Das Wrack des Piraten – 2. Kapitel
Friedrich Gerstäcker
Das Wrack des Piraten
2. Kapitel
Das Wrack
Am anderen Morgen saß die Señora allein in dem noch leeren Gastzimmer. Sie hatte ihr Nähzeug vor sich auf dem Schoß, doch die sonst so geschäftige Nadel ruhte in ihrer Hand. Für sie höchst ungewöhnlich blickte sie nachdenklich vor sich nieder.
Aufrichtig gesagt, ging ihr der Fremde nicht aus dem Kopf. Gemeinsam mit Manuela hatte sie fast bis Mitternacht all die alten Schuldner in ihren Büchern durchsucht – von A bis Z. Und das waren wahrlich nicht wenige: Chilenen, Engländer, Franzosen, Deutsche, Amerikaner und Italiener; eben alle, die das Schicksal an diese Küste geworfen hatte. Doch sie hatte keinen Einzigen gefunden, dessen Person oder Rechnung auch nur im Geringsten zu dem wunderlichen Fremden passte. Die alte Dame erfreute sich zwar eines ausgezeichneten Gedächtnisses, sodass sie sich zu fast jedem Namen nach kurzem Nachdenken die Gestalt des Betreffenden ins Gedächtnis rufen konnte; der gewaltige Bart jedoch und das tief über die linke Gesichtshälfte fallende Haar wollten zu niemandem passen. Auch das schwarze Pflaster, das breit von den Haaren bis auf die Nase reichte, verdeckte viel von dem wenigen, was der Bart überhaupt noch freiließ. Das Schlimmste aber war: Bei den wenigen Namen, an deren Personen sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern konnte, standen lediglich kleine Beträge von zwei oder drei Dollar. Auch diese passten nicht, denn der Caballero hatte betont, dass hinter seinem Namen eine runde Summe stehen müsse. Wer in aller Welt konnte das also sein?
Während sie noch darüber grübelte, ging die Tür auf. Ihr Herz klopfte heftig, als der Fremde plötzlich im Raum stand. Er warf einen flüchtigen Blick umher und trat, da sonst niemand anwesend war, auf sie zu. Er reichte ihr die Hand und erkundigte sich auf das Freundlichste und Unbefangenste nach ihrem Befinden.
»Und habt Ihr meinen Namen in Eurem Gedächtnis oder in Euren gewiss verlässlicheren Büchern gefunden?«, fragte er schließlich, nachdem er an einem der Tische Platz genommen, die eintretende Juana gegrüßt und eine Flasche Wein bestellt hatte.
»Wie heiße ich?«
»Señor«, erwiderte die alte Dame verlegen, »Ihr müsst mir schon selbst auf die Sprünge helfen. Ich kann mich weder an Eure Gesichtszüge noch an Eure Rechnung erinnern – obwohl meine Bücher sonst in musterhafter Ordnung sind.«
»Habt Ihr sie denn alle durchgesehen, Señora?«, fragte der Fremde, füllte sein Glas und nahm langsam einen Schluck Wein.
»Alle, zumindest sämtliche Namenregister und Summen. Aber ich weiß wahrhaftig nicht …«
»Führt Ihr auch Buch über das, was Ihr anderen Leuten schuldet?«, unterbrach sie der Fremde.
Er hielt das Glas so vor den Mund, dass seine Hand und das Glas seinen gesamten Bart verdeckten. Der breitrandige Filzhut, den er noch immer nicht abgelegt hatte, beschattete seine Stirn mit dem langen Pflaster vollkommen. Nur seine dunklen Augen blitzten in diesem Moment mit einem so sonderbaren Humor und eigenartigen Feuer zu ihr hinüber, dass es ihr regelrecht einen Stich durchs Herz gab. Im ersten Schreck glaubte sie gar, dieser Blick allein habe den Schmerz verursacht.
Doch die Worte, die der Fremde sprach, wogen noch schwerer und fielen wie eine Zentnerlast auf ihre Seele. Er sprach von ihren eigenen Schulden – darauf bezog sich also die runde Summe, die er am Vortag erwähnt hatte! Heilige Mutter Gottes, an solche Schulden hatte sie natürlich nicht gedacht, und vor Schreck stockte ihr der Atem.
Ehe sie antworten konnte, traten die Herren vom Vorabend ein: der alte Kapitän und der junge Seemann. Da der Kapitän drängte, dass sein Boot bereits warte und sie sich beeilen sollten, verließen die Männer sogleich gemeinsam das Haus.
Zurück blieb eine zutiefst verunsicherte Señora Fostero. Sie zweifelte keinen Augenblick mehr daran, dass einer ihrer nichtsnutzigen Ehegatten womöglich einen Wechsel auf ihren Namen ausgestellt hatte. Nun sollte sie als arme, betrogene Witwe aufgefordert werden, diesen einzulösen. Ihr Entschluss stand jedoch rasch fest: Nicht ein einziger Dollar ihres Geldes sollte geopfert werden, um die liederlichen Ausschweifungen von Männern zu decken, die ihr schon zu Lebzeiten das Dasein verbittert hatten und sie nun selbst nach ihrem Tod noch mit Geldforderungen quälen wollten.
»Komm du mir nur wieder mit deinem tia mia!«, rief sie wütend aus, als sie sich erst einmal richtig in Rage geredet hatte. »Ich werde dir was husten, du Schleicher!«
Señora Fostero war maßlos verärgert. Besonders wurmte es sie, den gesamten Vorabend mit dem Durchstudieren alter Schuldenregister vergeudet zu haben – eine ohnehin höchst unangenehme und vollkommen undankbare Aufgabe.
Die drei Männer gingen unterdessen mit raschen Schritten eine der kleinen Querstraßen hinab, die zum Wasser führten. Da gerade Flut herrschte, stiegen sie in das wartende Boot. Vier kräftige Arme ruderten sie innerhalb weniger Minuten zu den Klippen, wo das Wrack des einst so gefürchteten Piratenschiffs RECONOCIDO lag – ein trauriges Bild verblasster Größe.
Der Kapitän kletterte als Erster empor. Er hielt sich dabei an den Püttingeisen fest, die den Wanten Halt gaben und außen an der Bordwand saßen, denn ein Fallreep gab es nicht und an Bord war niemand, der ihnen hätte helfen können. Ihm folgte mit kaum im Zaum gehaltener Ungeduld der Fremde, und den Abschluss bildete der junge Engländer.
»Nun«, sagte dieser lachend, als er sich hinter dem Fremden über die Schanzkleidung auf das Deck des Schoners schwang, »für eine Landratte, wie Ihr Euch gestern selbst genannt habt, Señor, klettert Ihr ziemlich gewandt an einer Schiffswand hoch.«
Der Fremde erwiderte nichts. Er hatte die Bemerkung wohl kaum wahrgenommen – wenn überhaupt die Worte, so doch nicht deren Sinn. Sein Blick überflog rasch und mit einem unheimlichen Ausdruck das Deck des schlanken Fahrzeugs. Er wandte sich von den Männern ab, ging zügig zum Achterdeck und blickte von dort eine volle Minute lang auf das Meer hinaus.
Als er zurückkehrte, war sein Blick wieder gewohnt kalt und ruhig, sein Gesicht jedoch totbleich. Mit prüfendem Blick begutachtete er die Struktur des kleinen Schoners und sagte: »Es ist fast schade, dass das arme kleine Ding hier so sein Ende gefunden hat. Es muss ein hervorragender Segler gewesen sein und hätte, für ehrliche Zwecke genutzt, seinen Eignern gewiss noch viel Geld eingebracht.«
»Ja, ein wahrlich zuverlässiges Modell«, pflichtete der alte Kapitän wohlwollend bei. »Es soll in den Yankeestaaten gebaut worden sein und war auch komplett amerikanisch getakelt. Die Amerikaner besitzen beim Bau dieser Schoner eine ganz eigene, bisher unübertroffene Meisterschaft. Was allerdings die Wiederflottmachung betrifft, so ist es vielleicht besser so. Ich für meinen Teil gestehe ehrlich: Ich möchte nicht mehr mit einem Schiff in See stechen, das für solche Zwecke missbraucht wurde wie die RECONOCIDO – und an dessen Bord solch grauenhafte Verbrechen verübt worden sind, wie man sich von dem furchtbaren Kapitän desselben, dem blutigen Tenares, erzählt.«
»Bah«, meinte der Fremde, »was geschehen ist, ist geschehen. Das tote Material lässt sich sowohl leicht zu einem Kruzifix als auch zu einem Dolch verarbeiten. Von allen, die mit dem Fahrzeug wieder in See stechen würden, dächte vielleicht keiner mehr daran, was früher an Bord geschehen ist.«
»Dann hätte das Schiff sie vielleicht selbst daran erinnert!«, mutmaßte der alte Mann, auf geheimnisvolle Weise lächelnd. »Man munkelt darüber allerlei wunderliche Geschichten.«
»Tatsächlich?«, fragte der Fremde rasch. »Und welcher Art sind diese, wenn man fragen darf?«
»Ach, reine Wiederkehr des Aberglaubens«, sagte der alte Mann etwas verlegen. »Ich selbst glaube nicht ein Wort davon, aber das Volk will nun einmal was zu erzählen haben. So soll am Jahrestag, an dem der Schoner gekapert wurde – warten Sie mal … Herrje, das ist ja genau in diesen Tagen! … Am 8. August, der furchtbare Tenares wird in der Nacht zwischen 12 und 1 Uhr sein altes Schiff wieder besuchen. Matrosen, die abends vom Friedhof zurückruderten – denn Sie wissen ja, Señor, dass die Leichen hier sämtlich um Mitternacht beerdigt werden müssen –, schwören darauf, ihn mit seinem bleichen, von Wunden bedeckten Gesicht dort stehen gesehen zu haben. Ob wahr oder nicht: Ich glaube kaum, dass sich in der ganzen Stadt ein Mensch fände, den man selbst für peruanische Schätze dazu bringen könnte, die Nacht vom 8. auf den 9. August allein an Bord der RECONOCIDO zu verbringen.«
»Das Merkwürdigste dabei ist«, ergänzte der junge Mann, »dass er bisher an jedem einzelnen Jahrestag gesehen worden sein soll. In den ersten zwei Jahren erregte das noch gehöriges Aufsehen. Da sich das Gespenst jedoch, wie man erzählt, einzig damit begnügte, an Deck zu stehen und über Bord zu schauen, nahm man schließlich keine Notiz mehr davon. Ich glaube kaum, dass es im letzten Jahr überhaupt vorgekommen ist.«
»Verzeihung«, erwiderte der Alte, »im letzten Jahr haben ihn die Leute von meinem eigenen Schiff gesehen! Mein Koch war gerade gestorben. Als sie – vielleicht ein paar Minuten nach Mitternacht – dort vorbeiruderten, soll noch alles dunkel und ruhig auf dem alten Schiff gewesen sein. Mein Steuermann hielt mit Absicht etwas dicht darauf zu. Als sie aber eine gute Stunde später zurückkamen – der Koch war ein schwerer Mann und sie kamen auf dem steilen Weg zum Friedhof nur langsam voran –, sahen sie ein Licht an Bord.«
»Ein Licht?«, hakte der Fremde rasch nach.
»Ja, ein Licht«, bestätigte der Alte, »aber kein gewöhnliches Licht einer Lampe oder Laterne mit gelbem oder rötlichem Schein. Es war eher ein Licht, wie es Quallen im Meer ausstrahlen, oder wie das Sankt-Elms-Feuer: matt und kalt. Mein Steuermann, ein beherzter Kerl, der nicht einmal den Teufel fürchtet, wollte direkt darauf zuhalten und an Bord gehen – oder zumindest nachsehen, ob irgendwo ein Boot festgemacht war. Aber lieber Gott! Ich glaube, selbst wenn er jedem der Männer hundert Dollar versprochen hätte, hätten sie ihn nicht dorthin gerudert. Am Mast, der damals noch stand, konnten sie deutlich eine matt leuchtende Gestalt erkennen. Ein Matrose schwor bei allem, was ihm heilig war, gesehen zu haben, wie der Weiße den Arm nach ihnen ausstreckte. Davon wollte mein Steuermann zwar nichts wissen, aber die Gestalt selbst hat auch er gesehen – zumindest kam es ihm ganz so vor.«
Der Fremde hatte diesem Bericht mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört. Dabei beobachtete er besonders forschend die Mienen seiner beiden Begleiter, um darin zu lesen, was sie selbst von der Sache hielten. So sehr der Kapitän auch behauptete, das Ganze sei nur althergebrachter Aberglaube, so wenig konnte er verbergen, dass er keineswegs an der Möglichkeit einer solchen Erscheinung zweifelte. Der junge, weitaus gebildete Seemann hingegen konnte seinen Spott nur mit Mühe und wohl nur aus Höflichkeit gegenüber dem Älteren zurückhalten.
»Und was sagt man in der Stadt dazu?«, wandte sich der Fremde schließlich an diesen.
»Nicht viel«, lautete die eher ausweichende Antwort. »Trotzdem kennt man das Wrack mittlerweile als den Gespensterschoner oder das Spukschiff. Es ist wohl nur natürlich, dass die Leute die vielen blutigen Taten, die hier geschehen sein mögen, mit übernatürlichen, sühnenden Erscheinungen in Verbindung bringen. Aber wollen wir nicht in die Kajüte hinabsteigen? Ich war selbst noch nicht unten.«
»Es sieht dort unten nur etwas wüst aus«, sagte der alte Kapitän und ging als Gastgeber voran. »Ich habe bereits einige Einbauten herausnehmen lassen und nicht einmal mehr eine Flasche Wein an Bord, um sie Ihnen anzubieten.«
Die beiden Männer schienen die Entschuldigung kaum wahrzunehmen, da jeder zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. Als sie den schmalen, mit eleganten Bronzestangen verzierten Niedergang hinabstiegen, schlug ihnen ein äußerst angenehmer Sandelholzduft entgegen. Tatsächlich waren die Säulen der inneren Wandverkleidungen aus diesem kostbaren Holz gefertigt. Die mittleren Wandfelder bestanden aus breiten Mahagoniplatten, deren Ränder kunstvoll mit Elfenbein und Perlmutt ausgelegt waren. Man glaubte dem alten Kapitän aufs Wort, wenn er behauptete, dass die Kajüte dieses kleinen Schiffes allein mehr an Arbeitslohn gekostet hatte, als er für den gesamten Schoner samt Takelage und Ketten bezahlt hatte.
Hier unten schien noch fast alles unverändert. Nur auf einer Seite hatten Arbeiter bereits zwei Wandteile ausgebaut; diese befanden sich gerade an Bord des neuen Schoners des Kapitäns, um dort eingepasst zu werden. Am Nachmittag sollten die Arbeiten hier fortgesetzt werden, um die Kajüte komplett zu zerlegen.
Der Fremde wirkte auf seltsame Weise ergriffen. Sein Gesicht hatte eine aschgraue Farbe angenommen, sodass er sich auf das einst mit prachtvollem Samt überzogene, nun jedoch stark beschädigte Sofa setzen musste.
»Um Gottes willen, Señor, Ihr seid unwohl!«, rief der junge Mann, der die Veränderung zuerst bemerkte. »Ihr seht aus wie eine Leiche – was fehlt Euch?«
»Ach, nichts … gar nichts!«, wehrte dieser ab. »Das ist mir in letzter Zeit schon öfter passiert. Ich glaube, es liegt am intensiven Geruch des Sandelholzes – oder an der Aufregung, ein solches Schiff zu betreten. Oh, Señor Capitano … gibt es hier vielleicht einen Tropfen Wasser an Bord?«
»Vermutlich«, antwortete der Alte rasch, den das bleiche Aussehen des Fremden nun selbst erschreckte. »Die Zimmerleute haben in dem kleinen Schrank immer einen steinernen Krug stehen. Ah, da ist auch eine Flasche Agua Ardiente! Ein Schluck davon wird Euch besser tun als ein ganzer Eimer Wasser.«
Er füllte hastig ein Glas mit dem hochprozentigen Getränk und reichte es dem Erkrankten. Dieser leerte es auf einen Zug, sprang auf und ging mit schnellen Schritten in der Kajüte auf und ab. Dabei presste er die rechte Hand fest gegen seine Augen. Als er sie wieder fortnahm, waren seine Züge erneut so kalt, ruhig und fast gleichgültig wie zuvor.
»Nun, Señor, geht es Ihnen besser?«, fragte der Alte.
»Wieder vollkommen gut«, entgegnete er zuvorkommend. »Es tut mir leid, dass ich Ihnen Umstände und Sorgen bereitet habe. Ich muss wohl doch einmal einen Arzt konsultieren, denn diese Anfälle kommen in letzter Zeit öfter vor, als mir lieb ist.«
»Ach was, wie soll Ihnen da ein Arzt helfen?«, erwiderte der Alte. »Bei kräftigen Naturen kommt so etwas schon mal vor, geht aber meist schnell wieder vorbei. Da lockert sich im Gehirn kurz ein Tau oder es überspannt sich eine kleine Faser. Das fängt sich von selbst wieder, und beim ersten Ausrichten ist alles wieder im Lot. Ja, das ist wirklich schade«, unterbrach er sich und trat zu dem Fremden.
Dieser war vor einer der Wandtafeln stehen geblieben und betrachtete mit verschränkten Armen aufmerksam eine beschädigte Stelle.
»Da muss jemand mit einem Beil oder etwas Ähnlichem dagegen geschlagen haben. Das Schlimmste ist: Ich bekomme in Valparaíso derzeit kein passendes Holz, um es ordentlich reparieren zu lassen. Irgendein anderes Holz möchte ich dort nicht einsetzen, also muss ich die Stelle wohl so belassen, bis sich eine bessere Gelegenheit bietet.«
Die Beschädigung verlief direkt an einer der Sandelholzsäulen – so gelagert, dass sie sowohl diese als auch die Mahagonitafel durchtrennte und zugleich einen der umgebenden Elfenbein- und Perlmuttkränze zerstört hatte. Sicherlich war dies durch einen scharfen Schlag eines breiten Meißels oder – wie der alte Kapitän vermutete – eines Beils entstanden und tief in das Holz eingedrungen.
»Wer weiß, welch Schrecktat hier verübt wurde«, sagte der junge Mann, nachdem er die Stelle untersucht hatte und sich schaudernd abwandte. »Doch die Lippen, die davon berichten könnten, sind auf ewig geschlossen. Der Mörder schläft nun gemeinsam mit seinen Opfern in der Tiefe. Was glauben Sie, Señor, was hier geschehen sein könnte?«
»Wer? Ich?«, entgegnete dieser hastig. »Oh … das ist eine unschöne Stelle, aber man kann sie sicher reparieren. Vorn im Schiff müsste noch ein Stück Sandelholz … Entschuldigen Sie bitte!«, unterbrach er sich rasch, während ihm sichtlich verlegen das Blut ins Gesicht stieg. »Ich dachte in diesem Augenblick tatsächlich, ich befände mich noch an Bord des kleinen Schiffes, mit dem ich gestern hier gelandet bin. Wenn ich mich nicht irre, hatten die Matrosen dort ein Stück Sandelholz übrig. Das könnten Sie von ihnen bekommen, Kapitän.«
»Tatsächlich? Das käme mir sehr gelegen!«, erwiderte dieser schnell. »Wie heißt denn das Schiff?«
»Die ALBATROS aus Tahiti. Allerdings haben sie es womöglich hier schon verkauft. Sie wollen also sämtliche Einbauten hier herausnehmen lassen und die vollständige Einrichtung in Ihre eigene Kajüte übernehmen?«
»Ja, das passt hervorragend, da die Maße nahezu identisch sind. Ich muss unten lediglich eine etwa zwei Zoll hohe, schwarze Querleiste einfügen, da meine Kajüte um dieses Maß höher ist.«
»Hier scheint sich auch eine Falltür zu befinden«, bemerkte der Fremde beiläufig und deutete auf einen kleinen Messingring, der im Fußboden eingelassen war.
»Richtig«, erwiderte der alte Kapitän und öffnete sie, da der Tisch, der zuvor darüber stand, bereits entfernt worden war. »Das diente früher wohl als eine Art Speisekammer.«
»Wie geräumig es hier unten ist!«, staunte der Fremde und sprang hinab.
»Stimmt, und man hat merkwürdig starke Balken verbaut, um die leichte Decke zu stützen«, erklärte der Alte. »Selbst auf einem Linienschiff unter dem Kanonendeck könnten sie nicht massiver sein – wo das restliche Schiff doch gar nicht so übermäßig robust konstruiert ist. Diese Balken sind mir ohnehin schon aufgefallen: Sie reichen kaum nach vorn und tragen somit keineswegs zur Stabilität des Rumpfes bei. Meines Erachtens wurden sie erst nachträglich eingesetzt, lange nachdem das Schiff gebaut worden war; das sieht man bereits am Holz. Der Schoner selbst wurde aus amerikanischem Holz gezimmert, aber dieser Balken hier – schauen Sie mal, wo die Spanabhebung ist – scheint aus jener Zedernholzart zu bestehen, wie man sie reichlich in Singapur findet. Ich habe den Zimmerleuten bereits Anweisung gegeben, die Balken in den nächsten Tagen herauszunehmen. Ich möchte sie zu Bretter zersägen lassen; sie ergeben wunderbare Türen, da das Holz zwar fest, aber nicht zu schwer und leicht zu verarbeiten ist.«
Der Fremde war gebückt unter den Balken hindurchgegangen und hatte an einer der Kanten langsam und prüfend entlanggefühlt. Er kehrte nun zurück, stieg wieder herauf und meinte beiläufig: »Ja, für diesen Zweck dürfte das Holz vortrefflich sein. Doch ich glaube, wir haben Ihre Zeit nun genug beansprucht, Señor. Es wäre wohl ratsam, wieder an Land zu fahren.«
»Ich würde zu gerne noch das untere Deck sehen«, wandte der junge Mann ein, »vorausgesetzt, ich halte Sie beide damit nicht zu lange auf.«
»Es gibt kein unteres Deck«, klärte ihn der Kapitän auf. »Die einzige Kampfkraft des Schiffes bestand eigentlich aus zwei langen, sehr schweren Drehbasen, die an Deck montiert waren. Es sollen meisterhafte Geschütze gewesen sein; die Kriegsschiffe haben sie jedoch natürlich mitsamt der gesamten Munition beschlagnahmt. Der Name RECONOCIDO steht, wie man mir sagte, bis heute darauf eingraviert.«
Die drei Männer gingen noch eine Zeit lang an Deck umher und besichtigten die verbliebenen Reste der ehemaligen Piratenausstattung, soweit diese noch erkennbar waren. Anschließend ruderten sie an Land zurück, wo sie sich trennten und das Boot nebst Besatzung am Ufer zurückließen.
»Antonio«, wandte sich einer der Matrosen an seinen Kameraden, nachdem sie wieder abgestoßen hatten und langsam zur regulären Werft hinüberruderten, um nicht von der einsetzenden Ebbe auf dem Trockenen überrascht zu werden, »diesen Mann habe ich schon einmal gesehen.«
»Welchen Mann?«, fragte Antonio. »Den Leutnant? Das glaube ich gern! Den siehst du täglich zweimal bei der dicken Witwe, sofern du die Lust und das nötige Kleingeld hast, dort etwas zu verzehren.«
»Nein, den meine ich nicht«, brummte der andere kopfschüttelnd. »Den Dunklen mit dem großen Pflaster auf der Stirn! Caracho! Der geht mir schon den ganzen Morgen nicht aus dem Kopf, seit er zu uns ins Boot gestiegen ist. Und etwas Gutes bedeutet das sicher nicht … Diablo, was für ein bleiches, finsteres Gesicht der Kerl hat! Dem möchte ich abends nicht allein in den Bergen begegnen.«
»Ist er denn schon lange hier in Valparaíso?«, erkundigte sich Antonio.
»Ich weiß es nicht«, murmelte der Erste nachdenklich vor sich hin. »Ich habe ihn heute zum ersten Mal gesehen. Aber ich muss unbedingt noch einmal mein Gedächtnis durchforsten; vielleicht finde ich ihn ja noch in irgendeiner verborgenen Ecke. Ein solches Gesicht ist schließlich nicht so gewöhnlich, dass man es sogleich wieder vergisst.«
»Ach was!«, meinte Antonio abwinkend. »Du hast dich schließlich sechs oder acht Jahre auf Kriegsschiffen herumgetrieben – da bekommt man so einiges zu Gesicht! Bei der Sache mit Tenares warst du doch sicherlich auch dabei? Peste! Ich wünschte, der Alte hätte diesen alten Räuberkasten gleich komplett zerlegt. Das ständige Hin- und Herrudern habe ich nämlich gründlich satt!«
Sein Gefährte gab ihm keine Antwort mehr, da er zu tief in Gedanken versunken war. Das Gesicht des Fremden ließ ihm einfach keine Ruhe. Als sie schließlich anlandeten und das Boot an einem der Anlegepfähle festmachten, stieg er – sich nachdenklich hinter den Ohren kratzend – die Uferböschung hinauf. Er setzte sich auf das dort aufgeschichtete Holz, hängte seinen Grübeleien nach und wartete auf die Rückkehr seines Kapitäns.
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