Archiv

Fabula Ensis-Kompendium

Dunkelheit, Klingen und spirituelle Ausbeutung
Die fesselnden Tiefen des Kompendiums von Fabula Ensis

Ich schätze Kurzgeschichten vor allem wegen ihrer Dichte. Während ein Roman weite Räume aufzieht, greift die Kurzform ohne Umschweife nach dem Wesentlichen. Sie verzichtet auf schmückendes Beiwerk und richtet den Scheinwerfer direkt auf den Kern eines Augenblicks, eines Konflikts oder einer Wende. Genau darin liegt ihre Stärke: Ein kurzer, scharfer Ausschnitt reicht oft aus, um eine spürbare, lange nachwirkende Intensität zu erzeugen.

Dieses Prinzip trägt auch das vorliegende Kompendium von Fabula Ensis.

Die Erzählungen dieses Bandes existieren nicht losgelöst voneinander. Sie beleuchten vielmehr eine Welt, die von tiefen Wunden gezeichnet ist – geformt durch kalten Stahl, tradierte Fehden, verschüttetes Wissen sowie den unausgesprochenen Ehrenkodex der Klinge. Zur Einführung in die Welt von Fabula Ensis dient das vorangestellte Glossar grundlegender Begriffe.

Den Auftakt der Geschichtensammlung macht das Präludium, welches eine stimmungsvolle Basis für ein episches Schöpfungsepos legt. Es zieht mit seiner dichten Atmosphäre und dem getragenen, mythischen Ton in den Bann – auch wenn der abrupte Schwenk zur Leseransprache am Ende sowie die etwas knapp abgehandelte Versiegelung der Mächte kurz aus dem Lesefluss reißen.

In Tribut wird Jingen, Mitglied der gnadenlosen Deathguard, in einer von den Kabaru beherrschten Welt von einer düsteren Macht namens Saruh beherrscht. Gegen seinen Willen wird er gezwungen, ein unschuldiges Kind zu töten. Einzig das Schnitzen kleiner Holzfiguren bleibt ihm als stummes Trauerritual, was dem seelischen Schmerz der Figur eine tragische Tiefe verleiht.

Bündnis lässt die Vorbereitungen einer königlichen Hochzeit in einem blutigen Gemetzel enden. Jin, die Leibwächterin von Prinzessin Sayu, sieht sich gezwungen, ihre von einem Dämon besessene Herrin zu töten, um deren Seele durch einen Pakt mit dem Todesgott YouKai für die Zukunft zu retten. Jin stirbt dabei selbst und erwacht erst tausend Jahre später in einer völlig veränderten Welt.

In Verlust trifft fernöstliche Dark Fantasy auf Cyberpunk inklusive Nanotech-Waffen und Suchdrohnen. Der Streit zwischen Kiaji und seinem Vater Akira am Grab der Mutter wird jäh durch einen Angriff von Kabaru-Kriegern unterbrochen. Akira opfert sich für seinen Sohn, gerät in Gefangenschaft und wird dort von einer dämonischen Kreatur verhört.

Abgründe führt uns zur Wahl des neuen Kabaru-Herrschers Crux Talos, zu der Artis überraschend eingeladen wird. Die politische Zeremonie schlägt schnell in ein blutiges Ritual mit Grausamkeiten der Deathguard um. Als Artis ein dämonisches Schwert berührt, überkommt ihn eine schreckliche Vision vom Tod seiner Schwester Felice, während die Ur-Entitäten Horus und Sethra um seinen Geist ringen.

Einäscherung blickt auf Kiajis Kindheit zurück: Seine Mutter Yumi kämpft verdeckt gegen die Kabaru und kommt vor den Augen ihres elfjährigen Sohnes durch eine Autobombe ums Leben. Sein vom Rachewahn zerfressener Vater Akira übergibt den Jungen in die Obhut von Onkel Damon, um die Rebellengruppe Shinsengumi zu gründen.

Blutdurst besticht durch eine düstere Kampfsequenz in einem abgelegenen Tempel. Der Todesgott Horus erwacht und ergreift Besitz vom Samurai Miyamoto. Zur Strafe sperrt der Shinigami Miyamotos Bewusstsein in eine endlose Albtraummühle, in der er die Ermordung seiner Familie immer wieder aufs Neue mitansehen muss, während Horus Crux Talos Rache schwört.

Leere beleuchtet die Vorgeschichte der Deathguard-Kriegerin Sia und zeichnet ihren Weg vom traumatisierten Kind zur mitleidlosen Auftragsmörderin nach. Das wiederkehrende Motiv der rosa Zuckerwatte steht dabei für ihre verlorene Kindheit und treibt sie dem Tengu-Dämon Hiroki in die Arme. Schließlich offenbart sich, dass ihr gesamtes Leid nur ein kalkuliertes Experiment von Crux Talos war.

In Makel gerät Armand, der gebrochene Kommandant der Deathguard, im Dorf Aoto in die Falle eines Shinigami, der seinen symbiotischen Dämonengeist Iris verschlingt. Beraubt seiner Kräfte und von den Kabaru gejagt, wählt Armand nicht den Freitod, sondern wagt den Sprung in die Unterstadt, um sich eine neue, noch mächtigere Dämonenkraft zu beschaffen.

Grausamkeit erzählt die Entstehungsgeschichte des entstellten Kuro. Noch ungeboren, saugt er die Lebensenergie seiner sterbenden Mutter auf. Später wegen seiner Knochenkralle von Mitschülern schikaniert, erfährt er, dass selbst seine Adoptiveltern ihn hassen und beseitigen wollen. Der Dämon in ihm bricht aus; Kuro richtet seine Familie hin, woraufhin die Deathguard seine Fährte aufnimmt.

Verbundenheit widmet sich Jin Tens Jugend im militaristischen Kira-Clan. Erst die Rettung des Fuchswesens Byakko weckt ihr Mitgefühl. Als ihr Clan eine wehrlose Karawane überfällt, bricht Jin mit ihrer Erziehung, wendet sich gegen die eigenen Kameraden und rettet die siebenjährige Prinzessin Sayu.

In Neeon Dream entpuppt sich die schillernde K-Pop-Industrie als Dämonenfalle der Kabaru. Die geschwächte Sängerin Miyu übernimmt den Körper ihres treuen Fans Sue. Sues eigene Existenz und Erinnerungen werden dabei spurlos ausgelöscht, woraufhin die verjüngte Miyu wieder auf die Bühne tritt.

Zerbrochen brilliert in Brief- und Tagebuchform mit Felice’ Leidensweg im isolierten Kloster der Asashin. Systematische Folter und die Hinrichtung ihrer einzigen Freundin Yubi brechen ihren Willen vollkommen. Zwar kehrt sie lebend zurück, doch als sie auf den jungen Kiaji trifft und erstmals wieder lacht, ahnt ihr Bruder Artis bereits, dass er sie dennoch für immer verloren hat.

»Ein rigides Unterdrückungsregime, zehrende Entitäten des Todes und gebrochene Biografien: In Fabula Ensis gelingt Lillith Korn und DeSade eine eindrucksvolle Synthese aus Cyberpunk-Elementen, asiatischer Mythologie und kompromisslosem Horror. Eine Würdigung für anspruchsvolle Leser düsterer Phantastik.«

— Geisterspiegel.de

Mit Fabula Ensis legt das Autorenduo Lillith Korn und DeSade ein erzählerisch dichtes Werk vor, das im Genre heraussticht. Das Buch verknüpft dystopische Machtstrukturen, fernöstliche Mythologie und drastische Horrorelemente zu einem stimmigen Ganzen. Das Regime der Kabaru bildet dabei die finstere Kulisse einer Welt, die von autoritärer Gewalt, alten Clanfehden und dem zehrenden Einfluss übernatürlicher Parasiten beherrscht wird.

Wer vielschichtige Welten schätzt, wird vor allem das fein ausgearbeitete mythologische Gefüge mögen: Das Spannungsfeld zwischen den einflussreichen Tengu und den unerbittlichen Shinigami erzeugt eine existenzielle Bedrohung, die weit über gewöhnliche Klischees hinausgeht. Die übersinnlichen Mächte sind hier keine dekorative Staffage, sondern bedrohliche Kräfte, die menschliche Existenzen missbrauchen und ihr Bewusstsein in Albtraumschleifen gefangen halten.

Auf erzählerischer Ebene überzeugt das Buch durch seine vielstimmige Struktur, die unterschiedliche Handlungsstränge und Zeitebenen geschickt miteinander verwebt. Ob die versehrten Gestalten der Deathguard, Felice’ seelischer Zerfall im Asashin-Kloster oder Jin Tens Ausbruch aus den Zwängen ihrer Familie – die Figuren sind von einer spürbaren psychologischen Tragik getragen. Die Kämpfe sind dynamisch in Szene gesetzt und fügen sich in eine schwermütige, fast poetische Sprache ein.

Ergänzt wird das Werk durch das Artwork von Hannes Hesse, dessen markante Bildsprache klassische High-Fantasy-Motive gekonnt mit einer modernen, grafischen Ästhetik verbindet.

Fazit:
Das Kompendium von Fabula Ensis erweist sich als intensiver, kompromissloser Beitrag zur Dark Fantasy, der durch narrative Konsequenz und seine dichte Atmosphäre lange im Gedächtnis bleibt.

(wb)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert