Der Kurier und der Detektiv – Kapitel 29
Allan Pinkerton
Der Kurier und der Detektiv
Originaltitel: The Expressman and the Detective
Chicago: W. B. Keen, Cooke & Co., 113 and 115 State Street. 1875
Kapitel 29
In Jenkintown gab es keine Atempause; der Kampf war in vollem Gange und verlief hervorragend. Das Frühstück im Hause Cox fiel spärlich aus. Selbst die Kinder wurden vernachlässigt, da alle Erwachsenen des Haushalts nach dem Buchhändler Ausschau hielten.
»Schwester Ann! Schwester Ann! Siehst du schon jemanden kommen?«, rief man immer wieder.
Ab und zu ging jemand zum Tor und blickte besorgt die Straße hinunter in Richtung Philadelphia. Mrs. Maroney wartete ungeduldig auf die Ankunft von Madam Imbert. Sie musste sich nicht lange gedulden, denn die Madam kam gleich nach dem Frühstück herunter. Mit ihrer gebieterischen Erscheinung und ihrem entschlossenen Gesichtsausdruck wirkte sie wie ein General, der Befehle erteilt. Sie war völlig ruhig, während alle anderen derart aufgeregt waren, dass sie weder ein noch aus wussten. Sie hatte die Lage vollkommen unter Kontrolle.
Mrs. Maroney hatte in der Nacht kein Auge zugetan und war immer noch unschlüssig, was sie tun sollte. In der Hoffnung, in einem ruhigen Gespräch etwas Erleichterung zu finden, schlenderte sie mit der Madam ein kurzes Stück nach draußen. Sie gestand, dass sie voller Zweifel und Ängste sei. Sie fürchtete, Josh. zu vertrauen, da er jeden Moment mit den Paketen verschwinden könnte. Madam Imbert erklärte ihr, dass es nur einen Ausweg gäbe: die Pakete, wie von ihrem Mann befohlen, an White zu übergeben.
»Sind Sie sicher«, fragte sie, »dass der Brief wirklich die Handschrift Ihres Mannes trägt?«
Mrs. Maroney sah sie erschrocken an und zog den Brief aus seinem Versteck im Ausschnitt ihres Kleides. Sie überflog ihn aufmerksam und sagte: »Ja, es ist Nats Handschrift.«
»Dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als das Geld herauszugeben. Wenn mein Mann mir so etwas befehlen würde, gäbe ich gerne alles auf dieser Welt her, um ihm zu Gefallen zu sein.«
Sie blieben eine ganze Weile vom Haus fort, und als sie zurückkehrten, war es bereits fast Mittag. Als sie die Straße hinuntersahen, entdeckten sie einen Buchhändler, der sich mühsam aus Richtung Philadelphia näherte und offensichtlich auf das Haus der Cox’ zusteuerte. Als Mrs. Maroney ihn in der prallen Sonne schwitzen und sich unter der Last seiner Bücher biegen sah, zuckte sie unwillkürlich zusammen. Madam Imbert, auf deren Arm sie sich stützte, spürte, wie sie vor Aufregung zitterte. Cox stand mit zusammengebissenen Zähnen neben seiner Frau in der Tür. Der Blick seiner Frau sprach Bände, doch keiner von beiden sagte ein Wort.
Madam Imbert und Mrs. Maroney gingen in den Vorgarten und lehnten sich über das Tor, um den Händler zu beobachten, der rasch näher kam. Zur vereinbarten Zeit erreichte er den Zaun.
»Möchten Sie Bücher kaufen?«, fragte er und reichte Mrs. Maroney gleichzeitig einen Roman zur Ansicht, den er so aufschlug, dass ein Zettel zum Vorschein kam. Er sprach sie mit gedämpfter Stimme an:
»Ich komme aus dem Gefängnis«, sagte er, warf einen Blick auf die Notiz und fügte hinzu: »Ich glaube, das ist für Sie.«
Sie nahm den Roman entgegen, hielt ihn offen, als würde sie darin lesen, und überflog den Inhalt der Nachricht:
»Meine liebste Frau: Dies ist der Buchhändler. Du wirst sicher Bücher von ihm kaufen wollen. Kaufe, was du möchtest. Gib ihm die Pakete für mich. Er ist ehrlich. Alles ist in Ordnung. Nat.«
Nachdem sie die Nachricht gelesen hatte, starrte sie darauf, offensichtlich nicht in der Lage zu sprechen. Madam Imbert sah sie an. Da sie zu befürchten begann, die Nachbarn könnten auf das lange Verweilen des Händlers aufmerksam werden, drängte sie: »Haben Sie keine Nachricht für den Mann? Die Zeit ist kostbar!«
»Doch«, antwortete sie und blickte wie aus Trance auf.
Madam Imbert flüsterte ihr zu: »Sagen Sie ihm, er soll Sie unten in der Gasse treffen.«
»Ja«, sagte sie. »Ich treffe Sie um zwei Uhr unten in der Gasse und nehme Ihnen einige Bücher ab.«
Der Händler ließ ein paar Romane da und ging. Mrs. Maroney und Madam Imbert kehrten ins Haus zurück. Nun war für Madam Imbert der Moment gekommen, ihre Macht auszuspielen.
»Kommen Sie, Mrs. Maroney, beeilen Sie sich! Sie müssen sofort handeln! Holen Sie rasch das Geld für den Buchhändler!«
Mrs. Maroney schien nur noch mechanisch zu funktionieren. Der starke Wille von Madam Imbert übte eine Macht auf sie aus, der sie sich nicht entziehen konnte. In Begleitung von Josh. und seiner Frau stiegen sie hinunter in den Keller.
»Grabt das Geld aus«, befahl Mrs. Maroney im selben mechanischen Tonfall.
Josh. zögerte.
»Geben Sie mir den Spaten!«, rief Madam Imbert. »Zeigen Sie mir, wo das Geld versteckt ist!«
Dann wandte sie sich an Josh. und seine Frau und fuhr sie an: »Ihr seid Narren! Ihr würdet nicht nur Mrs. Maroney zugrunde richten, sondern auch euch selbst. Maroney weiß am besten, was in seinem Interesse liegt.«
Mrs. Maroney deutete auf die Stelle, an der das Geld vergraben war. Die Madam stieß den Spaten in die Erde.
»Halt, ich mache das!«, lenkte Josh. ein. »Wenn Sie unbedingt eine Bettlerin aus sich machen wollen, so ist das nicht meine Schuld.«
Das Geld lag etwa einen halben Meter unter dem Kellerboden, eingewickelt in ein Stück Öltuch. Bald war es ausgegraben und nach oben gebracht. Mrs. Maroney sagte:
»Ich werde gehen und den Buggy holen, oder – nein! Josh., gehen Sie zu Stemples und holen Sie sein Gespann; sagen Sie ihm, es ist für mich.«
Ohne sich noch die Zeit zu nehmen, das Loch wieder zuzuschütten, machte sich Josh. auf den Weg. Madam Imbert wickelte das Geld in zwei Zeitungen. Als Josh. kurz darauf mit dem Gespann zurückkehrte, verstaute sie es im vorderen Teil des Buggys, deckte es mit der Kutschdecke ab, stieg mit Mrs. Maroney ein und fuhr die Gasse hinunter.
White war, nachdem er die Nachricht von Mrs. Maroney erhalten hatte, zum Rising Sun zurückgekehrt und hatte mir Bericht erstattet. Wir (der Vizepräsident und ich) versteckten uns unter einigen Magnolien, die dicht an der Gasse wuchsen und unweit des geplanten Treffpunkts lagen. Zur vereinbarten Zeit sahen wir den Buchhändler den Weg heraufkommen, und fast im selben Moment tauchte ein Buggy auf, der ihm entgegenfuhr. Für uns beide war es ein Moment atemloser Spannung.
Sie trafen fast genau gegenüber unserem Versteck aufeinander. Madam Imbert sagte: »Lassen Sie uns ein paar Bücher sehen!« Der Händler hob seine Tasche in den Buggy; die Madam leerte eilig deren Inhalt aus, hielt sie offen, stopfte das Geldbündel hinein und reichte sie dem Händler zurück. Es wurde kein weiteres Wort gewechselt. Madam Imbert wendete das Gespann und trieb die Pferde in schnellem Trab in Richtung Jenkintown an, während der Händler in der brütenden Sonne schwitzend weiter in Richtung des Gasthauses trottete.
Madam Imbert fuhr bei Stemples vor, nahm die in Papier gewickelten Bücher mit auf ihr Zimmer und lud Mrs. Maroney ein, mit heraufzukommen und einen Cognac zu trinken.
Mrs. Maroney befand sich in einem völlig passiven Zustand. Sie tat alles, was Madam Imbert ihr sagte, als wäre sie außerstande, Widerstand zu leisten. Sie blieb eine ganze Weile bei der Madam, sagte dann aber schließlich in bemitleidenswertem Ton: »Ich glaube, ich bin krank. Diese Aufregung hat mich fast umgebracht.«
Madam Imbert riet ihr, sich hinzulegen, und begleitete sie hinüber zum Haus der Cox’. Josh. war mit Rivers ausgegangen, und Mrs. Cox weigerte sich, sich blicken zu lassen. Madam Imbert verabreichte Mrs. Maroney ein Beruhigungsmittel und kehrte dann ins Gasthaus zurück. Gegen Abend mietete sie Stemples’ Gespann und fuhr nach Philadelphia.
Der Vizepräsident und ich blieben in unserem Versteck, bis die beiden Frauen völlig außer Sicht waren. Dann holten wir White ein, der sich mühsam die Straße hinunter schleppte. Ich nahm die Tasche mit dem Geld von ihm entgegen. Von dem Moment an, als er das Geld in Empfang genommen hatte, bis er es mir übergab, hatte ich ihn nicht aus den Augen gelassen – nicht etwa, weil ich ihm misstraute, sondern weil ich es für unrecht hielt, den armen Kerl in Versuchung zu führen.
Wir gingen zum Rising Sun, wo wir zu Abend aßen, erwähnten das Thema, das uns am meisten beschäftigte, jedoch mit keinem Wort. Nach dem Abendessen fuhren wir in die Stadt und brachten das Geld sicher in den Tresorräumen der Expressgesellschaft unter.
Der Vizepräsident telegrafierte umgehend dem Präsidenten der Gesellschaft, er möge aus New York anreisen, da er das Geld nicht zählen wollte, ehe dieser anwesend war.
Am Abend traf Madam Imbert im Hotel ein. Als sie feststellte, dass ich mich in einer Besprechung mit dem Vizepräsidenten befand, ließ sie mir ausrichten, dass sie mich gerne sprechen würde. Als ich zu ihr kam, fragte sie eifrig: »Ist mit dem Geld alles in Ordnung?«
»Alles in Ordnung«, antwortete ich. Als sie das hörte, schienen sie plötzlich alle Kräfte zu verlassen, und sie fiel beinahe in Ohnmacht. Der Sieg war vollkommen, aber ihre Fähigkeiten waren bis zum Äußersten beansprucht worden, um ihn zu erringen, und sie war nun völlig erschöpft. Sie durfte jedoch die stolze Genugtuung empfinden, dass die Ehren des Tages einer Frau gebührten.
Der Präsident traf am 3. August ein, und wir kamen im Lapier House zusammen, um das Geld zu zählen. Das Paket enthielt genau neununddreißigtausendfünfhundertfünfzehn Dollar – bis auf vierhundertfünfundachtzig Dollar exakt der Betrag, der zuletzt gestohlen worden war.
Die leitenden Angestellten der Adams Express Company zeigten sich über meinen Erfolg hoch erfreut und waren mit allem rundum zufrieden. Das Geld war wiederbeschafft worden, und der Fall war vorerst zu einem Stillstand gekommen.
Ich hielt Rücksprache mit dem Präsidenten sowie dem Vizepräsidenten und fragte sie, ob sie weitere Anweisungen für mich hätten. Der Präsident meinte, ich solle die Operation lieber zu Ende führen und nicht aufgeben, ehe Maroney verurteilt und ins Zuchthaus überstellt worden sei. Ich hätte ihnen bislang unschätzbare Dienste erwiesen, aber es fehle noch daran, dem Ganzen die Krone aufzusetzen, indem man den Schuldigen seiner gerechten Strafe zuführe. Ich versicherte ihm, dass dies bald erledigt sein würde, und verabschiedete mich, um meinen Detektiven die entsprechenden Befehle zu erteilen.
Ich wies Madam Imbert an, nach Jenkintown zurückzukehren, und befahl Rivers sowie Miss Johnson, ebenfalls auf ihren bisherigen Posten zu bleiben. Auch der Vizepräsident trug De Forest auf, vorerst in Jenkintown zu verbleiben. Green sollte seine Arbeit in Philadelphia fortsetzen. Roch, der nach Montgomery zurückgeschickt worden war, sollte dort ebenso auf weitere Befehle warten wie Porter. White wurde angewiesen, sich um Maroney zu kümmern, während Bangs in Philadelphia bleiben und die Gesamtleitung behalten sollte.
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