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Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 6 – Der König der Zauberer – 3. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 6
Der König der Zauberer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 3
Die Galeere

»Steuermann, kommen Sie herauf! Ein neues Wunder!«, erklang plötzlich Gustavs verängstigte Stimme vom Deck.

Richard eilte nach oben. Dort schoss ein Schiff heran – ein gewaltiger, altertümlicher Bau mit auffallend hoher Back und hohem Heck. Es besaß keine Masten, sondern wurde von langen Rudern angetrieben, die an jeder Seite in doppelter Reihe hervorstießen. Eine antike Galeere im 19. Jahrhundert! Während man im ersten Moment an eine französische Strafgaleere denken mochte, erkannte der nautisch gebildete Richard sofort, dass er ein römisches Kriegsschiff aus der Antike vor sich hatte.

Das Rätsel wurde immer mysteriöser, schien nun aber einer Lösung entgegenzugehen. Das Ruderschiff hielt direkt auf den verwaisten Schoner zu. Richard folgte dem Beispiel des Matrosen und verbarg sich hinter einer losen Leinwand an der Back. Durch kleine Löcher im Stoff konnten sie alles beobachten, bereit, sich bei Gefahr sofort ins Innere des Schiffes zurückzuziehen.

Richard traute seinen Augen kaum: Der Mann am hochgelegenen Steuerrad der antiken Galeere trug ebenfalls das holländische Kostüm mit Schoßrock und Wadenstrümpfen.

Plötzlich wurden alle Ruder – jedes etwa acht Meter lang – auf einer Seite eingezogen. Das Schiff legte an, Enterhaken flogen herüber und eine Öffnung in der hohen Bordwand gab den Weg für eine ausfahrbare Brücke frei. Eine Prozession von Menschen betrat das Deck des Schoners.

An der Spitze schritt ein älterer Mann in holländischer Tracht, der einen goldenen Heroldsstab trug. Ihm folgten zwei weitere Männer in Kniestrümpfen und Schnallenschuhen. Danach jedoch erschienen drei Gestalten von völlig anderem Aussehen.

Der Anführer war ein Greis mit schneeweißem Haar und Bart. Er war in eine wallende, himmelblaue Toga gehüllt – das Gewand der alten Römer. Auf dem Kopf trug er eine elfenbeinerne Krone, die mit prachtvollen Diamanten besetzt war, welche in der Sonne ein faszinierendes Farbenfeuer entfachten. Auch sein Zepter bestand aus Elfenbein und Edelsteinen. Sein Gesicht war runzlig, aber von gesunder, bräunlicher Farbe; seine großen blauen Augen blickten kalt und durchdringend. Trotz seiner ehrwürdigen Erscheinung weckte die überladene Pracht von Krone und Zepter kein Vertrauen. Man bewunderte ihn nicht, man fürchtete ihn – sein Wesen war geprägt von maßlosem Stolz und einer Eitelkeit, die nicht zu seinem hohen Alter passen wollte.

Ihm folgten zwei Jünglinge in schneeweißen, faltenreichen Gewändern und Sandalen. Der eine trug an einer seidenen Schnur eine große goldene Flasche, der andere einen kleinen goldenen Becher.

Schließlich strömte eine Menge weiterer Männer über die Brücke. Sie glichen wieder den Holländern aus vergangenen Zeiten, trugen jedoch gröbere Kleidung und wirkten wie einfache Seeleute oder Arbeiter. Schweigend stellten sie sich in militärischer Ordnung an der Bordwand auf und warteten auf Befehle.

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