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Mörder und Gespenster – Band 1 – 26. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 2

Es hatte gerade elf Uhr geschlagen – elf Uhr desselben Abends, an dem sich die einfache Begebenheit zugetragen hatte, von der wir soeben erzählten. Der Wind pfiff durch die Zweige, deren Blätter schon halb abgestreift waren. Herr von S. stand starr und unbeweglich in einer künstlichen Grotte, die von einer Akaziengruppe verdeckt war, in jeder Hand eine Pistole. Ein unumstößlicher Entschluss herrschte in seinem Inneren. Auf seiner Stirn lag schmerzlicher Gram, doch sein Haupt war nicht gebeugt. Nachdem er eine Stunde gewartet hatte, waren Schritte vom Feld her zu vernehmen, und die Gartentür wurde mit Vorsicht geöffnet. Ein Mann in einem Mantel erschien, der mit berechnender Sorgfalt die am Boden liegenden trockenen Blätter mied, um nicht gehört zu werden. Als er an der Grotte vorbeiging, die Herrn von S. verbarg, fühlte dieser seine Brust wie von einer eisernen Kette zusammengeschnürt.

»Wer bist du?«, rief Herr von S. ihm mit wilder, aber gedämpfter Stimme entgegen, während er versuchte, das Antlitz seines Gegners zu erkennen.

»Großer Gott, mein Onkel!«, war die Antwort.

Onkel und Neffe erkannten sich, und Herr von S. ließ nun seine Hände sinken, mit denen er die schwachen Arme des jungen Menschen festgehalten hatte.

Er blieb einen Augenblick unbeweglich stehen und ließ den Kopf auf die Brust sinken.

»Du stirbst oder du tötest mich«, sprach er dann mit fester Stimme. »Hier hast du eine Waffe.« Er reichte ihm eine Pistole hin.

Der junge Mensch versuchte zu sprechen.

»Kein Wort!«, fiel ihm der Oheim gebietend ins Wort. »Ich will nichts von dir wissen; ich will dich nur töten. Stelle dich auf fünf Schritte Entfernung auf …«

»Ich schieße nicht«, sagte der Neffe entschlossen.

»Auf fünf Schritte, befehle ich dir!«, rief S. mit unterdrückter Stimme.

Hierauf trat er selbst fünf Schritte zurück.

»Es wird sogleich Mitternacht schlagen; auf den dritten Glockenschlag schießen wir beide! Und wehe dir, wenn du nicht schießt.«

Mit diesen Worten bezog Herr von S. Stellung und wartete.

»Sie waren wie ein Vater für mich«, ergriff der junge Mann schließlich das Wort, »und mein Verhalten war in der Tat strafbar. Glauben Sie jedoch nicht, dass ich Sie erweichen will. Dass Sie mich für feige halten könnten, wäre für mich fürchterlicher als der bevorstehende Tod. Es bleiben mir nur noch wenige Augenblicke, um mich Ihnen zu erklären. Ich habe lange gekämpft, doch ich unterlag einem Zauber von so übernatürlicher Art. O mein Gott, wie soll ich Ihnen das nur beschreiben! Nicht sie traf die Schuld daran. Wir liebten uns schon lange, seit unserer Kindheit. Doch diese Geschichte ist zu lang für die verbleibende Zeit. Mein Gott, was haben wir beide gelitten! Welche Gewissensbisse vergifteten unser Dasein und mit welchen Qualen erkauften wir unser kurzes Glück! Jetzt, mein Oheim«, sprach er entschlossen, während Tränen seine Stimme brachen, und warf seine Pistole weit von sich, »jetzt töten Sie mich. Es ist eine Wohltat, um die ich flehe, und ich danke Ihnen dafür. Sie ersparen mir damit den Selbstmord. Wenn ich hoffen darf, dass Sie später noch eine Träne dem Andenken desjenigen widmen, der einst der Sohn Ihrer Schwester war, werde ich nicht in Verzweiflung sterben!«

Herr von S. biss die Zähne zusammen und blickte teilnahmslos auf seinen unglücklichen Neffen. Kein Wort kam über seine Lippen.

Beim ersten Glockenschlag der Mitternacht riss der junge Mann den Mantel von den Schultern und warf ihn hinter sich auf die Erde – wie ein Leichentuch, auf das er fallen sollte. Dann entblößte er seine Brust. Im selben Augenblick fuhr ihm die Kugel seines Onkels durch das Herz. Er krümmte sich nach vorn, sank zurück und hauchte als letztes Wort Dank!

Herr von S. trat an ihn heran; der Geliebte seiner Gattin hatte aufgehört zu leben.

Der Mörder wickelte den starren Körper in den Mantel und trug ihn in die Grotte, in deren geheimnisvollem Dunkel er den Ausgang dieses entsetzlichen Dramas erwartete. Dort legte er ihn auf einer Steinbank ab. Ein Mondstrahl brach durch die Wolken und erhellte die düstere Szene. Herr von S. ließ seinen Blick auf den bleichen Zügen ruhen, und eine Träne rann verstohlen über seine Wimpern. So war zumindest der letzte Wunsch des unglücklichen jungen Mannes erhört worden.

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