Eine Reise ins Jahr 2000 – Kapitel 23
William Wallace Cook
Eine Reise ins Jahr 2000
Kapitel 23
Zurück in die gute alte Zeit
Kinch war mit seinem Latein am Ende. Umringt von der riesigen Menschenmenge wie sie waren: Wie sollte Lumley gerettet werden?
Allgemein nahm man an, dass sich Lumley viertausend Meilen entfernt befand, irgendwo im Gravitationszentrum zwischen den Vereinigten Staaten und China schwebend. Seine Rückkehr wurde erst mit dem nächsten Zug der Universal-Röhre von der anderen Seite erwartet.
Diese allgemeine Annahme rettete Lumley schließlich das Leben, begünstigt durch Miss Tibijuls Widerstreben, ihren Versprecher weiterzuverfolgen und ihn den Umstehenden gegenüber zu verraten.
Wie die breite Öffentlichkeit hatte auch Miss Tibijul geglaubt, Lumley sei tot. Sein unerwarteter Anblick hatte die Worte unwillkürlich über ihre Lippen gebracht.
Die Kolonisten kämpften sich in Form eines Karrees, mit Lumley in der Mitte, durch das Gedränge. Den feindseligen Übergriffen, zu denen sie gezwungen waren, folgte erregte Wut, und Wut führte zu entsprechenden Vergeltungsmaßnahmen.
Es wurden reichlich Fäuste eingesetzt, und das muntere Geben und Nehmen hielt an, bis der Rand der dichten Menge erreicht war.
»Nehmt die Beine in die Hand!«, rief Kinch. »Mir nach!«
Der Detektiv war zu schlau, um in Richtung von Doktor Kelpies Haus zu laufen; stattdessen steuerte er auf die Unterkunft der Kolonie zu.
»Warum laufen Sie in diese Richtung?«, fragte Ripley.
»Um sie auf eine falsche Fährte zu locken. Sie sind uns dicht auf den Fersen.«
Die Klugheit dieses Schachzugs zeigte sich bald. Eine große Menge hatte die Verfolgung aufgenommen und stieß drohende Rufen aus.
»Macht die Fremden nieder!«
»Nieder mit den Träumern!«
»Sie waren Freunde von Lumley! Eröffnet das Feuer mit den elektrischen Gewehren!«
Bei diesem letzten Ruf zischte ein Blitzstrahl knapp an Kinchs Kopf vorbei und blendete ihn beinahe.
Er bog um eine Ecke, überquerte den Häuserblock und bog erneut ab. Dann huschte er in eine Seitenstraße und war der lärmenden Menge schon bald entkommen.
Die Dunkelheit brach herein, was den fliehenden Kolonisten sehr zugutekam.
»Es ist jetzt an der Zeit, auf kürzestem Weg zu Doktor Kelpies Haus zu gelangen«, sagte Kinch. »Ich kenne mich hier selbst nicht mehr ganz aus. Kannst du uns führen, Mortimer?«
»Sicher!«
»Dann übernimm die Führung.«
Mortimer sprang an die Spitze, und innerhalb von fünfzehn Minuten erreichte er mit seinen keuchenden und schwitzenden Freunden die alte Ruine. Sie stießen die Tür auf und stürmten geschlossen hinein.
»Wartet hier«, sagte Kinch und blieb oben an der Kellertreppe stehen. »Ich muss den Ring holen.«
»Welchen Ring?«, fragte Mortimer.
»Den, der zum Zeit-Coupé gehört. Ohne ihn fährt die Maschine nicht.«
Kinch eilte die Treppe hinunter. Er war gefühlt eine Ewigkeit weg – so kam es Lumley und seinen Freunden zumindest vor –, bis sie schließlich einen ratlosen Ruf von unten hörten.
»Was ist los?«, rief Lumley, dem das Herz bis zum Hals schlug.
»Ich hatte den Ring unter all dem Raubgut der Luftpiraten versteckt …«
»Und?«
»Das Raubgut ist weg und der Ring ebenfalls!«
Lumley sank mit einem dumpfen Stöhnen zu Boden.
»Glaubst du, die Piraten haben ihn mitgenommen?«, fragte Mortimer.
»Keine Ahnung. Es ist stockfinster hier unten, ich sehe absolut gar nichts.«
Mortimer hatte eine Taschendose mit komprimiertem Licht dabei. Er öffnete sie und sprang nach unten. Nach wenigen Augenblicken drang ein Siegeschrei zu den atemlosen Männern oben hinauf.
»Hast du ihn gefunden?«, rief Ripley.
»Ja; er lehnte an der Wand. Die Piraten hielten ihn wohl nicht für wertvoll genug.«
Lumley lebte augenblicklich wieder auf und sprang auf die Füße. Kurz darauf erschien Mortimer und Kinch, die den Ring gemeinsam trugen.
»Auf zum Zeit-Coupé!«, rief Lumley und eilte die nächste Treppe hinauf.
»Was, wenn es gar nicht mehr da ist?«, fragte McWilliams.
Lumley stöhnte erneut bei diesem düsteren Gedanken, stürmte aber weiter. Er stand schnell auf dem dachartigen Vorsprung, und ein dankbarer Ausruf entfuhr ihm, als er die dunklen Umrisse der Maschine unbeschädigt an ihrem alten Platz stehen sah.
Der Ring war bald montiert; Lumley hüpfte in das Coupé und sprang sogleich wieder heraus.
»Es ist nicht fair«, sagte er, »wenn ich als Erster fahre. Einige von den anderen Kameraden…«
»Kommt gar nicht infrage«, entgegnete Mortimer rasch. »Sie sind in größerer Gefahr als jeder andere von uns. Rein mit Ihnen, und machen Sie schnell.«
»Zeigen Sie uns, wie das Ding bedient wird, bevor Sie einsteigen«, sagte Lindley.
Lumley zeigte ihnen, wie man den Schalter umlegte und den Knopf drückte; dann stiegen er, Kinch, Mortimer und McWilliams in das Coupé. Sie stellten fest, dass sich noch zwei weitere hineinquetschen konnten, und Lindley sowie Ripley folgten ihnen.
»Drück den Knopf«, sagte Kinch. »Je schneller wir weg sind, desto besser für uns alle.«
»In zwanzig Minuten, meine Herren«, merkte Lumley zu den Draußenstehenden an, nachdem der Knopf gedrückt worden war, »wird das Coupé zurück sein, um den Rest von euch abzuholen.«
»Falls irgendetwas schiefgeht«, ertönte eine Stimme vom Dach, »könnten Sie bei der ersten Fahrt ja unsere Bücher mitnehmen. Es kann schließlich immer etwas passieren.«
»Reicht sie her«, sagte Mortimer.
Die Bücher wurden in die überladene Maschine geschoben. Als das letzte Manuskript verstaut war, begann das Summen und der Äquatorialring fing an sich zu drehen.
Die Empfindungen, die Kinch und Lumley bei ihrer ersten Fahrt im Coupé erlebt hatten, machten sich nun in den Nerven und Gehirnen aller Insassen bemerkbar. Es dauerte gut zwei Minuten, bis sich die ersten wieder erholt hatten und sprechen konnten.
»Das ist eine gewaltige Last für das Coupé«, sagte Mortimer. »Was, wenn es eine Panne hat?«
»Dann stünden wir irgendwo auf dieser Seite unseres Zielortes fest«, erwiderte Kinch.
»Was sind das für Lichtblitze?«, fragte Ripley.
»Jeder Blitz entspricht einem Zeitraum von 24 Stunden.«
»Du liebe Güte!«, rief Mortimer aus. »Draußen geht ja einiges vor sich. Wir fahren so schnell, dass ich gar nicht erkennen kann, was passiert. Als wir auf diesem Weg hergekommen sind, waren wir blind unterwegs.«
Auf dieser Rückfahrt wurde die Kette der Ereignisse vom anderen Ende her aufgerollt; die Fährte verlief nun in umgekehrter Reihenfolge.
»Wird es Nacht oder Tag sein, wenn wir das Jahr 1900 erreichen?«, erkundigte sich Ripley.
»Das lässt sich schwer sagen«, antwortete Lumley. »Wir wollen genau hundert Jahre überbrücken, aber wir könnten dem Zeitplan ein paar Stunden voraus oder hinterher sein. Als ich die Hinreise antrat, verließ ich Doktor Kelpie nachts und kam im Jahr 2000 am frühen Morgen an, war aber nur zehn Minuten unterwegs.«
Während sie sich unterhielten, kam die Maschine mit einem Erschüttern zum Stehen. Durch die Fenster konnten sie nichts als stockfinstere Nacht erkennen.
Ein Zickzackblitz erhellte plötzlich die Szenerie, und ein schrecklicher Knall folgte auf dem Fuße. Gegen die Fenster des Coupés prasselten schräge Regenstriemen.
»Wir sind bei einem Unwetter zu Hause angekommen«, sagte Ripley, »das heißt, falls wir überhaupt zu Hause angekommen sind.«
Lumley stieß die Tür auf, die ihm am nächsten lag.
»Hallo, ist da jemand im Haus?«, rief er. »Doktor Kelpie! Ich bin’s, Doktor!«
Ein Lichtfleck zeichnete sich in der Wand hinter dem Coupé ab, und im grellen Schein erschien die missgestaltete Figur des Doktors.
»Was!«, rief Doktor Kelpie. »Bist das du, Lumley?«
»Ja.«
»Schon wieder zurück? Du willst doch nicht etwa sagen, dass du zurückgekehrt bist?«
»Doch, das will ich, und ich bin heilfroh darüber. Kinch ist bei mir und noch vier andere Herren. Wie lange war ich weg?«
»Etwa drei Tage. Na so was, na so was!« Der Doktor schien maßlos überrascht. »Kommt ins Haus, Lumley, du und deine Freunde. Es ist eine schreckliche Nacht. Das ist einer der schlimmsten Stürme, die wir seit Langem hatten.«
Die Insassen des Coupés stiegen aus, rannten rasch durch den Platzregen und erreichten das Arbeitszimmer. Mortimer, McWilliams, Ripley und Lindley trugen die wertvollen Manuskripte unter ihren Mänteln bei sich.
»Oh«, rief Lumley, als sich die Tür des Arbeitszimmers hinter ihm schloss, »ich habe ganz vergessen! Wir müssen das Coupé zurückschicken, um die anderen zu holen.«
»Was für andere?«, fragte Doktor Kelpie.
Lumley erklärte es ihm eilig. Als er geendet hatte, wandte er sich um, um die Tür zu öffnen – in der Absicht, zum Coupé zurückzukehren, den Schalter umzulegen und die Maschine auf ihre zweite Hin- und Rückfahrt zu schicken.
Bevor er jedoch die Tür öffnen konnte, fuhr ein fahlgelber Blitz aus dem Himmel herab, gefolgt von einem Donnerkrachen, das das Haus erschütterte und jeden im Arbeitszimmer auf die Knie warf.
»Das Haus!«, keuchte der Doktor, sobald er wieder sprechen konnte. »Der Blitz hat eingeschlagen!«
»Es wird nicht viel passiert sein«, schaltete sich Kinch ein. »Dieses Gebäude stand in hundert Jahren noch in einem leidlich guten Zustand da, dieser Blitzschlag kann also nicht viel Schaden angerichtet haben.«
Lumley war wieder auf den Beinen, die Hand auf dem Türknauf.
»Ich muss mich beeilen«, sagte er. »Wenn diesen Leuten drüben im Jahr 2000 etwas zustößt, würde ich mir das nie verzeihen.«
Er öffnete die Tür, und ein flackernder Schein traf seine Augen. Mit einem Schrei des Entsetzens weich er zurück.
»Was ist denn los?«, fragte der Doktor besorgt.
»Das Coupé!«, stammelte Lumley in verbittertem Ton.
Sie eilten alle zur Tür und blickten hinaus.
Auf dem Dach lag das Coupé, zerrissen und völlig zerfetzt. Blaue Flammen leckten an jedem Einzelteil und zischten wild im Kampf gegen den Regen.
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