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Der Werwolf von Groß Schneen

Der Werwolf von Groß Schneen

Die Geschichte lehnt sich an eine reale Überlieferung aus dem Ort Groß Schneen bei Göttingen an. Ursprünglich geschrieben für das Göttinger Stadtmagazin trends & fun, wo sie in der Reihe Wilde Heimat erschienen ist.

»Dieb!« Es ist nur ein zischendes Flüstern, doch trotzdem ist es nicht zu überhören. Das Tuscheln verfolgt mich, während ich mir meinen Weg über den Dorfplatz bahne. Dann mischt sich ein neuer Schmähruf in das Geraune.
»Werwolf!«, sagt eine raue Stimme, und auch dieses Wort wird von der Menge bereitwillig weitergetragen. Woher wissen sie es? Verrät mich mein Blick, mein Gang? Immerhin tritt nun Angst in die Augen der Menschen und sie geben den Weg für mich frei. Dieb nennt man mich zu Unrecht, doch ich weiß, wem ich diesen Ruf verdanke. Wenzel, der Wirt – er hat mich beschuldigt, um mein kleines Stückchen Land seinem Grundbesitz hinzuzufügen. Und dies war der Beginn all meiner Leiden. Nun stehe ich vor dem Wirtshaus, um ein letztes Mal mein Recht zu fordern. Ich sehe, wie er ans Fenster tritt, als sei ihm mein Kommen bereits gemeldet worden.
»Lass uns reden, Wenzel!«, sage ich.
»Ich rede nicht mit Dieben«, antwortet dieser.
»Bitte, lass mich ein – auf ein Wort!«
»Verschwinde, Jakob, bevor ich dich prügeln lasse!«
Verbittert wende ich mich ab, fliehe durch die Menge der Menschen, die neugierig das Schauspiel verfolgt haben. Wieder weichen sie vor mir zurück, weil sie mich fürchten – und das mit Recht. Ich habe es im Guten versucht, doch Gott hat sich von mir abgewandt und mir seine Hilfe versagt. Also werde ich mir selber helfen.
Ich verlasse das Dorf, so schnell mich meine Füße tragen, hin zu dem Wald, der die Hänge des Bocksbühl bedeckt. Niemand verfolgt mich und ich erreiche unbehelligt die zerfallene Hütte, die mir seit Wochen als Unterschlupf dient. Die Hütte, in die ich geflohen war, nachdem die Knechte des Wirtes mich halb tot geprügelt hatten. Die Hütte, in der ich den Gürtel fand.
Was soll ich nun tun? Mein Dorf verlassen, um mich irgendwo als Knecht zu verdingen? Das Unrecht ungesühnt lassen, das mir zugefügt wurde? Nein! Als die Dämmerung hereinbricht, spricht der Gürtel zu mir, drängt mich dazu, Wenzel büßen zu lassen, auch wenn es mein eigenes Leben kostet.
Ich lege meine Kleidung ab, stehe nackt und fröstelnd in der kalten Dunkelheit. Dann fassen meine Hände den Gürtel. Meine Finger spüren das dünne aber feste Leder. Nein – es ist kein Leder – ich weiß, dass es die Haut eines Menschen ist, der sein Leben am Galgen ausgehaucht hat. Der breite Gürtel liegt rau auf meiner Haut und ich taste nach den sieben Zungen, die ihn verschließen. Die erste Zunge findet ihre Schließe, dann die zweite. Mein Atem stockt, doch mein Herz droht, meine Brust zu zerreißen. Die dritte, die vierte Zunge. Ich sinke auf meine Knie, denn Schmerz zerfrisst mich, nagt an meinem Leib. Die fünfte Zunge. Die Nacht dringt in mich und mein Geist greift hinaus in die Dunkelheit. Die sechste Zunge. Ich fühle Pelz auf meinen Händen, Krallen an meinen Fingern. Es fällt mir schwer, die siebte Gürtelzunge zu schließen. Doch dann gelingt es – der Schmerz wird stärker und ich wälze mich schreiend auf dem Boden. Aus dem Schrei wird ein Heulen, wild und grausam verleiht es meinen Gefühlen eine Stimme. Ich laufe hinaus in den Wald und für eine Weile stoppt mein menschliches Denken. Die Witterung eines Rehs dringt in meine Nüstern und ich laufe weiter, immer weiter, bis ich die Beute zur Strecke gebracht habe und meine Zähne das blutige Fleisch zerreißen. Erst als mein Durst gestillt ist, kehrt mein Denken zurück und ich erinnere mich an mein Ziel.

Groß Schneen liegt im kalten Licht des Mondes und ich schleiche mich durch die leeren Straßen zu dem Wirtshaus hin. Mit der ungestümen Kraft meines tierischen Körpers werfe ich mich gegen den hölzernen Fensterladen, einmal, zweimal, bis die Bretter lose herunterfallen. Doch dann – eine Stimme, eine menschliche Stimme erklingt hinter mir. Es ist der Nachtwächter und er trägt eine Laterne in der linken, eine Hellebarde in der rechten Hand. Ich wende mich ihm zu, zeige ihm meine Zähne, knurre. Er stellt seine Laterne am Boden ab und hält mir die Waffe mit beiden Händen entgegen. Warum stellt er sich zwischen mich und meine Rache? Ich nähere mich ihm, umgehe die Spitze seiner Hellebarde und versuche, meine Zähne in seinen Hals zu schlagen. Doch er bringt den Schaft seiner Waffe zwischen sich und mich, stößt mich zurück. Meine Fänge reißen seinen Arm auf, ich schmecke Blut. Lauernd umkreise ich ihn, suche eine Gelegenheit, ihn zu überwinden, während er aus Leibeskräften um Hilfe ruft. Ich täusche einen Angriff vor, weiche dann zur Seite aus und springe ihn an. Doch er hebt das stumpfe Ende der Waffe – stößt es mir entgegen und trifft die Mitte meines Körpers. Der Gürtel löst sich, wie durch Zauberei, fällt ab von mir. Ich hätte es wissen müssen – Geschenke der Hölle sind trügerisch. Der Wächter sinkt zu Boden, hält seinen blutenden Arm mit einer Hand umfasst. Doch schon höre ich Stimmen, weiß, dass es zu spät für mich ist. Ich nehme den Gürtel auf, wende mich zur Flucht. Dann sehe ich, dass Wenzel an seinem zerstörten Fenster steht und nach draußen blickt, eine Laterne in seiner Hand. Ich trete vor ihn, nackt, entkräftet, unfähig, ein Wort zu sprechen. Ich reiche ihm den Gürtel und er streckt seine Hand aus, nimmt ihn entgegen, obwohl seine Züge verraten, dass sein Wille sich dagegen wehrt. Dann fliehe ich durch dunkle Gassen hinaus in die Nacht. Hinter mir höre ich die Stimmen vieler Männer, sehe den Schein von Laternen, höre Hunde bellen. Irgendwie finde ich den Weg zurück in die alte Hütte, wo die Erschöpfung mich übermannt. Mein Plan ist gescheitert und doch habe ich gewonnen. Wenzel hat nun den Gürtel und ich weiß, dass sein verderbter Geist ihn dazu bringen wird, ihn anzulegen. Und dann wird auch sein Schicksal besiegelt sein, so wie das meine.
Sie werden mich jagen, morgen, wenn die Ängste der Nacht von ihnen weichen. Doch lebend sollen sie mich nicht bekommen. Mein kleines Messer zerreißt die Pulsader meines Armes, und während mein Leben aus mir herausfließt, bete ich zu Gott, dass er mir auch diese letzte Sünde vergeben möge.

(bw)