Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 37
Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung
XI.Bolkenhain und Schweinhaus
11. Burg Schweinhaus
Auf dem Abhange des Steinberges bei Bolkenhain liegen die Ruinen der großen Burg Schweinhaus. Diese soll böhmischen Ursprungs sein und ihren Namen vom Erbauer, Ritter Biwoy Swinka (Schweinchen), erhalten haben. Sie ist die Stammburg derer von Schweinichen und wurde wahrscheinlich schon vor dem 10. Jahrhundert erbaut. Nach einer anderen Sage soll die Burg Swinia (Schwein) geheißen haben. Als die deutsche Sprache und das deutsche Recht in Schlesien Eingang fanden, schrieb man den Burgnamen Schwein und setzte die Bezeichnung Haus daran, wie dies auch bei Bolkohaus, Lähnhaus, Neuhaus usw. geschah. Diese Auffassung hält einen des steirischen Geschlechts der Schweinepöckchen von Haus für den Erbauer der Burg. Derselbe führte eine silberne Sau im roten Schilde, wie die späteren Ritter von Schweinichen.
12. Die Entstehung der Burg Schweinhaus
Im Jahre 1716 soll Kroks jüngste Tochter, die Gründerin von Prag, die fürstliche Seherin Libuscha (Libussa), in der Gegend von Bolkenhain eine große Jagd abgehalten haben. Als man im dichten Urwald an der Stelle angekommen war, welche heute die Ruinen von Schweinhaus decken, brach aus dem Dickicht ein mächtiger Keiler (Eber) hervor und rannte auf die Fürstin zu. Der tapfere Ritter Biwoy stand jedoch neben seiner Gebieterin und warf sich dem wütenden Tiere entgegen. Zwar zerbrach sein Jagdspeer, er erfasste den Keiler jedoch mit bloßen Händen, überwand ihn und legte die Beute zu den Füßen der schönen Fürstin. Diese war über den Mut und die Kraft des Ritters erstaunt und entzückt. Sie reichte ihm gnädig die Hand zum Kuss, gab ihm ihre Schwester Kascha zur Gemahlin und nannte ihn Swinka. Das gesamte bejagte Terrain gab Libuscha dem Ritter zu eigen – mit der Bedingung, dass die Ritter, welche einen Eberkopf (die Schweinichen) im Wappen führen, an dem Platze eine Burg erbauen sollten, wo der Keiler ihr Leben bedroht hatte. Die Burg wurde erbaut; sie soll zu Ehren der Fürstin, welche die 101. ihres Stammes war, hunderteins Fenster gehabt und zu Ehren des wackeren Ritters den Namen Swinkahaus (Schweinhaus) bekommen haben.
13. Hans von Schweinichens Brautfahrt
Der Burgherr von Schweinhaus, Hans von Schweinichen (geb. 27. Juli 1522), lag mit seinem Nachbarn, dem Burgherren Czedliß auf Bolkenhain, seit langer Zeit in Fehde. Einer schnappte dem anderen immer die beladenen Lastwagen vor der Nase weg und führte sie als willkommene Beute auf seine Burg. Der junge Schweinichen wollte diesen ewigen Reibereien mit einem Schlag ein Ende machen und beschloss deshalb, die Bolkoburg zu überfallen. Er rüstete ein Fähnlein wackerer Knappen aus und sandte es zum Sturm gegen den Bolkenhainer ab. Er selbst versuchte mit einigen auserlesenen Leuten durch den unterirdischen Gang, der Schweinhaus und Bolkenhain verband, die feste Burg des Gegners zu erreichen. Als er auf dem finsteren Pfade ein großes Stück vorgedrungen war, vernahm er Mädchengesang. Seine Begleiter hielten diesen für Geisterspuk und rieten zur Umkehr. Hans lachte jedoch darüber und schwor, Bolkenhain zu nehmen, selbst wenn es von Geistern bewacht sei, die noch schöner sängen als die Engel. Mit einem kräftigen Schlag stieß er die Tür ein, die ihm den Weg versperrte, und stand in einem hellerleuchteten Zimmer. Dort saß ein reizendes Edelfräulein und sang mit allerliebster Stimme zur Zither. Hans erkannte in ihr sofort Adelgund, das Töchterlein seines Gegners, nach welcher der junge Herzog von Schweidnitz trachtete. Czedliß hatte sein Kind deshalb in sicheres Gewahrsam gebracht. Adelgund war der unterirdische Aufenthalt jedoch unerträglich, und sie bat den jungen Schweinichen, ihr einen Ausweg zu zeigen. Kaum hatte Hans höflich zu sprechen begonnen, da öffnete sich eine geheime Tür in der Wand und Czedliß, Adelgunds Vater, sprang mit blankem Schwert auf den Eindringling los. Er schalt ihn einen feigen Mädchenräuber und griff ihn mit der Waffe an. Hans wehrte den Wütenden ab und Adelgund bemühte sich, dem Vater eine Erklärung zu geben. Endlich stieß Hans Schweinichen seine Waffe zu Boden und sagte dem grimmigen Gegner, dass er einen Überfall auf seine Veste geplant hatte und ihn nur der Zufall in das unterirdische Gemach geführt habe. Czedliß schüttelte ungläubig den Kopf; das Knarren der Burgtore bewies ihm jedoch, dass wirklich ein Feind anrückte. Ehe er wieder zum Schwert greifen konnte, bot Schweinichen ihm die Hand zum Friedensschluss und verlangte Adelgund zum Weibe. Der Burgherr von Czedliß besann sich lange, sah sein Töchterlein an, das bang seinen Worten lauschte, und schlug endlich in Schweinichens dargebotene Rechte ein. Die langjährige Fehde war zu Ende. Adelgund wurde Ritter von Schweinichens Weib, und fortan lebten der Schweinhauser und der Bolkenhainer in Frieden und Freundschaft.
14. Die tapferen Zecher
Zwei Herren aus dem Geschlecht derer von Schweinichen waren als hervorragende Zecher bekannt. Obwohl sie zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten lebten, stehen sie in der Sage doch nahe zusammen.
Der 110 Jahre alt gewordene (1495 gestorbene) Burgmann von Schweinichen, Burgherr auf Schweinhaus, soll einen so gewaltigen Durst gehabt haben, dass er es mit jedem Zecher aufnahm. Sein Humpen, welcher zwei Maß fasste, wird noch heute aufbewahrt. Der alte Zecher ist in Lebensgröße in Stein abgebildet und in der Gemeindekirche zu Schweinhaus (links vom Altar) aufgestellt.
Der andere berühmte Zecher war Georg Wilhelm von Schweinichen, von welchem die Sage berichtet, dass er im Jahre 1740 auf dem Schloss Herrn-Motschelnitz einen Polen unter den Tisch getrunken habe. Der Pole hatte nämlich geprahlt, jeden Deutschen unter den Tisch zu trinken. Schweinichen hörte diesen Ausspruch und forderte den Prahler zu einem Wetttrinken auf. Er setzte 1000 Dukaten gegen die sechsspännige Equipage des Polen. Obwohl schon vier Stunden an der Tafel gezecht worden war, trank Schweinichen zwanzig Flaschen Ungarwein. Der Pole trank ihm eine Flasche nach der anderen nach und lachte. Schweinichen lachte jedoch auch, ließ einen Pferdeeimer holen, füllte diesen mit herrlichem Rheinwein und bot ihn seinem Gegner an. Als dieser jedoch den Kopf schüttelte, ergriff er den Eimer und trank ihn, ohne abzusetzen, bis auf den letzten Tropfen aus. Der Pole glaubte nun, den Teufel vor sich zu haben, gab die Wette verloren und eilte davon. (Am Stall zu Herrn-Motschelnitz zeigt man ein auf die Wette bezügliches Bild).
15. Heinrich von Schweinichen
Vom Burgherren Heinrich von Schweinichen auf Schweinhaus wird erzählt, dass er nur in Grüssau und Leubus besiegbar gewesen sei. Er lebte um das Jahr 1350 und war ein Freund der Herzöge Boleslaus (III.) von Liegnitz und Nicolaus von Münsterberg. Weder Lanze noch Schwert sollen ihn jemals zu Fall gebracht, weder Fürstenungunst noch Priestertadel ihn niedergebeugt haben. Was jedoch keinem Menschen gelang, das brachten die Brüder Kellermeister in Grüssau und Leubus zustande, wenn sie von dem Besten ihres Kellers gewaltige Opfer brachten.
16. Der Burgschutz
Die Burg Schweinhaus soll es dem Spruch über ihrem Portal verdanken, dass sie im Dreißigjährigen Krieg unbelästigt geblieben ist. Der Spruch lautet:
Das Säulein ist am Hofe zum Schmaus,
Beim Kaiser beliebt und beim König,
Drum, Kaiserlicher, verschone sein Haus,
Drum, Schweden, tut ihm wenig.
Der schlaue Burgherr, welcher das Sprüchlein über den Burgeingang setzte, hieß Adam von Schweinichen und soll kaiserlicher Gesandter in Schweden gewesen sein.
17. Der verdiente Nachttrunk
Von dem im Jahre 1599 gestorbenen Hans von Schweinichen auf Schweinhaus wird erzählt, dass er sich jeden Abend seinen Nachttrunk verdienen musste. Der Burgherr war zur evangelischen Religion übergetreten und hatte eine Gemahlin (Barbara von Rothkirch), welche ihn jeden Abend einen Bibelspruch lehrte und ihm den Nachttrunk nicht eher verabreichte, bis er den Spruch geläufig aufsagen konnte.
18. Der Rettig
Der Rettig wird der alte Rittersaal auf der Burg Schweinhaus genannt. Man sagt, dass er diesen Namen von einem Besitzer habe, welcher um das Jahr 1455 lebte und seines großen Durstes wegen der Rettig genannt wurde.
19. Sigesmund von Schweinichens Testament
Um das Jahr 1650 war Hans Sigesmund von Schweinichen Burgherr auf Schweinhaus. Er soll ein wunderlicher Kauz gewesen sein, der ehelos, der Schwenkfeldischen Sekte angehörig und menschenscheu war. Als sein Testament geöffnet wurde, soll es nur aus folgendem Vers bestanden haben:
Wenn ich werd’ gestorben sein,
Sollt Ihr mich begraben sein;
Doch nicht mit Fressen und Saufen,
Wie ihr pflegt Eure Kinder zu taufen,
Sondern sanft und stille;
Das ist mein letzter Wille.
20. Der Totengräber Böer zu Bolkenhain
Im Jahre 1595 soll sich der Totengräber Martin Böer zu Bolkenhain grässlicher Verbrechen schuldig gemacht haben. Er wurde überführt, das Fleisch und Fett von den Leichen genommen, geschmolzen und verkauft zu haben. Böer wurde hingerichtet, und sein Geist soll noch heute auf dem alten Friedhof nächtlich sein Unwesen treiben.
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