Der Welt-Detektiv – Band 14 – 1. Kapitel
Der Welt-Detektiv Nr. 14
Opir, das Gespenst der Nacht
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
1. Kapitel
Der Schrecken von Arizona
Harry Taxon, einst Schüler des berühmten Sherlock Holmes, heute selbständiger Detektiv in New York, stand in freudiger Erregung am Kai und sah dem Ausbooten der Passagiere zu, die soeben den großen, aus England ankommenden Ozeanriesen verließen.
Der Weltdetektiv hatte seine Ankunft avisiert. Nun aber, wo bereits alle Passagiere das Schiff verlassen hatten, zweifelte Harry Taxon daran, dass der vergötterte Meister mitgekommen war. Harry erwartete den großen Meister diesmal nicht nur, um ein freudiges Wiedersehen mit ihm zu feiern, sondern auch aus anderen Gründen. Diese Gründe waren schwerwiegender Natur.
Im Südwesten der Vereinigten Staaten trieb seit einiger Zeit eine Banditenbande ihr Wesen. In Nevada und Colorado, hauptsächlich aber in Arizona stöhnten die Städte und Siedlungen unter dieser furchtbaren Plage.
Die Polizei versagte. Nicht, weil sie vielleicht nicht stark genug gewesen wäre, dem Treiben jener Mordbrenner, deren Anführer ein gewisser Opir war, Herr zu werden, sondern darum, weil sich in ihren eigenen Lagern Verräter befanden, die im Geheimen mit den Banditen im Bunde waren. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Bande, deren Geldmittel ganz enorme waren, zahllose Polizeileute bestochen hatte.
Wer aber mit den Schurken unter einer Decke steckte, wusste niemand, so dass auch die Regierung den Geschehnissen machtlos gegenüberstand. Tatsache war, dass jede Aktion gegen die Banden jenes Opir fehlschlug. Darum fehlschlug, weil sie eben vorher erraten wurde.
So trieben die Burschen nach wie vor in den Südweststaaten ihr Unwesen, raubten und plünderten und wurden unverschämter mit jedem Tage. Da hatte sich eine Anzahl Farmer geschlossen an Harry Taxon gewandt. Harrys Ruf als tüchtiger Detektiv war ja längst in den Staaten begründet.
Ihm hatten die schwer geschädigten Leute ihr Anliegen vorgetragen und beschworen, der Bande den Garaus zu machen. Die Belohnung, die man ihm für diese Tat bot, betrug 200 000 Dollar. Das war Harry Taxons größter Auftrag, den er je empfangen hatte.
Ohne Zögern reiste er nach Arizona, um aber bald genug zu erkennen, dass er als Einzelner gegenüber den organisierten Banden Opirs ohnmächtig war. Alles, was er auch gegen sie unternahm, endete mit einem Misserfolg.
Da wandte er sich funktelegraphisch an Sherlock Holmes, der nach wie vor in England sein Domizil besaß und jahraus, jahrein Ruhmestat auf Ruhmestat zu seinen bisherigen Sensationserfolgen häufte.
Kurz und bündig kabelte Sherlock Holmes:
Ich komme. Treffe in sechs Tagen mit LEVITHIAN in New York ein.
Und nun, heute, war die LEVITHIAN gekommen und hatte zweitausend Passagiere vom alten Kontinent herübergebracht. Nur der eine, der Heißerwartete, war nicht unter ihnen gewesen. Sherlock Holmes hatte sein Versprechen nicht eingelöst.
Völlig niedergeschmettert kehrte Harry nach Hause zurück. Seine junge Gattin hielt sich bei Verwandten in Philadelphia auf, war also nicht da, als Harry seine Wohnung betrat. Das war gut so, denn was hätte ihr Harry über des Meisterkriminalisten seltsames Verhalten für eine Erklärung geben sollen? Gleich in der Diele trat ihm das Dienstmädchen entgegen.
»Es ist Besuch gekommen, Mr. Taxon«, meldete es, »ein Herr und eine Dame, die Sie in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschen.«
Harry zeigte eine unwirsche Miene.
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass Sie jeden abweisen sollen?«
Das Mädchen nickte schuldbewusst.
»Gewiss, Mr. Taxon, aber die Herrschaften ließen sich nicht abweisen.«
Harry seufzte.
»Ich habe die Herrschaften ins Wartezimmer geführt«, murmelte das Mädchen.
»Der Teufel soll Sie frikassieren!«, knurrte er wütend. Dann aber ging er doch ins Wartezimmer. Es war leer. Harry konnte sich eines Verwunderungsrufes nicht enthalten. Litt das Dienstmädchen an Halluzinationen? Aber nein! Was lag denn dort drüben auf dem Sessel? Ein Kleid? Wahrhaftig, ein schwarzes Frauenkleid und darüber eine Haube! Eine Haube, wie sie Krankenschwestern zu tragen pflegen. Da war aber noch nicht alles. Neben der Vase auf dem Tisch lehnte ein weißes Etwas, das sich bei näherer Betrachtung als eine Perücke erwies. Daneben lag ein langer weißer Bart. Harry Taxon stand für Sekunden das Herz still. Er hatte eine Vision: Er stand am Kai und ließ seine Blicke über die letzte Gruppe der das Schiff verlassenden Passagiere gleiten. Als Letzte dieser Gruppe kam ein merkwürdiges Paar daher: Ein gebückter Greis und eine junge Krankenschwester, die ihn dann und wann stützt.
Harry eilte zur Seitentür, die in sein Arbeitszimmer führte. Er riss sie auf und …
»Hallo, Harry!«, scholl es ihm vergnügt entgegen. »Komm herein, alter Junge, und sage uns erst mal Guten Tag!«
»Mr. Holmes!«, schrie Harry, außer sich vor Freude. Ja, er war es. Behaglich saß er im Sessel und entlockte seiner Shagpfeife dicke, blaue Dampfwolken.
Neben ihm hatte Jonny Buston Platz genommen, des Weltdetektivs neuer junger Kamerad und Schüler. Beide lachten und winkten dem Eintretenden fröhlich zu. Dann gab es ein herzliches Händedrücken.
Doch Harry kam nicht dazu, seine Frage zu vollenden.
»Aber warum …«
»Weil wir gescheite Leute sind«, fiel ihm nämlich der Meister ins Wort. »Wären wir als Sherlock Holmes nebst Gehilfen nach Amerika gekommen, hätten morgen die Zeitungen diese Kunde in alle Welt hinausgeblasen. Und die Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, hätten beizeiten Vorsorge getroffen, dass mir bei der Arbeit nicht allzu leicht wird. So aber weiß kein Mensch etwas. Und dass unsere Masken gut waren, hast du uns am besten bestätigt.«
»Sie … Sie haben mich am Kai gesehen?«
»In deiner ganzen Größe«, schmunzelte Sherlock Holmes.
Harry wusste nicht, ob er sich freuen oder sich über sich ärgern sollte, aber schließlich stimmte er doch mit in das fröhliche Lachen ein. Eine halbe Stunde später lachte man jedoch nicht mehr. Da saß man mit ernsten Gesichtern in Harrys Arbeitszimmer und sprach über Opir und die Schandtaten, die er seit vielen Monaten mit seinen Banden im Südwesten der Staaten vollführte. Und je länger Harry berichtete, umso gefährlicher wurde das Leuchten in des Weltdetektivs Augen.
Wahrhaftig, das Maß dieser Schurken war zum Überlaufen voll. Es wurde Zeit, sie dorthin zu bringen, wo sie hingehörten: ins Zuchthaus!
Schreibe einen Kommentar