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Kopmann to Bergen – Kapitel 5

Heinrich Smith
Kopmann to Bergen
Eine Erzählung aus dem Seemannsleben
Verlag Otto Spamer, Leipzig, 1902

Kapitel 5
Der Angriff der Seeräuber

Es gab ein leises Geflüster und ein geschäftiges Zusammenstecken der Köpfe – sowohl in der Stadt Bergen selbst als auch am Vågen auf und ab. Manche hätten nur zu gern mit einem Verrat etwas Geld verdient, doch sie wussten nichts. Andere ergriffen aus natürlichem Mitleid Partei für den Unglücklichen und erkundigten sich nach den genauen Umständen. So erfuhr man nicht nur die bloße Tatsache, sondern auch den Namen des Betroffenen: Es handelte sich um denselben jungen Seefahrer, der sich auf dem Garper der armen norwegischen Frau angenommen und ihr die Fische für die Mittagssuppe gekauft hatte.

Besonders im Haus dieser armen Leute herrschte großes Jammern und Wehklagen. Mann und Frau waren zutiefst betrübt, dass ein Mensch, der sich für sie geopfert hatte, einer so harten Strafe anheimgefallen war. Sie berieten lange, wenn auch vergeblich, wie sie ihm in seiner Not beistehen könnten. Was aber konnten sie schon tun – zwei unbedeutende, arme norwegische Tagelöhner ohne jeden Beistand außer ihren eigenen Händen – gegen das mächtige deutsche Kontor, das seine Beschlüsse eisern fasste und blitzschnell vollstreckte?

Schon am zweiten Tag nach der Flucht war das Urteil gefällt: Der ehemalige Halbmatrose und derzeitige seefahrende Angehörige der Faktorei Kopmann to Bergen war überführt und geständig, einen Fluchtversuch unternommen zu haben, um sich der Herrschaft des Kontors zu entziehen. Er wurde daher auf unbestimmte Zeit verurteilt. Bis auf seinen Namen sollte er alle Rechte als Bewohner der Faktorei verlieren und – mit einer Nummer gezeichnet – auf einer der kleinen, unbewohnten Inseln des Vågen ausgesetzt werden. Dort sollte er bei harter Arbeit und karger Kost in der Einsamkeit ausharren, bis es der Faktorei belieben würde, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

Dieser letzte Zusatz wurde ihm bei der Verlesung des Urteils jedoch nicht einmal verkündet. Man glaubte, die Strafe dadurch zu verschärfen, dass man den armen Teufel im Glauben ließ, er sei für den Rest seines Lebens einem so traurigen Schicksal ausgeliefert. Wer einmal auf einer solchen Insel saß, durfte annehmen, dass er völlig aus der Welt gestoßen war; denn an eine Rettung durch Schwimmen war wegen der enormen Entfernung und der reißenden, unruhigen Strömung nicht zu denken. Auch Boote konnten sich der Insel nicht nähern, da die Söldner der Faktorei scharf Wache hielten.

Anton Bünger wurde aus dem Gerichtssaal direkt zu dem wartenden Boot geführt. Man hatte ihm sein schönes, lockiges Haar kahl geschoren und ihn in einen grauen Wollkittel gekleidet, auf dem in schwarzer Farbe die Nummer siebzehn prangte. Nummer siebzehn war von nun an der Name, mit dem man ihn ansprach.

Der Steuermann des Bootes, das ihn an seinen düsteren Bestimmungsort bringen sollte, war der Prügelmeister. Er bekleidete zugleich das Amt des Kerkermeisters und galt als der wahrhaftige Tyrann der Neulinge.

Er empfing den Verurteilten mit lautem Gelächter und rief ihm zu: »Treffen wir uns etwa schon wieder? Ich hätte es mir denken sollen! Beim ersten Mal hattest du noch zwei Namen, jetzt hast du stattdessen zwei Zahlen: die Eins und die Sieben. Wer weiß, wie es sein wird, wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen! Nun, wenn ich dir schon kein Engel des Paradieses sein kann, so gelingt es mir vielleicht, dein Teufel zu werden. Damit du es weißt: Du stehst von jetzt an unter meiner Macht. Ich verpflege dich, ich weise dir deine Arbeit zu und ich werde schon dafür sorgen, dass du weder zu viel isst noch zu wenig arbeitest!«

Anton Bünger erwiderte nichts. Was hätte er auch sagen sollen? Es hätte ihm nichts genützt und den grausamen Henkersknecht nur noch mehr gereizt.

Sie landeten schließlich an einem steilen, völlig unfruchtbaren und zerklüfteten Felsen, den man ihm als Aufenthaltsort zugewiesen hatte. Der Prügelmeister befahl ihm barsch auszusteigen und folgte ihm zusammen mit den Bootsleuten. Er trug einen Sack, den er auf einen Stein stellte, und sagte dabei: »Als ich dich damals zum Birkenwäldchen übersetzte, habe ich dir Wein und gebratenen Fisch serviert. Jetzt kündige ich dir an, dass du dich mit dem Regenwasser zufriedengeben musst, das sich in den Felsspalten sammelt. Dazu kannst du den Schiffszwieback essen, den du in diesem Sack findest. Es ist nicht besonders viel, wie du siehst. Haushalte also gut damit, denn ich komme so schnell nicht wieder – und Hunger tut weh! Am besten vertreibst du dir deine Trübsinnigkeit mit Arbeit. Mit den Werkzeugen, die ich dir hier übergebe, sollst du Steine losbrechen und sie glatt behauen – genau nach dem Muster, das ich dir beilege. Spute dich, denn das Kontor will bauen und braucht sehr viele Steine. Und nun noch eines!«

Er gab dem Verurteilten einen Wink und schritt mit ihm zum höchsten Punkt der kleinen Insel. Dort befand sich ein Flaggenmast mit einer durchgezogenen Leine. Der Prügelmeister zog eine kleine weiß-schwarze Flagge aus seinem Kittel und sagte: »Hier wirst du dreimal am Tag Schildwache stehen: Morgens bei Sonnenaufgang hisst du die Flagge und lässt sie eine Weile wehen, bevor du sie wieder einholst. Ebenso machst du es mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, und abends, bevor sie untergeht. Das ist zugleich die Zeit für deine drei Mahlzeiten. Alles andere, was zum Tag gehört, ist der Arbeit gewidmet. Pass gut auf, dass du deine Signale pünktlich gibst! Sie sind das Zeichen dafür, dass du dich noch an deinem Ort der Verurteilung befindest. Weht die Flagge nicht, gilt das als Flucht – und die Strafe folgt auf dem Fuße!«

Mit diesen Worten verließ der Prügelmeister den Felsen, ohne sich noch einmal nach dem Verurteilten umzusehen.

Anton Bünger war allein – allein mit seinem Kummer und seiner Not, verlassen von allen Menschen, nach denen er sich so sehr sehnte. Der arme Junge hatte in seinem Leben nur wenig besessen. Er hatte sich kaum an jemanden anschließen können, da er von Kindheit an arm und verlassen gewesen war. Wenn sich aber jemand die Mühe gemacht hatte, sich ihm zu nähern und ihm auch nur ein wenig Freundschaft zu schenken, so hatte er es ihm sein Leben lang vergolten; denn er besaß ein warmes, dankbares Herz. Deshalb hing er auch mit so inniger Liebe an dem Galiotschiffer Hans Wulff. Als er in der Nacht des vereitelten Fluchtversuchs von den Verfolgern des Kontors gefasst worden war, war es nicht nur die zerstörte Hoffnung, die ihm das Herz schwer machte, sondern vor allem der Schmerz, nicht mehr zu dem Mann gehören zu dürfen, an dem er mit solcher Zuneigung hing.

Die Zeit verstrich langsam, die Stunden schlichen dahin. Tagsüber ging es noch an: Der Flaggendienst und die Arbeit verkürzten die Zeit. Wenn Anton frei auf dem Felsen stand und über den Vågen blickte, wo im Hintergrund die dunkle Wand der vor Bergen ankernden Schiffe lag, glaubte er oft, aus dem Wirrwarr die Galiot Trave herauszuerkennen, und sandte der vertrauten Mannschaft sowie ihrem freundlichen Schiffer einen herzlichen Gruß hinüber. Es war das einzige Glück, das er in dieser Einsamkeit empfand.

So vergingen die Tage.

Doch wenn die Sonne versunken war und die lange Nacht heraufzog, die mit ihrem undurchdringlichen Schleier alles verhüllte, dann sank er, überwältigt von der bitteren Einsamkeit, oft auf die harten Steine nieder, verbarg das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich.

Doch die Macht der Gewohnheit ist groß – sie bezwingt fast alles. Auch der Schmerz im menschlichen Herzen wird von ihr gemildert wie durch lindernden Balsam. So erging es auch Anton Bünger. Als der Prügelmeister zum zweiten Mal zur Insel kam, um Zwieback zu bringen und nach dem Fortschritt der Arbeit zu sehen, ärgerte er sich maßlos darüber, Anton so ruhig und gefasst vorzufinden. In seiner Bosheit hätte er ihm nur zu gern weiteres Leid angetan, wenn ihm dies möglich gewesen wäre. Da er jedoch nichts anderes tun konnte, nahm er einfach einen Teil des mitgebrachten Proviants wieder mit. Er wollte sein Opfer hungern lassen, da er es auf andere Weise nicht mehr quälen konnte.

Anton Bünger hatte sich bereits so an die stille Einsamkeit seines Felsens gewöhnt, dass er beinahe erschrak, als diese eines Nachts plötzlich gestört wurde. Es war eine milde Sternennacht. Er lag mit offenen Augen an einen Stein gelehnt und blickte hinauf zum ewigen Himmelszelt, das sanft auf die sturmbewegte Welt herableuchtete. Da hörte er ein Geräusch. Es klang wie leiser Ruderschlag. Konnte das wirklich sein? Wer sollte es wagen, den Bann zu brechen, der diese Insel umgab? Die darauf stehende Strafe war so hoch, dass niemand ein solches Wagnis eingehen würde. Es musste eine Täuschung sein. Bald war auch wieder alles still. Anton hörte auf zu lauschen und schloss die Augen. Er wollte nichts mehr hören und sehen.

Doch schon nach wenigen Augenblicken fuhr er wieder jäh empor. Er sprang auf und blickte sich um. Erkennen konnte er zwar nichts, aber er hörte nun ganz deutlich den Schlag von Rudern, der mit dem Näherkommen unverkennbar wurde.

Ruderschläge in seiner Nähe! Ein Boot, das geradewegs auf den Felsen zusteuert! Was hatte das zu bedeuten? War es etwa sein Kerkermeister, der zu dieser ungewöhnlichen Stunde kam? Unmöglich – der war doch erst vor drei Tagen dagewesen. Wer war es dann? Vielleicht …?

Er war nicht in der Lage, den Gedanken zu Ende zu führen. Sein Puls raste, sein Herz klopfte wild. Die mühsam errungene Fassung von Wochen war in diesen wenigen Minuten dahin. Mit zitternden Knien schlich er zum Landungsplatz, strengte vergeblich seine Augen an und lauschte in die Dunkelheit, aus der das Geräusch kam – bis schließlich ein noch dunklerer Schatten aus der Nacht hervortrat: Eine norwegische Jolle, von sicheren Händen geführt, ruderte genau auf die Klippe zu, auf die man ihn verbannt hatte.

Mit vorgebeugtem Oberkörper spähte er hinüber. Zuerst vergewisserte er sich, dass es weder sein Kerkermeister noch überhaupt ein Boot der Faktorei war, sondern tatsächlich eine norwegische Jolle. Kam sie zufällig oder mit Absicht hierher? Die Spannung stieg ins Unermessliche.

Die Jolle legte an. In ihr befanden sich ein Mann und eine Frau, die leise miteinander flüsterten. Es waren norwegische Worte, von denen Anton Bünger einige verstand. Der Mann betrat das Ufer, blickte sich vorsichtig um und ließ dann einen kräftigen Seemannsruf erschallen.

»Holla, ahoi!«, rief der Nordmann.

Anton Bünger hörte es wohl. Sollte er antworten oder schweigen? Noch bevor er sich entscheiden konnte, wiederholte der Nordmann seinen Ruf noch lauter und kräftiger.

»Holla, ahoi!«

Nun gab es kein Zögern mehr. Wenn er nicht antwortete, würde der Mann womöglich wieder abrudern, weil er glaubte, sich geirrt zu haben. Darum rief Anton laut zurück: »Hallo!«

Beide standen sich nun gegenüber. Der Nordmann sah ihn scharf an und fragte: »Seid Ihr Anton Bünger, der von der Faktorei verurteilt und von den Lebenden zu den Toten geworfen wurde?«

»Ich bin es!«, antwortete Anton niedergeschlagen.

»Dann haben wir unseren Mann gefunden!«, sagte der Nordmann und wandte sich zu der Frau um, die ihm gefolgt war und einen verhüllten Korb trug. Sie nahm ein Gefäß mit nahrhafter Suppe heraus, reichte dem erstaunten Anton einen Löffel und sagte: »Nehmt, esst und stärkt Euch! Ich bin Euch dies und noch viel mehr schuldig und bedauere nur, dass ich Euch nicht früher ausfindig machen konnte, um diese Schuld zu begleichen.«

Anton Bünger wusste kaum, was er zu all dem sagen sollte. Doch ein Mensch, der wochenlang nur von Wasser und hartem Zwieback gelebt hat, ist nicht wählerisch, wenn ihm eine kräftige, warme Speise entgegenduftet. Er langte herzhaft zu und fragte erst während des Essens, wie sie dazu kämen, sich seiner zu erbarmen.

»Ich bin die norwegische Frau, der Ihr Euch auf dem Markt angenommen habt, als man ihr verwehrte, Essen für sich zu kaufen. Eure Fische haben den meinen das Leben gerettet. Deshalb hatte ich keine Ruhe, bis ich Euch Eure gute Tat ein wenig vergelten konnte.«

»Und ich«, fiel der Mann ein, »ich bin der Ehemann dieser Frau und Euch ebenso zu Dank verpflichtet. Eine Frau glaubt oft, ihre Schuld sei beglichen, wenn sie einem den Löffel reicht, die Schüssel hinschiebt und sagt: ›Nun esst und Gott segne es Euch!‹ Ein Mann denkt weiter und weiß: Auch wenn man heute satt ist, folgt morgen wieder der Hunger. Ihr steckt in einer harten Klemme, und man wird Euch so schnell nicht freiwillig laufen lassen. Deshalb denke ich, dass es mit Gewalt oder List geschehen muss.«

»Was sagt Ihr?«, rief Anton Bünger überrascht aufspringend. »Ihr wollt mich befreien?«

»Das wollen wir. Mit Gewalt wird es wohl kaum gehen – was vermögen schon zwei armselige norwegische Arme gegen die ganze hansische Faktorei? Aber mit List kann es gelingen. Ich habe alles erkundet: Die hansischen Schiffe, die als Kaper gegen die Piraten ausgerüstet sind, sollen morgen bei Sonnenaufgang in See stechen. Darunter befindet sich auch die Galiot Trave mit dem Schiffer Hans Wulff. Wenn wir nun in den Vågen hinausrudern und dort warten, kann es gut sein, dass der Zufall uns seitlich an der Galiot vorbeiführt – und dann seid Ihr mit einem einzigen Sprung an Deck!«

Anton Bünger schrie vor Entzücken laut auf. Auf einen Schlag bot sich ihm die Möglichkeit, dieser schmählichen Gefangenschaft zu entkommen und wieder zu seinen Freunden zu gelangen! Er konnte sich kaum fassen und drückte den Nordmann mit tränenüberströmten Augen an sich.

»Das ist alles schön und gut«, sagte dieser nach einer Pause, als die erste Aufregung sich gelegt hatte, »aber damit kommen wir noch nicht weiter. Nehmt Euch zusammen und steigt in die Jolle, wir haben keine Zeit zu verlieren. Es ist möglich, dass schon bei Tagesanbruch ein Faktoreiboot herauskommt – bis dahin müssen wir ein gutes Stück Weges von hier entfernt sein. Im Osten beginnt der Horizont bereits aufzuhellen, da gibt es kein Zögern mehr!«

Sie stiegen ein. Der Nordmann legte sich in die Riemen und ruderte rasch von der Steinklippe weg. Ringsum herrschte totenstille Nacht. Der Wind hatte sich für einen Moment gelegt, und die See war spiegelglatt.

Alle drei saßen schweigend nebeneinander. Als sie etwa eine Stunde weit gerudert waren, zog der Nordmann die Ruder ein und sagte: »Jetzt reicht es erst einmal. Nun können wir uns ausruhen. Die Sterne verblassen allmählich und der Osten färbt sich. Spürt Ihr die frische Brise, die herüberweht? Das ist ein gesegneter Landwind. Mit seiner Hilfe werden die Galioten, Schnauen und Tjalken, die vor Bergen liegen, mit ihren Kanonen an Deck frisch in den Vågen hinausgetragen.«

Anton Bünger hatte die Hände gefaltet. Er betete. Es war ein tief empfundener Dank dafür, von dem kargen Felsen befreit worden zu sein, und die innige Bitte, dass es ihm gelingen möge, das befreundete Schiff zu erreichen. Der Nordmann tat so, als merke er nichts; er wollte ihn nicht stören und hielt Ausschau nach den erwarteten Schiffen. Die Frau jedoch blickte Anton mit rührender Anteilnahme an – wie eine Mutter, deren Kind einer großen Gefahr entronnen ist – und betete im Stillen mit, dass sich sein Herzenswunsch erfüllen möge.

Da tauchte die Sonne aus dem Schoß der Wellen auf und warf ihr goldenes Licht über die weite Wasserstraße, die sich bis zum Horizont erstreckte. Der Nordmann hielt schützend die Hand über die Augen und rief plötzlich: »Segler in Sicht!«

Dieser Ruf weckte bei allen drei die gleiche gespannte Aufmerksamkeit. Mit vorsichtigen Ruderschlägen näherten sie sich den heransegelnden Schiffen. Das erste war ein breitbauchiges Fluitschiff unter norwegischer Flagge, das sich langsam vorwärtsschob – nicht ohne dass vom Deck einige Spottreden auf die kleine norwegische Jolle herabgerufen wurden, die jedoch ungehindert weiter trieb. Das zweite war eine Tjalk unter holländischer Flagge, die sich nur widerwillig an diesem Feldzug beteiligte, sich dem Einsatz aber nicht hatte entziehen können.

Auch auf dieses Fahrzeug achteten die drei Leute in der Jolle aus, sondern spähten nach der Lübecker Galiot aus, um derentwillen sie diese abenteuerliche Fahrt unternommen hatten.

Schon bald sollten sie nicht mehr vergeblich harren: Die Galiot brauste mit leuchtenden Segeln und wehender Flagge heran. Es geschah genau zur rechten Zeit, denn der Wind frischte spürbar auf, sodass es für eine kleine, offene norwegische Jolle bedenklich wurde, sich auf dem freien Wasser zu halten. Mit kräftigen Ruderschlägen steuerte die Jolle in den Kurs der Galiot und ließ diese näher kommen. Als man an Bord das Vorhaben der Jolle bemerkte, hielt man bereits ein Fangtau bereit, um es ihr zuzuwerfen; zugleich trat der Schiffer ans Fallreep, um zu erfahren, was los war.

Die Insassen der Jolle hatten jedoch schon vorher Abschied voneinander genommen. Kaum dass der Nordmann das Fangtau ergriffen hatte, da packte Anton Bünger auch schon die Rüsteisen des Fockmastes und enterte flink an Deck. Im selben Augenblick ließ der Nordmann das Tau wieder schlüpfen, fiel hinter das Heck der Galiot zurück und legte sich kräftig in die Riemen, um schleunigst nach Bergen zurückzurudern.

Das alles geschah so schnell, dass Schiffer Hans Wulff noch gar nicht zur Besinnung gekommen war, als er sich bereits von zwei Armen umschlungen sah und eine tief bewegte Stimme hörte: »Nun bin ich doch da – und lebendig bringen sie mich nicht mehr vom Deck herunter!«

»Anton! Anton!«, rief Hans Wulff voller Überraschung, während er den Jungen an den Schultern fasste. »Junge, wo kommst du her? Und was führt dich so unverhofft zu mir an Bord?«

»Von dort komme ich«, antwortete Anton Bünger und zeigte auf den Felsen, von dem er entfloh war, »und die Dankbarkeit ist es, die mich gerettet hat. Lasst mich Euch nur alles erzählen und hört mir zu!«

So geschah es. Beide waren so vertieft in ihr Gespräch, dass sie alle anderen an Bord vergaßen – nicht nur die Matrosen der Schiffsmannschaft, sondern auch die Männer, die die Faktorei zur Verstärkung mitgegeben hatte. Dazu gehörte vor allem der Konstablergehilfe, der nicht bloß für die Bewaffnung der Galiot zuständig war, sondern auch als Kommandant der Geschütze mit in See gegangen war. Dieser trat nun langsam heran und sagte mit lauernder Miene: »Nun hat es Euch auch nichts nützen wollen, Schiffer Hans Wulff, dass Ihr Eure Kajütfenster so sorgfältig verschlossen hieltet. Der Fuchs hat ein anderes Loch gefunden, durch das er in den Bau geschlüpft ist. Aber die Falle liegt bereit, und ich denke, wir halten ihn fest.«

Der Schiffer war über dieses plötzliche Dazwischentreten sichtlich betreten, und es dauerte einen Moment, bis er sich fasste. Dann aber nahm er den Konstablergehilfen am Arm und entgegnete fest: »Wenn wir wieder nach Bergen zurückkehren sollten und Ihr wollt mich dort anzeigen, muss ich das Eurem Gewissen überlassen. Solange wir aber auf See sind, habe ich hier das Kommando. Die Geschütze gehören Eurem Aufgabenbereich – macht damit, was Ihr wollt. Ansonsten aber kümmert Euch um nichts, wenn Euch Euer eigenes Wohl lieb ist! Ich habe einen dicken Kopf und lasse mir von niemandem hineinreden.«

Der Konstablergehilfe erwiderte kein Wort, sondern zog sich schweigend in seine Kammer im Aufbau der Galiot zurück und ließ sich den restlichen Tag nicht mehr blicken. Ob er sich fügte oder nur eine Gelegenheit abwartete, blieb ungewiss.

Die Schiffe, die den Vågen als wohlgerüstete Kaper verlassen hatten, blieben zunächst einige Tage lang zusammen. In der dritten Nacht frischte der Wind jedoch stark auf. Einfache Vorsicht gebot es, jedem Schiff mehr Spielraum zu lassen. Als der Tag anbrach, war die Flotte weit versprengt; nur fern am Horizont tauchte hie und da ein Segel auf. Bei dem anhaltenden Sturm war an ein Wiederzusammenkommen vorerst nicht zu denken.

Nach einem weiteren Tag und einer weiteren Nacht geriet die Galiot in eine heikle Lage: Es gab leichte Havarieschäden, weshalb man beschloss, einen geschützten Ort anzulaufen, um die Schäden in Ruhe auszubessern. Unter der Besatzung befand sich ein norwegischer Seemann, der sich an der Küste bestens auskannte. Er erbot sich, das Schiff noch vor dem Einbruch der Dunkelheit in eine sichere Bucht zu steuern, falls man ihm das Ruder überlasse. Man ging darauf ein, und die Galiot drehte sofort zum Land ab. Der Wind drehte günstig, das Schiff nahm Fahrt auf, und noch vor Sonnenuntergang steuerte der wackere Lotse die Galiot wortgetreu in eine Bucht, wo sie gut geschützt vor Felswänden vor Anker ging.

Anton Bünger blickte umher. Er genoss das Gefühl der neu gewonnenen Freiheit und verschwendete keinen Gedanken daran, dass diese bald wieder enden und das alte Elend zurückkehren könnte. Dazu war er zu glücklich gestimmt.

Die Mannschaft begann sogleich, die beschädigte Takelage so gut es ging in Ordnung zu bringen. Schnell stellte sich heraus, dass manches fehlte. Der Steuermann fragte sich laut, ob nicht in der Nähe des Strandes Leute wohnten, die mit Material aushelfen könnten. Der Lotse vermutete einige Fischer an dieser Küste, wusste es jedoch nicht gewiss.

Da bot Anton Bünger an, an Land zu rudern und nachzusehen, ob sich dort Siedlungen oder Hilfe fänden. Kaum hatte der Schiffer zugestimmt, saß Anton bereits im Boot und ruderte los.

Ein Anlegeplatz war rasch gefunden. Nachdem er das Boot gesichert hatte, erklomm Anton eine Anhöhe und blickte sich um. In einer Schlucht sah er ein Licht schimmern. War es ein Feuer in einer Hütte oder ein Lagerfeuer im Freien? Er schlug sofort die Richtung darauf ein, um es zu erkunden. Der Weg war beschwerlich, und der nächtliche Wanderer musste achtsam bleiben, um den Rückweg nicht zu verlieren; somit kam er nur langsam voran.

Nach einer Weile verlor Anton das Licht plötzlich aus den Augen. Eine vorspringende Klippe versperrte ihm die Sicht. Er hielt inne und überlegte, ob er aufs Geratewohl weitergehen oder die scheinbar aussichtslose Suche abbrechen und zum Boot zurückkehren sollte. Schließlich entschied er sich, noch einen Versuch zu wagen. Vorsichtig tastete er sich um die Klippe herum – und hätte fast vor Erstaunen laut aufgeschrien: Er stand am Rand eines Abhangs und blickte in eine Schlucht hinab, in der etwa ein Dutzend verwegen aussehender Kerle um ein verglimmendes Feuer saß. Er war ihnen so nahe, dass er ihre Gesichter deutlich erkennen und nahezu jedes Wort verstehen konnte.

Es waren wilde, von Wind und Wetter gebräunte Gestalten. Man brauchte keine große Menschenkenntnis, um zu erraten, dass sie zu jenen Piratenbanden gehörten, die unter der Flagge der Nachfolger des berüchtigten Seeräubers Barthel Voet segelten.

Anton Bünger stand da mit klopfendem Herzen. Er lauschte ihren Worten in ständiger Angst, etwas zu vergessen oder misszuverstehen. Was er da hörte, klang so unerhört, dass er bezweifelte, wach zu sein, und meinte, einen bösen Traum zu haben. Doch schon bald wurde ihm klar, dass dies Wirklichkeit war. Als die Besonnenheit zurückkehrte und sein Herz sich etwas beruhigte, beschloss er, so lange wie möglich auszuharren und diese entscheidenden Nachrichten an Bord der Galiot zu bringen. Es bestand kein Zweifel: In der Nähe musste eine weitere Bucht liegen, in der Piratenschiffe vor Anker lagen. An der Ausrüstung der Männer sah er, dass sie von der Vogeljagd kamen und sich ermüdet um das Feuer gelagert hatten, um zu essen. Sie sprachen wiederholt davon, bald an Bord zu gehen, um die erste Morgenbrise nicht zu verpassen, da ihr Weg weit und ihr Vorhaben kühn sei.

Anton sah ihren Aufbruch näher rücken. Sobald er sicher war, dass sie losziehen würden, kam er ihnen zuvor und eilte so schnell er konnte auf demselben Pfad zurück. Zunächst stolperte er nur langsam durch die Dunkelheit, da das Feuer seine Augen geblendet hatte, doch bald fand er seine Schrittsicherheit wieder. Mit klopfendem Herzen stieg er den Hügel hinab, an dessen Fuß sein Boot im Wasser schaukelte.

Als Anton am Fallreep der Trave auftauchte, schlug ihm Unmut entgegen – umso mehr, als er das benötigte Reparaturmaterial nicht dabei hatte. Es war bereits tiefste Nacht bzw. der frühe Morgen, da die Dämmerung schon heranrückte. Doch Anton ließ sich von der schlechten Laune der Männer nicht aufhalten. Er eilte auf Schiffer Hans Wulff zu, der finster dreinblickte, schob den dazwischentretenden Konstablergehilfen beiseite und sagte rasch: »Erlaubt mir, Herr, mit Euch in die Kajüte zu gehen! Ich habe äußerst wichtige Nachrichten, die Euch erstaunen werden!«

Hans Wulff zögerte nicht. Kaum war die Kajüttür geschlossen, sprach Anton Bünger aufgeregt: »Wir dürfen uns nicht weiter um den Schaden kümmern, sondern müssen sofort die Anker lichten und nach Bergen zurücksegeln!«

»Bist du an Land verrückt geworden?«, fragte der Schiffer ärgerlich. »Treibst du in so einer ernsten Lage deine Späße?«

Anton ließ ihm jedoch keine Zeit zu schelten und fuhr drängend fort: »Wir müssen unterwegs versuchen, so viele unserer Schiffe wie möglich mitzunehmen und sie zur Umkehr bewegen – es ist Gefahr im Verzug!«

»Ob du von Sinnen bist, frage ich dich!«, rief der Schiffer erneut.

Doch Anton berichtete ohne Umschweife, was er beobachtet hatte, und schloss in fliegender Eile:  »Sie sind sich ihrer Sache völlig sicher! Ein paar ihrer kleineren Schiffe haben den Auftrag, vor uns her zu segeln, nicht standzuhalten und uns immer weiter wegzulocken. Währenddessen sammelt sich die eigentliche Hauptmacht der Seeräuber beim Vågen vor Bergen und greift die nur schwach geschützte Stadt sowie die Faktorei an. Beide sollen völlig geplündert und anschließend niedergebrannt werden – genau wie damals zu den Zeiten Barthel Voets! Dies, teurer Herr, habe ich mit eigenen Ohren gehört, und Ihr könnt mir glauben, dass ich mich nicht getäuscht habe. Lasst uns eilen, ehe es zu spät ist! Ihr habt jetzt das Schicksal der Stadt und der Faktorei in Eurer Hand!«

»Du bist ein prächtiger Junge!«, rief Hans Wulff aus, packte seinen jungen Seemann am Kopf und herzte ihn wie einen eigenen Sohn. »Du wirst sehen, dass ich eine wohlgemeinte Warnung nicht in den Wind schlage! Ehe eine Stunde vergeht, ist der Anker gelichtet. Die Verantwortung liegt auf deinen Schultern, Junge – aber ebenso der Lohn für die Rettung, wenn wir noch rechtzeitig kommen!«

Und genau wie versprochen war die Galiot schon kurze Zeit später unter Segel – zur stillen Verwunderung der Mannschaft und trotz des lautstarken Protests des Konstablergehilfen. Dessen Geschrei wurde jedoch ignoriert und er kurzerhand zur Ruhe verwiesen, da er sich vernünftigen Argumenten verschloss.

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