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Der perfekte Mord

Eine Krimi-Kurzgeschichte von Bernd Hasch

Kriminalrat a.D. Richard Baumann war sichtlich überrascht. Vor ihm stand ein schlaksiger junger Mann, der sich für die Störung am frühen Morgen entschuldigte und sich als Marcus Vollmer von der Kriminalpolizei vorstellte. Baumann studierte intensiv den ihm entgegen gestreckten Ausweis, nachdem er die Lesebrille vom Kopf auf seine Nase geschoben hatte. Er ließ sich Zeit und Vollmer hatte Gelegenheit den kleinen und gebrechlich erscheinenden Mann vor ihm zu studieren. Ein schmaler Schädel mit einer aristokratischen Nase, auf deren Ende die Brille gerade noch ihren Halt bekam. Das blasse Gesicht, mit Pigmentflecken versehen, wurde durch buschige Augenbrauen eingerahmt, deren rötliche Farbe vermuten ließ, dass das schüttere Haupthaar ehemals ebenso war. Eine abgewetzte Cordhose, eine Strickjacke und Filzpantoffeln rundeten das Bild eines typischen Rentners ab.

»So jung und schon Kommissar bei der Mordkommission?«, entfuhr es Baumann mit Anerkennung in der Stimme und er betrachtete den vor ihm Stehenden. Der stand da in seiner saloppen Kleidung, eher wie ein Verkäufer eines Warenhauses, Abteilung Herrenkonfektion, salopp gekleidet mit Gel in seinem blonden, struppigen Haaren. Der jugendliche Eindruck wurde durch eine leichte Röte im rundlichen und freundlichen Gesicht unterstrichen, aus dem zwei wachsame, hellblaue Augen durch eine randlose Brille funkelten.

»Na ja«, druckste der Angesprochene namens Marcus Vollmer etwas verlegen, »wie man es nimmt.«

»Nein, nein«, sagte Baumann, »keine falsche Bescheidenheit. Ich weiß, wovon ich rede, war ich doch lange genug dabei.«

»Sie waren bei der Polizei?«, war die erstaunte Frage. Für Vollmer im Augenblick kaum vorstellbar. Wahrscheinlich war der einer dieser Sesselpupser im Innendienst gewesen, die er ohnehin gefressen hatte.

»Über vierzig Jahre mein lieber Freund.«

»Das vereinfacht die Lage erheblich«, entfuhr es erleichtert dem jungen Kommissar.

»Welche Lage?«

»Darf ich hereinkommen, ich möchte nicht im Hausflur darüber sprechen?«

»Entschuldigen Sie, selbstverständlich. Kommen Sie.«

Baumann ging voran und führte den Kommissar in das Wohnzimmer. Dabei entschuldigte er sich für die Unordnung mit dem Hinweis, dass er auf Besuch nicht vorbereitet war. Auf dem Wohnzimmertisch stand eine Schreibmaschine und um sie herum lag ein Haufen Papier sowie aufgeschlagene Bücher. Baumann räumte ein paar Sachen vom Sessel und bot einen Platz an, was der Besucher dankend ablehnte und sofort zur Sache kam.

»Wie gut kannten Sie ihren Nachbarn Hans Wollenweber?«

»Kannten? Ich kenne ihn sehr gut und das seit fast zehn Jahren. Man kann sagen, dass wir gut befreundet sind. Warum?«

Dann nahm seine Stimme einen besorgnisvollen Ton an.

»Sie sagten aber kannten. Ist was passiert?«

Kriminalkommissar Vollmer nestelte an seiner Brille und nickte mit einem betrüblichen Gesicht.

»Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Freund tot ist.«

»Nein!«

Es war wie ein Aufschrei und Baumanns Gesicht wurde noch um eine Nuance blasser. Tastend griff er Halt suchend zur Sessellehne und ließ sich dann langsam in das Polster gleiten. Der Kommissar beobachtete es besorgt. Hätte er ihm die Nachricht vom Tod des Nachbarn schonender beibringen sollen?

»Was ist passiert?«, flüsterte Baumann kaum hörbar vor Erschütterung.

»Es sieht so aus, als habe Hans Wollenweber einen Unfall erlitten. Einen tödlicher Stromschlag in der Badewanne. Der Haartrockner ist ins Badewasser gefallen, das hat ihm das Leben gekostet.«

»Das ist doch unfassbar«, murmelte Baumann entsetzt, »so etwas weiß doch jedes Kind. Ein Föhn oder ein Radio haben nichts in der Nähe einer Badewanne zu suchen.«

Der Kommissar nickte betrüblich.

»Und dennoch passiert es leider immer wieder. Aus purem Leichtsinn.«

Baumann schien sich gefangen zu haben.

»Aber was machen Sie jetzt hier, Sie sind doch von der Mordkommission?«

»Wir untersuchen solange, bis es sich herausstellt, dass es kein Mord, sondern ein Unfall oder vielleicht sogar ein Selbstmord war.«

»Selbstmord? Dass halte ich für ausgeschlossen. Hans war ein froher und lebensbejahender Mensch. Ich hätte es bemerkt, wenn er depressiv geworden wäre.«

»Sie sind also freundschaftlich verbunden gewesen, wie Sie sagten?«

Baumann nickte und ihm fiel auf, dass die blauen flinken Augen des jungen Polizisten während des Gesprächs fortwährend die häusliche Umgebung abtasteten.

»Dann kannten Sie auch seine Gewohnheiten?«

»Welche?«

»Das frage ich Sie. Hatte er welche? Zum Beispiel, dass er«, der junge Kommissar stockte einen Augenblick und dachte nach, »was hatten wir eigentlich gestern, ach ja Mittwoch, ein Bad in der Wanne nahm?«

»Dass er die Badewanne bevorzugte war sicherlich eine Eigenart von ihm. Das wusste ich, weil wir mal darüber gesprochen hatten und ich ihm sagte, dass ich lieber jeden Morgen unter die Dusche gehe. Ist auch kostengünstiger. Aber wann er das Bad zu nehmen pflegte, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis.«

»Ihre Wohnung liegt doch direkt nebenan. Haben Sie keinerlei Geräusche gehört, zum Beispiel das Wassereinlaufen in die Wanne oder so?«

»Dies ist kein sozialer Wohnungsbau, solche Geräusche hört man hier nicht. Im Übrigen liegt sein Bad zur anderen Seite hinaus.«

Der Kommissar nickte verstehend.

»Wann ist es denn das schreckliche Unglück passiert und wer hat ihn gefunden?«

»Seine Putzfrau hat uns alarmiert. Sie hat zuerst versucht bei Ihnen anzuschellen, aber Sie waren anscheinend nicht da?«

Dass Letzte klang wie eine Frage, und Baumann antwortete mit einer Gegenfrage.

»Um wie viel Uhr sagten Sie?«

»Ich hatte keine Uhrzeit gesagt«, lächelte der Kommissar sanft, »ich sagte, dass Sie anscheinend nicht zu Hause waren, als die Putzfrau bei Ihnen klingelte. Sonst hätten Sie doch die Tür geöffnet, Oder?«

»Selbstverständlich.«

»Sie waren also nicht zu Hause?«

»Nein, ich war zur Tankstelle gefahren. Dort habe ich getankt und mir Brötchen zum Frühstück geholt, die es jetzt neuerdings dort gibt. Frischer als beim Bäcker.«

»Verstehe. Jetzt frage ich nach der Zeit. Um wie viel Uhr waren Sie weg und wie lange?«

»Na hören Sie mal junger Freund, das hört sich ja fast so an wie ein Verhör.«

»Um Gotteswillen, nein. Aber ich werde alle Hausbewohner diesbezüglich befragen müssen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Natürlich wusste Baumann als ehemaliger Polizist, was der Kommissar meinte und er versuchte, sich zu erinnern.

»Also ich muss nach kurz sieben Uhr aus dem Haus gegangen sein, ich hatte noch die Nachrichten gehört. So gegen acht Uhr war ich schätzungsweise wieder hier.«

»So lange dauerte das Tanken und Brötchen holen?«

»Die Waschanlage war gerade frei, da habe ich noch schnell meinen Wagen durchgefahren.«

»Aha«, ließ der Kommissar vernehmen und fragte weiter, »haben Sie Ihren Freund Hans Wollenweber gestern Abend noch gesehen?«

»Nein, abends nicht. Wir hatten Mittag einen gemeinsamen Spaziergang durch den Park gemacht, dann haben wir uns getrennt.«

»Hatten Sie an ihm etwas bemerkt, war er anders als sonst oder ist Ihnen sonst etwas Besonderes an ihm aufgefallen?«

»Nein kann ich nicht sagen. Zielt Ihre Frage darauf ab, dass Sie vermuten, dass er sich womöglich das Leben genommen hat?«

»Ich vermute gar nichts, ich ermittle nur«, sagte der Polizist und wirkte ganz ruhig, im Gegensatz zu seinen Augen. Diese schienen gerade den Wohnzimmertisch und das, was darauf lag, abzutasten.

»Wohnen Sie allein?«

»Ja, meine Frau ist vor einem Jahr gestorben.«

»Oh, das tut mir leid. Ist sie das?«

Der Kommissar ging zum Bücherschrank. Dort zeigte er auf einen silbernen Rahmen, in dem das Bild einer elegante Dame steckte.

Baumann nickte.

»Hat sich die Freundschaft zu Ihrem Nachbarn nach dem Tode Ihrer Frau intensiviert? Ich meine, natürlich wäre das doch, wenn man plötzlich alleine ist.«

»Ich weiß wirklich nicht, was das mit dem Tod meines Freundes zu tun haben soll. Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen, wir waren auch schon als Ehepaar mit Hans befreundet. Sicher unternahmen wir jetzt einiges mehr gemeinsam.«

Der Kommissar nickte verstehend und ließ wieder seine flinken Augen kreisen.

»Entschuldigen Sie, wenn ich das frage, aber ich sehe bei Ihnen hier eine systematische Unordnung. Das sieht nach Arbeit aus. Ist das ein Hobby oder arbeiten Sie wissenschaftlich?«

»Nein nicht direkt, ich schreibe.«

»Ach Sie schreiben? So etwas wie Ihre Memoiren?«

»Nein, Sie werden es nicht glauben, ich schreibe an einem Kriminalroman.«

»Verstehe, geniale Idee. Sie verarbeiten darin einen Ihrer Fälle?«

»Nicht direkt«, und dabei begannen Baumanns Augen eigenartig zu funkeln, »ich befasse mich mit einem bestimmten Thema, was mich schon während meiner gesamten Laufbahn ungemein fasziniert hat.«

»Darf man fragen, welcher Art?«

»Der perfekte Mord. Die Krönung der Verbrechen und der Albtraum aller Ermittler zugleich.«

»Gibt es den überhaupt den perfekten Mord?«

»Und ob, junger Freund. Wenn ich an viele meiner Fälle denke, die nur durch einen dummen Fehler des Täters oder durch Zufall aufgeklärt wurden, dann kann man sagen, dass es beinahe perfekte Verbrechen waren. Eben bis auf den einen dummen Fehler beziehungsweise banale Zufälle.«

»Aber sie wurden ja letztlich aufgeklärt.«

»Ja, aber wenn man eben keinen Fehler begeht oder dem Zufall keine Chance lässt, dann haben Sie doch den perfekten Mord. Denken Sie an die vielen ungeklärten Fälle, das sind doch im Grunde perfekte Morde. Oder an Morde, die geschehen sind und die erst gar nicht zum Fällen wurden, weil ein natürlicher Tod oder ein selbst verschuldeter Unfall als Ursache angenommen wurde. Das alles sind im Grunde perfekte Morde.«

»Wie weit sind Sie denn?«, fragte der Kommissar mit Blick auf den Haufen Papier neben der Schreibmaschine.

»Fast fertig, ich bin beim Schlusskapitel.«

»Werden Sie ihn veröffentlichen? Sozusagen als Lehrbuch für perfekte Morde?«

»Daran ist nicht gedacht aber vielleicht später einmal.«

Der junge Kommissar nickte und kam wieder auf das, was ihn eigentlich bewegte.

»Nach Ihrer Theorie könnte zum Beispiel der Unglücksfall von nebenan auch ein perfekter Mord sein?«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Na ja, der Haartrockner könnte ja von jemanden in die Wanne geworfen worden sein.«

»Theoretisch ja, aber praktisch halte ich das für unwahrscheinlich.«

»Warum?«

»Weil jemand im Bad gewesen sein musste, den der im Bad Liegende kennt und der Zugang in die Wohnung hatte.«

»Trifft das auf Sie nicht zu?«, fragte Kommissar Baumann.

Der alte Kriminalrat war verblüfft.

»Tatsächlich«, sagte er, »mir fällt ein, ich habe sogar einen Wohnungsschlüssel von drüben, für alle Fälle.«

»Sehen Sie«, sagte der Kommissar und wandte sich zum Gehen, »in diesem Fall könnte man kaum von einem perfekten Mord sprechen. Die Voraussetzungen sind dafür einfach zu eindeutig.«

Im Augenblick wusste Baumann nicht, wie der Kommissar das meinte.

»Ich will Sie jetzt auch nicht länger belästigen«, sagte der freundlich lächelnd, »wenn ich noch Fragen habe, melde ich mich bei Ihnen.«

Der Kommissar war schon fast an der Tür, als Baumann ihn einholte und leise fragte:

»Kann ich ihn noch mal sehen?«

»Im Moment leider nicht, die Spurensuche ist bei der Arbeit. Das verstehen Sie bestimmt. Aber ich sage Ihnen Bescheid, wenn sie ihn abtransportieren lassen.«

Als sich die Wohnungstür schloss, trat Kriminalrat a.D. Baumann, innerlich aufgewühlt vom Gespräch mit dem jungen Kriminalkommissar, ans Erkerfenster. Unten sah er Vollmer aus der Haustür treten, der nach einigen Schritten plötzlich innehielt und auf die auf dem Bürgersteig spielenden Kinder zuging und etwas fragte. Der kleine Junge vom Parterre nickte und zeigte mit dem Finger auf die gegenüberliegende Straßenseite. Vollmer strich dem Jungen über das Haar, überquerte die Straße und ging zum Erstaunen Baumanns geradewegs auf dessen Auto zu. Dort verharrte er einen Augenblick prüfenden Blickes und ließ seine Hand über das Blech gleiten, bevor er weiterging, seinen eigenen Wagen bestieg und davon fuhr.

»Alle Achtung, verdammt clever dieser Bursche«, murmelte Baumann hinter der Gardine, »prüft doch tatsächlich, ob der Wagen gewaschen wurde.«

 

Es war am Spätnachmittag als Kriminalkommissar Vollmer sich wieder bei Baumann meldete. Auch diesmal entschuldigte er sich.

»Ich bitte Sie, keine Ursache«, sagte Baumann zuvorkommend, obwohl er seinen Mittagsschlaf vorzeitig unterbrechen musste.

»Sie wollten ihn doch noch einmal sehen. Wir sind jetzt soweit, dass der Leichnam abtransportiert werden kann.«

Baumann nickte und sie gingen in Wollenwebers Wohnung, wo auf einer Trage Wollenwebers Leichnam in ein Tuch gehüllt lag. Auf Kopfnicken von Vollmer zog der Assistent, Kriminalinspektor Mayer, den Stoff vom Gesicht. Beim Anblick seines toten Freundes schien Baumann fast die Fassung zu verlieren.

»Mein Gott«, murmelte er, »es ist einfach nicht wahr. Gestern haben wir noch Pläne für einen gemeinsamen Urlaub geschmiedet und jetzt das. Es ist einfach fürchterlich. Wo bringen Sie ihn jetzt hin?«

»In die Pathologie.«

»In die Pathologie?«

»Ja, darüber wollte ich mit Ihnen noch sprechen.«

Vollmer umfasste Baumann und führte ihn zu seiner Wohnung zurück.

»Sie haben sicher schon viele Tote gesehen, aber ich kann mir vorstellen, der Blick auf das tote Antlitz eines Freundes ist besonders grausam und schmerzlich.«

Baumann nickte nur und stierte vor sich hin.

Vollmer räusperte sich.

»Sind Sie derzeit dazu in der Lage mir noch einige Fragen zu beantworten?«

»Selbstverständlich.«

»Sie sind noch immer durch und durch Polizist.«

Es sollte anerkennend klingen. Vollmer verschwieg, dass er sich kundig gemacht hatte. Der, der ihm als Trauernder gegenübersaß, war zuletzt als Kriminalrat beim Landeskriminalamt tätig. Das war schon einige Zeit her. Was er über diese Kollegen dachte, vor allem in diesem Dienstrang, behielt er lieber für sich. Doch den, den er vor sich hatte, der war damals berühmt berüchtigt. Man nannte ihn Fuchs und das nicht nur wegen seiner roten Haare. Also ein Mann besonderen Kalibers, der mit Vorsicht zu genießen war.

Baumann nickte und murmelte:

»In diesem Jahr werden es zehn Jahre.«

»Tja, die Zeit vergeht, aber die Verbrechen sind immer noch an der Tagesordnung«, ließ der Kommissar vernehmen. Er stand auf und wanderte ruhelos durch den Raum. Vor dem Bild im silbernen Rahmen in der Schrankwand blieb er sinnierend stehen. Baumann beobachtete ihn argwöhnisch.

»Sie haben Ihren Wagen in dieser Woche schon zweimal waschen lassen. Hatte das einen bestimmten Grund?«

Es klang wie beiläufig, der Fragende schaute dabei auf das Bild der verstorbenen Frau Baumann.

Im Gesicht des Kriminalrats a.D. zogen sich die Augenbrauen zusammen.

»Ach, das haben Sie zwischenzeitlich recherchiert? Ja, das stimmt. Eine Amsel, oder war es eine Taube, hat mir die ganze Windschutzscheibe vollgeschissen. Als ich Brötchen holte, nahm ich die Chance wahr, den Wagen eben mal durch die Waschanlage zu fahren.«

»Das ist nur zu verständlich.«

»Warum kommt Wollenweber eigentlich in die Pathologie?«

»Um sicherzugehen. Wir können uns nicht erlauben etwas zu übersehen und vielleicht finden die Mediziner irgendeinen Anhaltspunkt.«

»Ihre Kollegen von der Spurensicherung waren ja den ganzen Tag über sehr fleißig. Haben Sie denn schon irgendwas herausgefunden?«

»Eigentlich dürfte ich gar nicht darüber reden, aber bei Ihnen als ehemaliger Kollege kann ich sicher eine Ausnahme machen.«

Der junge Kommissar unterbrach seine Wanderung durch das Wohnzimmer und setzte sich wieder hin.

»Nein, wir haben keine verdächtigen Spuren und auch keine Anzeichen äußerer Gewaltanwendung gefunden.«

»Also doch ein Unfall, dachte ich mir«, fühlte sich Baumann bestätigt.

Der Kommissar blickte ihm lange in die Augen.

»Es sieht so aus und dennoch habe ich ein ungutes Gefühl.«

»Ihr Leute von der Mordkommission vermutet hinter jedem Tod ein Verbrechen.«

»Das bringt so die Erfahrung mit sich.«

Baumann war innerlich amüsiert, als dieser junge Mann von Erfahrungen sprach. Der schien zu spüren, was in Baumann vorging und korrigierte sich.

»Will sagen, dass mir so ein paar Sachen aufgestoßen sind, die mir im Zusammenhang mit einem Unfall einfach nicht gefallen.«

»Zum Beispiel?«

Klar war Baumann neugierig.

»Der Radiowecker auf dem Nachtisch ist stehen geblieben.«

»Eigentlich ist das doch klar. Die Sicherung ist durchgeknallt und der Strom ist ausgefallen.«

»Ja, ja«, nickte der Kommissar, »das ist richtig. Leider bleibt darauf die Zeit nicht stehen, sonst wüssten wir den genauen Zeitpunkt des Todes. Diese Dinger stellen sich immer automatisch auf null ein. Aber ist es nicht seltsam, dass die Anzeige des Weckers blinkt.«

»Eben durch den Stromausfall.«

»Sie scheinen mir mehr Ahnung von Elektrizität zu haben als ich. Sie haben doch einen eigenen Sicherungskasten für diese Wohnung? Können Sie mir diesen mal zeigen und erklären.«

Baumann führte den Kommissar in den Flur und öffnete den Sicherungskasten.

»Sehen Sie hier«, erklärte er, »jede Wohnung hat einen eigenen Zähler, eine Hauptsicherung und Einzelsicherungen, die bestimmte Stromkreise absichern. Zum Beispiel den der Waschmaschine oder den der Steckdosen und so weiter.«

»Und bei Wollenweber ist das auch so?«

»Da bin ich mir sicher.«

Sie gingen wieder zurück. Das Gesicht des Kommissars war sehr nachdenklich.

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

Der Angesprochene reagierte wie aus Gedanken gerissen.

»Nein, nein. Danke vielmals.«

»Sie denken noch drüber nach?«

»Ja, und ich verstehe eines nicht. Warum der Wecker blinkt.«

Baumann versuchte es auf die milde Art.

»Als der Fön ins Badewasser fiel, gab es einen Kurzschluss und dadurch fällt der Strom aus.«

»Richtig, aber der Wecker blinkt doch, also ist doch wieder Strom da. Wer hat ihn eingeschaltet?«

Baumann war augenscheinlich verunsichert.

»Dann hat einer Ihrer Beamten die Sicherung wieder eingeschaltet.«

»Sehen Sie, und das ist genau nicht der Fall. Und was würden Sie daraus folgern?«

Baumann war aschfahl geworden.

»Es war kein Selbstmord und auch kein Unfall, sondern …«

»… Mord. Richtig. Denn beim Eintauchen des Föns in das Wasser ist nicht nur die Sicherung des Stromkreises sondern auch die Hauptsicherung herausgesprungen. Danach ist der Hauptschalter wieder eingeschaltet worden, wobei die Sicherung vom Stromkreis des Badezimmers ausgeschaltet blieb. Da hat also jemand nachgeholfen. Jemand, der sich auch mit den Sicherungen auskannte.«

»Und warum sollte er das getan haben? Ich meine die Hauptsicherung wieder einschalten.«

»Weil ohne Hauptsicherung zum Beispiel auch die Türklingel nicht funktioniert und vielleicht wollte dieser jemand, dass man Wollenweber noch am nächsten Morgen finden würde. Vielleicht hatte er sich für diese Zeit ein Alibi zurechtgelegt.«

Baumann wunderte sich immer mehr. Soviel Scharfsinn hatte er dem jungen Kommissar nicht zugetaut, aber jetzt schien er sich zu verrennen.

»Wollen Sie damit sagen, dass ein Fremder Wollenweber den Föhn ins Badewasser geworfen hat?«

»Warum ein Fremder, es könnte auch ein Bekannter gewesen sein.«

»So viele Bekannte hatte Hans nicht.«

»Wir werden sehen. Die Frage ist, wer konnte Interesse am Tod Wollenwebers gehabt haben? Hatten Sie schon einmal so einen oder ähnlichen Fall in Ihrer langen Laufbahn?«

Baumann schüttelte verneinend den Kopf.

»Ich auch nicht. Das muss ich erst einmal mit meinen Kollegen durchsprechen.«

An der Tür drehte sich Kommissar Vollmer noch einmal um.

»Ach übrigens, hieß Ihre Frau Charlotte?«

Baumann blickte erstaunt auf und nickte.

»Dann habe ich an Ihrer Freundschaft zu Wollenweber keinen Zweifel mehr. Wir haben ein Bild Ihrer Frau mit Widmung gefunden. Es lag in der Nachttischschublade.«

Die Tür schlug zu und ein ratlos blickender Kriminalrat a.D. blieb in sich zusammengesunken zurück.

 

Kriminalkommissar Vollmer und sein Assistent Mayer standen wenige Stunden später vor Baumanns Wohnungstür. Sie hatten mehrfach angeschellt und warteten vergeblich, dass geöffnet wurde.

»Soll ich die Tür aufbrechen?«, fragte Mayer mit Unternehmungsdrang.

»Nein, schauen Sie doch mal in Wollenwebers Wohnung nach, da muss doch irgendwo ein Schlüssel hängen.«

Vollmer war sicher, dass Baumann in seiner Wohnung war. Er hatte ihn überwachen lassen. Vielleicht mehr aus Routine zumal die Kollegen ohnehin noch im Hause mit der Spurensuche beschäftigt waren. Es dauerte nicht lange, da kam sein Assistent mit einem Bund Schlüssel und probierte den Passenden zu finden. Beim fünften Versuch hatte er Glück. Der Schlüssel passte und die Tür öffnete sich. Mit gesicherten Waffen gingen sie beide vorsichtig in die Wohnung. Als sie ins Wohnzimmer gelangten, sah Vollmer plötzlich als Erstes Baumanns Schuhsohlen.

»Baumann«, rief Vollmer, während er näher trat. Dann sah er, warum er keine Antwort erhielt. Baumann lag ausgestreckt auf der Couch, sein Gesicht war noch blasser, als es der Kommissar in Erinnerung hatte und er schien zu schlafen.

Vollmer befürchtete das Schlimmste griff beherzt an den Hals des Liegenden. Der fühlte sich kalt an, von Pulsschlag keine Spur.

»Ist er …«, fragte der Assistent.

»… tot, ja«, vollendete Vollmer die Frage und ein Fluch entfuhr seinen Lippen.

Sie steckten beide ihre Waffen ein und begannen routinemäßig die Situation zu überprüfen.

Vollmer sah, dass in der Schreibmaschine noch ein Blatt steckte. Er drehte es heraus und las unter dem geschriebenen Text das Wort „Ende“ und dann darunter noch einen Zusatz. Der war an ihn gerichtet. Sie müssen den ganzen Roman lesen, damit Sie verstehen können, Herr Kommissar.

Während sein Assistent die Kollegen von der Spurensicherung alarmierte, nahm sich Vollmer den Stoß Papier, der sorgsam neben der Schreibmaschine lag, und setzte sich in den Sessel am Erker. Bevor er zu lesen begann, gab er seinem Kollegen noch die Anweisungen, sich auch um alles andere zu kümmern. Dann versank er in den geschriebenen Seiten, die den Titel Der perfekte Mord trugen. Vollmer las noch, als der Polizeiarzt offiziell den Tod feststellte und die Spurensuche ihre Arbeit aufnahm. Er las hastig, überflog die Zeilen. Vieles wusste er schon und einiges war mit schriftstellerischer Freiheit verfasst. Als er am Ende angelangt war, war er sich sicher, dass er das Manuskript irgendwann noch einmal in Ruhe lesen würde.

»Ist das so was wie ein Geständnis?«

Sein Assistent war hinter ihn getreten und schaute ihm über die Schultern.

»Es ist ein Kriminalroman, der von einem perfekten Mord handelt. Baumann hatte ihn geplant und sein Vorhaben minutiös aufgeschrieben. Die Geschichte begann, als Baumann rein zufällig entdeckte, dass ihn seine Frau mit Hans Wollenweber betrogen hatte. Baumann war in Kur und da muss es passierte sein. Das war kurz vor ihrem plötzlichen Tod.«

»Dann werden wir ihre Leiche exhumieren lassen, vielleicht war das der perfekte Mord.«

»Nein, das brauchen wir nicht. Baumann fand erst nach ihrem Tod zufällig Fotos von den beiden in Wollenwebers Wohnung.

Er sann auf Rache und beschloss Wollenweber umzubringen, und zwar durch einen perfekten Mord. Er wusste, wann Wollenweber badete und er wählte den Abend, wo am folgenden Morgen die Putzfrau kommen würde, bewusst aus. Er wusste, wann sein Nachbar sich Abends in die Wanne legte und ging mittels des Wohnungsschlüssels in Wollenwebers Wohnung und täuschte mit nassen Haaren vor, dass sein Fön gerade den Geist aufgegeben hatte. Natürlich erlaubte ihm Hans Wollenwebers den Fön zu benutzen, den er, um Fingerabdrücke zu vermeiden, allerdings mit einem Handtuch anfasste. Er schaltete den Fön an und tat so, als wenn er seine Haare trocknen würde, und warf ihn dann plötzlich ins Badewasser, in dem Hans Wollenweber lag. Die schreckliche Szene vom Tod seines Freundes Hans Wollenwebers blieb ihm erspart, die Hauptsicherung ging durch und das Licht war aus. Er verließ die Wohnung und schaltete die Hauptsicherung wieder ein, wobei er die Sicherung für den Stromkreis im Badbereich ausgeschaltet ließ. Er kannte sich aus und brauchte Licht für sein weiteres Vorhaben. Also ging er nochmals in die Wohnung und entfernte aus dem Album die Fotos, die seine Frau und Wollenweber als glückliches Paar zeigten und auf die er zuvor zufällig gestoßen war. Das musste er tun, sonst hätten ihn diese Fotos als möglichen Täter verraten. Dann ging er in seine Wohnung zurück, wo er die Tat in allen erdenklichen Einzelheiten als Schlusspart seines Kriminalromans niederschrieb.«

»Eigentlich ein perfekt durchdachter Plan«, staunte Hubert Mayer, sein Adlatus.

»Ja, aber Baumann hatte nicht daran gedacht oder es übersehen, dass durch den Stromausfall der Radiowecker stehen blieb und auch durch das Einschalten nicht wieder in Betrieb ging. Er gab das untrügliche Zeichen, dass zunächst ein völliger Stromausfall war und später der Strom wieder eingeschaltet wurde. Natürlich bis auf die Sicherung, die den Stromkreis im Badezimmer sicherstellt. Also hat sich jemand nach dem unglückseligen Tod von Hans Wollenweber am Sicherungskasten zu schaffen gemacht und das konnte nur der Mörder sein.«

»Aber wie sind Sie darauf gekommen, dass ausgerechnet der Nachbar, der Kriminalrat a.D., der Täter war?«

»Im Fotoalbum waren Spuren von frisch entfernten Fotos, aber das war noch kein eindeutiger Hinweis. Was Baumann nicht wusste, war, dass in der Nachtkonsole von Wollenweber noch ein Bild von Frau Baumann mit einer innigen Widmung von ihr lag. Normalerweise misst man einem solchen Foto keine besondere Bedeutung bei, aber ich erkannte das Gesicht im Bilderrahmen, der in Baumanns Schrankwand stand. Und von diesem Zeitpunkt an wurde ich argwöhnisch.«

»Also doch so kein perfekter Mord, wie es der Titel seines Manuskriptes ankündigt.«

»Vielleicht perfekt geplant, aber in der Ausführung unterlief ihm der gravierende Fehler. Hinzu kamen unvorhersehbare Zufälle.«

»Wusste er das? Hat er sich deshalb das Leben genommen?«

»Ich habe mit ihm den theoretischen Mord an Wollenweber durchgespielt. Er hat gemerkt, dass ich ihm auf der Spur war. Als ich ihm das mit der Hauptsicherung und der Radiouhr erzählte, wusste er, dass sein Mord kein perfekter Mord war und er sah auch die Konsequenzen. Es tut mir aufrichtig leid, dass es so enden musste.«

»Chef, dafür sind Sie nicht verantwortlich, versuchte Mayer den niedergeschlagenen Kommissar zu trösten.«

Der zuckte nur mit den Schultern.

»Er war einer von uns und ein fairer Gegner. Ich wollte ihm als ehemaliger Kollege eine Chance geben, sich selbst zu stellen. Er aber hat sich der Verantwortung auf seine Weise entzogen.«

Copyright © 2009 by Bernd Hasch