Das Phänomen der Irminsul
Das Phänomen der Irminsul
Weltenachse und historisches Rätsel
Bei Recherchen zum Sachsenkönig Wittekind stieß ich auf dieses interessante Phänomen, ging der Sache nach und fand einige sachdienliche Hinweise, die in diesem Beitrag Erwähnung finden sollen.
Abseits der urbanen Zentren und der im Aufstieg begriffenen christlichen Sakralarchitektur des frühmittelalterlichen Kontinentaleuropas existierte im achten Jahrhundert ein monumentales Zeugnis heidnischer Religiosität, das sich jeder klassischen Kategorisierung entzieht. Die altsächsischen Stämme verehrten mit der sogenannten Irminsul ein freistehendes, mächtiges Holzmonument, das ihnen nicht bloß als sakraler Bezugspunkt, sondern als kosmisches Zentrum und metaphysischer Angelpunkt des gesamten Firmaments galt. Für das expandierende Frankenreich unter König Karl dem Großen stellte dieses Kultobjekt hingegen das gravierendste Sinnbild eines unnachgiebigen, heidnisch motivierten Widerstandswillens dar – ein spirituelles Bollwerk, dessen Tilgung sowohl aus militärstrategischer als auch aus universaltheologischer Notwendigkeit geboten schien.
An der Schnittstelle von altsächsischer Kosmologie, quellenkritischer Mediävistik und neuzeitlicher Mythenbildung nimmt das Heiligtum bis heute eine bemerkenswerte Sonderstellung ein. Aus wissenschaftlicher Sicht wirft dies grundlegende Fragen auf: Inwieweit lässt sich die sogenannte All-Säule als greifbare historische Realität rekonstruieren, und an welchem Punkt weicht der materielle Befund einer retrospektiven, ideologisch überformten Konstruktion mittelalterlicher sowie moderner Geschichtsschreibung?
Etymologisch lässt sich die Bezeichnung Irminsul aus den altsächsischen Wortstämmen ableiten: irmin (was für erhaben, mächtig oder universal steht und in der älteren Forschung bisweilen auch mit einer gleichnamigen germanischen Gottheit assoziiert wurde) und sul (Säule oder Pfeiler). Diese sprachliche Synthese verdeutlicht bereits den übergeordneten Anspruch des Objekts. Eine der maßgeblichen und wirkmächtigsten zeitgenössischen Charakterisierungen verfasste der Fuldaer Gelehrte Rudolf von Fulda im 9. Jahrhundert im Rahmen seiner Schrift Translatio sancti Alexandri. Dort hielt er fest, die Sachsen verehrten unter freiem Himmel einen aufrecht stehenden Baumstamm von nicht geringer Größe, den sie in ihrer Sprache als Irminsul bezeichneten – im Lateinischen definiert als »universalis columna, quasi sustinens omnia«: eine universale Säule, die gleichsam das gesamte Himmels- und Weltgefüge stützt.
Aus religionshistorischer und ethnologischer Perspektive erfüllte das Denkmal damit prototypisch die Funktion einer Axis Mundi, vergleichbar mit der aus der altnordischen Kosmologie bekannten Weltenesche Yggdrasil. Im Unterschied zu diesem rein mythischen, lebenden Baum handelte es sich bei der Irminsul jedoch allem Anschein nach um ein anthropogen geformtes, gezielt aufgerichtetes Holzmonument, das fest in der Kultpraxis verankert war. Der Glaube an eine physische oder symbolische Stütze des Himmelsgewölbes ist ein weitverbreitetes Motiv indoeuropäischer Kosmogonien. Es war eng verknüpft mit der existentiellen Furcht, ein Einsturz oder Brechen der Säule müsse unweigerlich das Herabstürzen des Firmaments und somit den totalen kosmischen Kollaps nach sich ziehen.
Diese metaphysische Aufladung prädestinierte den Standort der Irminsul zum unumstrittenen kultischen und gesellschaftspolitischen Gravitationszentrum der sächsischen Teilstämme. Hier flossen sakrale Handlungen und weltliche Führungsstrukturen zusammen: Es wurden jahreszeitliche Opferriten vollzogen, Stammesversammlungen abgehalten und kostbare Votivgaben deponiert, um die Gunst der Götter zu sichern und das kosmologische Gleichgewicht zu bewahren.
Das physische Ende des Heiligtums markierte zugleich den Auftakt zu einem der blutigsten Konflikte des Frühmittelalters: den Beginn der Sachsenkriege unter Karl dem Großen im Sommer 772. Der erste großangelegte Feldzug des fränkischen Herrschers zielte keineswegs zufällig auf diesen Ort, sondern traf mit präzisem Kalkül das kultische und identitätsstiftende Herz des Gegners.
Den Aufzeichnungen der fränkischen Reichsannalen (Annales regni Francorum1 zufolge drang das karolingische Heer tief in sächsisches Territorium vor, eroberte die strategisch bedeutsame Eresburg und rückte unmittelbar darauf zur nahegelegenen Kultstätte vor. Die Irminsul wurde auf Befehl des Königs vollständig niedergerissen und zerstört, während die vor Ort akkumulierten Edelmetallschätze der fränkischen Kriegsbeute zufielen. Um diesen Akt der Desakralisierung auch heilsgeschichtlich zu legitimieren, reicherten die fränkischen Chronisten den Bericht mit einem demonstrativen Mirakelmotiv an: Eine das fränkische Heerlager quälende sommerliche Dürre sei exakt in jenem Moment beendet worden, als das heidnische Idol fiel – durch das plötzliche, wundersame Entspringen einer frischen Wasserquelle. Diese theologische Stilisierung transportierte eine eindeutige Botschaft: Der Gott der Christen beanspruchte den uneingeschränkten Sieg über die alten Mächte und sanktionierte das karolingische Vorgehen als gerechten Triumph.
Dass die Irminsul dabei durch Feuer vernichtet wurde, stützt die historische Annahme ihrer hölzernen Beschaffenheit. Der von den Sachsen gefürchtete Einsturz des Himmelsgewölbes blieb zwar aus, doch erwies sich die Vernichtung dennoch als epochale Zäsur. Aus den Trümmern des Monuments erhob sich kein kosmischer Untergang, wohl aber eine drei Jahrzehnte währende Phase erbitterten Krieges, gewaltsamer Unterwerfung und systematischer Zwangschristianisierung, die das Wesen des sächsischen Raumes für immer verändern sollte.
Da das Heiligtum im Zuge des karolingischen Bildersturms restlos beseitigt wurde und bis heute verlässliche archäologische Fundamente fehlen, bleibt die exakte geographische Verortung der Irminsul ein anhaltender Streitpunkt der historischen Forschung
Die überwiegende Mehrheit der Mediävisten lokalisiert die Kultstätte im unmittelbaren Umkreis der Eresburg im heutigen sauerländischen Marsberg. Die Primärquellen verknüpfen die Einnahme dieser Flucht- und Grenzfeste chronologisch und topographisch so eng mit der Zerstörung des Heiligtums, dass ein Standort auf dem Höhenplateau des heutigen Obermarsbergs oder in dessen direkter Peripherie als historisch am wahrscheinlichsten gilt.
Eine weitaus populärere, wissenschaftlich jedoch unhaltbare These verlegt den Standort an die markante Sandsteinformation der Externsteine im Teutoburger Wald. Diese Verknüpfung entsprang vor allem den völkischen, neuromantischen und pseudowissenschaftlichen Strömungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Besondere Bedeutung erlangte dabei das dortige monumentale, im 12. Jahrhundert geschaffene Felsrelief der Kreuzabnahme: Eine am Fuß des Kreuzes eingemeißelte, stilisierte Palmblatt- bzw. Akanthusverzierung wurde dabei spekulativ als die herabgebogene, gleichsam vor dem Kruzifix geknechtete Irminsul interpretiert. Aus kunsthistorischer Sicht ist dies eindeutig widerlegt; es handelt sich um ein zeittypisches, aus der byzantinischen Ikonographie entlehntes Motiv des überwundenen Paradiesbaumes (Lebensbaumes) ohne jeden Bezug zur sächsischen Spätantike oder zum Frühmittelalter. Dennoch erweist sich diese visuelle Assoziation in der modernen Populärkultur als überaus langlebig.
Darüber hinaus wurden in der älteren Forschungsliteratur immer wieder auch alternative Orte wie die Iburg bei Bad Driburg oder die Karlsschanze im Eggegebirge diskutiert, ohne dass sich für einen dieser Standorte schlüssige materielle Nachweise hätten erbringen lassen.
Mit dem physischen Verlust des realen Holzmonuments vollzog sich dessen Transformation zu einem wirkungsmächtigen literarischen und mythologischen Ort. Die Irminsul wandelte sich im Verlauf der Jahrhunderte von einem eng umgrenzten regionalen Kultobjekt zu einem universellen Archetypus: Sie fungiert heute als Symbol für das Aufeinandertreffen archaisch-naturverbundener Religiosität und expansionistischer, imperialer Reichsideologie.
In der modernen Fantasyliteratur, in Videospielen sowie in klassischen Pen-&-Paper-Rollenspielsystemen begegnet das Motiv des gefährdeten Weltenbaums oder der tragenden Kosmossäule in zahllosen Variationen. Das wissentliche Fällen, Verbrennen oder Korrumpieren dieser spirituellen Ur-Achse dient narrativ häufig als dramatischer Wendepunkt – als Katalysator, der das unwiederbringliche Vergehen eines magischen Zeitalters einleitet oder die Protagonisten in eine zersplitterte, entzauberte Welt entlässt.
Die Zerstörung der Irminsul durch Karl den Großen im Jahr 772 führte somit paradoxerweise zu ihrer dauerhaften Entmaterialisierung: Weit über ihren realen Zerstörungsort und den historischen Kontext der Sachsenkriege hinaus hat sich die sächsische Himmelsstütze als tief verankerte Metapher für den Verlust von Urvertrauen, Identität und kosmischer Ordnung in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben.

Schreibe einen Kommentar