Adalbert von Geiersberg – Kapitel 3
Adalbert von Geiersberg
genannt: Der Ritter von Habenichts,
ein Zauberzwerg namens Mossul sowie Meschhed, die Amazonenkönigin – das schönste Weib auf Erden und zugleich die furchtbarste Zauberin des Morgenlandes.
Eine abenteuerliche und höchst wundersame Geschichte aus der Zeit der Kreuzzüge nach Jerusalem.
Altötting und Burghausen, um 1860
Verlag der J. Lutzenberger’schen Buchhandlung
Dreifache Rettung
Georg schüttelte den Kopf. Alles überzeugte ihn, dass es hier nicht geheuer sei und ihnen beiden die größte Gefahr drohe. Im Stall, in dem sich nur zwei Kühe befanden, wies er jedem seiner zwei Rosse einen eigenen Stand zu – ohne jedoch die Sättel abzunehmen, damit sie nötigenfalls augenblicklich zum Aufsitzen bereit standen. Er ließ sie nicht angebunden vor der Raufe stehen, um durch nichts aufgehalten zu werden.
»Wenn die Rosse gefüttert sind«, sagte er zu sich selbst, »gehe ich zum Ritter. Sind Räuber in der Schenke – woran ich nicht zweifle –, die etwa die Rosse stehlen wollen, so mögen sie nur ihr Glück versuchen; der Schimmel erschlägt sie alle. Wie wird das nur enden?«
»Schlecht, wenn Ihr nicht flieht!«, antwortete eine weibliche Stimme von oben leise auf Georgs halblaut gesprochene Worte.
Rasch schaute Georg empor und erblickte an der Decke einen viereckigen Ausschnitt: eine Öffnung, durch die man gewöhnlich das Heu vom Heuboden in den Stall hinabwarf.
»Wer spricht da?«, fragte er.
»Rettet mich! Ich bin Irmina, die Tochter des Ritters Gerhard von Ansong. Vor sechs Tagen wurde ich vom Wirt dieser Waldschenke – dem Anführer einer Räuber- und Mörderbande – geraubt. In zwei Tagen läuft die Frist ab, die er mir für die Erklärung ließ, ob ich seine Geliebte werden oder sterben wolle. Doch lieber sterbe ich!«
»Armes Fräulein!«
»Ich sah Euch beide kommen und beschloss, Euch durch meine Warnung das Leben zu retten. Sagt dem Ritter, er soll keinesfalls schlafen, sonst wird er im Schlaf ermordet! Er soll weder etwas essen noch trinken, denn es könnte vergiftet sein! Eilt wieder fort von hier und rettet mich aus dieser Räuberhöhle!«
»Gebt uns Mittel und Wege an, wie wir es anstellen sollen, edles Fräulein!«
»Hört wohl zu! Am Ende des Hofraumes steht eine große, mit Heu und Stroh gefüllte Scheune. In einer Stunde zünde ich sie an und verberge mich im tiefen Holzstoß neben dem Hoftor, nachdem ich zuvor den Sperrbalken zurückgezogen habe. Der Wirt und alle Räuber werden zur Rettung der brennenden Scheune eilen. In diesem Augenblick führt Ihr die Rosse aus dem Stall und besteigt sie. Ich öffne das Hoftor, schwinge mich mit dem Ritter auf das Ross und dann fort, fort in die Freiheit!«
»Ja. Der Wirt hat mich hier auf dem Dachboden eingesperrt, als er Euch kommen hörte, und deshalb das Tor so lange nicht geöffnet. Sobald Ihr den Stall verlasst, werfe ich so viel Heu durch diese Öffnung, dass ich ohne Gefahr hinunterspringen kann. Was dann weiter geschehen soll, wisst Ihr ja bereits. Horch, man kommt!«
Schnell schloss sie die Öffnung mit dem Schieber, und alles war still.
»Ihr sollt zum Ritter kommen«, sagte der Wirt, als er in den Stall trat. »Er hat nicht wenig geschimpft, dass Ihr so langsam seid und nichts zu Wege bringt. Ja, sogar vom Davonjagen hat er gesprochen!«
»Das sieht meinem Herrn ganz ähnlich«, erwiderte Georg, der sogleich die Falle durchschaute, welche die beiden einander gestellt haben mochten. »Er hätte mich schon lange davongejagt, wenn er einen anderen Pfleger für seinen Schimmel finden könnte.«
»Wieso?«
»Weil der Schimmel die Angewohnheit hat, außer dem Ritter und mir jeden totzuschlagen, der ihm zu nahe kommt.«
»Ah! Das möchte ich doch zu gerne sehen!«, versetzte der Wirt und näherte sich dem Schimmel. Dieser schlug sogleich aus, sodass seine Hufe nur eine Spanne weit vor der Nase des Wirtes vorbeisausten.
»Teufel!«, rief er voll Schrecken zurücktaumelnd. »Ihr habt recht!«
»Habe ich es Euch nicht gesagt?«
»Und angebunden habt Ihr den Schimmel auch nicht.«
»Das duldet er nicht.«
»Auch den Sattel habt Ihr ihm nicht abgenommen – genau wie beim Braunen. So können die Rosse doch gar nicht ausruhen. Warum?«
»Das will ich Euch sagen, Wirt, wenn Ihr mich beim Ritter nicht verratzt.«
»Gewiss nicht.«
»Wir wollen morgen früh um vier Uhr fortreiten. Ich möchte aber so lange wie möglich schlafen.«
»Aha, ich verstehe.«
»Weckt uns also ein wenig vor vier Uhr auf, sonst verschlafen wir. Kein Donnerwetter könnte uns sonst aus dem Schlaf bringen. Ihr werdet uns schon tüchtig rütteln müssen, Wirt!«
»Daran soll es nicht fehlen!«
Beide verließen den Stall, der Wirt voran mit der Laterne, die er Georg zuvor geliehen hatte. Der Wirt zog einen Schlüssel hervor, um die Stalltür zu verschließen. Das musste Georg verhindern, da das Ritterfräulein sonst nicht entkommen konnte.
»Bei Euch ist es wohl nicht recht sicher, Wirt?«, fragte er lachend. »Ihr verschließt die Stalltür wohl aus Furcht, dass in der Nacht Räuber kommen und die Rosse stehlen könnten?«
»Das gerade nicht«, erwiderte der Wirt, »es ist nur aus Gewohnheit der Hausordnung.«
»Ganz recht, Wirt. Vorsicht schadet nie! Ich will dem Ritter sogar den guten Rat geben, dass er und ich gar nicht schlafen, um sofort zu Eurem Beistand bereit zu sein, falls doch Räuber Eure Schenke überfallen sollten.«
»Um Euch zu beruhigen, kann ich von meiner Hausordnung abweichen und heute das Stalltor unverschlossen lassen, damit Ihr unbesorgt schlafen könnt.«
Aha, dachte sich Georg, er will also unbedingt, dass wir schlafen!«
Er traf den Ritter vor einem Humpen Wein an, den dieser zuvor dem Wirt kredenzt hatte, und berichtete ihm schnell alles, was inzwischen vorgefallen war. Die Rettung des Fräuleins lag ihm als ehrsamen und tapferen Ritter ganz besonders am Herzen, und er billigte den von ihr vorgeschlagenen Fluchtplan vollkommen.
Georg ging ab und zu im Stall nach den Rossen sehen – so sagte er es zumindest in Gegenwart des Wirtes –, um in Wahrheit zu erkunden, wie weit die Vorbereitungen des Fräuleins gediehen waren.
»Bereit?«, flüsterte er, als er den Stall betrat und einen großen Haufen Heu an der verabredeten Stelle liegen sah.
»Ja.«
»Betet um Gottes Beistand, edles Fräulein! Dann springt herab, eilt hinüber zur Scheune und zündet sie an!«
»Ach, womit denn? Mit einem brennenden Span könnte ich gesehen werden!«
»Steckt die Stalllaterne dort in den leeren Hafersack, dann sieht niemand das Licht. In der Scheune schiebt Ihr die Laterne einfach tief ins Heu! Macht Eure Sache gut – ich gehe wieder zu meinem Herrn!«
Dieser war gerade in ein freundliches Gespräch mit dem Wirt vertieft und bot dem eintretenden Georg seinen Humpen mit den rauen Worten an.
»Da, trink den Rest aus! Das ist genug für dich.«
Georg trank.
»Sind die Rosse versorgt?«
»Ja, Herr!«
»Du wirst im Stall schlafen!«
»Das versteht sich!«
»Und wecke mich zur rechten Zeit auf! Um vier Uhr reiten wir von dannen.«
»Gut!«
»Zu essen gibt es nichts außer Brot, das hier liegt. Der Wirt hat für keinen Gast aufgetischt.«
»Aber einen Humpen Wein darf ich wohl noch bringen?«, fragte der Wirt.
»Meinetwegen! Und damit wir beim Aufbruch keine Zeit verlieren, will ich die Rechnung gleich heute begleichen. Wenn es nicht reicht, sagt es!«
Der Ritter legte einen Goldgulden auf den Tisch – nach dem damaligen hohen Wert des Goldes eine fürstliche Bezahlung.
»Ei, Herr Ritter!«, versetzte der Wirt und steckte das Goldstück gierig in sein Wams. »So viel hätte mir ein halbes Dutzend Grafen und Herren zusammen nicht gegeben. Tausend Dank, großmütiger Herr Ritter!«
Er machte einen tiefen Bückling und freute sich im Stillen schon auf die vielen anderen Goldgulden, die ihm bei seinem verruchten Vorhaben winken sollten.
Eben hatte der Wirt die Tür geöffnet, um den Wein zu holen, als man das Schenkzimmer gewaltsam aufreißen und das laute Geschrei vieler Männerstimmen hören konnte.
»Feuer! Feuer! Zum Brunnen!«
Mit einem wilden Aufschrei stürzte der Wirt in den Hofraum. Auch der Ritter und Georg eilten aus der Kammer – beide direkt zum Stall. Die Rosse wurden herausgeführt und sogleich bestiegen.
»Bleibt nur, Herr Ritter, bleibt! Es ist gleich alles vorbei! Die Waldarbeiter sind mir bereits zu Hilfe gekommen!«, rief der Wirt, der sich mitten im Hof umdrehte, eine Stange mit einem eisernen Haken in der Hand.
Der Ritter und Georg ritten langsam auf das Tor zu.
Reitet nur zu, dachte sich der Wirt, ihr kommt ja doch nicht hinaus! Und wandte sich wieder dem Brand zu.
Da sprang Irmina aus dem Holzstoß hervor, zog den Torbalken zurück und die Torflügel öffneten sich ächzend. Der Wirt vernahm dieses Geräusch. Als er sah, wie sich das Fräulein eben neben dem Ritter auf das Ross schwang, rannte er mit eingelegter Harke heran – wie mit einem Speer –, um die Fliehenden zu durchbohren.
„Herbei, Gesellen! Greift diese Mordbrenner mit Feuerbränden an und schlagt sie tot!“, brüllte der Wirt, während er auf den Ritter zueilte.
Ein tödlicher Schwerthieb Georgs streckte ihn zu Boden, genau als die Räuber wie Teufel mit brennenden Holzstücken heranstürzten, die sie nach den Rossen schleuderten. Diese wurden dadurch nur noch mehr zur wilden Flucht angetrieben und stürmten blitzschnell von dannen.
Schreibe einen Kommentar