Frank Reade Library – Nummer 1 – Kapitel 7
Frank Reade jr. und sein neuer Dampfmann
Oder: Die Reise des jungen Erfinders in den Wilden Westen
Kapitel 7
Die Wachen
»Was ist los?«, keuchte Frank und wurde schläfrig wach.
»Seien Sie still, Mr. Frank! Da draußen auf der Wiese ist ein seltsames Licht zu sehen. Ich dachte, ich mache Sie darauf aufmerksam, Sir.«
»Ein Licht?«, murmelte Frank, nun hellwach.
Er stand auf, rieb sich die Augen und starrte auf das entfernte Leuchten.
»Das ist seltsam«, murmelte er. »Das müssen wir untersuchen.«
»Sicher, es könnte ein Lagerfeuer sein«, wagte Barney zu sagen.
»Wenn dem so ist, müssen wir herausfinden, wer die Lagernden sind«, erklärte Frank.
Es dauerte nur einen Augenblick, Pomp zu wecken.
Dann wurden die Feuer im Ofen entfacht, ein Schlauch zu einem nahe gelegenen Bach verlegt und der Kessel gefüllt.
In unglaublich kurzer Zeit war Dampf vorhanden und der Dampfmann setzte sich in Bewegung.
Frank hielt die Drosselzügel und lenkte den Dampfmann auf das entfernte Lagerfeuer zu.
Denn genau das war es, wie sich zeigte, als sie näherkamen.
Zunächst bewegte sich niemand aus der Gruppe und Frank vermutete, dass keiner Wache stand.
Doch als der Dampfmann mit klirrenden Schritten auf hundert Meter an das Lager herankam, ertönte ein wilder Schrei und es wurde auf den Dampfmann geschossen.
Frank konnte nun den Kreis des Lagers erkennen, der vom Feuerlicht beleuchtet wurde.
Zwanzig Männer lagen in Decken auf dem Boden.
Frank Reade jr. wusste nicht, ob die Lagerbewohner Freunde oder Feinde waren.
Er war davon ausgegangen, dass sie zu Cliffs Cowboys gehörten. Dennoch bestand die Möglichkeit, dass dies nicht der Fall war.
Auf jeden Fall konnte er sie nicht als Feinde behandeln, bevor er mit Sicherheit wusste, dass sie es waren.
Also hielt er den Dampfmann nur fünfzig Meter vor dem Lager an.
Die Szene im Lager wurde nun grotesk.
Die Männer waren voller Angst, Erstaunen und Fassungslosigkeit angesichts des Dampfmanns.
Seine feurigen Augen, die Nasenlöcher und seine gigantischen Ausmaße in der Dunkelheit ließen ihn wie ein Monster aus der Hölle erscheinen.
Die erschrockenen Schreie der Lagerbewohner drangen amüsiert an die Ohren derjenigen im Wagen.
»Großer Jericho! Wie nennt man dieses Ding?«
»Es ist der Teufel selbst!«
»Er ist hinter uns her!«
»Der letzte Drink an der Kreuzung war zu viel für uns Jungs. Wir haben es schlimm erwischt.«
»Ich glaube, wir sollten besser ein Gebet sprechen. Der alte Herr ist gekommen, um uns zu holen.«
Barney und Pomp brachen in schallendes Gelächter aus. Es war sehr lustig.
Doch sobald sich der Tumult für einen Moment gelegt hatte, rief Frank Reade jr. eilig:
»Wir sind Menschen wie ihr. Habt keine Angst. Wer seid ihr?«
Seine Worte hatten eine erstaunliche Wirkung auf die Leute. Nach einem Moment verblüffter Stille kam die Antwort.
»Wer zum Teufel seid ihr?«
»Ich bin Frank Reade jr. Und das ist meine neue Erfindung: der Dampfmann«, antwortete Frank. »Ihr habt nichts zu befürchten.«
Die drei Männer im Wagen wurden erst jetzt von den Männern wahrgenommen, als Barney das Kalziumlicht einschaltete und die Umgebung beleuchtete.
Sofort verflog ihre Angst und sie begriffen, was vor sich ging.
»Ein Dampfmann, verdammt noch mal, und komplett aus Eisen gebaut!«
»Mann, das schlägt alles!«
»Was kommt als Nächstes?«
»Das schlägt das Eisenpferd um Längen!«
Die Leute drängten sich nun um den Wagen. Da ihre Zahl begrenzt war, fühlte sich Frank nicht besonders unwohl, obwohl er den Gashebel bereit hielt und Barney und Pomp ihre Repetiergewehre griffbereit hatten.
Aber die Ängste unserer drei Abenteurer wurden schnell zerstreut.
Einer der Männer, ein großer, kräftig gebauter Mann, trat vor und sagte: »Nun, Captain, wir freuen uns, Sie und Ihren Dampfmann kennenzulernen. Mein Name ist Sim Harmon, und ich bin der Anführer dieser Bande, die aus allen Vigilanten von Poker Gulch besteht. Wir sind auf der Suche nach einer Bande von Schlägern.«
»Vigilanten!«, rief Frank Reade Jr. freudig. »Dann gehören Sie also nicht zur Artemas-Cliff-Bande?«
»Artemas Cliff!«, rief Harmon. »Das ist der Kerl, den wir suchen. Wenn wir ihn in die Finger bekommen, werden wir ihm den Hals umdrehen, darauf können Sie wetten. Wissen Sie, wo wir ihn finden können?«
»Ich bin selbst auf seiner Spur.«
»Ach was?«
»Es ist die Wahrheit.«
»Wozu?«
Frank öffnete die Tür des Wagens, stieg aus und schüttelte dem Captain der Bürgerwehr die Hand.
Er erzählte ihm ausführlich von dem mysteriösen Mord, für den Jim Travers verurteilt worden war, den aber Cliff begangen haben soll.
Harmon hörte interessiert zu.
»Das ist also ein weiteres Spiel von diesem Kerl!«, rief er. »Nun, das ist schlimm, aber ich glaube, wir haben noch mehr gegen ihn in der Hand, Fremder.«
»In der Tat!«, rief Frank aus.
»Sind Sie hier draußen auf der Prärie auf die Ruinen einer Ranch gestoßen, ein paar Meilen entfernt?«
»Ja.«
»Das war die Rodman-Ranch. Ralph Rodman war einer der besten Männer in diesem Teil des Westens. Aber dieser miese Kerl Cliff verliebte sich in die hübsche Bessie Rodman, seine Tochter. Als Ralph ihm das Recht verwehrte, um sie zu werben, brachte dieser Gauner einfach eine Bande von Gesindel mit, brannte die Ranch nieder, verschleppte das Mädchen und tötete alle anderen, die dort waren.«
»Schrecklich!«, rief Frank aus. »Aber Sie haben mir noch nichts von Rodman erzählt. Was ist aus ihm geworden?«
»Nun, das zeigt, wie niederträchtig dieser Kerl war. Kurz bevor die Ranch niederbrannte, lockten zwei von Cliff angeheuerte Männer, Sid Bowen und Jem Ducey, Ralph nach New York. Sie überbrachten ihm eine gefälschte Nachricht von einem Bruder, der angeblich in großer Not war.
Das war das letzte Mal, dass Rodman gesehen wurde. Was sie mit ihm gemacht haben, wissen wir nicht. Aber ich habe gehört, dass Bowen und Ducey zurückgekehrt sind – ohne Rodman. Ich glaube, dass er umgebracht wurde und das alles ein Spiel von Cliff ist, um das Mädchen Bessie in seinen Besitz zu bringen.«
Ein lauter Schrei entrang sich den Lippen von Frank Reade jr.
Er hatte Harmons Geschichte gespannt zugehört und als sie sich Stück für Stück entfaltete, wurde ihm alles klar.
Er sah die schrecklichen Details, die kalte, intrigante Konstruktion eines tiefen und schrecklichen Komplotts, das Mord, Entführung und schreckliches Unrecht beinhaltete.
»Großer Gott!«, keuchte er und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn.
»Ihre Geschichte wirft ein helles Licht auf die Angelegenheit, mit der ich mich gerade befasse, Mr. Harmon.«
»Was Sie nicht sagen!«, entgegnete der Anführer der Vigilanten.
»Es ist die Wahrheit«, betonte Frank. »Ich glaube, ich kann Ihnen das wahre Schicksal von Ralph Rodman erzählen, und Sie werden mir zustimmen, dass Cliff der Urheber einer der schrecklichsten doppelten Verschwörungen ist, zu denen ein Mensch fähig sein kann.«
Die Vigilanten versammelten sich alle um den jungen Erfinder und waren voller Interesse.
»Das meinen Sie doch nicht ernst?«, hinterfragte Harmon erstaunt. »Ihr jagt Cliff also genauso wie wir?«
»Ja.«
»Wozu?«
»Um ihm ein Geständnis oder eine Erklärung für einen mysteriösen Mord abzuringen. Für diesen wurde sein eigener Onkel James Travers aus New York für schuldig befunden. Er sitzt nun im Gefängnis und wartet auf seine Verurteilung zum Tod durch den Strang in etwa einem Jahr.«
»Oh, dieser Verbrecher ist ein gerissener Kerl. Aber ich habe Ihnen von diesem mysteriösen Mord erzählt, und so wahr der Himmel mein Richter ist, ich glaube, dass das Opfer dieses Mordes, der absichtlich Travers angelastet wurde, Rodman war. Sie sehen, Cliffs Ziel war es, Travers den Mord anzuhängen, um ihn hängen zu sehen und so sein riesiges Vermögen zu erben.«
Nach dieser Aussage herrschte für einen Moment Stille.
Alle waren entsetzt über das Ausmaß der Intrige des Verbrechers.
Aber das Rätsel war endlich gelöst.
Nun verstanden alle das hinterhältige Spiel von Artemas Cliff genau.
Doch ein Gefühl überwog in den Herzen aller. Artemas Cliff sollte vor Gericht gestellt werden.
Es war leicht zu erkennen, wie der Verbrecher Rodman in den Osten gelockt und dort ermordet hatte, um Bessie Rodman für sich zu gewinnen.
Um dann zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, hatte er das schreckliche Verbrechen durch geschickte Indizienbeweise seinem reichen Onkel James Travers zugeschoben. Mit dessen Tod würde er die Millionen erben, die dieser hinterlassen hatte.
Ralph Rodman war tot. Die Ranch war ein Haufen Asche.
Für diese Verbrechen war Artemas Cliff verantwortlich. Aber Bessie Rodman war noch immer in seiner Gewalt. Travers stand kurz vor dem Galgen.
Diese beiden Menschen mussten gerettet werden.
Frank Reade jr. erkannte die Mission ebenso wie Harmon.
Instinktiv reichten sie sich die Hände.
»Ich denke, wir wissen beide, was zu tun ist«, erklärte der Captain der Vigilanten knapp. »Vielleicht können wir zusammenarbeiten. Ich werde Ihnen helfen, so gut ich kann.«
»Und ich werde Sie unterstützen« antwortete Frank. »Wir werden Cliff vor Gericht bringen, wenn der Dampfmann uns dabei helfen kann.«
»Er wird hängen, wenn ich ihn in die Finger bekomme.«
»Aber wir dürfen keinen Fehler machen. Er wird stark unterstützt. Sie haben nur fünfundzwanzig Männer bei sich.«
»Aber es sind alles erprobte Kämpfer«, antwortete Harmon mutig.
»Das bezweifle ich nicht«, antwortete Frank, »aber die Übermacht würde euch besiegen. Cliff hat mehrere hundert Männer unter seinem Kommando.«
»Wir haben keine Angst vor ihnen. Aber Sie haben recht. Wir sollten vorsichtig vorgehen.«
»Es ist gut, vorsichtig zu sein«, sagte Frank. »Ich denke, Sie sollten eine Weile bei uns bleiben.«
»In Ordnung!«
»Ich glaube, es besteht kein Zweifel, dass das junge Mädchen, das Pomp in den Hügeln gesehen hat, Bessie Rodman war.«
»Natürlich war sie das.«
»Sie brachten sie zur Ranch V. Wissen Sie, wo die liegt?«
»Ja«, antwortete Harmon schnell. »Sie liegt am Stone River und ist ein verdammt großer Ort. Sie ist von einer großen Palisade umgeben und bewaffnete Männer bewachen sie ständig aus Angst, dass ein Fremder eindringen könnte. Das ist also der Ort. Nun, es wird schwer sein, Bessie von der Ranch V zu holen.«
»Sie wird herausgeholt werden, oder ich werde mein Leben bei dem Versuch opfern!«, rief ein großer, gutaussehender junger Mann aus der Prärie mit funkelnden Augen.
Er sah sehr ernst aus. Frank musterte ihn kritisch. Wenig später wurde er ihm als Walter Barrows vorgestellt, ein aufstrebender junger Viehzüchter und der Liebhaber der hübschen Bessie Rodman.
Schreibe einen Kommentar