Bunte Jugendbücher – Schelmenstreiche – Teil 2
Bunte Jugendbücher
Schelmenstreiche
Aus alten Schwankbüchern von Jörg Wickram, Michael Lindener, Desiderius Erasmus, Ludwig Aurbacher, Johann Peter Hebel und Karl Simrock
Teil 2
Die doppelte Zeche
Zu Passau war ein schalkhafter, aber eigennütziger Gastwirt, von dem viel seltsame Possen erzählt werden. Einst kam ein Gast mit einem großen Ranzen zu ihm ins Wirtszimmer.
Da sprach der Wirt zu dem Gast: »Nun, Landsmann, lege den Ranzen ab und rücke näher heran, dass neben dir noch einer Platz hat!«
Der Gast, der wertvolle Sachen in dem Ranzen hatte, erwiderte: »Mein lieber Wirt, den Ranzen lege ich nicht von mir.«
»Nun«, meinte der Wirt, »dann musst du auch das Mahl für ihn zahlen!«
Der Gast lachte und erwiderte: »In Gottes Namen!«
Und wirklich, nach dem Essen musste der Gast auch für den Ranzen das Mahl bezahlen. Der Gast schied ärgerlich.
Als er später wieder heimzog, kam er in dasselbe Wirtshaus.
Der Wirt, der ihn gleich erkannte, verspottete ihn und forderte: »Nun, heute wirst du deinen Ranzen wohl unaufgefordert ablegen müssen.«
Der Gast aber entgegnete: »Nimmermehr, und wenn ich noch einmal für ihn zahlen sollte.«
Als sich nun alle zu Tisch setzten und der Gast den Ranzen nicht ablegte, da sagte der Wirt, er müsse für den Ranzen auch zahlen.
Der Gast kümmerte sich jedoch wenig um diese Rede, bis man den Braten auftrug.
Da sprach der Gast zu dem Wirt: »Hört, Herr Wirt, weil ich für meinen Ranzen das letzte Mal gezahlt habe und auch diesmal wieder zahlen soll, so muss ich ihm, potztausend, doch auch zu fressen geben, denn er ist leer geworden.«
Mit diesen Worten nahm er drei gebratene Hühner und steckte sie in den Ranzen, ebenso zwei schöne Weißbrote. Als hernach der Käse kam, der gleichfalls sehr gut war, schnitt der Gast auch von ihm zwei Stücke ab und steckte sie in den Ranzen.
Da machte der Wirt ein saures Gesicht und war sehr verdrießlich.
Wie das der Gast sah, sagte er: »Es wäre ein unrechtes Verlangen, Herr Wirt, wenn einer zweimal zahlen und sich nicht einmal satt essen sollte.«
Da verlachten die Gäste den Wirt, dem so seine Possen heimgezahlt wurden. Der aber machte gute Miene zum bösen Spiel, ergriff ein Glas voll Wein, schüttete es in den Ranzen und sagte: »Es möchte ihm ohne Trunk nicht wohl bekommen.«
Da lachten alle, die in der Gaststube saßen.
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