Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 10
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 10
Nick Carter und Dr. Quartz
Der berühmte Detektiv war davon überzeugt, dass sein Gefangener ihm die volle Wahrheit und alles gesagt hatte, was er anzugeben wusste. Der Verbrecher war von dem Mittelsmann dieses unheimlichen Dr. Quartz einfach angeworben worden, um die Car in die Luft zu sprengen. Damit aber dies nicht weiter auffallen sollte, war beschlossen worden, zugleich das ganze Museum zu zerstören und so den Eindruck hervorzurufen, als ob es sich um einen Racheakt gegen Stone handle und die Car mit ihrem Inhalt zufällig mit vernichtet worden sei.
In Ausführung ihres Auftrages hatten sich die fünf Kumpane schon vor drei Uhr nach dem Museum begeben, waren aber zu der Überzeugung gelangt, dass sich in diesem Leute befanden, und hatten darum bis nach vier Uhr morgens gewartet. Da sie erfahrene alte Kunden waren, hatte es ihnen natürlich keine Schwierigkeit gemacht, völlig geräuschlos in das Museum einzubrechen. Nick Carter hatte sich um jene Zeit im Inneren der Car befunden und war von den dort gemachten Entdeckungen so beschäftigt, dass er sich um nichts anderes zu bekümmern vermocht hatte. Aber auch Jeremy Stone war mit Leib und Seele von dem schauerlichen Mordgeheimnis, das sich so unerwartet vor ihnen enthüllte, gefangen genommen worden; er war außerdem in solch erregtem Zustande gewesen, dass er es schwerlich wahrgenommen haben würde, hätte das Eindringen der Einbrecher wirklich Lärm verursacht. Er hatte von deren Anwesenheit nicht das Geringste gemerkt, bis endlich Nick Carter aus der Car getreten war, diese verschlossen und dann plötzlich die Einbrecher entdeckt hatte.
Nun wurden die vier Spießgesellen des Wortführers entlassen und Nick Carter wandte sich an Stone.
»Jeremy«, begann er, »ich will Euch nun mitteilen, was ich in der Car entdeckt habe. Ich will meine Mitteilung in Form einer Geschichte kleiden, damit Ihr sie besser verstehen mögt. Jim Gleason, der würdige Einbrecher und Berufsspitzbube hier, mag immerhin zuhören, wenn ihm dies Spaß macht, denn ich glaube, die Sache wird ihn interessieren – und zugleich wird er einsehen, wie nahe er seinem Verhängnis war, und zwar in einer Weise, wie er es schwerlich erwartet haben mag. Täuscht mich nicht alles, so wird sich der brave Jim hier uns späterhin noch recht nützlich erweisen.«
»Mag sein, wenn ich auch kein Freund davon bin, mich ohne Bezahlung nützlich zu machen«, knurrte Jim grinsend.
»Voran also. Die Erwähnung dieses Dr. Quartz hat mir das fehlende Glied in der Verdachtskette geliefert, welche ich während meiner Nachforschung im Car-Inneren bereits konstruiert habe. Mit einem Wort, die ganze Geschichte will mir jetzt in folgendem Lichte erscheinen: Die Person, welche die Car instand setzte, beging kaltblütig fünf Mordtaten, um einen bestimmten Plan zur Durchführung zu bringen. Ich bin fest davon überzeugt, dieser Mensch mordete fünf Personen ebenso gelassen und ohne Gewissensbisse, als er etwa fünf Wachsfiguren hergestellt haben würde.
Die Person, welche diese Car so grausig ausstattete, tat dies nicht, damit schließlich der Wagen von der Behörde geöffnet werden sollte, wie es heute Vormittag geschehen soll. Seine Absicht ging vielmehr dahin, dass die Car so lange im Güterbahnhof stehen bleiben sollte, bis sie die Neugierde der ganzen Stadt rege gemacht hatte, wie es ja tatsächlich geschehen ist. Seine Absicht ging dahin, die Car öffentlich versteigert zu sehen oder aber sie in die Hände einer Person fallen zu lassen, welche unverzüglich von dem Waggoninhalt die Behörden verständigen würde.
Verstehe ich die der Handlungsweise dieses Unmenschen zugrunde liegenden Beweggründe richtig, so wollte er dadurch ganz bestimmte Personen in Angst und Schrecken versetzen. Ist dies richtig, so befinden sich hier in Kansas City Personen, welche an der Car und deren schauerlichem Inhalt so tief interessiert sind wie er selbst. Mit anderen Worten: Ich nehme an, dass die Car mit ihrer ganzen Einrichtung, auch den darin befindlichen Leichen, gewissermaßen eine Probevorstellung darstellt und den betreffenden Personen in schauerlicher Weise vor Augen führen soll, welches Schicksal sie erwartet, fügen sie sich nicht den ihnen zweifellos bekannten Bedingungen dieses Schurken.
Vielleicht aber handelte es sich auch um die Nachbildung eines bereits an anderem Ort geschehenen Verbrechens. Mag sein, dass die vier Leichen, die anscheinend in ein Kartenspiel vertieft um den Tisch sitzen, zu Lebzeiten ein junges Mädchen ermordet haben, das der auf dem Bette liegenden Leiche ähnlich sieht. In diesem Falle leben wahrscheinlich die vier Originale in dieser Stadt hier; sie haben dann die Mordtat ausgeführt, indem sie der Schlafenden einen Dolch durchs Herz gebohrt haben und sodann tranken und spielten, unbekümmert um die Anwesenheit der Leiche ihres Opfers. Ist dies der Fall, dann spielte sich das Drama entschieden in einem Gemach ab, dessen Einrichtung derjenigen des Güterwagens in allen Einzelheiten entspricht.
Der Verfertiger der Car kennt alsdann dieses Mordgeheimnis und auch alle Einzelheiten desselben. Er hat sich die Mühe der Nachbildung nicht verdrießen lassen, weil er weiß, dass die betreffenden Personen reich genug sind, um ihm ein ungeheures Schweigegeld zu bezahlen. Das alles klingt natürlich beinahe unglaublich und märchenhaft; es scheint dem gestörten Geiste eines Wahnsinnigen entsprungen zu sein. Doch mir selbst machte vor Jahren ein ebenfalls sich Quartz nennender Arzt in ähnlicher Weise zu schaffen, und wo nun dieser unheimliche Name wieder auftaucht, bin ich fest überzeugt, dass meine Vermutungen zutreffen, denn gerade solche unheimlichen Überraschungen waren von jeher das Steckenpferd des ursprünglichen Dr. Quartz.
Die Car war nicht zuvor gebraucht worden, sondern sie wurde in neuem Zustand derart eingerichtet und ausgestattet, wie wir sie gefunden haben. Ehe sie verschickt wurde, war sie mit Siegelplomben versehen worden, und ich bin fest überzeugt, dass sie seitdem nicht wieder geöffnet wurde, sondern ich als Erster sie wieder betreten habe. Die kleinen Fundstücke, welche ich vom Teppich aufsammelte, sind auf diesem nur verstreut worden, um die ganze Sache stilgerechter – ich möchte sagen: lebendiger – zu gestalten. Die Lampen in den Wandarmen sind nur ein einziges Mal angezündet worden, und dann wurden die Dochte hochgeschraubt, um sie kohlen zu lassen, um dadurch den Eindruck zu erwecken, als wären sie wiederholt benutzt worden.
Die Fingerspuren auf der Plüschwand nahe der Tür rühren von dem Verfertiger der Car her und nicht von einer der Personen, deren Leichen sich im Wagen befinden. Deren Finger habe ich mir genau angesehen, und keiner von ihnen passt auf die Eindrücke. Ich habe mich zu viel mit Daumen- und Fingerabdrücken beschäftigt, um mich in dieser Hinsicht irren zu können. Die Juwelen, die Diamanten und all die sonstigen scheinbar so kostbaren Wertgegenstände stellen lediglich gelungene Nachahmungen dar, um den Effekt des Ganzen zu erhöhen.
Wäre der wirkliche Dr. Quartz noch am Leben, so würde ich ohne Weiteres sagen: Er hat mit der Wurst nach dem Schinken geworfen – will sagen, er hat es sich einige tausend Dollar kosten lassen, um dafür vielleicht Millionen zu gewinnen. Ganz gewiss würde er der Mann dazu sein, um einen derartigen ungeheuren Anschlag zu ersinnen und durchzuführen. Denn, wie Big Jim uns nun berichtet hat, lebt hier in Kansas City ein Mann, der sich Dr. Quartz nennt. Trifft dies zu, so mag es sich nicht nur um einen Erben dieses Namens, sondern auch der verbrecherischen Fähigkeiten seines Vorgängers handeln; um einen Mann also, der all die glänzenden Kenntnisse und raffinierten Machenschaften des wirklichen Dr. Quartz besitzt. Ich weiß, dass er schriftliche Aufzeichnungen, welche Bezug auf seine Geheimkenntnisse nehmen, hinterlassen hat. Ich weiß auch, dass diese ungeheuer wertvollen Aufzeichnungen irgendwo verborgen wurden, um von einer ganz bestimmten, mir leider unbekannten Person wieder aufgefunden zu werden. Doch allen meinen Bemühungen zum Trotz gelang es mir nicht, dieses ohnegleichen dastehende Dokument aufzufinden.
Um meine Geschichte zum Abschluss zu bringen, will ich noch hinzufügen, dass es mir so erscheint, als sei das junge Mädchen Erbin eines großen Vermögens gewesen und von den beiden Männern und Frauen ermordet worden, um das Riesenerbe an sich zu reißen. Dann wäre also der Verfertiger der Car und ihr Absender dieser Dr. Quartz. Ob er die Gesichtszüge der Leichen künstlich verändert und sie derartig maskiert hat, dass sie Personen gleichen, welche jetzt noch hier in Kansas City leben, das kann ich natürlich jetzt noch nicht wissen. In solchem Fall aber würden diese Personen bekannt sein, und man vermöchte sie ausfindig zu machen. Ebenso gut aber können die Leichen den wirklichen Urhebern des an dem jungen Mädchen verübten Mordes nicht gleichen. Ja, ich glaube sogar, dies mag eher zutreffen, denn Dr. Quartz mag davon überzeugt gewesen sein, dass die getreuliche Nachbildung des Mordvorganges und des Zimmers, in welchem dieser vor sich ging, mehr als hinreichend war, um die von ihm ins Auge gefassten Personen zu schrecken und sie zu veranlassen, mit ihm das auf so ruchlose Art errungene Millionenerbe zu teilen.«
»Das klingt alles ganz ungeheuerlich!«, rief Jeremy Stone kopfschüttelnd. »Ich begreife nicht, warum dieser Mensch einen solch ungeheuerlichen Apparat aufgeboten hat. Er hätte es doch viel einfacher gehabt, hätte er sich mit diesen vier Mördern direkt verständigt und denselben sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt!«
»Ich denke, dieser Dr. Quartz kennt seine Leute sehr genau«, entgegnete Nick Carter nach kurzem Nachdenken. »Er wird davon überzeugt gewesen sein, dass bloße Drohungen nichts gefruchtet hätten. Darum entschloss er sich dazu, durch ein derartiges ungeheuerliches Schauspiel jenen vier Personen die Macht, welche er über sie besitzt, so deutlich vor Augen zu führen, dass sie sich seinen Erpressungen nicht länger zu widersetzen wagten.«
»Well, das alles ist für meinen Kopf zu hoch«, brummte Jeremy Stone. »Warum zum Teufel aber warb er dann Big Jim und dessen Kumpane an, um die mit solch großen Kosten von ihm hergestellte Car in die Luft sprengen zu lassen, noch ehe sie ihre Schuldigkeit hat tun können?«
»Ich glaube nicht, dass dies seine Absicht war«, wiederholte Nick Carter. »Ich glaube nicht, dass Dr. Quartz irgendetwas mit dem Mann zu tun hat, welcher bei Big Jim das Dynamitattentat bestellt hat. Viel eher möchte ich annehmen, dass jener Mann im Auftrag der verschleierten Frau mit der süßen Stimme, die sich die Car im Güterbahnhof betrachtete, gehandelt hat. Meiner Ansicht nach wartet Dr. Quartz vergnügt in seiner Wohnung auf den Augenblick, wo die Car öffentlich erschlossen werden soll. Auf irgendeine Weise mögen die von ihm bedrohten Personen Kenntnis von dem Inhalt der Car erhalten und beschlossen haben, sie in die Luft zu sprengen und dadurch ihrem gefährlichen Gegner einen Strich durch die Rechnung zu machen. Vielleicht wissen sie gar nicht einmal, was die Car enthält, sondern einzig und allein die Adresse, welche bekanntlich J. C. Kauk lautete und umgekehrt gelesen Quartz ergibt, hat sie bestürzt und zu dem Entschluss getrieben, die Car zu zerstören, bevor diese von den Behörden geöffnet wird.«
»Das leuchtet mir ein«, meinte Jeremy Stone unter einem tiefen Atemzug.
Nick Carter blickte auf seine Taschenuhr und wandte sich dann an Big Jim. »Wir wollen jetzt aufbrechen«, versetzte er.
»Wohin?«, erkundigte sich Jim.
»Zum Haus von Dr. Quartz, macht voran!«
Es war nahezu sieben Uhr, als Nick Carter die Freitreppe zu dem ihm von Big Jim bezeichneten Hause erstieg und läutete. Der Einbrecher wartete an der nächsten Straßenecke. Als sich die Tür öffnete, vermochte der Detektiv kaum einen Ausruf der äußersten Überraschung zu unterdrücken, denn der ihm öffnende Mann glich Zug um Zug und Haar um Haar genau jenem anderen Manne, der nun schon seit Jahren tot war und welchen Nick Carter für den größten und gefährlichsten Verbrecher seines Zeitalters gehalten hatte. Das waren dieselben scharfen und männlich schönen Züge; dasselbe tierisch brutale Kinn, das nämliche glattrasierte Gesicht, die gleichen durchdringend blickenden und stechenden Augen; die nämliche breite und hohe Stirn, welche Starrsinn und furchtlose Verwegenheit, verbunden mit ungewöhnlich hoher Intelligenz, zum Ausdruck brachte. Auch die Gestalt war genau dieselbe, ebenso kräftig und dennoch schlank und elegant. Dabei das nämliche überlegene spöttische Lächeln – kurzum, alles stimmte überein, und es hatte wirklich den Anschein, als ob der ursprüngliche Dr. Quartz, Nick Carters unerbittlichster Todfeind, aus dem Grab zu neuem Leben erstanden sei.
»Dr. Quartz, wie ich annehme?«, erkundigte Nick Carter sich kaltblütig.
»Der bin ich«, antwortete der Mann mit einer Stimme, welche den Detektiv von Neuem mit einem inneren Schauer erfüllte, denn es war der nämliche Tonfall, wie er ihn vor Jahren nur zu oft hatte hören müssen. »Bitte, treten Sie näher.«
Nick folgte dem Hausherrn in dessen Arbeitszimmer und dann, ohne den ihm angebotenen Stuhl zu benutzen, begann er sofort: »Doktor, der Polizeichef wünscht Sie heute Morgen zu sprechen.«
Dr. Quartz drehte sich scharf nach dem Detektiv um, jedoch nur, um zu entdecken, dass dieser ihn mit zwei Revolvern in Schach hielt, von denen der eine auf sein Herz, der andere auf seine Stirn gerichtet war.
»Wie Sie sehen«, eröffnete ihm Nick lächelnd, »habe ich Sie in meiner Gewalt, einerlei auf welche Weise Sie mir zu entrinnen versuchen mögen – nehmen Sie darum Vernunft an und machen Sie keinen Fluchtversuch. Sie gleichen Ihrem toten Namensvetter so ungemein, dass ich durchaus nicht beabsichtige, mich mit Ihnen in weitläufige Auseinandersetzungen einzulassen!«
Der so Angeredete zuckte nur nichtachtend mit den Schultern und lächelte zugleich. Es war dies ein Lächeln, welches seinem ohnehin anziehenden Antlitz einen unwiderstehlich liebenswürdigen Ausdruck verlieh. Es war das nämliche Lächeln, welches Nick Carter schon vor Jahren so sehr in Erstaunen gesetzt hatte, da es ihm unbegreiflich war, wie ein Ungeheuer, das von der Natur nur die Gestalt entlehnt hatte, ein derartig bestrickendes, gutherziges Lächeln zur Schau tragen konnte.
»Bester Herr, ich glaube, Sie geben sich einem Irrtum hin, der Ihnen unter Umständen teuer zu stehen kommen dürfte«, erklärte der Verhaftete in der gleichmütigsten Art von der Welt. »Wollen Sie mir nicht wenigstens sagen, warum Sie mich verhaften und welcher Schuld man mich, einen angesehenen Arzt von Kansas City, zu zeihen wagt?«
Der Detektiv maß ihn mit einem vernichtenden Blick.
»Well«, versetzte er dann mit eisiger Stimme, jedes Wort einzeln scharf betonend. »Die Leichen-Car in Jeremy Stones Museum ist geöffnet worden – und vielleicht mag es Sie fernerhin zu erfahren interessieren, dass ich Nick Carter bin, der Detektiv, welcher Ihren toten Namensvetter zur Strecke gebracht hat!«
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