lag das gesamte Schloss in tiefem Dunkel.

Selbst die Korridore wurden nicht von einem einzigen Lichtstrahl beleuchtet.

Über eine schmale Wendeltreppe ging es nun hinauf.

Sherlock Holmes zweifelte nicht daran, dass er auf diesem Weg zum Turmgemach gelangen würde.

Und das wollte er vor allen Dingen betreten.

Er erinnerte sich daran, dass die unglückliche Mary Halton ihm in ihrem Brief geschrieben hatte, Lord Dungrave habe ihr strikt verboten, die Schwelle des Turmgemachs zu überschreiten. Auch der Versuch des Lords, dem Detektiv die alte Sage aufzutischen, wonach jeder, der das Turmgemach betritt, sterben müsse, bewies Sherlock Holmes, dass es mit dem Gemach dort oben eine eigene Bewandtnis haben müsse und Lord Dungrave wohl guten Grund habe, jeden Fremden von diesem Turmzimmer fernzuhalten.

Nun hörte die Treppe auf.

Sherlock Holmes spürte, dass er wieder glatten Boden unter den Füßen hatte.

Er gab Harry nun einen Wink, ruhig stehen zu bleiben.

»Die Säule machen«, nannte es Sherlock Holmes, wenn er oder sein Famulus wie zu Stein erstarrt dastanden.

Dann hielten sie den Atem an und verharrten in absoluter Bewegungslosigkeit.

Sherlock Holmes spannte sein Gehör nun auf das Äußerste.

In dem Raum, in dem er sich befand, war kein Laut zu hören.

Der Detektiv zog die Luft durch die Nase, denn er besaß die Kunst, die Nähe eines Menschen zu wittern wie ein Jagdhund, der sein Wild selbst in weiter Entfernung aufspürt, weil er es riecht.

»Es ist niemand hier«, sagte Sherlock Holmes mit Bestimmtheit.

Dann drückte er auf einen kleinen Knopf seiner Blendung, und ein scharfer Lichtstrahl brach sich durch die geschlossenen Gläser der Laterne Bahn und irrte wie ein Blitz im Raum umher.

»Der Koffer!«, stieß Sherlock Holmes hervor und zeigte dabei auf einen großen, ledernen Koffer, der sich etwa zehn Schritte von ihm und Harry Taxon entfernt zwischen dem Gebälk eines Ausbaus erhob.

»Da haben wir ja gleich die beste Gelegenheit, den kleinen Dandy zu befragen und von ihm zu hören, was er bisher erfahren hat.«

Sherlock Holmes machte einige Schritte auf den Koffer zu, riss Harry jedoch plötzlich zurück und deutete auf eine Gestalt, die in einer Fensternische auf einem Strohsack lag.

Im selben Moment ertönte lautes Schnarchen. Der Mann auf dem Strohsack schlief fest und regte sich nicht, als Sherlock Holmes dicht vor ihm stand, sich über ihn beugte und ihm mit der Laterne ins Gesicht leuchtete.

»Das ist ja ein alter Bekannter!«, flüsterte Sherlock Holmes Harry Taxon zu. »Das ist Nick Dower aus England, der Helfershelfer dessen, der den Mord an Mrs. Mary Halton begangen hat.«

Von diesem guten Mann haben wir, wie ich sehe, nichts zu befürchten. Drei leere Flaschen liegen hier an seinem Lager.

Sie waren offenbar mit Gin gefüllt, und dieser Unmensch hat sie wahrscheinlich in kurzer Zeit alle drei ausgetrunken.

Jetzt hat er einen solchen Kanonenrausch, dass man ihn über dem Höllenfeuer rösten könnte, ohne dass er erwachte.

Lassen wir ihn also und holen wir unseren kleinen Dandy aus dem Koffer.

He, Dandy! Junge, hörst du mich?«

»Schon längst, Mr. Sherlock Holmes«, lautete die Antwort aus dem Koffer, die mit munterer, wenn auch leiser Stimme gegeben wurde.

»Wie ist dir denn zumute?«

»Oh, danke, ganz gut, Mr. Sherlock Holmes.«

»Ist die Luft immer noch im Koffer rein?«

»Ich wünsche mir keine bessere Luft, ich habe nur furchtbaren Hunger jetzt!«

»Natürlich«, erwiderte Sherlock Holmes mit einem leisen Lächeln, »er hat immer Hunger. Nun, Junge, du sollst sogleich essen dürfen, so viel du möchtest, denn ich habe in meinem Zimmer für dich vorgesorgt.

Doch jetzt muss ich deinen Koffer aufschließen – verdammt – welches Pech, ich habe das Bündel mit den Nachschlüsseln in meinem Zimmer vergessen, an dem sich auch der Schlüssel befindet, der diesen Koffer aufschließt!

Harry, lauf schnell hinunter und bring mir den Schlüssel, aber nur ihn allein, die anderen brauche ich nicht.

Du erkennst den Schlüssel an einer kleinen Kerbe, die ich in den Bart hineingefeilt habe!«

Harry ließ sich diesen Befehl nicht zweimal geben. Seine dunkle Gestalt glitt durch den Bodenraum, und er verschwand die Treppe hinab.

»Dandy«, flüsterte Sherlock Holmes, der sich am Koffer niedergekauert hatte, »hast du irgendetwas gehört?«

»Ja, Sir, zwei Männer sprachen miteinander!«

»Wann?«

»Es mögen wohl drei Stunden her sein. Die Stimme des einen kenne ich. Ich verwette meinen Kopf gegen eine Haselnuss, dass es Nick Dower gewesen ist, der hier mit dem zweiten Mann gesprochen hat!«

»Du bist ein famoser Junge, Dandy – woher kennst du denn Nick Dower?«

»Oh, Sir, ich habe ihn oft genug mit einer Gänsefeder in der Nase gekitzelt, wenn er betrunken im Straßengraben lag. Oder ich habe zugesehen, wie die anderen Straßenjungen ihm die Haare zu einem Zopf flochten und am Ende dieses Zopfes eine lebende Ratte befestigten.

Er hat sich dann die Haare kurz schneiden lassen, um uns den Spaß zu verderben – dieser gemeine Mensch! Ja, er war es, Sir, er war es ganz gewiss!«

»Ja, er war es in der Tat, mein Junge. Den anderen aber, mit dem er sprach, kanntest du nicht, das weiß ich.

Wovon sprachen denn die beiden Männer?«

»Vom Güterboden der Great Northern Railway! Sie sagten, dass sie dort eine junge Frau getötet hätten – aber Nick Dower hat es nicht getan, sondern der andere. Nick Dower hat nur die Eisenstäbe vor dem Fenster durchgefeilt, das Fenster eingedrückt und ist dann zuerst hineingesprungen, um dem anderen hineinzuhelfen!«

»Ganz, wie ich es mir gedacht habe«, murmelte Sherlock Holmes vor sich hin.

»Doch, was hast du denn noch erlauscht, Dandy?«

»Nick Dower ist kein Dummkopf. Er verlangt 1000 Pfund Sterling, sonst will er pfeifen!«

»Und der andere …«

»Hat sie ihm versprochen. Nick Dower durfte derweil so viel Gin trinken, wie er wollte – morgen früh soll er die 1000 Pfund Sterling bekommen!«

»Ja, wenn er morgen früh noch am Leben wäre«, stieß Sherlock Holmes hervor.

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