Archiv

Felsenherz der Trapper – Teil 03.2

Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 3
Der Kundschafter von Fort Kavett
2. Kapitel
Im Lager der Texaner

In einer tiefen Erdmulde des Buschstreifens saßen und lagen um zwei nur ganz schwach glimmende Feuer etwa dreißig sonngebräunte, bärtige Männer herum, sämtlich bewaffnet mit Doppelbüchse, Pistolen und langem Jagdmesser. Die Hälfte von ihnen trug eine Art Uniform; die anderen verrieten durch ihre Kleidung, dass sie Farmer aus den östlichen Teilen von Texas waren.

Einer der Uniformierten, der von den Übrigen mit Oberst angesprochen wurde, hatte soeben die Meldung eines Kundschafters entgegengenommen, den er vor zwei Stunden nach Westen vorausgeschickt hatte.

»Ich begreife nicht, wo Wilparson und Tobbler geblieben sein können«, meinte der Oberst nun zu den anderen, die gespannt den Bericht des Kundschafters mitangehört hatten. »Sie müssten doch längst zurück sein! Wir liegen hier nun bereits seit dem Nachmittag und haben noch nirgends frische, verdächtige Fährten bemerkt. Wilparson und Tobbler können also unmöglich einer mexikanischen Patrouille in die Hände gefallen sein.«

In demselben Augenblick hörte man den lauten Zuruf der am Rande des Buschwerks aufgestellten Wachen.

»Ah – es scheint irgendjemand zu kommen«, sagte Oberst Douglas, ein blonder, kräftiger Mann, mit erwartungsvoller Miene. »Vielleicht sind es unsere beiden Freunde. Werft ein paar trockene Äste ins Feuer, damit man …«

»Tut es lieber nicht!«, ließ sich nun eine tiefe Stimme vernehmen, und der junge Trapper Felsenherz, dessen wahrer Name Harry Felsen lautete, tauchte zwischen den Büschen auf.

Oberst Douglas war aufgesprungen. »Wer seid Ihr, Mann?«, fragte er rasch. »Und weshalb sollen die Feuer nicht für kurze Zeit heller brennen?«

Hinter Felsenherz erschien nun auch der Schwarze Panther, der mit jeder Hand den Körper eines bewusstlosen Apachen hinter sich her schleppte.

»Genügen euch die beiden Roten als Warnung?!«, erwiderte Felsenherz in seiner wortkargen Art. »Im Übrigen nenne ich mich Felsenherz, bin Westmann, und dies hier ist mein roter Bruder Chokariga.«

Die Texaner umdrängten die beiden Ankömmlinge. Viele Fragen wurden an sie gerichtet, bis Oberst Douglas schließlich bestürzt erklärte: »So sind Wilparson und Tobbler, die als Kundschafter vorausgeritten waren, also wirklich in Gefangenschaft geraten. Wir danken euch für eure Mitteilungen, Master«, wandte er sich direkt an Felsenherz. »Wenn vierhundert Apachen in der Nähe sind, tun wir gut daran, einen anderen Lagerplatz zu wählen. Wir sind nämlich morgens von Fort Kavett aufgebrochen, um festzustellen, ob die Mexikaner etwa mit einer größeren Truppmacht vom Rio Grande del Norte her im Anmarsch sind. Wie wär’s, Master, wollt ihr nicht als Kundschafter in unsere Dienste treten? Männer wie euch können wir immer gebrauchen. Und wenn der Schwarze Panther mit seinen Kriegern auf unsere Seite treten wollte, würde ich ihm zweihundert gute Büchsen und so viel Pulver und Blei versprechen, wie er nur wünscht.«

Der Comanchenhäuptling machte eine ablehnende Handbewegung. »Die Comanchen unterstützen die Bleichgesichter nicht. Die Bleichgesichter kommen immer zahlreicher über den Arkansas-Fluss, und der rote Sohn Manitus wird bald keine Stelle mehr haben, wo er seine Jagdzelte ungestört aufrichten kann. Ich habe gesprochen.«

»Na, vielleicht überlegst du es dir noch, Schwarzer Panther«, meinte der Oberst freundlich. »Die Apachen haben sich bereits für diesen Krieg von den Mexikanern erkaufen lassen. Und Ihr, Felsenherz? Wie ist’s? Lehnt auch Ihr ab?«

»Ich bin Pelzjäger. Und das bleibe ich«, erklärte der junge Trapper kurz.

Die beiden Apachen waren inzwischen gefesselt worden. Der Schwarze Panther hatte sich auf seine Büchse gelehnt und beobachtete regungslos, wie die Texaner sich zum Aufbruch rüsteten.

Der Oberst beugte sich nun über die beiden Apachen und sagte leise: »Ah, sie sind nicht mehr bewusstlos! Würde der Häuptling der Comanchen sie nicht einmal ausfragen, ob …«

Aus der Ferne war plötzlich der schrille Todesschrei eines Menschen bis hierher gedrungen. Chokariga horchte, ergriff dann Felsenherz’ Arm und zog ihn blitzschnell in die Büsche, wobei er den Texanern warnend zurief: »Die Bleichgesichter werden die Apachen sofort vor sich sehen!«

Im gleichen Moment erscholl auch bereits das gellende Kriegsgeschrei der roten Angreifer. Die Texaner hatten jedoch den Rand der Mulde noch besetzen können, warfen neues Brennmaterial in die noch glimmenden Feuer und empfingen die durch das Gesträuch zu Fuß heranstürmenden Apachen mit einer so gutgezielten Salve, dass der Angriff ins Stocken kam.

Der Schwarze Panther und Felsenherz hatten sich inzwischen, dicht an den Erdboden geschmiegt, in einer durch einen Gewitterregen ausgewaschenen Rinne dem Rand des Gehölzes genähert. Die Kugeln der Texaner pfiffen über sie hinweg. Der Mond war nun aufgegangen und hüllte die Prärie in ein milchiges, verschwommenes Licht.

Vor dem Comanchen tauchten die grell bemalten Gesichter dreier Apachen auf, die ebenfalls diese Erdfurche zum Anschleichen nutzen wollten. Der Vorderste stutzte, sprang auf die Füße und schwang den Tomahawk.

Felsenherz hatte sich schon flach am Boden vorwärtsgeschnellt, packte den Krieger bei den Beinen und riss ihn um. Bevor dieser jedoch völlig umgesunken war, fegte die zweite Salve der Texaner durch die Büsche. Eine Kugel ging durch die Krempe von Felsenherz’ Filzhut und traf den Apachen mitten in die Brust. Die beiden anderen waren bereits zurückgewichen. Das Angriffsgeschrei der Apachen war verstummt.

»Mein Bruder Harry möge unsere Pferde holen«, flüsterte der Häuptling nun. »Der Schwarze Panther wird ihm den Rücken decken. Die Prärie ist voll von Apachen.«

Felsenherz schlängelte sich durch das stellenweise recht hohe Gras davon. Die beiden Pferde standen in einem einzelnen Gebüsch, etwa dreihundert Meter südlich des Buschstreifens, in dem sich die Texaner befanden. Als der junge Trapper sich diesem Gebüsch bis auf dreißig Schritt genähert hatte, gewahrte er fünf Apachen, die hier gerade die beiden Pferde losbanden und wegzuführen versuchten.

Die gut dressierten Tiere keilten aus und bissen um sich. Unter den fünf Roten war einer, dessen riesige Gestalt, gewölbte Brust und muskelstrotzende Arme eine ungeheure Stärke verrieten. Felsenherz erkannte diesen Roten sofort an der Kette aus Bärenkrallen und -zähnen als den Oberhäuptling der Apachen, den weit und breit berüchtigten Großen Bären.

Der Apachenhäuptling hatte plötzlich seinen Tomahawk aus dem Gürtel gerissen und wollte ihn einem der Pferde vor die Stirn schmettern, weil er eingesehen haben mochte, dass die Tiere nicht wegzubringen waren.

Felsenherz sprang auf. Ein Griff, und er hatte das rechte Handgelenk des Großen Bären umspannt, riss ihm den Arm zurück und schlug ihm gleichzeitig mit der linken Faust von hinten gegen die Herzgrube, sodass der Apache mit ausgestrecktem Arm wie ein Sack zusammensank.

Die vier anderen drangen nun gleichzeitig auf den Trapper ein, wichen aber zurück, als dieser furchtlos mitten unter sie sprang und lediglich mit zwei Kinnhieben zwei weitere Gegner zu Boden streckte.

»Felsenherz!«, brüllte ein Dritter entsetzt und war wie eine Schlange im Gras verschwunden. Dem Vierten gelang die Flucht nicht mehr: Der Schwarze Panther hatte ihn mit dem flachen Tomahawk niedergeschlagen.

Im Nu saßen die beiden auf ihren Pferden. Felsenherz wollte noch den Apachenhäuptling emporziehen und mitnehmen. Doch das gellende Geschrei des entwichenen Roten hatte die Prärie plötzlich lebendig gemacht. Überall wimmelte es von dunklen Gestalten, die wie aus dem Boden gewachsen auf das Gebüsch zustürmten.

Schüsse knallten – ein paar Pfeile sausten an den Pferden vorüber.

»Vorwärts!«, rief Chokariga. »Mein Bruder mag den Apachen liegen lassen!«

Im Galopp sprengten sie nach Süden davon. Doch sehr bald hielt der Comanche seinen Rappen an. Sein Gesicht wurde hell vom Mond beschienen. Felsenherz wunderte sich über den seltsam schmerzlichen Ausdruck in den edlen Zügen seines roten Freundes und fragte schnell: »Mein Bruder Chokariga hat irgendetwas Besonderes bemerkt?«

»Felsenherz kennt meine Schwester Mobila, die Blaue Taube der Comanchen, die auch seine Schwester ist«, erwiderte der Häuptling leise. »Dort am Feuer der Texaner sah ich, dass einer der beiden Apachenspäher um den Hals eine Kette aus Perlen trug, die Mobila gehört. Unsere Schwester muss den Apachen in die Hände geraten sein. Deshalb zog ich dich so schnell in die Büsche. Wir müssen hinüber zum Lager der Apachen und feststellen, ob die Blaue Taube sich dort befindet. Mein Bruder besinne sich, dass wir Mobila an den Apache-Spring in der Llano bestellt hatten. Reiten wir weiter. Die Apachen werden dort im Wald bei ihrem Lager nur wenige Wächter zurückgelassen haben.«

Felsenherz begriff nun vollkommen den schmerzlichen Gesichtsausdruck seines roten Bruders. Der Schwarze Panther hing mit inniger Liebe an seiner für eine Indianerin selten schönen und ebenso kriegerischen Schwester. Und auch der junge Trapper hatte das rote Mädchen nicht minder liebgewonnen.

Nach einer Stunde näherten sie sich dem Wald, nachdem sie in großem Bogen nach Westen abgeschwenkt waren. Ihre Pferde ließen sie in einem schluchtähnlichen, ausgetrockneten Flussbett zurück und schlichen zu Fuß weiter.

Der Wald war etwa eine halbe Meile lang. Ihn nun nachts zu durchsuchen, hätte die beiden wohl viele Stunden Zeit gekostet. Das Mondlicht erleichterte ihnen diese Arbeit jedoch. Sie krochen dicht an den ersten Büschen dahin, stets den Boden beobachtend. Der Schwarze Panther entdeckte denn auch sehr bald eine tief ausgetretene Fährte. Hier hatten die Apachen zu Pferd im Gänsemarsch den Wald verlassen.

Felsenherz und Chokariga drangen nun an dieser Stelle in das Gehölz ein. Nach kaum fünf Minuten spürte die feine Nase des Comanchen den Geruch von Pferden. Dann hörte man auch Stimmen.

Es war hier unter den dicht belaubten Bäumen so dunkel, dass nur die Augen eines Indianers imstande waren, Einzelheiten zu unterscheiden. Aber auch Felsenherz hatte in der Wildnis seine Sinne geschärft. Undeutlich erkannte er dort links an zwei Bäumen die aufrecht stehenden Gestalten zweier Weißer. Dicht vor diesen hockten vier Apachen. Weiter rechts zeichneten sich die spitzen Kegel einiger Lederzelte ab.

Der Schwarze Panther war plötzlich von Felsenherz’ Seite verschwunden. Der junge Trapper zögerte nicht lange. Lautlos schob er sich vorwärts. Die vier Wächter sprachen leise miteinander.

Mit einem Mal erklang etwas wie ein dumpfer Krach, dem sofort ein zweiter folgte: Felsenherz’ steinerne Faust hatte blitzschnell zwei der Roten niedergeschlagen. Die beiden anderen waren aufgesprungen. Doch sie sahen nur, dass ihre Gefährten wie tot am Boden lagen. Dann riss eine unsichtbare Gewalt ihnen die Beine unter dem Leib weg. Auch sie flogen lang hin, wollten wieder hoch und fühlten sich aufs Neue gepackt. Felsenherz’ bärenstarke Fäuste schmetterten ihre Köpfe zusammen.

Dann zog er sein Messer, trat an die beiden Gefangenen heran, durchschnitt ihre Lederriemen und flüsterte: »Folgen Sie mir!«

Und fort ging es dem Waldrand zu. Erst bei den Pferden machten die drei halt. Die beiden Texaner wollten sich nun für ihre Befreiung bedanken, doch Felsenherz unterbrach sie: »Befand sich eine gefangene Indianerin im Apachenlager?«, fragte er hastig.

»Ja, Master. Sie wurde mit den drei anderen Comanchen gegen Abend von zehn Apachen zu Pferde fortgeschafft. Wohin, wissen wir nicht.«

»Warten Sie hier«, befahl Felsenherz und ließ sie bei den Pferden allein.

Als er den Waldrand wieder erreicht hatte, schaute er sich zum Glück nochmals um: Über die mondhelle Prärie nahten in endlosem Zug die Apachen.

Der junge Trapper verbarg sich in einem Gestrüpp. Die Roten kamen keine zehn Schritt entfernt an ihm vorüber. Es waren etwa dreihundertsechzig Krieger, die noch etwa vierzig Tote und Verwundete mit sich führten.

Die Reiterschlange bog in den Wald ein. Nach zehn Minuten lag die Prärie wieder einsam und verlassen da.

Felsenherz überlegte. Dass der Schwarze Panther den Apachen in die Hände fallen würde, brauchte er nicht zu fürchten. Es war am besten, er kehrte zu den Pferden zurück.

Als er dort anlangte, war der Comanchenhäuptling bereits zur Stelle. Er hatte für die beiden befreiten Texaner zwei Apachenmustangs mitgebracht und schon erfahren, dass seine Schwester sich tatsächlich in der Gewalt der Apachen befand.

»Mein Bruder Felsenherz wird jetzt das Anerbieten von Oberst Douglas der Blauen Taube zuliebe annehmen«, sagte er zu dem jungen Trapper in ungewohnter Hast. »Der Schwarze Panther muss der Fährte der stinkenden Kröten folgen, die Mobila weggeschafft haben. Felsenherz aber mag versuchen, ob er als Kundschafter den Großen Bären lebend gefangen nehmen kann. Dann müssten die Apachen ihn gegen die Blaue Taube austauschen.«

Er umarmte Felsenherz zum Abschied und flüsterte noch: »Chokariga wird dir nach Fort Kavett Nachricht senden. Lebewohl, mein Bruder!«

Dann war er mit einem leichten Schwung auf dem Rücken des kohlschwarzen Rosses und jagte nach Nordwesten davon.

Eine Stunde später näherten sich Felsenherz und die beiden texanischen Offiziere jenem Buschstreifen, wo die Texaner dank der rechtzeitigen Warnung den Angriff der Rothäute so blutig hatten abschlagen können.

Es war nun gegen ein Uhr morgens. In der großen Erdmulde und vor den Büschen brannten mächtige Feuer, die Oberst Douglas für den Fall eines nochmaligen Angriffs hatte anzünden lassen.

Die aufgestellten Wachen riefen die drei Reiter an. Dann gab es ein allgemeines Freudengeschrei, als man Wilparson, Tobbler und den blonden Trapper erkannte.

Felsenherz berichtete dem Oberst, dass die Apachen sich wieder in den Wald zurückgezogen hätten, worauf Douglas sofort aufzubrechen befahl. Er wollte schleunigst nach Fort Kavett zurück, um mit einer stärkere Schar die Apachen wieder an den Rio Pecos zurückzuwerfen.

Felsenherz erbot sich, für den Kommandanten des Forts – und das war Douglas – fernerhin Kundschafterdienste zu leisten, lehnte jedoch jede Bezahlung ab. Der Oberst drückte ihm dankbar die Hand.

»Wenn Ihr beobachten wolltet, was die Rothäute jetzt unternehmen, wäre mir geholfen«, meinte er. »Ich werde Euch drei erprobte Farmer mitgeben, Felsenherz, damit Ihr stets jemanden zur Hand habt, um mir schnell Nachricht zu geben.«

Der Trapper lehnte auch dies ab. »Ich verlasse mich am liebsten auf mich allein, Master«, erklärte er in seiner kurzangebundenen Art. »Außerdem habe ich dort im Norden am Berg der Hasen drei Gefährten, die gern mitmachen werden. Wie weit ist es von hier nach Fort Kavett?«

»Vierzehn Reitstunden – immer direkt nach Nordosten. Das Fort ist leicht zu finden. Es liegt auf einer Reihe von Felsen mitten in der Prärie an einem kleinen Bach, der in der Comanchensprache Saba – Knochen – genannt wird, weil er streckenweise unterirdisch fließt.«

»Gut, dann will ich zunächst meine Gefährten am Berg der Hasen aufsuchen«, meinte Felsenherz. »Der lange Billy kennt die Lage des Forts ja fraglos. Noch eins, Master«, fügte er warnend hinzu, »vergesst nicht, dass eurem Trupp ein paar Späher der Apachen folgen werden. Geratet in keinen Hinterhalt. Die Apachen werden diese Schlappe wettmachen wollen!«

Darauf nickte er den Texanern zu, nahm seinen Braunen am Zügel und verließ den Lagerplatz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert