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Des Teufels Depressionen

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Gila

Gila

Malte nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, um möglichst rasch wieder in der Wohnung zu sein. Natürlich war nichts daran außergewöhnlich oder gar verdächtig, dass er einen Katzenkorb in seinen klobigen Händen trug, und wenn jemand einen neugierigen Blick in das Innere würfe, würde er nur ein ganz normales Kätzchen erkennen.

Allerdings war es nicht sein Kätzchen, und zudem war es jedes Mal ein anderes. An diesem Nachmittag war es eine ganz normale Hauskatze, deren Fell wie das einer Kuh gesprenkelt war. Er hatte sie in einer Seitenstraße aufgelesen, wo sie auf einem Altpapiercontainer lag, der Körper majestätisch ausgestreckt, wie eine Miniaturausgabe der Sphinx. Rückblickend erschien es ihm beinahe so, als hätte sie nur auf ihn gewartet.

Erleichtert betrat Malte die Wohnung und warf die Tür ins Schloss. Seit dem ersten Mal pulsierte die unergründbare Angst in ihm, jemand würde sein Treiben beobachten und seltsam genug finden, die Polizei einzuschalten.

Er trug den Katzenkorb ins Wohnzimmer, stellte ihn auf dem Sofa ab und nahm Platz. Ein, zwei Minuten lang atmete er durch und ärgerte sich über seine miese, körperliche Kondition. Noch vor drei Jahren war er regelmäßiger Teilnehmer an Marathon-Läufen gewesen. Mittlerweile geriet er außer Atem, wenn er bloß ein paar Treppen hochstieg. Der Verlust seines gut bezahlten Jobs, die darauf folgende Scheidung und finanzielle Probleme hatten ihn doch schwerer mitgenommen, als er es sich selber eingestehen wollte.

Bei keinem seiner vielen Marathon-Läufen war ihm jemals die Puste ausgegangen. Ganz im Gegensatz zu seinem Leben, das ihm mit geradezu sadistischer Präzision die Luft raus und ihn schrumpfen ließ. Und jedes Mal, wenn er dachte, er wäre am absoluten Tiefpunkt angelangt, überraschte ihn das Schicksal mit einer neuen Wendung zu seinen Ungunsten und er plumpste erneut einen Stock runter. Es war ein schier endloser Fall, den er selber nur noch mit apathischer Gelassenheit hinnahm.

Vielleicht, dachte er, legte er es unterbewusst sogar darauf an, gefasst zu werden und im Knast zu landen. Einer seiner ehemaligen Freunde hatte ein paar Jahre gesessen und war, jedenfalls behauptete er das, danach ein völlig anderer Mensch geworden.

Tiefer konnte er ohnehin nicht mehr sinken, nachdem ihm alles weggenommen worden war, das er sich mühsam erarbeitet hatte. Scheiß drauf. Die Aussicht auf ein, zwei Jahre hinter schwedischen Gardinen erschreckte ihn weniger als die Schande seines Scheiterns und seiner erbärmlichen Untaten: Ein Bankraub, das war etwas Handfestes! Was er machte, war eher Pipifax. Katzen entführen und die Besitzer um ein paar Hundert Euro erleichtern passte bestenfalls in Kinderbücher.

Alleine bei dem Gedanken, wegen dieser lächerlichen Gaunerei im Knast zu landen, fühlte er die Schamesröte seine Wangen füllen. Ein tiefer Seufzer entrann ihm, während er das Gitter öffnete. Erst jetzt bemerkte er, dass das Tier noch keinen einzigen Laut ausgestoßen hatte. Die anderen hatten wenigstens ängstlich miaut, und eine hellblaue Kartäuserkatze war ihm sogar entwischt, als er den Korbeingang geöffnet hatte. Es hatte Stunden gedauert, bis er sie wieder einfangen konnte. Aber diese hier schien sich ihrem Schicksal völlig ergeben zu haben.

 

Malte lugte hinein – ein silbern glänzendes Augenpaar taxierte ihn ruhig. Vorsichtig öffnete er die obere Korb-Hälfte und wappnete sich für einen überraschenden Ausfall oder gar Angriff des Tieres. Stattdessen blickte ihn die Katze mit stoischer Gelassenheit an. Ihre nach oben gezogenen Mundwinkel riefen gar den Eindruck hervor, sie lächelte ihn spöttisch an.

»Brave Mieze«, flüsterte Malte und langte nach dem Halsband. Ganz langsam nahm er es ihr ab und las auf der Plakette den Namen sowie die Telefonnummer des Besitzers. Er steckte das Halsband ein, verschloss die Box wieder und ging in die Einbauküche, um eine Schale mit Wasser und einen kleinen Napf mit Trockenfutter zu füllen. Tatsächlich bereitete ihm die Angst, die er den Tieren einflößen musste, erheblich mehr Gewissensbisse denn das Kassieren des Lösegeldes. Gewiss mochte er Hunde mehr als Katzen, aber er sah sich als Freund aller Tiere und zertrat nicht einmal Silberfischchen, Kakerlaken oder Spinnen, die sich in seine Wohnung verirrt hatten, sondern sammelte sie behutsam ein und trug sie nach draußen auf den Hof. Malte stelle die beiden Schälchen in den Korb, verschloss ihn und machte sich auf den Weg zur nächsten Telefonzelle, um den Anruf zu tätigen.

 

Zwar besaß er ein Handy, doch ihn trieb die Furcht, man könnte den Anruf irgendwie zurückverfolgen und ihn ausforschen. Wahrscheinlich war diese Furcht völlig unbegründet, schließlich war er kein Mörder oder potenzieller Terrorist, aber nachdem ihm das Schicksal dermaßen übel mitgespielt hatte, verspürte er wenig Lust, es mutwillig herauszufordern.

Zu seinem Erstaunen hob gleich nach dem ersten Klingeln jemand ab.

»Hier Müller!«, rief eine Stimme so laut in den Hörer, dass Malte ihn einen Moment lang erschrocken vom Ohr fernhielt.

»Gehört Ihnen Gila?«

»Ja!«, schlug es ihm in unveränderter Lautstärke entgegen. Der Besitzer musste völlig aufgebracht und verzweifelt sein. »Wo …?«

»Hören Sie mir zu«, sagte Malte mit ruhiger Stimme. »Es geht Ihrer Katze gut. Aber wenn Sie sie wieder haben möchten, muss Ihnen das fünfhundert Euro wert sein.«

»So viel für meine Katze?« Sein Gesprächspartner schluckte hart genug, um es selbst durch die Leitung noch zu vernehmen. »Ist in Ordnung. Aber ich muss sie möglichst rasch wieder bekommen, verstehen Sie?«

Malte konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Er nannte dem Mann die Einzelheiten der Geldübergabe.

»Um sieben Uhr?«, wiederholte der andere, und diesmal überschlug sich seine Stimme beinahe. »Sind Sie wahnsinnig? Sie müssen sie mir sofort bringen, hören Sie?«

»Hier stelle ich die Bedingungen«, bemerkte Malte. Was für einen Spinner hatte er da bloß aufgegabelt? »Sie machen, was ich Ihnen sage, oder Sie sehen Gila nie wieder. Ist das klar?«

»Um Himmels willen!«, plärrte die Stimme in sein Ohr. »Sie wissen gar nicht, was Sie tun! Bringen Sie mir …«

Entnervt knallte Malte den Hörer auf die Gabel und starrte ihn lange Zeit an. Dieser Müller hatte definitiv ein Rad ab. Malte betrachtete sich als kleinen Gauner, den nur unangenehme Umstände überhaupt in die Kriminalität getrieben hatten. Aber er war kein Dummkopf und wusste, dass man niemals mit seinen Opfern verhandeln durfte. Trotzdem hatte die Intensität der Stimme, ihre Verzweiflung ihn verunsichert. Herrje – er hatte doch nur eine Katze entführt und kein Kind oder einen Ehepartner!

Ein lautes Pochen gegen die Scheibe schreckte ihn auf. Eine ältere Frau bedachte ihn mit verärgerten Blicken und fragte, ob er in der Telefonzelle übernachten wolle. Malte seufzte und trat hinaus, ohne einen spitzen Kommentar abzugeben. Erstaunlich behände schlüpfte die Frau in die Kabine und zog die Tür zu.

Für dich würde keiner fünfhundert Piepen hinblättern, dachte er und lächelte säuerlich. Dann ging er in das Café und beschloss, noch ein Bierchen zu zischen.

 

Fünf Pils später kehrte er mit Kopfschmerzen in die Wohnung zurück. Er vertrug keine größeren Mengen Alkohol, schon gar nicht innerhalb kürzester Zeit. Großartig – in knapp zwei Stunden sollte dieser Müller das in einem Kuvert befindliche Geld in einem bestimmten Mülleimer deponieren, und er soff sich die Hucke voll. Gewohnheitsgemäß legte Malte die Sicherheitskette vor, sperrte zweimal zu und ließ den Schlüssel stecken.

Ein paar Sekunden lang lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Tür und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, war ihm immer noch schwummrig. Vielleicht half ihm ja eine Aspirin, falls er überhaupt noch welche hatte. Zunächst aber wollte er noch nach der Katze sehen. Etwas tapsig ging er ins Wohnzimmer.

Und riss die Augen auf. Die obere Hälfte des Katzenkorbs lag wie eine auf dem Rücken gelandete Schildkröte am Boden. Hatte er vergessen abzusperren und Gila hatte den Deckel irgendwie nach unten befördert?

»Scheiße«, murmelte er und beruhigte sich im selben Moment wieder. Wie weit konnte das Tier schon gekommen sein? Auf einem der fünfzig Quadratmeter der Wohnung musste es sich ja wohl befinden.

»Gila!«, rief er, kroch auf den Teppichboden und blickte hinter die Couch. Die ruckartige Bewegung versetzte ihm einen Stich in der Magengegend. Schnaufend rappelte er sich wieder hoch und massierte seine Wampe, die noch vor wenigen Jahren als makelloser Waschbrettbauch durchgegangen war.

Allmählich beruhigte sich sein Magen wieder und er beschloss, mit der Suche fortzufahren. Seine erste Freundin hatte gleich vier Katzen besessen, und er wusste noch, dass diese sich an den unmöglichsten Orten verstecken konnten. Eine hatte es einmal sogar geschafft, sich hinter die Bücher eines Regals zu quetschen.

Malte fuhr herum, als er das Klirren hörte. Es stammte eindeutig aus der Küche. Kurz rieb er sich die Schläfen, was die Kopfschmerzen natürlich nicht vertrieb, und schlurfte in den kleinen Raum gegenüber. »Du machst vielleicht Sachen, Mieze.« Die Bescherung in Form eines zerbrochenen Glases sah er sofort.

Das Wesen, das wie ein riesiger, ungewöhnlich geformter Lüster an der Decke hing, bemerkte er erst, als es sich bewegte. Sein Gehirn weigerte sich anzuerkennen, was ihm die Augen gemeldet hatten. Wie erstarrt stand er unter dem Türbogen und glotzte das Ding an, dessen Geifer in zähen Speichelfäden auf den Boden tropfte.

Malte blinzelte mehrmals, aber die albtraumhafte Erscheinung verblasste nicht. Im Gegenteil – jetzt machte sich das Ding daran, nach unten zu klettern. Jeder seiner Schritte verursachte ein widerliches Schmatzen. Auf seinen stämmigen Beinen stieg es problemlos die Wand hinab und hinterließ eine Schleimspur.

Erst als es in seiner ganzen Abscheulichkeit nur wenige Meter entfernt stand und ihn aus glasigen, kuchentellergroßen Augen anglotzte, wirbelte er herum und lief. Dem Alkohol und dem Schock zum Trotz gewahrte er blitzschnell seine Lage: Das Entriegeln und Aufschließen der Tür würde Zeit in Anspruch nehmen. Wertvolle Zeit, während diese scheußliche Bestie hinter ihm her war.

Malte stieß die Badezimmertür auf und knallte sie zu. Gerade noch rechtzeitig, denn schon krachte der Leib des Wesens dagegen, und in einer Mischung aus Schmerz und Wut brüllte es auf. Mit zitternden Fingern verriegelte er die Tür, stolperte ein paar Schritte rückwärts und setzte sich auf den Badewannenrand.

Zwar wusste er, dass er sich nun sammeln und seine Gedanken ordnen musste, aber die schiere Existenz eines Monstrums, das vor der Tür auf ihn lauerte, schien ihn völlig zu lähmen. Malte stand deshalb auf und spritze sich Wasser ins Gesicht. Ein Schlag gegen die Tür ließ sie erzittern, und mit Entsetzen gewahrte er, dass der hölzerne Türrahmen einen Sprung aufwies. Erneut heulte das Wesen schauerlich auf.

»O Gott«, flüsterte Malte und setzte sich langsam wieder hin. Wenigstens erübrigte sich die Frage, woher diese Kreatur stammen mochte. Unzweifelhaft war dies einmal Gila gewesen. Oder ein Wesen, das sich als Katze tarnen konnte. Als süßes, unschuldiges Kätzchen, das sich ohne jegliches Murren in fremde Wohnungen bringen ließ …

Wumms! Wieder zitterte die Tür bei dem Aufschlag. Lange würde sie dem Eindringling nicht standhalten können.

Bei dem Gedanken daran, wie diese Monstrosität in das Bad einfallen würde, flutete eine Woge purer Panik durch seinen Körper. An Flucht war nicht zu denken – der Raum war fensterlos. Er steckte wie eine Maus in der Falle.

Wumms!

Jetzt kreischte Malte mit einem kiekenden Laut auf. Irgendwie, überlegte er, müsste er sich doch wenigstens zur Wehr setzen können. Hastig durchwühlte er den Badezimmerschrank. Abgesehen von einer Nagelschere und ein paar Rasierklingen war da nichts, das auch nur im Entferntesten als Waffe durchgehen konnte.

Im Gegensatz zu ihm verfügte das Ungetüm über Reißzähne, vielleicht auch Krallen, die es einziehen konnte, wenn es mal eben die Schwerkraft auf den Kopf stellte und munter Wände hoch kletterte.

Ein erneuter Schlag ließ die Tür erzittern.

Moment – hatte er das Handy nicht am Morgen in der Jacke verstaut, die er gerade trug? Er klopfte die Taschen ab und betete darum, dass er nicht irrte. Am liebsten hätte er ein Juchzen ausgestoßen, als er es in der Innentasche ertastete. Es war das letzte Geschenk seiner Ex-Frau gewesen. Das Letzte und beste. Automatisch wählte er die Nummer der Polizei. Aber was sollte er als Grund für seinen Anruf angeben? Monster-Notfall?

Dieser Müller musste Bescheid wissen. Natürlich! Deshalb war er auch so erpicht gewesen, Gila möglichst rasch wieder zu bekommen. Vielleicht war Müller ein durchgeknallter Forscher und Gila war ein Gentechnik-Experiment. Oder irgendein Monster aus dem Amazonas, das der Typ irgendwie nach Deutschland geschmuggelt hatte.

Malte fischte den Zettel mit der Telefonnummer aus der Tasche und wählte Müllers Nummer.

Es tutete. Einmal. Zweimal.

Wumms! Die Tür begann zu splittern. Es war nur noch die Frage, ob zunächst das Schloss oder die Tür nachgeben würde.

»Scheiße! Nun geh doch endlich ran!«, brüllte er in das Handy und umklammerte es so fest, als wäre es eine Waffe, mit der er die Bestie bändigen könnte.

Beim sechsten Mal schließlich wurde abgehoben. Kurz fürchtete Malte, das Schicksal könnte ihm noch einen letzten, perfiden Streich spielen, indem sich ein Anrufbeantworter meldete. Über alle Maßen erleichtert gewahrte er Müllers Stimme.

»Ja, hier Müller?«

»Helfen Sie mir!«, schrie Malte atemlos. »Gleich kommt dieses Monster durch die Tür! Bitte helfen Sie mir!«

Schweigen am anderen Ende. Dann, nach schier endlosen Sekunden: »Ich habe es Ihnen ja gesagt. Sie hätten mir Gila sofort bringen müssen.«

»Helfen Sie mir doch bitte!«, wiederholte Malte. Seine Kehle fühlte sich inzwischen staubtrocken an.

»Ich wusste«, fuhr Müller ohne jegliche Eile fort, »dass das eines Tages passieren würde. Tief in meinem Innersten wusste ich es. Und heute Morgen entwischte sie mir doch tatsächlich, als ich die Käfigtür nicht fest genug verschloss und …«

»Helfen Sie mir!«, rief Malte ins Telefon, und seine Stimme klang bereits heiser. »Ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was ich machen kann!«

»Was Sie machen können?« Müller klang ehrlich erstaunt. »Sie müssen gar nichts machen. Gila wird sich schon bald wieder in ihr, wie ich es nenne, Kätzchenstadium zurückverwandeln.«

Malte atmete tief durch. Holzsplitter wirbelten vom Türrahmen zu Boden, als das Ungetüm dagegen anbrandete. »Wann?«, fragte er mit weinerlicher Stimme.

Einen Moment lang herrschte völlige Stille, die so etwas wie Hoffnung in ihm aufkeimen ließ, welche rasch wieder verdorrte, als er Müller kalt erwidern hörte: »Sobald sie satt ist.«

(ri)