Marc Jordan – Band 1 – Kapitel 6
Marc Jordan
Heldentaten des größten französischen Detektivs
Band 1
Die Entführung einer Jungfrau
Kapitel 6
Die Romanze des alten Bettlers
Das Haus war wie geschaffen dafür, jemanden zu verbergen. Es stand an einem abgelegenen Ort und war von einem Garten umgeben, der durch hohe Mauern geschützt wurde. Betreten werden konnte er nur durch ein Gittertor, das mit einer hohen Verblendung versehen war, die jeden neugierigen Blick durch die Stäbe verwehrte.
Das Gebäude wirkte düster; sämtliche Fenster und Türen waren sorgfältig verschlossen. Die umliegenden Gartenmauern waren dunkel und an mehreren Stellen rissig. Auf den ersten Blick erweckte das Anwesen den Eindruck, als sei es schon lange unbewohnt und dem Verfall durch Witterung und Zeit preisgegeben.
Ganz in der Nähe floss die Seine. Nachts, wenn das Haus in Finsternis gehüllt war – oder im Winter selbst am Tage, wenn dichte Nebelschwaden über ihm hingen –, musste es das unheimliche Aussehen einer echten Räuberhöhle bieten.
Nachdem der alte Bettler das Gebäude von allen Seiten gemustert und sich vergewissert hatte, dass er keine Chance hatte, unbemerkt einzudringen, falls jemand im Haus war, setzte er sich auf die Böschung am Seineufer direkt gegenüber dem Anwesen. Er wählte eine kleine Anhöhe, die es ihm erlaubte, über die Gartenmauer hinweg die Fenster des zweiten Stockwerks zu überblicken, um zu sehen, ob sich dort Leben regte. Doch auch das zweite Obergeschoss schien ebenso verlassen und einsam wie der Rest des Hauses.
Marc Jordan begann sich bereits zu fragen, ob Fil-en-Quatre ihm wohl ein Ammenmärchen aufgetischt hatte, als er plötzlich, von der Basis des Hauses her – an einer Stelle, die er nicht einsehen konnte –, Stimmen zu vernehmen glaubte.
Sogleich stimmte er, als gäbe er einem unwiderstehlichen Bedürfnis nach Zerstreuung nach oder singe nur zum Zeitvertreib, eine alte Romanze an. Er begleitete sich dabei auf einem Akkordeon, das er für alle Fälle mitgenommen hatte. Er schmetterte das Lied auf die denkbar schrillste Weise, um – wie man so schön sagt – die Mauern zu durchdringen und von den Personen hinter der Wand gehört und bemerkt zu werden.
Und in der Tat hatte er den Eindruck, dass man ihm lauschte, denn die Stimmen verstummten auf einen Schlag.
Da hörte er auf, die Romanze zu singen, und stimmte ein von ihm selbst verfasstes Lied an, in dessen Strophen er die Namen Carmencita und Riviera eingefügt hatte.
Kaum hatte er diese Namen ausgesprochen, als er spürte, dass jenseits der Mauer eine gewaltige Aufregung entstand: Er hörte eilige Schritte auf dem Kies des Gartenwegs. Dann sah er im zweiten Stock des Hauses, wie sich ein Fensterladen öffnete und ein junges, wunderschönes, strahlendes Gesicht für einen Moment auftauchte – wie ein Sonnenstrahl, der einen fahlen Gewitterhimmel durchbricht. Doch sogleich verschwand die Erscheinung wieder mit der Geschwindigkeit eines Blitzes, da die Fensterläden mit äußerster Gewalt wieder zugeworfen wurden.
Dem Bettler genügte das.
»Sie ist es!«, sagte er sich. »Sie ist dort! Und sie lebt tatsächlich, genau wie ich es vermutet habe. Fil-en-Quatre hat sich nicht getäuscht. Das ist das Versteck!«
Zufrieden mit seiner Entdeckung verstaute er sein Akkordeon. Er, der sich dem mysteriösen Anwesen mit schleppenden, müden Schritten genähert hatte, verschwand nun so rasch, dass die Person, die eilends herausgekommen war, um nachzusehen, wer dort gesungen hatte, ihn nicht einmal mehr fliehen sah. Während diese noch völlig verdutzt auf die Uferstraße entlang der Seine blickte, hatte Marc Jordan bereits das Auto erreicht, das auf ihn wartete und ihn mit einer Geschwindigkeit von vierzig Kilometern pro Stunde nach Paris zurückbrachte.
Niemals zuvor war er so zufrieden mit sich gewesen. Er hatte alles in der Hand: das entführte Mädchen, die Banditen, die versprochene Belohnung und die Rache. Doch vor allem die Rache – die Vergeltung an dem Schurken, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte – lag ihm am Herzen. Zudem war er gar nicht abgeneigt, endlich die wahre Identität dieses Grafen von Cazalès zu enthüllen. Dieser war ihm schon lange verdächtig gewesen; er hatte ihn der Komplizenschaft bei all den großen Diebstählen und Verbrechen verdächtigt, die Paris in den letzten Jahren erschüttert hatten, konnte ihn jedoch mangels Beweisen nie auf frischer Tat ertappen oder anzeigen.
Doch da er nun wusste, dass der Graf unter einer Decke mit Bras-de-Fer und den schlimmsten Banditen steckte, erklärten sich viele ungeklärte Tatsachen wie von selbst, und manche Rätsel, die er nicht hatte lösen können, erschienen ihm plötzlich kinderleicht.
Bislang hatte er nicht gegen den Grafen von Cazalès vorgehen können, da dieser in der feinen Gesellschaft hohes Ansehen genoss und man ihm nichts hatte nachweisen können. Nun aber, da er ihn als Helfershelfer eines entflohenen Zuchthäuslers kannte, konnte er alles wagen. Und das war nicht das Wenigste, was ihn an den Entdeckungen der letzten Tage erfreute.
Der Detektiv war also voller Freude, als ihn sein Wagen vor dem Palais in der Villa Saïd absetzte, wo der Herzog von Riviera gewöhnlich residierte, wenn er in Paris weilte.
Seit dem angeblichen Tod seiner Tochter hatte der Herzog das Haus nicht mehr verlassen. Zunächst war er in seinem Schmerz versunken gewesen, und nun, da er stündlich auf Nachricht des Detektivs wartete, der mit der Suche beauftragt war, hätte er sein Haus um nichts in der Welt verlassen.
Er verbrachte seine Zeit am Fenster und hielt Ausschau nach Marc Jordan oder einem von ihm entsandten Boten – nicht etwa, weil er den Worten des Polizisten geglaubt hätte, er werde ihm seine Tochter lebend zurückbringen, sondern weil er hoffte, zumindest zu erfahren, was aus ihrem Leichnam geworden war. Selbst das wäre für den unglücklichen Vater schon eine unschätzbare Erleichterung gewesen.
Der Herzog glaubte nämlich nicht, dass seine Carmen noch lebte. Er hatte sie tot gesehen. Er hatte einen empfindungslosen Leichnam mit seinen Tränen benetzt und hielt es nicht für möglich, diesen wieder zum Leben zu erwecken. Dazu bedürfte es eines Wunders, zu dem er niemanden fähig hielt. So weinte er wie bisher um sein unglückliches Kind und sagte sich, dass er es nie wiedersehen würde.
Als er jedoch das Knattern des Automobils unter seinen Fenstern hörte, konnte er eine so heftige Erregung nicht unterdrücken, dass er beinahe zu Boden gestürzt wäre.
»Ich habe sie gerade gesehen.«
»Sie gesehen?«
»Ja.«
»Mein Gott, ist das möglich? Meine Tochter lebt? Ich kann es noch gar nicht glauben. Ich werde es erst glauben, wenn ich sie in meinen Armen halte. Meine Tochter lebt! Mein Gott!«
Der arme Vater schien von einer solchen Befeuerung der Gefühle ergriffen, dass Marc Jordan tief gerührt war. Er beschrieb dem Vater die so flüchtig erblickte Erscheinung.
»Ja«, sagte der Herzog sprachlos und wie betäubt, als träumte er, »das ist genau meine Carmen: dunkle Augen, ein Strahlen, eine Helligkeit … Und Sie haben sie gesehen?«
»So deutlich, wie ich Sie vor mir sehe.«
»Wo, mein Herr, wo?«
»Ich werde sie Ihnen bald bringen.«
»Oh, ich will selbst dorthin gehen! Und wenn ich die gesamte Polizeimacht mobilisieren müsste, um mich ihrer zu bemächtigen!«
»Mobilisieren Sie gar nichts, Herzog, tun Sie nichts und lassen Sie mich gewähren. Denn sonst würden Sie Ihre Tochter tatsächlich nie wieder lebend wiedersehen.«
»Meine Tochter lebt!«, rief der Vater mit schwärmerischem Blick. »Meine Carmen! Meine Carmencita! Ich werde sie wiedersehen, ich werde mit ihr sprechen!«
»Das kann ich Ihnen nun mit Gewissheit zusichern«, sagte Marc Jordan, »aber die kleinste Unvorsichtigkeit kann alles ruinieren. Sie befindet sich in den Händen von Banditen, die vor nichts zurückschrecken würden, um sich zu rächen. Wenn sie sich in die Enge getrieben sehen, würden sie vor den äußersten Mitteln nicht zurückhaltend sein.«
»Dieser Graf von Cazalès?«
»Dieser Graf von Cazalès ist der Gerissenste aller Abenteurer. Er ist der Anführer vorbestrafter Verbrecher und entflohener Zuchthäusler, die ich seit Langem kenne und auf die ich schon oft Jagd gemacht habe.«
»Und mein armes Kind?«
»Ihr armes Kind, Herr Herzog, ist im Moment noch in den Händen dieser Männer. Aber ich werde sie Ihnen zurückgeben, ich schwöre es Ihnen, ich werde sie Ihnen gesund und wohlbehalten zurückbringen! Überlassen Sie das mir!«
»Was wollte dieser Elende denn überhaupt?«
»Einen Coup landen und sich absichern.«
»Sich absichern?«
»Er wollte der Ehemann der Tochter des Herzogs von Riviera werden. Im Besitz eines Vermögens, das ihm niemand streitig machen konnte, hätte er eine Stellung in der Gesellschaft eingenommen, nach der er wohl schon lange strebte.«
»Oh, mein Gott!«, rief der unglückliche Herzog. »Das ist ja teuflisch!«
»Ich habe im Laufe meiner Karriere schon viele seltsame Dinge gesehen«, sagte der Detektiv, »aber selten etwas Erstaunlicheres und besser Durchdachtes.«
Mit diesen Worten verließ er den Herzog. Er ließ ihn in einem Zustand zurück, der zwischen Furcht und Hoffnung schwankte, denn der unglückliche Vater wagte noch nicht recht an das Glück zu glauben, welches man ihm in Aussicht gestellt hatte.
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