Archiv

Der Welt-Detektiv – Band 13 – 3. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 13
Die unsichtbare Geheimpost
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

3. Kapitel
Ein unheimlicher Feind

»Um Himmels willen!«, stammelte der Alte. »Das … das kann … das kann nur Mr. Buckin … nur Mr. Buckin gewesen sein!«

Sherlock Holmes wartete das Ende dieses entsetzten Ausrufes nicht ab, sondern stürmte, von Jonny Buston auf den Fersen gefolgt, den Weg entlang, der zum See führte. Eine furchtbare Ahnung sagte ihm, dass in diesem Augenblick Entscheidendes geschehen sein musste … etwas, das niemals hätte geschehen dürfen. Sein sehniger Körper flog nur so dahin, kaum dass die Füße den Boden zu berühren schienen. Noch vor Jonny erreichte er das Ufer.

Spiegelblank dehnte sich vor ihm die blaue Wasserfläche, die Büsche neigten leise die Zweige im leichten Morgenwind, und allerlei Getier huschte spielerisch von Blatt zu Blatt. Aber Sherlock Holmes ließ sich von diesem trügerischen Bild der Ruhe und des Friedens nicht täuschen. Noch jetzt gellte ihm der entsetzte Schrei in den Ohren, der nur der Todesschrei eines Menschen gewesen sein konnte.

Seine grauen, scharfen Augen spähten umher. Da! Das Helle dort? War das nicht ein menschlicher Körper? Mit drei, vier Sprüngen war er dort – und prallte zurück, als er das helle Etwas erkannte. Es war der Körper eines Mannes, dessen Fäuste sich in wildem Todeskampf in das Erdreich verkrallt hatten. Sein Antlitz war verzerrt, und am Hals klaffte eine schreckliche Wunde. Drei Meter davon entfernt lag ein Stück Papier, das mit einem Dolch im Boden befestigt war. Es enthielt keinerlei Mitteilungen, sondern zeigte nur ein blutrotes Triangel.

Sherlock Holmes’ Augen schossen Blitze. Dem Schrei nach zu schließen, war das Verbrechen vor knapp drei Minuten verübt worden, und doch konnte man weit und breit nichts bemerken, das auf die Anwesenheit des Mörders hätte schließen lassen. Inzwischen war auch der alte Diener herangekommen. Er erkannte in dem Toten auf den ersten Blick seinen Herrn und brach in heftiges Schluchzen aus, als er sah, was geschehen war.

Während sich Jonny Buston auf einen Wink des Weltdetektivs auf die Suche nach Fuß- und anderen Spuren machte, kniete Sherlock Holmes neben dem Ermordeten nieder. Seine Augen ruhten erschauernd auf der schrecklichen Halswunde … derselben Wunde, die er bei allen anderen Opfern des Triangels bisher gefunden hatte.

Und wieder hatte er Gelegenheit, seine Ansicht bestätigt zu finden, dass der geheimnisvolle Verbrecher, der seit Monaten die englische Polizei in Atem hielt, sich eines Tieres – wahrscheinlich eines Affen – bediente, der dressiert war, sich auf den bezeichneten Menschen zu werfen, um ihm die Kehle durchzubeißen.

Der Weltdetektiv sprang auf die Füße. »Schaffen Sie Decken herbei und eine Bahre!«, befahl er dem Diener. Dann zog er den Dolch aus der Erde und hob das Papier auf, wickelte beides sorgsam in Seidenpapier und steckte es zu sich.

Miss Evelyne Condell erfuhr die Schreckensnachricht, als sie sich eben zum Frühstück niedersetzen wollte. Sie sprang auf und stürzte in Buckins Arbeitszimmer. Die Tür des Geldschranks stand weit offen, die Fächer des Schreibtisches waren herausgezogen worden. Ihr Inhalt lag verstreut im Zimmer umher. Der Raum sah aus, als hätten Vandalen in ihm gehaust.

Dann brachte man den Toten. Decken verhüllten ihn. Das war zu viel für Miss Condell; sie fiel in Ohnmacht und kam erst unter den Bemühungen des Weltdetektivs wieder zu sich. Sie erkannte Sherlock Holmes auf den ersten Blick, hatte sie doch sein Bild schon in zahlreichen Zeitschriften gesehen.

»Aufregungen nützen nichts mehr, Miss Condell«, sagte er ernst. »Das rote Triangel hat ein neues Opfer gefordert. Erzählen Sie mir jetzt in aller Ruhe, was Sie wissen.«

Die Sekretärin weinte noch einige Zeit, aber dann gab sie doch einen ausführlichen Bericht über die auf dem Gut geschehenen Vorkommnisse. Vor drei Wochen war der erste Brief gekommen, der statt eines Namens mit einem roten Triangel unterzeichnet war und in dem Mr. Buckin aufgefordert wurde, zehntausend Pfund Sterling an einer näher beschriebenen Stelle niederzulegen. Mr. Buckin hatte diese Aufforderung für einen Scherz seiner Freunde gehalten und sie unbeachtet gelassen. Drei Tage darauf hatte der Unbekannte begonnen, seine Anwesenheit nachdrücklich bekannt zu geben. An Bäumen, Mauern und gestern sogar an einem Wegweiser hatte man blutrote Dreiecke vorgefunden.

»Erst gestern entschloss er sich, Sie zu verständigen«, beendete Miss Condell ihren Bericht, »aber es war zu spät.« Erneut brach sie in Tränen aus.

Sherlock Holmes schwieg. Seit Monaten war er hinter diesem mysteriösen Triangel her. Wer verbarg sich hinter diesem seltsamen Zeichen? Ein Mann? Oder gar eine ganze Bande? Das war es ja eben: Alle Arbeit war bisher umsonst gewesen. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er sich Gegnern gegenüber, deren Klugheit und kalte Berechnung nicht ihresgleichen hatten.

Das Triangel repräsentierte nicht nur einen eisernen Willen, gegen den es einfach keine Auflehnung gab, sondern auch eine Macht, die unbegrenzt zu sein schien. Den Gipfel des Unbegreiflichen stellte aber die Allwissenheit dar, über die das Triangel verfügte! Davon hatte er erst heute Nacht wieder eine Probe erhalten. Er und Jonny hatten das Gut gegen ein Uhr nachts erreicht, das Motorrad irgendwo auf dem Felde versteckt und sich dem Gut auf Schleichpfaden genähert. Wo das Triangel herumgeisterte, war Vorsicht immer am Platze!

So waren sie Zeugen geworden, wie sich plötzlich ein dunkler Schatten über den Hof bewegte und sich am Scheunentor zu schaffen machte. Die Nacht war hell genug, um erkennen zu lassen, dass es sich bei dem Schatten um einen Mann handelte, der mit weitausholenden Bewegungen ein riesiges Triangel an die Tür malte. Sherlock Holmes hüpfte vor Freude das Herz im Leibe. Er hatte nicht geglaubt, so leichtes Spiel zu haben! Aber er sollte sich zu früh gefreut haben, denn urplötzlich war der Mann verschwunden. Er war wie fortgeblasen. Und als der Weltdetektiv und Jonny das Tor näher besahen, entdeckten sie nicht nur das Triangelzeichen, sondern darunter auch noch ein Papier, das mit einem Dolch an das Tor genagelt worden war.

Und auf diesem Zettel stand mit Schreibmaschine geschrieben: Mr. Holmes, mischen Sie sich nicht in Dinge, die Sie nichts angehen! Das rote Triangel.

Das schlug dem Fass den Boden aus! Woher konnte man wissen, dass er kommen würde, um Mr. Buckin zu schützen? Welche Geheimpost versah hier den Dienst? Später glaubten sie, eine fliehende Gestalt zu bemerken. Sie eilten ihr nach, wobei sie von der Magd, die sich also doch nicht getäuscht hatte, gesehen wurden. Die Verfolgung verlief aber ergebnislos – und jetzt erst wurde es Sherlock Holmes klar, dass man sie damit nur vom Gut hatte fortlocken wollen. Das rote Triangel hatte also wieder einmal auf der ganzen Linie triumphiert!

Sherlock Holmes stellte zahlreiche Verhöre an; aber sie endeten alle in dem gleichen negativen Ergebnis. Niemand hatte etwas gesehen, niemand hatte etwas gehört. Und doch musste sich das Triangel im Haus selbst befunden haben, wie das ausgeplünderte Arbeitszimmer und die zerschnittenen Telefondrähte nur zu deutlich verrieten. Und nirgends eine Spur! Kein Fingerabdruck, kein Stofffetzen – nichts, nichts. Nur zwei Dolche, wie man sie überall in London für ein paar Schilling kaufen konnte, und zwei Blatt Papier – eines mit einem blutroten Dreieck, das andere mit den Worten: Mr. Holmes, mischen Sie sich nicht in Dinge, die Sie nichts angehen. Das rote Triangel.

Sherlock Holmes versank in ein dumpfes Brüten. Hundert Möglichkeiten zog er in Betracht, aber doch nur, um sie nach einiger Zeit wieder zu verwerfen, weil sie seinen Erwägungen und Kombinationen nicht standhielten. Er durchsuchte das ganze Haus vom Keller bis zum Dach hinauf. Umsonst. Er streifte mit Hunden die Umgebung ab. Umsonst, alles umsonst. Gegen fünf Uhr abends erinnerte er sich endlich, dass ihm der Diener bereits wiederholt versichert hatte, dass im Speisesaal ein kleiner Imbiss seiner harre. Er hatte die zarte Einladung immer wieder vergessen, aber nun rebellierte sein Magen und verlangte ungebärdig sein Recht.

Seufzend schritt er durch die Räume, bis er den dunkel getäfelten Saal erreichte. Als er sich an dem gedeckten Tisch niederließ, auf dem Brot, Butter und ein delikater Aufschnitt seiner warteten, sah er vor sich auf dem Teller einen Brief liegen, der seine Anschrift trug. Eine Mitteilung von Jonny? Aber nein, die Worte Mr. Sherlock Holmes hier waren mit der Maschine geschrieben. Er schnitt das Kuvert auf und zog den Bogen heraus. Die Mitteilung lautete:

Mr. Holmes, leider muss ich feststellen, dass Sie meine Aufforderung, sich nicht in Dinge zu mischen, die Sie nichts angehen, unberücksichtigt gelassen haben. Ich fordere Sie nunmehr zum letzten Male auf, Ihre Hände aus dem Spiel zu lassen. Sollten Sie bis sechs Uhr Gut Buckin nicht verlassen haben, werden Sie um sechs Uhr eine Minute ein toter Mann sein. Das rote Triangel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert