Marc Jordan – Band 1 – Kapitel 8
Marc Jordan
Heldentaten des größten französischen Detektivs
Band 1
Die Entführung einer Jungfrau
Kapitel 8
Pfad der Finsternis
Marc Jordan blieb allein in der grauen Dämmerung zurück. Er verharrte in Bewegungslosigkeit, dachte nach und beobachtete aufmerksam die Umgebung. Rund um das geheimnisvolle Haus, das stumm und verlassen dalag, regte sich jedoch nichts. Seine Dachkonturen waren im dichten Nebel, der sich über die Seine und die umliegende Gegend legte, kaum zu erkennen. Allmählich lichtete sich der Schatten. Der Nebel verlor zwar nicht an Dichte, nahm jedoch eine bläuliche Färbung an, und im Osten stieg eine rote Glut auf: Die Sonne ging auf, der Tag brach an. Da riss sich der Ermittler aus seiner Erstarrung.
Er war durchnässt und durchfroren. Um sich aufzuwärmen, ging er den Flussweg entlang. Nach kurzer Zeit bemerkte er in einiger Entfernung einen Weinhändler, der gerade die Fensterläden seines Geschäfts öffnete, und steuerte auf ihn zu. Marc Jordan trug keine Verkleidung; er war wie ein gewöhnlicher Passant gekleidet – wie ein kleiner Ladengehilfe oder ein Büroangestellter.
Er bestellte ein Glas Cognac und meinte schließlich beiläufig zum Händler: »Ein merkwürdiges Haus dort drüben!«
»Welches meinen Sie, Monsieur?«
Jordan deutete in die entsprechende Richtung: »Das dort hinter der großen Mauer.«
»Ah, ja!«
»Ist das überhaupt bewohnt? Es wirkt recht unheimlich.«
»Bewohnt?«, entgegnete der Weinhändler. »Nun, Monsieur, ich habe keine Ahnung! Ich bin nun schon seit Jahren hier, habe dort aber noch nie Mieter gesehen. Manchmal werden Fenster geöffnet und wieder geschlossen, aber echte Bewohner bekommt man nie zu Gesicht. Genau wie bei dem anderen Haus gegenüber.«
Der Detektiv horchte auf. »Welches andere Haus?«
»Ein zweites Haus, das dem ersten aufs Haar gleicht. Sein Gittertor führt auf die Straße dahinter, und es ist ebenfalls von einer hohen Mauer umgeben, die jene hier offenbar fortsetzt. Auch dort sieht man nie jemanden – zumindest niemanden regelmäßig. Manchmal bemerkt man abends oder in der Nacht Licht. Da denkt man sich: ›Sieh mal an, es ist doch jemand da.‹ Und am nächsten Tag: nichts mehr. Alles ist verrammelt wie eh und je.«
Das genügte Marc Jordan. Wie ein Blitz traf ihn die Erkenntnis: Im anderen Haus musste sich die Tochter des Herzogs befinden! Die Banditen hatten Verdacht geschöpft und sie dorthin geschafft. Die beiden Gebäude mussten durch einen unterirdischen Gang miteinander verbunden sein. Das erklärte, warum man nie jemanden durch die Tür zur Seine-Seite ein- oder ausgehen sah, während man drüben gelegentlich Licht bemerkte und beobachtete, wie sich Fensterläden öffneten und schlossen.
Er stellte keine weiteren Fragen, bezahlte sein Getränk und machte sich auf den Weg zu der Mauer, die er in der Nacht erklettert hatte. Er wollte noch vor Anbruch des vollen Tages erneut in das Anwesen eindringen, alles gründlich untersuchen und den vermuteten Geheimgang ausfindig machen. Die Dunkelheit ausnutzend, die der dichte Nebel noch immer über die Szenerie warf, kletterte er mithilfe der langen Nägel rasch auf die Mauerkrone. Im Nu befand er sich auf der anderen Seite im Garten. Da er die Gegebenheiten nun kannte, war es für ihn ein Leichtes, ins Haus zu gelangen. Er steuerte geradewegs auf den Keller zu – dort musste sich, wenn er sich nicht täuschte, der Zugang zum Tunnel befinden.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass im Haus alles ruhig und wie ausgestorben war, nahm er seine Laterne zur Hand. Er prüfte gründlich das Mauerwerk und tastete die Wände ab, entdeckte jedoch zunächst nichts. Allmählich breitete sich Enttäuschung in ihm aus. Doch plötzlich schien der Boden an der Stelle, an der er stand, unter seinen Schritten leicht zu hallen. Ein Lichtblick! Womöglich gab es hier eine Falltür, obwohl sich dieser Bereich optisch durch nichts vom Rest des Raumes unterschied – überall herrschte derselbe festgestampfte, feuchte Erdboden.
Als erfahrener Detektiv kannte Jordan jedoch sämtliche Kniffe und Täuschungsmanöver. Es lag auf der Hand: Sollte tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Häusern existieren, musste deren Zugang aufs Sorgfältigste kaschiert worden sein. Mit neu erwachtem Eifer machte er sich an die Suche und grub mit den bloßen Händen in der Erde. Schon bald entfuhr ihm ein gedämpfter Ausruf der Freude: Seine Fingernägel stießen auf einen harten Widerstand, an dem sie keinen Halt fanden. Es war Eisen – zweifellos eine eiserne Klappe.
Nun galt es, die Lücke freizulegen und den Auslösemechanismus zu finden.
Knapp zwei Stunden arbeitete Marc Jordan bereits mit einer Erbitterung in dem Keller, die ihm den kalten Schweiß auf die Stirn trieb. Er schuftete umso rastloser und fieberhafter, als der Tag bereits vollends angebrochen sein musste und er jeden Augenblick überrascht werden konnte. Aus dieser Sorge heraus lag sein Revolver griffbereit neben ihm, um bei jedem kleinsten Geräusch und jeder Bedrohung sofort einsatzbereit zu sein. Doch über und um ihn herum blieb alles ruhig.
Und plötzlich entfuhr ihm erneut ein Ausruf – diesmal ein Jubelruf. Es schien ihm, als habe sich die Gusseisenplatte unter seinen Anstrengungen leicht bewegt. Er erneuerte den Druck in dieselbe Richtung und sah, wie sich die Platte langsam zur Seite drehte. Ein kalter Zug feuchter Luft schlug ihm entgegen.
Es war der Tunnel, der Geheimgang! Vor ihm tat sich eine in die Erde geschlagene Treppe auf. Er verdeckte das Licht seiner Laterne und stieg hinab. In tiefster, nahezu undurchdringlicher Finsternis stieg er Stufe um Stufe hinunter, am ganzen Körper erschauernd. Er wusste nicht, wohin ihn dieser Pfad der Finsternis führen würde – womöglich mitten in die schwersten Gefahren.
Doch er zögerte nicht. Er wollte Gewissheit. Und sollte es ihn Kopf und Kragen kosten – wie er zu sagen pflegte –, er wollte das Geheimnis lüften, das ihn so sehr umtrieb.
Der Weg war lang. Zunächst verlief er flach, dann stieg er leicht an. Der kühne Ermittler folgte ihm mit äußerster Vorsicht und ohne Licht, da er nicht wagte, die Laterne zu nutzen – aus Furcht, ein durch ein Schlupfloch dringender Schein könnte seine Anwesenheit verraten. Er bewegte sich lautlos vorwärts, um weder gehört noch überrascht zu werden und seinerseits überraschen zu können.
Plötzlich hielt er inne: Ganz in seiner Nähe hatte er Stimmen gehört. Er lauschte angestrengt und machte eine Frauenstimme aus. Sie sprach sanft, mit einem leichten Lispeln – zweifellos die Tochter des Herzogs.
Jordan horchte hin. Das junge Mädchen beklagte sich darüber, dass man sie in diesem düsteren Haus gefangen hielt und man ihren Vater nicht zu ihr brachte, wie man es ihr versprochen hatte. Sie verstand nicht, was vor sich ging und was der Graf von ihr verlangte.
Eine andere Stimme antwortete, dass der Graf mit ihrer Freilassung warte, bis sie das Einverständnis ihres Vaters erwirkt habe.
»Sie wissen doch«, sagte die Stimme, »dass er Sie liebt und erst glücklich sein wird, wenn Sie seine Frau sind. Und Sie – lieben Sie ihn denn gar nicht?«
Ein so heftiger Seufzer, dass der Ermittler ihn deutlich vernahm, war die einzige Antwort des jungen Mädchens.
»Sie müssen also alles tun, was er Ihnen sagt, und geduldig ausharren«, fuhr die Stimme fort.
»Aber Papa! Papa weiß nicht, wo ich bin, er muss sich schreckliche Sorgen machen!«
»Keineswegs. Er weiß, dass er nur ein einziger Wort zu sagen braucht, um Sie zurückzubekommen. Und dieses Wort wird er mit Sicherheit schon bald sprechen. Dann wird das perfekte Glück für Sie und den Grafen anbrechen.«
Es folgte keine Antwort mehr, das Gespräch war verstummt. Für Marc Jordan jedoch war die Lage nun klar: Er wusste, wie er sich des jungen Mädchens bemächtigen konnte und was man von ihr erhoffte. Er durchschaute die Verschwörung in ihrem vollen Ausmaß, das er bislang nur geahnt hatte.
Jetzt wusste er genug. Nichts durfte mehr dem Zufall überlassen werden.
Er wollte gerade den schmalen Durchgang zurückgehen, über den er den Tunnel betreten hatte, als erneut Stimmen an sein Ohr drangen. Er erkannte Männerstimmen, und das Blut in seinen Adern erstarrte. Wenn man ihn nun entdeckte, war er verloren!
Er duckte sich tief in den Schatten. Die Stimmen kamen aus dem Garten, und als er durch eine kleine Luke des Tunnels lugte, erkannte er die Sprechenden: Es waren seine Erzfeinde, Maudru und der Graf. Der Graf war offenbar gerade erst eingetroffen, und Eiserne Faustunterrichtete ihn über die Vorkommnisse der Nacht. Der Schurke schüttete sich vor Lachen aus.
»Ich weiß nicht, ob er es selbst war, der eingedrungen ist, oder ob er überhaupt noch lebt, wie Sie behaupten«, sagte er. »Aber derjenige, der im Haus war, muss ein ganz schönes Gesicht gemacht haben! Nichts, mein Lieber, rein gar nichts hat er entdeckt! Das Mädchen – alles weg! Er dürfte die Welt nicht mehr verstehen. Ah, wie köstlich!«
»Vielleicht hätten Sie die Gelegenheit nutzen sollen«, meinte der Graf.
»Um ihn aus dem Weg zu räumen? Er war sicher nicht allein. Er hätte Alarm geschlagen, und man hätte ihn gar nicht erst herauskommen sehen.«
»Das stimmt wohl.«
»So aber gilt: Nichts gesehen, nichts gehört, Verwirrung komplett! Und er wird so schnell keine Lust auf einen zweiten Versuch haben.«
»Möglich«, räumte der Graf ein.
»Ich hätte zu gern sein Gesicht gesehen!«, fuhr Maudru lachend fort. »Oh, falls er es war, muss das zu komisch gewesen sein! Er lässt sich nämlich gar nicht gern an der Nase herumführen. Aber wenn Sie mich fragen: Er war es nicht! Der treibt längst in den Fluten der Seine und dürfte mittlerweile an den Fangnetzen von Saint-Cloud angekommen sein. Aber köstlich ist es trotzdem!«
Der Gauner lachte laut auf. Der Graf erwiderte nichts, und beide entfernten sich.
Lach nur, lach nur, dachte der Ermittler. Wer zuletzt lacht, lacht am besten!
Er beobachtete die Lage, um sein Versteck und das Haus unbemerkt zu verlassen. Auch wenn das Wachen in der Nacht vergebens gewesen war – diesen Morgen hatte er wahrlich nicht vergeudet!
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