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Deadwood Dick – Band 2 – Kapitel 2

Edward L. Wheeler
Band 2
Die Doppel-Dolche
oder: Deadwood Dicks Aufbegehren
Eine Geschichte über die Regulatoren und Wegelagerer der Black Hills

Kapitel 2: Zwei Flüchtlinge

»Pst! Mach keinen Lärm. Wenn ihre Aufmerksamkeit auf uns gelenkt wird, sind wir verloren!«

So sprach ein junges Mädchen, das kaum siebzehn Sommer zählte.

Die Szene spielte sich am Grund eines tiefen, dunklen Canyons ab, der von mächtigen, baumbestandenen Bergen eingerahmt war.

Das Mädchen und ihr männlicher Begleiter standen verborgen in einem dichten Gebüsch an einer Stelle, an der ein kleinerer Gulch von der Hauptschlucht abging. Die Abzweigungen waren bedeutend enger und tiefer als der Hauptcanyon, und in ihnen war die Dunkelheit der Nacht noch intensiver.

Das Mädchen und ihr Begleiter – ein kleiner, stämmiger Mann von enormer Muskelkraft – waren völlig vom Gestrüpp verborgen, während sie gleichzeitig freie Sicht auf den Haupt- und den Quercanyon hatten, auf die der Neumond einige gelbe Strahlen warf.

Den Hauptcanyon herauf, direkt auf die Wegegabelung zu, ritt eine Gruppe von etwa einem Dutzend Reitern im langsamen Trab; auf sie hatte das junge Mädchen angespielt.

»Ja, ich bin stumm wie eine eingegrabene Muschel«, erwiderte der Furchtlose. »Wenn mir diese Teufel nahe genug kommen, dass ich einen guten Schuss anbringen kann, erledige ich sie für immer!«

»Halt den Mund!«, befahl das Mädchen autoritär. »Glaubst du etwa, ich möchte, dass sie uns entdecken?«

»Nichts dergleichen, Miss Leone. Warum sollte ich wollen, dass diese elenden Kerle uns zu fassen kriegen? Wer würde wohl eher einen eingeschlagenen Schädel riskieren als der alte Ben Johnson?«

»Da hast du recht, Ben!«, sagte sie mit einem leisen Lachen. »Du bekämst sicher deinen Teil der Strafe ab. Aber fass Mut, mein guter, treuer Freund! Vielleicht reiten sie vorbei, ohne uns zu bemerken. Wenn doch, sind wir gerettet, denn in den Weiten dieser Bergregion finden wir ganz sicher ein sicheres Versteck.«

»Und wenn sie es doch tun, Miss Leone?«

»Wenn sie es tun – nun, dann müssen wir kämpfen, bis wir tot sind. Ich sterbe lieber durch eigene Hand, als Jasper Leslie erneut in die Hände zu fallen.«

»Ganz meine Meinung, Ma’am! Und ich werde mir eher die Fußnägel bis auf die Wurzeln abkämpfen, ehe ich das zulasse. Da kommen die Halunken schon und versuchen, uns auszuspähen!«

Die Reiter waren während des Gesprächs näher gekommen und hielten nun an der Wegegabelung an, nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, an dem sich die Flüchtlinge versteckten.

Es waren zwölf Mann, allesamt raue, barttragende Grenzlandbewohner, bis auf zwei, deren Erscheinung etwas weniger unheimlich wirkte. Der eine war ein wohlhabend aussehender Mann von etwa vierzig Jahren mit einem vollen, geröteten Gesicht, das von einem leicht grau melierten Backenbart geziert wurde. Er hatte schwarze Augen, dazu passende buschige Augenbrauen, eine Adlernase und eine dunkle Gesichtsfarbe. Seine Kleidung war peinlich sauber, und die Diamantnadel auf seiner makellosen Hemdbrust war von bester Qualität.

Der andere Mann war etwa zehn Jahre älter, mager, ausgemergelt und voller Falten. Sein Gesicht spiegelte ein böses Wesen wider; aus seinen Augen drang stets ein unheilvolles Funkeln. Ausschweifungen und Zügellosigkeit hatten sein Leben ruiniert; nur die Gier nach Gewinn hielt ihn noch auf den Beinen. Es war ein abstoßender Anblick mit seinem fahlen, furchigen Gesicht, den finsteren Augen, dem riesigen, wolfsähnlichen Mund samt den grotesk herausstechenden Zähnen, umrahmt von verfilztem Haar und einem blütenweißen Bart.

Seine Kleidung übertraf jedoch noch die seines Begleiters: Sie war nach der neuesten Mode geschnitten und aus kostbarem Stoff gefertigt. Diamanten glitzerten auf seiner Krawatte, seinem Hemd und an seinen Fingern.

»Aha!«, murmelte das Mädchen Leone, als ihr Blick auf ihn fiel. »Wenn ich je versucht war, einen Mord zu begehen, dann jetzt. Jasper Leslie, ich könnte dich töten, du gemeiner, hinterhältiger Schurke – und zwar ohne das geringste Erbarmen!«

»Ganz genau meine Meinung!«, bekräftigte Johnson nachdrücklich, wobei er komisch mit den Augen rollte.

Leone war von mittlerer Statur und von ebenmäßiger Gestalt, deren fein geschwungene Linien nahezu perfekt waren. Auf einem kleinen, geschwungenen Hals saß keck ein rundes Köpfchen mit einer wilden Lockenpracht in ziegelroter Farbe. Dazu besaß sie einen zarten, cremigen Teint mit dem frischen Rot von Jugend und Gesundheit, sanfte, ausdrucksstarke haselbraune Augen und einen lieblichen Mund.

Ihr Kleid bestand aus grobem, praktischem Wollstoff – vermutlich von der Stange, da es ein hübsches Paar Knöchel und Füße freilegte, die in reich verzierten Mokassins steckten. Ein runder Pelzturban saß auf ihren roten Locken. Ergänzt wurde ihre Ausrüstung durch ein schönes Sharpe-Sportgewehr und zwei Pistolen.

Johnson war wortwörtlich schwärzer als die Pik-Ass, kurz gebaut und von außerordentlicher Kraft. Sein dunkles Gesicht und die rollenden Augen verliehen ihm ein heiteres Wesen; er war durch und durch eine der gutherzigsten Seelen. Doch wenn man seinen Zorn erregte, kämpfte er wie ein Tiger – weshalb Leone froh war, ihn im Kampf gegen ihre Feinde an ihrer Seite zu haben. Er war halbzivilisiert gekleidet und mit Gewehr, Messer sowie Pistolen bewaffnet – der üblichen Ausrüstung in den Black Hills, wo kaum jemand unbewaffnet unterwegs war.

Als die Reiter hielten, stieß der abstoßende Alte, den Leone Jasper Leslie genannt hatte, einen schrecklichen Fluch aus.

»Das ist ja eine schöne Bescherung! Wo ist unsere Beute hin? Das wüsste ich zu gerne!«

»Das kannst du dich wohl fragen, Jasper Leslie!«, spottete der Mann mit dem Backenbart. »Wenn du das Mädchen hast entkommen lassen, kennst du die Konsequenzen. Dann bist du deinen Kopf im Handumdrehen los!«

»Ich werde das Mädchen finden, und wenn ich die Hölle auf Erden in Bewegung setzen muss!«, erklärte der Alte mit einem Fluch. »Sie wird mir nicht entwischen!«

»Dann finde sie schnell, du alter Geizhals, denn ich werde diese Männer nicht ewig bezahlen, um dir zu helfen. Das wird mir zu teuer!«

»Sollen sie doch gehen! Sie nützen mir ohnehin nichts. Ich finde das Mädchen auch ohne sie. Verflucht sei dieser Kerl! Wenn ich ihn erwische, reiße ich ihm den Leib auf!«

»Meinst du das ernst?«, grinste Johnson aus seinem Versteck. »Ich nehme an, er meint diesen kohleraben-schwarzen Brocken hier, nicht wahr, Miss Leone?«

»Ja, er meint dich. Aber pst! Wir dürfen uns nicht verraten.«

»Stimmt«, pflichtete der Mann mit dem Backenbart bei. »Wäre der Kerl nicht bei ihr gewesen, wäre sie nicht so weit gekommen.«

»Das ist doch mal ein Kompliment für Johnson«, gluckste der Gefährte im Gebüsch.

»Es stimmt aber«, flüsterte Leone dankbar. »Ohne dich, Ben, hätte ich ihnen niemals so lange entkommen können.«

»Ganz meine Meinung!«

»Ich sehe keine Chance, sie heute Nacht noch einzuholen«, knurrte einer der Männer. »Wir sind fast sechs Meilen von Deadwood entfernt und haben weder Spur noch Fährte von ihnen gesehen. Ich schlage vor, wir schlagen hier unser Lager auf und warten auf das Tageslicht.«

»Keine Rede davon!«, versetzte Leslie scharf. »Sie haben schon genug Vorsprung, ohne dass wir ihnen noch mehr schenken. Wir nehmen alle einen kräftigen Schluck Schnaps, um die Nerven zu stärken, und reiten dann weiter.«

Aus einer der Satteltaschen wurde eine große Flasche geholt und herumgereicht, an der sich jeder reichlich bediente.

»Welchen Canyon nehmen wir nun?«, fragte Brierly, der vorgeschlagen hatte, vor Ort zu rasten. »Wir können uns wegen der Wegelagerer nicht aufteilen, und hier gibt es drei Wege, die das Mädchen genommen haben könnte.«

»Wir nehmen den Hauptweg«, entschied Leslie. »Die Narren sind mit Sicherheit hier entlang, weil sie wussten, dass dieser Weg belebter ist und die Gefahr, sich zu verirren, geringer ist. Nicht wahr, Sydnor?«

»Ich weiß davon nichts. Alles, was ich will, ist das Mädchen. Und du wirst sie mir beschaffen, sonst verlässt du die Black Hills nicht lebend! Hast du gehört?«

»Ich bin keineswegs taub!«, entgegnete der andere. »Los jetzt, reiht euch ein und weiter geht’s!«

Auf Befehl trieb die ganze Schar ihre Pferde an und sprengte den Hauptcanyon hinauf, während das Hufgeklapper laut durch die nächtliche Dunkelheit hallte.

»Gott sei Dank, sie sind weg!«, murmelte Leone, als die Reiter hinter einer Biegung verschwunden waren. »Das war knapp!«

»Ganz meine Meinung«, erwiderte Johnson und stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus. »Ich bin froh, dass sie ihre Nasen nicht hier reingesteckt haben. Nicht aus Angst vor ihnen, sondern aus Rücksicht, weil es mir leidgetan hätte, ihnen die Visage zu polieren!«

»Du hast ein sehr weiches Herz, Ben«, sagte Leone lachend. »Trotz all deiner Tapferkeit wärst du kein guter General geworden. Aber da unsere Feinde das Weite gesucht haben: Was tun wir jetzt?«

»Genau das habe ich mich auch gefragt, Miss Leone. Wie wäre es, wenn wir nach Deadwood zurückkehren?«

»Nein, das wäre genauso gut, als würden wir unseren Feinden folgen und uns ergeben. Curtis Sydnor und mein Vater haben dort ohne Zweifel Spione postiert, die uns festnehmen würden, sobald wir uns zeigen.«

Johnson antwortete nicht sofort, sondern trat einige Schritte in die Schlucht hinaus, wo ein Mondstrahl über die Bergkuppe fiel und den Boden erhellte. Alles war nun still.

Das Hufgeklapper der Pferde war verhallt; der Wind strich mit einer sanften Melodie durch die dunklen Kiefern, und das Plätschern eines klaren Bächleins, das durch den linken Canyon floss, vollendete die nächtliche Stille.

»Ich denke, wir sollten etwas unternehmen«, bemerkte Johnson und blickte sich mit düsterem Gesichtsausdruck um. »Aber der liebe Himmel weiß, was. Miss Leone, Sie sind der Boss – was sollen wir tun, um aus dieser Lage herauszukommen?«

»Es bleibt nur eines«, erwiderte das Mädchen und trat aus ihrem Versteck hervor. »Wir müssen einen dieser Seitencanyons nehmen und ihm folgen, bis wir ein sicheres Versteck finden. Der linke hat Wasser – nehmen wir diesen.«

»Sehr wohl. Ich habe nichts dagegen, wenn es das Beste ist. Ich gehe voran, und Sie folgen mir.«

Mit diesen Worten nahm der Mann sein Gewehr in den Arm und führte den Weg in den linken Canyon an, während Leone ihm auf den Fersen folgte.

»Eines spricht für uns, Ben«, sagte sie im Weitergehen. »Niemand in der Bande kann eine Fährte lesen. Was auch immer für Spuren wir auf diesem harten, felsigen Untergrund hinterlassen, wären selbst für einen erfahrenen Pfadfinder unsichtbar.«

»Ganz meine Meinung, Miss. Wer uns hier aufspürt, muss schon sehr schlau sein.«

Sie gingen weiter, während ihre Schritte nur ein leises Echo an den Bergwänden erzeugten. Der Canyon wurde allmählich enger und tiefer, die Felswände stiegen zu gewaltiger Höhe empor. Weit oben erstreckte sich der sternenklare Himmel; der Mond hatte sich hinter einem Gipfel verborgen und hüllte die Schlucht in Dunkelheit. Dennoch war es hell genug, dass Johnson den Weg erkennen und vorsichtig vorangehen konnte, wobei er unwegsames Gelände mied, um es Leone leichter zu machen.

So setzte das Paar seinen Weg fort.

Johnson hatte die letzten Jahre seines Lebens an der Grenze verbracht und war ein hervorragender Spurenleser; seine Vertrautheit mit Bergen und Prärien machte ihn zu einem unschätzbaren Führer. Seine einzige Schwäche war, dass er sich gerne unterordnete – er brauchte jemanden, der die Verantwortung übernahm, dann erfüllte er seine Pflichten tadellos.

Er besaß ein sehr scharfes Gehör und eine gute Beobachtungsgabe. Doch heute Nacht war er unvorsichtiger als sonst, sodass er beim Umrunden einer scharfen Kurve im Canyon plötzlich einem Reiter gegenüberstand, der angehalten hatte – offenbar aufmerksam geworden durch das Echo ihrer Schritte.

Leone stieß einen erschreckten Schrei aus, als ihr Blick auf den unerwarteten Reiter fiel, und rückte näher an ihren Begleiter heran. Johnson blieb wie angewurzelt stehen und wollte bereits sein Repetiergewehr heben, als er bemerkte, dass der Fremde mit zwei glänzenden Pistolen auf ihn zielte.

Der Reiter war ein kräftig gebauter, bewaffneter Mann. Sein Gesicht war von der Nase bis zum Hemdkragen von einem dichten, schwarzen Bart verdeckt, dessen Schnurrbart sich über beide Wangen erstreckte und dessen Enden bis über die Ohren herabhingen. Seine Augen blickten dunkel und finster unter buschigen Brauen hervor. Das Bemerkenswerteste an ihm war jedoch seine flache, fliehende Stirn, die tiefschwarz eingebrannt wirkte – als wäre die Haut durch Flammen gehärtet und narbig verkrustet.

Ein Schlapphut zierte sein schwarzes Haar; ein bestickter Anzug aus gegerbtem Hirschleder passte zu seiner kraftvollen Gestalt, ergänzt durch verzierte Mokassins und Ledergamaschen.

Der finstere Reiter ergriff als Erster das Wort und fragte mit tiefer, knurrender Stimme:

»Nun? Wer seid ihr und wo wollt ihr hin?«

»Das hängt ganz von den Umständen ab«, erwiderte Johnson. »Mein Name ist Johnson – Benjamin Brewster Johnson. Und wer zum Teufel glauben Sie, dass Sie sind?«

Der Reiter stieß ein lautes, raues Lachen aus. »Ihr könnt noch nicht lange in dieser Gegend sein, sonst wüsstet ihr, dass nur ein einziger Mann in den ganzen Black Hills ein solches Gesicht trägt – gezeichnet von einer unauslöschlichen Narbe. Wer mich einmal gesehen hat, vergisst mich nicht so leicht. Mein Name ist Black Harper!«

»Pfeifdrauf! Wollen Sie uns etwa erzählen, dass Sie dieser Teufelskerl persönlich sind? Ich habe in Deadwood von Black Harper gehört – dort heißt es, er sei ein echter Schuft!«

»Ha! Ha! Ha!«, griente der Reiter dröhnend. »Ein Schuft haben sie gesagt? Ha! Ha! Ha! Ja, mein Freund, genau das bin ich. Ein Schuft von den Socken bis zur Mütze, darauf kannst du wetten! Und wenn du das anders siehst, kannst du mich getrost einen Lügner nennen!«

»Ich zweifle nicht im Geringsten an Ihren Worten, Mr. Black Harper. Seien Sie also so freundlich und senken Sie die Läufe Ihrer Revolver. Wo wir uns nun getroffen haben: Was haben Sie vor? Schießen Sie los!«

»Nun, das wird dich kaum überraschen. Ich schätze, ihr geht diesen Canyon nicht weiter hinauf – jedenfalls nicht, wenn es nach meinem Pferd geht. Hallo! Was ist das denn da hinter dir? Eine Dame – ein leibhaftiges Geschöpf der Gattung Eva! Oder ich bin ein Lügner, und noch niemand hat Black Harper ungestraft so genannt. He, du Rotkopf, tritt vor, damit ich dich richtig in Augenschein nehmen kann!«

»Verstecken Sie sich hinter mir!«, warnte Johnson leise. »Zeigen Sie um Himmels willen nicht Ihr Gesicht, Schätzchen!«

»Hast du gehört?«, befahl der Gesetzlose und ritt näher. »Komm raus, sag ich!«

Doch Leone weigerte sich, denn sie wusste, dass es nichts Gutes verhieß, wenn dieser Halunke sie ansah.

»Weichen Sie zurück, Sie alter Kumpan!«, befahl Ben, während seine Augen drohend rollten. »Ich rate Ihnen, weiterzureiten und sich um Ihren eigenen Kram zu kümmern, sonst gibt es hier gleich eine Leiche zu begraben. Verstanden?«

Doch Black Harper stieß nur einen verächtlichen Fluch aus, zielte mit dem Revolver auf den Gefährten und drückte den Abzug!

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