Archiv

Storys

Träne des Todes

Träne des Todes

Stille lag in der Unterwelt. Dunkelheit umgab jeden Gegenstand. Nur ein lebendes Wesen, falls man in diesem Fall von Leben reden kann, befand sich im Raum. Schräg hatte es sich in den steinernen Thron gesetzt. Eine scharfe, lange Sense war gegen die kalte Wand gelehnt worden. Wie vielleicht einige schon vermuteten, dies war der Thronsaal des Todes. Der Tod selber saß auf dem Thron. Niemand sonst würde es wagen, außer er wollte Qualen durchleben, die schlimmer waren, als das Fegefeuer. Ein Seufzen erklang und schwang lange im Raum nach. Der Tod selber hatte den Seufzer ausgestoßen. Doch klang er weiblich. Der Herrscher der Toten hatte seine gewohnte Gestalt als Skelett im schwarzen Umhang abgelegt. Schon lange hatte er es vorgehabt, doch nie hatte er etwas gefunden, was ihm wirklich gefiel. Zwar hatte er eine kleine Schwäche für Raubkatzen, die Stärke und Eleganz ausstrahlten, die ihn einfach faszinierten, doch war es unpassend gewesen, sich dieser Gestalt zu bemächtigen. Doch dann hatte er SIE getroffen. Es hätte alles so einfach werden sollen. Er hatte nur die Seele holen wollen. Sie Weiterlesen →

Der Werwolf von Groß Schneen

Der Werwolf von Groß Schneen

Die Geschichte lehnt sich an eine reale Überlieferung aus dem Ort Groß Schneen bei Göttingen an. Ursprünglich geschrieben für das Göttinger Stadtmagazin trends & fun, wo sie in der Reihe Wilde Heimat erschienen ist.

»Dieb!« Es ist nur ein zischendes Flüstern, doch trotzdem ist es nicht zu überhören. Das Tuscheln verfolgt mich, während ich mir meinen Weg über den Dorfplatz bahne. Dann mischt sich ein neuer Schmähruf in das Geraune.
»Werwolf!«, sagt eine raue Stimme, und auch dieses Wort wird von der Menge bereitwillig weitergetragen. Woher wissen sie es? Verrät mich mein Blick, mein Gang? Immerhin tritt nun Angst in die Augen der Menschen und sie geben den Weg für mich frei. Dieb nennt man mich zu Unrecht, doch ich weiß, wem ich diesen Ruf verdanke. Wenzel, der Wirt – er hat mich beschuldigt, um mein kleines Stückchen Land seinem Grundbesitz hinzuzufügen. Und dies war der Beginn all meiner Leiden. Nun stehe ich vor dem Wirtshaus, um ein letztes Mal mein Recht zu fordern. Ich sehe, Weiterlesen →

Das große Verschwinden

Das gro­ße Ver­schwin­den

Le­ben ist Il­lu­si­on, und Re­a­li­tät nur ein Teil­chen der Vor­stel­lungs­kraft.

Träu­me sind an­geb­lich nur Schäu­me. Das je­den­falls sucht uns die Schul­weis­heit zu leh­ren. Aber wie oft ist mir schon auf­ge­fal­len, dass ich im Wach­zu­stand Din­ge er­leb­te, die mir als Déjà-vu-Er­leb­nis­se von Träu­men her be­kannt vor­ka­men?

Un­zäh­li­ge Male si­cher! Ih­nen haf­te­te ein Atem des Ver­trau­ten an, der mir durch den Schlei­er des be­wuss­ten Den­kens vor­ent­hal­ten wur­de, und erst, wenn es ge­sche­hen war, mich die Er­kennt­nis durch­fuhr, dass ich das schon ein­mal er­lebt habe. Ja, dass ich das ei­gent­lich vor­her Weiterlesen →

Als die Dunkelheit zurückstarrte

»Meine Mutter liebt Horrorfilme!«

Der Polizist schaute mich skeptisch an, als ich ihm diese Offenbarung einfach so an den Kopf warf. Dann schüttelte er ihn und ließ den Ordner zuschnappen, den er vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Es gab einen lauten Knall, der mich zusammenzucken ließ.

»Wirklich. Schon immer«, fühlte ich mich trotzdem genötigt zu sagen.

»Wir sind nicht da, um über Ihre Mutter zu sprechen, Frau Leland.«

»Ich weiß. Ich weiß.«
Weiterlesen →

Die Schlucht des Drachen

Die Schlucht des Drachen

Die Schlacht tobte seit mehr als zwei Stunden, ohne an Gewalt und Ausdauer verloren zu haben. Sie war nur gewandert, hinab in die Schlucht des Drachen – ohne dass die Kämpfenden sich dabei vor irgendwelchen Drachen fürchten mussten. Die etwa zweihundert Fuß tiefe, eine Meile lange und halb so breite Schlucht hatte ihren Namen nur durch eine Felsformation erhalten, in deren Form irgendein Trottel einen gigantischen Drachen gesehen hatte. Außerdem hatten die Krieger, die dort unten ihr Blut vergossen, ganz andere Sorgen, als sich darüber Gedanken zu machen, wo sie kämpften. Für sie zählte momentan nur, dass sie die Schlacht überlebten.

Sehr viele werden es nicht sein, wenn überhaupt irgendjemand, dachte er, und ein eisiger Schauer rann ihm über den Rücken. Sicher, er trug einen Teil der Schuld an dieser Schlacht, aber er hatte sie nicht gewollt. Im Gegenteil; er hatte alles getan, was in seiner Macht stand, um das Gemetzel – und nichts Weiterlesen →