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Dark Empire

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Jeremias Flöte

Der Wind zog pfeifend seine Kreise zwischen den Stahlseilen der Brooklyn Bridge, wie er es immer tat. Hier oben war es nie windstill, stets wurden die Geräusche der Autos und des Hudson hierher getragen und vom Wind mit seiner leisen Melodie begleitet.
Und gleich würden die Klänge seiner Panflöte in die Melodie des Windes eintauchen und mit ihnen eins werden, und dann würden die Leute, die die Brooklyn Bridge überquerten, um in Manhattan ihren Träumen nachzujagen, seine Melodie im Herzen tragen. Und nicht wenige würden sie nie vergessen. Und eine würde ganz gewiss zurückkehren, wie es immer geschah, seit er von Marisil die geschwungene Panflöte bekommen hatte, die an einem Band um seinen Hals baumelte. Jerrys Lippen umspielte ein leichtes Lächeln, während er sich die ohnehin schon kreuz und quer nach oben stehenden Haare noch ein bisschen mehr verstrubbelte. Er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, in ihrem dichten Wuchs keine Hörner mehr zu fühlen. An alles andere – an die Beine, die weder Hufe noch Fell mehr hatten und die Ohren, die nicht mehr denen eines Esels oder einer Ziege glichen, ja, daran hatte er sich gewöhnt. Aber dass die Hörner weg waren, nein, daran würde er sich wahrscheinlich nie gewöhnen.

Denn einst, als er noch in den Wäldern Irlands gelebt hatte, war Jerry ein Faun gewesen. Mit Hörnern, Eselsohren und Ziegenbeinen und dem Namen, den er hier in New York abkürzte, weil Jeremias nicht nach dem klang, das er jetzt war – ein Straßenmusiker mit einer Panflöte, der die Menschen der Brooklyn Bridge auf dem Weg nach Manhattan verzauberte und am Abend auf die andere Seite ging, um ihnen den Weg zurück nach Brooklyn zu versüßen, wenn sich in Manhattan wieder einmal Träume nicht erfüllt hatten. Das geschah oft, Jerry sah es in den Gesichtern der Menschen und oft hatte er gedacht, dass man die Brooklyn Bridge in die Brücke der zerbrochenen Träume umbenennen sollte – zumindest den Weg, der von Manhattan kam. Der, der dorthin führte verdiente diesen Namen nicht. Denn auf ihm erwachten die Träume und Hoffnungen der Menschen wieder, Morgen für Morgen, nachdem sie Abend für Abend zerbrachen.

In Irland, als er noch ein Faun war, hatte er sich darum nicht gekümmert. New York, das waren für ihn nur zwei fremde Worte gewesen. Nie hatte er eine Stadt der Menschen betreten, stets hatte er nur auf den grünen Ländereien der Insel gelebt, sich in kleinen Wäldern verborgen gehalten wie all die anderen Geschöpfe, an die die Menschen längst nicht mehr glaubten.
Doch dann war Marisil gekommen, und als sie miteinander fertig waren, hatte sie ihn in einen Menschen verwandelt, um ihn zu bestrafen. Jerry verzog das Gesicht. Warum hatte er sich nur mit dieser Elfe eingelassen? Hatten ihn nicht stets alle gewarnt, dass Elfen kein Vergnügen für eine Nacht waren wie die Faunmädchen, die ihm reihenweise zu Füßen gelegen hatten? Aber er hatte nicht hören wollen, hatte gar nicht mehr hören können, als ihm Marisil das erste Mal begegnet war. Und auch heute noch, wo er als Mensch in New York lebte, konnte er diese Nacht nicht bereuen. Der Rosenduft ihrer hellen Haare lag ihm noch in der Nase, das Gefühl mit der Zunge über ihre weiche Haut zu fahren, die wohligen Seufzer an seinem Ohr und der Ausdruck völliger Glückseligkeit in ihren Augen, als sie sich schließlich voneinander lösten und den Mond betrachteten, der wie ein Lächeln über ihnen gehangen hatte. Doch was für Marisil das Versprechen einer Ewigkeit gewesen war, hatte für ihn nur die Bedeutung des Momentes gehabt. Sicher, es war ein toller Moment, aber hey – es gab noch andere, die man beglücken konnte. Jeremias hatte es Marisil gesagt, und er hatte mit Tränen und Betteln gerechnet, so wie er es oft bei den Faunmädchen erlebt hatte. Aber Marisil war kein Faunmädchen. Sie war eine Elfe.
Sie hatte ihn wütend angestarrt und eine ganze Weile nichts gesagt. Und er hatte sich schulterzuckend abgewandt. Umso besser, hatte er gedacht. Endlich mal keine große Szene. Denn wenn er ehrlich war, hasste er es, wenn sie weinten. Weil sie ihm dann jedes Mal leidtaten. Im Grunde seines Herzens wollte er niemandem wehtun, ja, er träumte sogar von einer richtigen Partnerschaft, aber wann immer es fast so weit gekommen war, hatte er gekniffen – vielleicht auch, weil er eben nie so richtig verliebt gewesen war. Und seither hatte er sich für Abenteuer entschieden. Was nicht in dein Herz kommt, kann dich nicht verletzen – so hieß es doch und er war der Meinung, dass der Spaß der Nächte ausreichte. Aber dummerweise kam er viel zu schnell in die Herzen seiner Gespielinnen. Die Faunmädchen zeterten und knatschten – aber er konnte in den meisten Augen erkennen, dass sie waren wie er und sie dieses Theater abhalten mussten. Nur in manchen sah er, dass er wirklich ihr Herz gebrochen hatte und es fiel ihm schwer, sie dann einfach so sitzen zu lassen. Ja, verdammt – es tat weh, jemandem das Herz zu brechen.

Doch etwas hatte ihn damals dazu bewogen, sich umzudrehen und Marisil noch einmal anzusehen. Sie schwieg immer noch, aber ein Blick in die Augen der Elfe verriet ihm, dass er auch ihr Herz gebrochen hatte. Und eine ungute Ahnung war in ihm aufgestiegen, dass gebrochene Elfenherzen etwas ganz anderes waren als gebrochene Faunherzen. Und seine Ahnung sollte ihn nicht täuschen. Warum auch. Er war ein Faun, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt noch.

Denn schon ein paar Minuten später war er ein junger Mann mit einem Faunwesen. Marisil hatte ihm alles genommen, was Faun an ihm war und es mit Dingen vertauscht, die ihn zum Menschen machten. Und viel schlimmer noch, sie hatte ihn verflucht. »Du hast mein Herz gebrochen.« Mit diesen Worten hatte sie begonnen zu sprechen, und ihre Stimme war weder weich noch warm wie sonst. Jeremias hatte sie angeschaut. Er war versucht zu sagen, dass Herzen brechen müssen, damit Licht hineinkommen kann, aber er wagte es nicht. Marisil sah nicht so aus, als wäre sie derselben Meinung, und als die erste Träne ihre Wange herunter rann – die sie gleich schnell fortwischte – war er froh, es nicht gesagt zu haben, denn sie tat ihm leid. Fast schien es ihm, als könnte er ihren Schmerz fast körperlich spüren. Dann aber hatte er bemerkt, dass ihm tatsächlich alles wehtat. Der Kopf, die Ohren und die Beine. Und als er an sich hinabsah und seinen Kopf betastete, war er ein Mensch geworden. In Marisil Augen lag ein bitteres Lächeln. »Ich sehe, dass es dir fast leidtut«, sagte sie, als sie das Entsetzen in seinen Augen wahrnahm. »Aber ich kann es nicht ungeschehen machen. Du hast mein Herz gebrochen. Elfenherzen bricht man nicht ungestraft.« Ihr bitteres Lächeln wich einem traurigen Ausdruck. »Aber ich kann dir die Chance geben, wieder ein Faun zu werden.«
Ihre schlanken, zierlichen und so zärtlichen Hände wirbelten durch die Luft und schienen wie aus dem Nichts nach einer kleinen, geschwungenen Panflöte zu greifen, die sie ihm hinhielt.
»Mit dieser Flöte wirst du die Melodien des Windes spielen können, die die Träume in sich tragen. Frauen werden sich an dich erinnern und sich stets zu dir hingezogen fühlen. Du aber wirst ihre Herzen brechen, Tag für Tag und Nacht für Nacht, und jedes Mal wirst du mit ihnen Leiden. Und doch wirst du nicht anders können, solange bis die eine kommt, die auch dein Herz brechen wird. Wenn das geschieht, wirst du zurückkehren können.«

Und dann hatte sich Marisil einfach aufgelöst. In Nebel und Sternenschimmern, wie es Elfen immer taten. Und Jeremias war zurückgeblieben, als Mensch mit einer Panflöte in der Hand.

Irgendwie war er von Irland hierher gekommen, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten und seither spielte er Tag für Tag auf der Brooklyn Bridge auf der magischen Flöte. Und wie es Marisil beschworen hatte, lockten die Melodien Frauen an, eine schöner und verführerischer als die andere, und wenn er abends eine von ihnen in sein kleines Loft in Brooklyn mitnahm, gab es nicht eine, die ihn enttäuschte. Doch am Morgen, wenn die Sonne aufging, musste er ihnen stets sagen, dass es nicht mehr war, als diese eine Nacht und jedes Mal stand in ihren Augen geschrieben, dass ihr Herz gebrochen war. Und Jerry, der den Namen Jeremias in Irland gelassen hatte, litt, wie Marisil gesagt hatte. Wörter wie »Mistkerl«, »Drecksack«, »Arschloch« und »fieses Schwein« waren nur die harmlosesten, mit denen man ihn allmorgendlich betitelte. Jedes Mal, wenn die Tür sich hinter einer Blonden, Brünetten oder Schwarzhaarigen schloss, weinte Jerry für ein paar Minuten, ehe er sich aufmachte zur Brooklyn Bridge, wo er die Klänge seiner Flöte mit dem Wehen des Windes zur Melodie der Träume vermischen würde, um damit ein neues Mädchen in seine Arme zu locken.

Jerry legte die Flöte an die Lippen und begann eine leise Melodie zu spielen. Der Wind über ihm heulte kurz auf, und mit seinen Faunaugen konnte er sehen, dass sich die Richtung, in die er durch die spinnennetzartigen Verstrebungen der Brücke pfiff, gedreht hatte. Sie wehte nach Manhattan, dorthin, wo die Menschen mit ihren Träumen rannten. Jerry überlegte, was für eine Frau ihn wohl heute begleiten würde. Insgeheim hoffte er, dass eine bestimmte wieder vorbeikommen würde – eine dunkelhäutige Schönheit, mit ebenholzfarbenen Augen und wilden Locken. Bislang war sie den Verlockungen seiner Flöte immer entwichen. Seit Tagen lief sie an ihm vorbei, morgens wie abends, und immer schenkte sie ihm ein Lächeln, aber nie blieb sie stehen. Es waren immer andere, die stehen blieben und ihn schließlich begleiteten. Jerry aber sehnte sich nur nach dieser einen fremden jungen Frau, und immer, wenn er sie in ihrem schillernd roten Mantel über die Brücke kommen sah, entlockte er seiner Flöte noch zauberhaftere Töne als sonst, aber sie schien sie nicht zu hören, und damit blieb ihr auch die Sehnsucht verborgen, die der verfluchte Faun in dieses Lied legte.
Es ist, dachte Jerry manchmal, als ob die Flöte wüsste, dass ich für diese Frau mehr Interesse habe als für alle anderen. Sie scheint sie von mir wegzutreiben. Und jedes Mal schickte er dann in Gedanken einen Fluch zurück zu Marisil nach Irland, wohl wissend, dass er irgendwo auf dem Ozean ungehört verpuffen würde.
Früher hatte er sich häufig gefragt, ob er jemals wieder ein Faun werden könnte – inzwischen fragte er sich, ob er überhaupt wieder ein Faun werden wollte. Die Hörner fehlten ihm. Aber sonst?

Er setzte die Flöte kurz ab und stieß einen Seufzer aus. Dann sah er in der Ferne, am Beginn der Brücke auf der Brooklyner Seite, einen roten Mantel aufblitzen und sofort setzte er die Flöte wieder an. Vielleicht würde sie heute stehen bleiben. Immerhin war er, auch wenn er nicht mehr so aussah, ein Faun. Und musste ein Faun, selbst ein Wunderwesen, nicht an Wunder glauben?

Doch wie auch die Tage zuvor ging die junge Frau mit der Schokoladenhaut und den Ebenholzaugen einfach weiter. Aber immerhin – sie schenkte ihm ein Lächeln, und das allein ließ Jerry mit den Tönen seiner Flötenmelodie in den Himmel schweben.

Dieses Mal sah er sie nicht auf dem Rückweg, vielleicht hatte sie noch in Manhattan zu tun. Am Abend war es eine Blondine, die ihn begleitete und am Morgen waren es die mit Tränen untermalten Worte »Mistkerl« und »Arschloch«, mit der die Tür der kleinen Wohnung ins Schloss fiel. Ihm blieben danach nur die Tränen, die am Anfang noch nach Marisil geschmeckt hatten, über die Jahre aber nur noch salzig geworden waren.

Auch der nächste Tag begann auf der Brücke, die Leute gingen an ihm vorbei, viele schenkten ihm ein Lächeln, und auch die Frau im roten Mantel kam wieder. Ihre Schritte waren langsamer als sonst und dann blieb sie vor Jerry stehen, der gerade seine Panflöte zu neuen Melodien führte.
Der junge Mann, der doch eigentlich schon eine Ewigkeit lebte, ließ die Flöte erstaunt sinken und sah sie nur an, während sie immer noch lächelte. Aber es war Jerry nicht möglich etwas zu sagen, obwohl im sonst immer ein lockerer Spruch über die Lippen kam. Aber vielleicht musste es bei der Frau, die einem wirklich etwas bedeutete, einfach so sein.
Schließlich war sie es, die zuerst sprach. »Ich mag deine Lieder«, sagte sie leise und in Jerrys Ohren klang ihre Stimme ebenso wie eine Melodie wie das Lied seiner Flöte.
Er deutete mit einem Nicken des Kopfes eine leichte Verbeugung an und ihr Lächeln wurde breiter.
»Ich bin Eliza.« Sie sah ihn abwartend an und schließlich presste Jerry unter großen Anstrengungen »Jerry« hervor und spürte, dass er rot anlief. Aber Eliza, wie seine rot bemantelte Sonne der Brooklyn Bridge hieß, lächelte und sagte: »Wir sehen uns heute Abend. Wenn du mir mein Schlaflied flötest.« Und dann ging sie weiter, Jerry hinter sich lassend, der genau wusste, dass die Stunden bis zum Abend dahinschleichen würden wie Wasser, das Tropfen für Tropfen ein Meer füllen sollte.

Um die Zeit zu vertreiben, spielte er weiterhin Flöte, und die Melodie kam ihm heute beschwingter vor als sonst, und der Wind spielte mit seinen Haaren und trug die Melodie davon, wie immer in die Herzen der vorbeieilenden Passanten. Gegen Nachmittag bliebe eine Schwarzhaarige vor ihm stehen und in ihren grünen Augen stand der Ausdruck, den er alltäglich in den Augen derer lesen konnte, die er mitnahm. Doch heute, heute würde er auf die Ebenholzaugen warten, um ihnen ihr Schlaflied zu flöten. Die Schwarzhaarige zog einen enttäuschten Schmollmund, als er nicht auf ihre herausfordernden Blicke einging, und zog dann von dannen.

Eliza kam erst spät, und sie sah müde aus. Doch als er sie mit seinem Flötenspiel begrüßte, lächelte sie. Als er die Flöte sinken ließ, stand sie vor ihm. Die Brücke war inzwischen leerer, auch wenn New York niemals schlief. Vielleicht, dachte Jerry, schläft diese Stadt für diesen einen Moment, in dem wir uns treffen, wie Städte es manchmal zu tun scheinen, wenn sich Wünsche erfüllen.
Eliza betrachtete ihn eingehend. »Willst du mich noch ein Stück begleiten?« Ihre braunen Augen wanderten sehnsuchtsvoll zu der Flöte in seiner Hand. Benommen nickte Jerry und gemeinsam gingen sie die Brücke entlang, hinein in die Straßen Brooklyns. Immer wieder bat Eliza ihn, ein bisschen zu spielen, und Jerry erfüllte ihr diesen Wunsch zu gerne, denn er spürte, wie sich seine Melodie um ihr Herz wickelte und sie mit seinem verband, als wären die Töne Worte, die ihrer beiden Leben erzählten.

Dann standen sie vor dem Hauseingang, über dem irgendwo Elizas Wohnung lag. Keiner von beiden machte Anstalten, den anderen zu verlassen, aber genauso wenig machte einer eine Geste der Einladung oder eines nächsten Schrittes. Sie standen einfach nur so da. Dann, vielleicht Ewigkeiten, vielleicht auch nur Minuten später, reckte sich Eliza ein wenig und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, so zart wie die Berührung eines Schmetterlingsflügels. Und dann verabschiedete sie sich und ging hinein. Als sich die Tür schon fast schloss, sagte sie: »Bis morgen.«
Und Jerry ging beschwingt nach Hause, doch unterwegs konnte er nicht anders, als zu seiner Flöte zu greifen und so lange zu spielen, bis ihn ein Mädchen mit roten Locken begleitete – und am Morgen mit gebrochenem Herzen nach Hause ging.

Am Abend aber traf er Eliza wieder, und erneut brachte er sie nach Hause. Dieses Mal trafen sich ihre Lippen und hielten einander fest, doch als er in ihr weiches, nach Vanille duftendes Haar hineingriff, löste sie sich von ihm und flüsterte erneut: »Bis morgen.«
Ehe Eliza die Haustür hinter sich schloss, sah sie Jerry in die Augen und der Flötenspieler meinte, darin ein schmerzliches Wissen zu sehen.
Als ob sie wüsste, dass ich kein Mensch bin, dachte er, als er den Heimweg antrat, die lockende Flöte auf den Lippen.

Eines Tages – die Wochen und Monate waren so verronnen, mit Elizas Küssen und den Frauen, denen er das Herz brach, war er wieder mit Eliza unterwegs zu ihrer Wohnung. Es war Sommer, und sie hatte den roten Mantel gegen einen dünnen Blazer eingetauscht. Ihre schmalen Beine steckten in engen Jeans und unter dem Blazer trug sie nichts weiter als ein Top. Als sie vor Elizas Tür wieder in einem innigen Kuss versanken und sie sich in dem Moment wieder von ihm löste, als er sie an sich drücken wollte, fragte er leise: »Warum darf ich nie mit rauf kommen?«
Elizas Mund öffnete sich leicht, doch dann schüttelte sie den Kopf und wich einen Schritt zurück. »Ich will nicht, dass du mein Herz brichst«, sagte sie dann. »So wie du es mit denn anderen machst. Ich will nicht Teil des Fluches werden, der auf dir liegt.«
Jerry starrte sie fassungslos an. Dass sie von all den anderen wusste, war vielleicht noch erklärbar – aber woher wusste sie von Marisils Fluch?
Fragend sah er sie an, doch Eliza zuckte nur mit ihren schmalen Schultern. »Ich will nicht die sein, die dein Herz irgendwann bricht. Denn dann werde ich dich für immer, unwiderruflich verlieren.«
Sie trat aus der Haustür hinaus und küsste ihn noch einmal, länger und leidenschaftlicher als sonst, aber dann – Jerry hatte nicht wieder die Augen geöffnet – fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Als Jerry in dieser Nacht nach Hause spazierte, spielte er nicht Flöte, ja, er merkte noch nicht einmal, wie er sich zum allerersten Mal allein in sein breites Bett legte, dessen Laken immer noch zerwühlt von der letzten Nacht waren. In seinem Kopf gab es nur Raum für einen einzigen Gedanken: Woher wusste Eliza von dem Fluch?

Er kam erst wieder zu sich, als er schon längst ins Reich der Träume getaucht war. Marisil stand vor ihm, und wieder lag ihm Rosenduft in der Nase. »Sie weiß es«, hauchte sie mit der gleichen Stimme, mit der sie damals den Fluch ausgesprochen hatte, »weil die Flöte es ihr gesagt hat. Es lag in der Melodie.«
»Aber wie?«, stammelte Jerry, im Traum wieder Jeremias.
»Du kannst nicht belügen, den du wahrhaft liebst«, gab Marisil zur Antwort und strich ihm über die langen Ohren, die wieder da waren. Auch seine Hörner konnte er wieder ertasten, und ein Blick nach unten zeigte ihm, dass seine Beine wieder die eines Fauns waren.
»So kann es wieder werden«, flüsterte Marisil. »Du kannst zu mir zurückkehren.«
»Aber sie will mir das Herz nicht brechen«, widersprach er.
»Die Flöte kann sie locken«, entgegnete Marisil, aber Jerry schüttelte den Kopf.
»Kann ich ein Mensch werden?«, fragte er.
In Marisils Augen verschwand der kalte Ausdruck, der die ganze Zeit in ihnen gelegen hatte und die Traurigkeit legte sich hinein, wie ein dunkler Schleier, der den Himmel verdeckte, wenn die Nacht hereinbrach. Bald darauf fiel eine erste Träne, und Jerry wusste, dass Marisil ihn immer noch liebte und all die Jahre darauf gewartet hatte, dass sein Herz brach, damit er zu ihr zurückkehrte.
Er flüsterte eine Entschuldigung, denn er hatte nicht gewollt, dass ihr Herz wieder brechen würde. Und er wusste, dass dies genau in diesem Moment geschah.
Es gab Träume, die waren mehr. Und immerhin war er noch ein Faun – und Marisil eine Elfe.
Dennoch fragte er erneut: »Wie kann ich ganz ein Mensch werden?«
Marisil schwieg, und für einen Moment befürchtete Jerry, dass sie sich wieder in Nebel und Sternenglanz auflösen würde, wie Elfen es nun einmal taten, aber dann sah sie ihn an, und er wusste, dass sie ihn nicht belügen könnte, weil man niemanden belügen konnte, den man wahrlich liebt.
»Du musst die Flöte zerbrechen«, sagte sie schließlich. »Nach einem letzten Lied. In der Flöte ist, was dich zum Faun macht.«
Dann verschwand Marisil und Jerry wachte auf, allein in seinem Loft, die gewundene Panflöte fest in der Hand. Draußen war es heller, als sonst, wenn er aufstand. Seine nächtlichen Eroberungen hatten ihn immer mit dem Aufgehen der Sonne verlassen. Eine hatte sogar mal den Vergleich angebracht, dass der Himmel rot war, weil er mit ihr blutete.

Aber jetzt stand die Sonne schon hoch am Himmel und Jerry fluchte. Bestimmt hatte er Eliza bereits verpasst, sie jagte schon nach ihren Träumen in Manhattan. Dennoch rannte Jerry los, immer noch die Panflöte in der Hand, durch die Straßen, die für ihn heute wie undurchdringbare Schluchten wirkten, hinauf auf die Brücke, zwischen deren Eisenspinnenweben der Wind pfiff und auf seine Melodien wartete.

Als er auf der Brücke ankam, wirbelte der Wind bereits ungeduldig zwischen den Stahlseilen umher. Er zerstrubbelte seine Haare, obwohl er sie nicht einmal gekämmt hatte. Die Hörner fehlten ihm immer noch, aber er wusste, dass sie ihm niemals so sehr fehlen konnten wie Eliza.
Jerry setzte die Flöte an und spielte Melodien, die den Menschen den Weg nach Manhattan verzauberte und ihnen den Rückweg versüßte, so lange, bis er Elizas Gestalt sah, die aus Richtung Manhattan kam, dem Reich der Sehnsüchte.
Wie immer, wenn sie kam, entlockte er seiner Flöte noch schönere Töne als zuvor, aber dieses Mal legte er noch die Worte hinein, die er ihr sagen musste.

Und als sie vor ihm stand, ließ er die Flöte sinken und zerbrach sie mit einem lauten Knacken. Er spürte, wie der Faun in ihm für immer verging, aber es war ihm egal, denn er sah nur Elizas Lachen.

Copyright © 2009 by Fabienne Siegmund

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