Jeremias Flöte
Der Wind zog pfeifend seine Kreise zwischen den Stahlseilen der Brooklyn Bridge, wie er es immer tat. Hier oben war es nie windstill, stets wurden die Geräusche der Autos und des Hudson hierher getragen und vom Wind mit seiner leisen Melodie begleitet.
Und gleich würden die Klänge seiner Panflöte in die Melodie des Windes eintauchen und mit ihnen eins werden, und dann würden die Leute, die die Brooklyn Bridge überquerten, um in Manhattan ihren Träumen nachzujagen, seine Melodie im Herzen tragen. Und nicht wenige würden sie nie vergessen. Und eine würde ganz gewiss zurückkehren, wie es immer geschah, seit er von Marisil die geschwungene Panflöte bekommen hatte, die an einem Band um seinen Hals baumelte. Jerrys Lippen umspielte ein leichtes Lächeln, während er sich die ohnehin schon kreuz und quer nach oben stehenden Haare noch ein bisschen mehr Weiterlesen
Rübezahl – Moderne Geschichten 2
Es war einer dieser späten Herbstabende. Draußen war es bereits dunkel und der Sprühregen nässte die Scheiben des Computerladens ein. Nur noch der Besitzer war im Laden, aber auch er bereitete sich darauf vor, für heute Feierabend zu machen. Ein schneller Blick auf die Uhr: 20 Uhr durch, Kundschaft war nicht mehr in Sicht. Der Ladenbesitzer schloss die Kasse ab und schaltete noch schnell die Bildschirmserie im Schaufenster auf Nachtbetrieb. Die Webcam legte er auf den großen Flachbildschirm in der Mitte. Unter dem Ladentisch surrte leise der Lüfter des PCs, der die Bilder von der Webcam übers Netzwerk Weiterlesen
Der perfekte Mord
Eine Krimi-Kurzgeschichte von Bernd Hasch
Kriminalrat a.D. Richard Baumann war sichtlich überrascht. Vor ihm stand ein schlaksiger junger Mann, der sich für die Störung am frühen Morgen entschuldigte und sich als Marcus Vollmer von der Kriminalpolizei vorstellte. Baumann studierte intensiv den ihm entgegen gestreckten Ausweis, nachdem er die Lesebrille vom Kopf auf seine Nase geschoben hatte. Er ließ sich Zeit und Vollmer hatte Gelegenheit den kleinen und gebrechlich erscheinenden Mann vor ihm zu studieren. Ein schmaler Schädel mit einer aristokratischen Nase, auf deren Ende die Brille gerade noch ihren Halt bekam. Das blasse Gesicht, mit Pigmentflecken versehen, wurde durch buschige Augenbrauen eingerahmt, deren rötliche Farbe vermuten ließ, Weiterlesen
Gila
Malte nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, um möglichst rasch wieder in der Wohnung zu sein. Natürlich war nichts daran außergewöhnlich oder gar verdächtig, dass er einen Katzenkorb in seinen klobigen Händen trug, und wenn jemand einen neugierigen Blick in das Innere würfe, würde er nur ein ganz normales Kätzchen erkennen.
Allerdings war es nicht sein Kätzchen, und zudem war es jedes Mal ein anderes. An diesem Nachmittag war es eine ganz normale Hauskatze, deren Fell wie das einer Kuh gesprenkelt war. Er hatte sie in einer Seitenstraße aufgelesen, wo sie auf einem Altpapiercontainer lag, der Körper majestätisch ausgestreckt, wie eine Miniaturausgabe der Sphinx. Rückblickend erschien es ihm beinahe so, als hätte sie nur auf ihn gewartet.
Erleichtert betrat Malte die Wohnung und warf die Tür ins Schloss. Seit dem ersten Mal pulsierte die unergründbare Angst in ihm, jemand würde sein Treiben beobachten und seltsam genug finden, die Polizei einzuschalten.
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Begegnungen
Unzählige Schwerverwundete lagen stöhnend und an ihrem Blut erstickend auf nur notdürftig hergerichteten Lagerstätten.
Pater Bishop stand inmitten der vielen zerschossenen und von der Wucht der Hotchkisskanonen aufgerissenen Leiber der Frauen und Kinder. Mit Tränen in den Augen sah er auf das über ihm angebrachte hölzerne Kreuz, hoch über der so unendlich weit von ihm fortgerückten und fremd gewordenen weihnachtlich geschmückten Kanzel. Teilnahmslos blickte die handgeschnitzte Figur Christi auf die sich vor Schmerzen windenden und hinsterbenden Menschen hinunter.
Konnte dies dort wirklich sein Gott sein, da er so etwas zuließ? Verzweifelt sah er noch einmal auf das Kreuz und blickte anschließend Hilfe suchend in die Runde. War denn da niemand, der an ihn herantrat und ihn vom Gegenteil überzeugen Weiterlesen



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