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Die Hexen von Lancashire Band 1 – Erstes Buch – Kapitel 3.1

Die Hexen von Lancashire
Erster Band
Ein Roman aus dem Pendle-Wald von William Harrison Ainsworth
Leipzig, 1849

Erstes Buch
Alizon Device
Drittes Kapitel, Teil 1
Die Asshetons

Zwischen Sir Ralph Assheton von der Abtei und den Einwohnern von Whalley, von denen viele seine Pächter waren – denn er besaß das Gut gemeinsam mit John Braddyll von Portsfield –, bestand das allerbeste Einvernehmen. Der würdige Ritter war zwar etwas streng in seinem Benehmen und nicht ohne einen Anflug von Puritanismus, doch zeigte er sich freisinnig genug, um die Meinungen anderer zu dulden. Da er überdies in seinen eigenen religiösen Ansichten aufrichtig war, konnte niemand in dieser Beziehung einen Zweifel gegen ihn hegen. Zudem war er sehr gastfrei gegenüber seinen Freunden, sehr wohltätig gegen die Armen, ein guter Wirt und ein menschenfreundlicher Mann.

Sein strenges, aber durch vornehme Artigkeit gemildertes Wesen vermehrte den Respekt, den er einflößte – besonders, da er sich auch gelegentlich zur Heiterkeit herabließ. Wenn er dies tat, galt sein Lächeln als eigentümlich sanft und liebenswürdig. Im Allgemeinen aber war er ernst und förmlich: steif in seinem Kostüm, steif in seinem Gang sowie kalt und kritisch in seinem Wesen. Er forderte bei Hohen und Niederen den ihm gebührenden Respekt, der ihm auch selten, vielleicht nie, verweigert wurde.

Zu den vielen Vorzügen Sir Ralphs – denn seine Freunde und Leute hielten diese Ansicht, und sie waren natürlich die besten Kenner – gehörte auch eine starke Liebe zur Jagd. Vielleicht gab er sich dieser ein wenig zu sehr hin, namentlich für einen Mann von so gesetztem und anständigem Charakter; doch seine Popularität wurde durch diesen Umstand keineswegs vermindert. Auch ließ er sich durch die rohe und lärmende Gesellschaft, in welche ihn die Verfolgung dieser Lieblingsbeschäftigung brachte, auf keine Weise beeinflussen.

Obschon noch jung, war Sir Ralph doch vorzeitig ergraut. Dieser Umstand, verbunden mit der wehmütigen Strenge seiner Miene, gab ihm das Aussehen eines Mannes, der bereits über die Hälfte seiner Lebensjahre hinaus ist – wiewohl dieser Anschein durch das jugendliche Feuer seines Adlerauges widerlegt wurde. Seine Züge waren schön und scharf markiert; er trug einen spitzigen Kinn- und Schnurrbart mit rasierten Wangen.

Sir Ralph Assheton war zweimal verheiratet gewesen. Seine erste Gattin war eine Tochter von Sir James Bellingham von Levens in Northumberland, von der er zwei Kinder hatte. Seine zweite Wahl fiel auf Eleanor Shuttleworth, die liebenswürdige und wohlhabende Erbin von Gawthorpe, mit der er erst seit Kurzem vermählt war. In seiner Kleidung bevorzugte der Ritter düstere Farben und trug regelmäßig ein gestepptes Wams aus schwarzer Seide, außerordentlich mit Fischbein gesteifte Pluderhosen, aufgepuffte, wohlwattierte Ärmel sowie herabfallende Bänder – denn er vermied Manschetten, da sie ihm nach Eitelkeit schmeckten. Dazu trug er Stiefel aus schwarzem, geschmeidigem Leder, die bis an die Hosen heraufreichten und mit riesigen Sporen bewaffnet waren, einen runden, schwarzen Hut mit schmaler Krempe und einer an der Seite angebrachten, querüber hängenden Straußenfeder sowie ein meisterhaft gearbeitetes langes Rapier an der Hüfte und einen Dolch im Gürtel. Diese unförmige Tracht trug, wie man sich leicht denken kann, wesentlich zur natürlichen Steifheit seiner langen, hageren Gestalt bei.

Sir Ralph Assheton war Urgroßneffe von Richard Assheton, der zur Zeit des Abtes Paslew blühte. Dieser hatte gemeinsam mit John Braddyll – vierzehn Jahre nach der Hinrichtung des unglücklichen Prälaten und der Auflösung des Klosters – die Abtei und die Ländereien von Whalley der Krone abgekauft. Daraufhin erfolgte eine Teilung des so erworbenen Eigentums zwischen ihnen, wobei die Abtei und ein Teil der Grundstücksanteile auf Richard Asshetons Anteil fielen. Seine Nachkommen wohnten nun seit drei Generationen dort. Ganz Whalley gehörte den Familien Assheton und Braddyll, welche untereinander geheiratet hatten; die Letztere wohnte, wie bereits erwähnt, in Portsfield, einem schönen alten Herrensitz in der Gegend.

Ein ganz anderer Mann als Sir Ralph war sein Vetter Nicholas Assheton von Downham, der – mit Ausnahme seiner puritanischen Ansichten – als das Musterbild eines Lancashire-Edelmanns der damaligen Zeit betrachtet werden konnte. In religiösen Fragen streng und gewissenhaft, ein unverbrüchlicher Besucher von Kirche und Betstunde, legte er sich dennoch keinen Zwang auf. Er nahm teil an Fuchsjagden, Otterjagden, Scheibenschießen, möglicherweise auch Armbrustschießen, Fuchshetzen und Pferderennen – kurz, an allen ländlichen Lustbarkeiten. Dabei vergaß er weder Zechen, Karten noch Würfel. Er vermengte all dies auf wunderliche Weise mit täglicher Andacht, Predigten und Psalmsingen.

Ein vollendeter Jägersmann war Squire Nicholas Assheton, wohlbekannt mit allen Künsten und Geheimnissen der Falknerei und Hetze. Kein Mann in der ganzen Grafschaft verstand schärfer zu reiten, das Wild besser zu hetzen, Fuchs und Dachs listiger aus dem Bau zu treiben oder die Fischotter mit größerer Gewandtheit zu spießen als er. Auch beim Zechen war er nicht zu schlagen: Er saß einen ganzen Nachmittag im Wirtshaus, war der lustigste von allen Gästen und trank mit jedem anwesenden Pächter.

Wenn der Pfarrer weit genug weg war, um es nicht zu hören, nahm er sich kein Blatt vor den Mund, ließ manchmal einen derben Fluch hören und wählte nie einen zweiten Ausdruck, wenn der erste ihm gefiel. Und wer war beständiger beim Besuch von Predigt und Betstunde als Squire Nicholas – obschon er zuweilen während der langen Predigten seines Vetters, des Rektors von Middleton, schnarchte? Er war ein großer Mann bei allen Hochzeiten, Taufen und Begräbnissen und vernachlässigte bei solchen Feierlichkeiten niemals seine Flasche oder eine andere Kurzweil. Kurz, nie hatte man einen so lustigen Puritaner gekannt.

Der Squire von Downham war auch ein stattlicher junger Mann mit einem kräftig gebauten Körper und einer robusten Konstitution, die ihm in Verbindung mit seiner regen Bewegung durch alle Ausschweifungen half. Er hatte eine muntere Gesichtsfarbe und ein breites, gutmütiges Gesicht, das er auf überraschende Weise in die Länge ziehen konnte. Sein Haar war dicht abgeschoren, und das Rasiermesser verrichtete täglich Dienst an seiner Wange und seinem Kinn – dies gab ihm das rundköpfige Aussehen, welches einige Jahre später zum charakteristischen Kennzeichen der puritanischen Partei wurde.

Nicholas hatte Dorothy, Tochter von Richard Greenacres von Worston, geheiratet und war in seiner Wahl höchst glücklich – was von seiner Gemahlin weniger gesagt werden konnte, denn ich kann den Squire wirklich nicht als Muster ehelicher Treue darstellen. Das Gerücht behauptete, dass er im Geheimen mehr als ein hübsches Mädchen liebte.

Squire Nicholas war in Bezug auf Qualität oder Schnitt seiner Kleider nicht sehr wählerisch, sofern sie nur hielten und ihn gegen die Witterung schützten. Man sah ihn meist in Wams und Beinkleidern aus starkem Barchent, die bereits etliche Zeit mitgegangen zu sein schienen, sowie mit einem breitkrempigen Hut, der ursprünglich grün gewesen, durch das Wetter aber zu einer viel helleren Farbe verbleicht war. Bei dieser besonderen Gelegenheit aber war er in eine neue, frisch aus den Händen des Schneiders kommende aschfarbene Tracht gekleidet, mit großen, bis ans Knie reichenden Stiefeln aus Büffelleder, und trug einen neuen runden Hut aus York mit einer grünen Feder. Seine Beine waren etwas gekrümmt, und er hatte ganz die Haltung eines Mannes, der den Sattel selten verlässt.

Downham, der Wohnort des Squire, war ein schönes altes Haus, reizend an der nördlichen Seite von Pendle Hill gelegen, und bot prachtvolle Ausblicke auf dieses Bergmassiv und etliche Meilen Weges nach Clitheroe. Die dazugehörigen Ländereien waren gut bewaldet, mit schönen Lichtungen und Abwechselungen, vom Ribble bewässert und öffneten sich in das liebliche, große Tal, das seinen Namen von diesem Strom hat. Das Haus war in guter Ordnung und gut erhalten; die Ställe waren reichlich mit Pferden versehen, während die Halle mit verschiedenen Jagdtrophäen und Jagdwerkzeugen geschmückt war. Da ich mir aber vorgenommen habe, dem Besitzer einen Besuch abzustatten, werde ich die weitere Beschreibung des Ortes aussparen, bis die Gelegenheit kommt, in nähere und ausführlichere Einzelheiten einzugehen.

Ein dritter Vetter von Sir Ralph, obschon im zweiten Grade und ebenfalls an diesem Maitage anwesend, war der ehrwürdige Abdias Assheton, Rektor von Middleton – ein sehr würdiger Mann, der, obschon er von seinen Verwandten in einigen religiösen Punkten abwich und die Lebensweise des einen nicht ganz billigte, mit beiden in gutem Vernehmen stand. Der Rektor von Middleton war ein stattlicher Mann mittleren Alters; er liebte Ruhe und Lektüre und war gegen die Annehmlichkeiten des Lebens keineswegs gleichgültig. Er war unverheiratet und verbrachte einen großen Teil seiner Zeit in Middleton Hall, dem Wohnsitz seines nahen Verwandten Sir Richard Assheton. An dessen Familie war er eng verbunden, und deren Wohnung stieß unmittelbar ans Pfarrhaus.

Ein vierter ebenfalls anwesender Vetter war der junge Richard Assheton von Middleton, ältester Sohn und Erbe des Gutes. Begabt mit allen guten Eigenschaften, die so reichlich unter seine Verwandten verteilt waren, doch ohne deren Schattenseiten, war dieser junge Mann ebenso tolerant und wohltätig wie Sir Ralph, ohne dessen Schroffheit und Sektiererei; ein ebenso kühner Jäger und gewandter Reiter wie Nicholas, ohne dessen Hang zur Ausschweifung; ebenso wissbegierig und belesen wie Abdias, ohne dessen Trägheit und Selbstgenügsamkeit; und ebenso fein und wohlerzogen wie sein Vater Sir Richard, der für einen der vollkommensten Gentlemen in der Grafschaft galt, ohne dessen Stolz. Darüber hinaus war er der Schönste seiner Familie, obschon die Asshetons für die schönste Familie in Lancashire angesehen wurden. Niemand weigerte sich, Richard die Palme zuzuerkennen, selbst wenn es möglich gewesen wäre, ihn zu bestreiten – so bescheiden und anspruchslos war er. Zur Zeit dieser Begebenheit war Richard Assheton etwa zweiundzwanzig Jahre alt, lang, anmutig und schlank gewachsen, doch im Besitz einer bemerkenswerten Körperstärke, dass selbst sein Vetter Nicholas in athletischen Leistungen kaum mit ihm aufnahm. Seine Züge waren schön und regelmäßig, mit beinahe klassischer Schärfe der Umrisse; sein Haar war dunkelbraun und fiel in dicken, wallenden Locken über Stirn und Nacken. Seine Gesichtsfarbe war frisch und blühend und wurde durch einen dünnen, sorgfältig gepflegten und gespitzten Kinn- und Schnurrbart noch vorteilhaft hervorgehoben. Seine Kleidung bestand aus einem kleinen dunkelgrünen Wams mit weiten Samthosen, die gestickt und befranst beinahe bis ans Knie heruntergingen, wo sie mit Spitzen und Bändern befestigt waren, schwarzen Strümpfen und roten Samtschuhen mit Rosen. Eine weiße Feder schmückte seinen schwarzen, breitkrempigen Hut, und an der Seite trug er ein Rapier.

Unter Sir Ralph Asshetons Gästen befanden sich Richard Greenacres von Worston, Nicholas Asshetons Schwiegervater; Richard Sherborne von Dunnow bei Sladeburn, der Dorothy, Nicholas’ Schwester, geheiratet hatte; Mistress Robinson von Raydale House, Tante des Ritters und des Squire, und zwei ihrer Söhne, beide stämmige Jünglinge; sowie John Braddyll und dessen Gemahlin von Portsfield. Darüber hinaus war auch Master Roger Nowell anwesend, ein Friedensrichter in der Grafschaft – und zwar ein sehr tätiger und geschäftiger, der aus besonderen Gründen (wovon später mehr) eingeladen worden war. Als Haupt einer alten Lancashire-Familie, die in Read, einem schönen alten Herrensitz nicht weit von Whalley, wohnte, diktierte Roger Nowell, obschon ein würdiger, wohlmeinender Mann, von seiner Richterbank aus harte Maßregeln und milderte selten die Gerechtigkeit durch Gnade. Er hatte scharfe Züge, war trocken und sarkastisch, und da er auch gegen ländliche Belustigungen große Abneigung hegte, war seine Gegenwart bei dieser Gelegenheit das Einzige, das vermuten ließ, es könne den fröhlichen Leuten einen Zwang auferlegen. Es waren auch noch andere Gäste anwesend, die aber nicht weiter bemerkenswert waren.

Die Damen der Gesellschaft bestanden aus Lady Assheton, Mistress Nicholas Assheton von Downham, Dorothy Assheton von Middleton, Richards Schwester – ein liebliches Mädchen von achtzehn Jahren mit weichem, blondem Haar, blauen Augen und außerordentlich reinem Teint –, Mistress Sherborne von Dunnow, Mistress Robinson von Raydale und Mistress Braddyll von Portsfield, die bereits erwähnt worden, nebst den Frauen und Töchtern einiger anderer benachbarter Gutsherren. Die bemerkenswerteste unter ihnen war Mistress Alice Nutter von Rough Lee im Pendle-Walde, eine Witwe und Verwandte der Familie Assheton.

Mistress Nutter konnte etwa zwei- oder dreiundvierzig Jahre alt sein, besaß aber immer noch eine schöne Figur und schöne Gesichtszüge, obschon von kaltem und unangenehmem Ausdruck. Sie trug Trauerkleider, obschon ihr Gatte bereits mehrere Jahre tot war, und die reichen dunklen Gewänder standen zu ihrer bleichen Gesichtsfarbe und dem rabenschwarzen Haar ausgezeichnet. Ihr verstorbener Gatte, Richard Nutter, war ein stolzer, armer Edelmann; da seine knappen Mittel ihm nicht gestatteten, ein so großes Haus zu führen, wie er wünschte, oder so gastfrei zu sein, wie es sein Wunsch war, wurde er mürrisch und ließ seine üble Laune an seiner Gattin aus. Sie trug dies – äußerlich zumindest – innig an ihm hängend, ohne je Widerrede zu erheben.

Plötzlich und ohne Vorankündigung irgendeines Körperleidens oder erkennbare Ursache – sofern nicht eine übermäßige Anstrengung bei der Jagd am Vortag dafür verantwortlich war – wurde Richard Nutter von einer seltsamen und heftigen Krankheit ergriffen, welche ihn nach drei- oder viertägigem schwerem Leiden ins Grab stürzte. Während seiner Krankheit pflegte ihn seine Gattin beständig und eifrig; er zeigte aber großen Widerwillen gegen sie und erklärte, er sei behext, und eine alte Frau sitze ständig in der Ecke seines Zimmers und murmele gottlose Zaubersprüche gegen ihn. Da aber kein solches altes Weib zu sehen war, wurden diese Aussagen für Fieberträume erachtet. Nach seinem Tode wurden sie indes nicht vergessen, und manche Leute sagten, er sei ganz gewiss behext gewesen. Ein seine Züge nachahmendes, mit Stecknadeln gespicktes Wachsbild sei in seinem Zimmer von Mistress Alice aufbewahrt und ins Feuer geworfen worden, und sobald es geschmolzen, sei er gestorben. Solche Erzählungen fanden bei dem gemeinen Volk Glauben; da aber der Pendle-Wald eine Art verzaubertes Gebiet war, in welchem viele vermeintliche Hexen wohnten, fanden diese Geschichten umso bereitwilliger Gehör – selbst bei denen, welche Mistress Nutter von jeglicher Beteiligung an diesem geheimnisvollen Vorgang freisprachen.

Mistress Nutter gab den besten Beweis ihrer Ehrbarkeit dadurch, dass sie nicht wieder heiratete, und führte fortwährend ein sehr abgeschiedenes Leben in Rough Lee, einem einsamen Haus im Herzen des Waldes. Sie lebte ganz allein, denn sie hatte keine Kinder – ihre einzige Tochter war noch als kleines Kind auf seltsame Weise ums Leben gekommen. Obschon eine Verwandte der Asshetons, hatte sie wenig näheren Umgang mit ihnen, und es war Gegenstand der Verwunderung, dass sie ihre Einsamkeit verließ, um diesem Volksfeste beizuwohnen. Der Grund ihrer Anwesenheit war, Sir Ralph Asshetons Beistand zur Schlichtung eines Streites zwischen ihr und Roger Nowell zu erhalten, welcher die Grenzlinie eines Teils ihrer aneinanderstoßenden Grundstücke betraf. Dies war auch der Grund, warum der Friedensrichter nach Whalley eingeladen worden war.

Nachdem Sir Ralph beide Seiten der Frage gehört und Risse der Grundstücke, die er als zuverlässig kannte, angesehen hatte, sprach der zum Schiedsrichter bestellte Sir Ralph eine Entscheidung zugunsten Roger Nowells aus. Da Mistress Nutter sich damit nicht beruhigen wollte, war die Schlichtung auf den drittnächsten Tag verschoben worden. In dieser Frist sollten die Grenzsteine von einem gewissen kleinen Advokaten namens Potts für Roger Nowell und von Nicholas und Richard Assheton für Mistress Nutter untersucht werden. Auf deren Aussage sollte Sir Ralph nach Übereinkunft beider Parteien eine endgültige Entscheidung treffen, die angenommen werden sollte. Zu diesem Zweck unterzeichneten die Parteien eine besondere Schrift. Die zur Untersuchung bestimmten drei Personen verabredeten, zeitig den nächsten Morgen nach Rough Lee aufzubrechen.

Ein Wort noch über Master Thomas Potts: Dieser würdige Mann war ein Londoner Advokat, der als Gerichtsschreiber bei den Assisen in Lancaster fungierte. Sein Scharfsinn hatte Roger Nowell so gefallen, dass dieser ihn nach Read holen ließ, um dieses besondere Geschäft zu besorgen. Ein durchtriebener Bursche war dieser Potts, mit allen Pfiffen und Kniffen seines Handwerks vertraut – nicht allzu gewissenhaft, sofern der Klient gut bezahlte, und bereit, zu jedem Mittel zu greifen, um seinen Zweck zu erreichen. Er war gewandt genug, um sich nicht zu verstricken. Ein geschäftiger, spitzfindiger kleiner Mann, sprach sehr gern eine Meinung aus, selbst ungefragt, und hatte einen starken Hang, sich in alles zu mischen, Unheil anzustiften und die Leute gegeneinander aufzuhetzen. Ein schäbiger schwarzer Anzug, eine pergamentfarbige Haut, kleine spitze Zähne, eine Stumpfnase, dürftige Augenbrauen und eine große gelbe Stirn machten seinen äußeren Menschen aus. Er nahm an der Gastfreundschaft in der Abtei teil, seine Unterkunft aber hatte er im Drachen. Er war es, der Roger Nowell riet, sich mit Sir Ralphs Entscheidung zu begnügen, und ihm aufs Bestimmte versicherte, dass er die Sache gewinnen müsse.

Dieser Streit war jedoch nicht der einzige, den der Ritter beizulegen hatte oder bei welchem Master Potts beteiligt war. Ein gewisser Sir Thomas Metcalfe von Nappay in Wensleydale nahe Bainbridge hatte kürzlich Anspruch auf Haus und Besitzung Raydale erhoben, welche seinem Nachbar John Robinson gehörten, dessen Gattin, wie erwähnt, eine Verwandte der Asshetons war. Robinson selbst war nach London gegangen, um sich der Sache zu versichern, während Sir Thomas Metcalfe, ein Mann von sehr heftiger Gemütsart, gedroht hatte, sich mit Gewalt in den Besitz von Raydale zu setzen und die Familie Robinson herauszutreiben, sollte es ihm nicht unverzüglich ausgeantwortet werden. Nach Rücksprache mit Potts, den er in Read traf, riet dieser ihm eindringlich von diesem Vorhaben ab und empfahl ihm vielmehr, den starken Arm des Gesetzes zu rufen. Darauf wollte Sir Thomas nicht eingehen; er willigte endlich ein, die Sache Sir Ralph Assheton vorzulegen, und war zu diesem Zweck nach Whalley gekommen. Gegenwärtig war er Gast im Hause des Vikars. Auf diese Weise hatte Sir Ralph Assheton alle Hände voll zu tun, während der kleine Londoner Advokat Master Potts ebenfalls gut beschäftigt war. Neben Sir Thomas Metcalfe waren auch Sir Richard Molyneux und Mr. Parker von Browsholme Gäste des Doktor Ormerod im Vikarhaus.

Dies war die große Gesellschaft, welche sich versammelt hatte, um die Maifeste in Whalley zu sehen; und wenn auch nicht überall Harmonie bestand, so zeigten sich doch wenige äußere Zeichen von Feindschaft. Da Sir Ralph Assheton – obschon ein großer Puritaner – alle harmlosen ländlichen Spiele unterstützte und die Anzüge sowie andere Dinge für den Aufzug beschafft hatte, erachtete man es für nötig, ihm alle mögliche Achtung zu erweisen, selbst wenn keine andere Rücksicht dazu vorhanden wäre. Deshalb hielt der Zug an, als man ihn und seine Gäste aus dem Tor der Abtei treten sah. Ungefähr zur selben Zeit kam Doktor Ormerod mit seiner Gesellschaft aus dem Vikarhaus nach dem Anger.

Es wurde keine besondere Rangordnung beobachtet, aber Sir Ralph und seine Gemahlin gingen mit zwei seiner Kinder aus erster Ehe voran. Dann kamen einige der anderen Damen mit dem Rektor von Middleton, John Braddyll und den beiden Söhnen der Mistress Robinson. Darauf kam Mistress Nutter und Roger Nowell mit Potts hinter ihnen her – dieser warfen ihr boshafte Blicke zu, während ihre stolze Gestalt vor ihnen hinschritt. Aber ob sie diese Blicke bemerkte oder die Sticheleien vernahm, ließ sie sich keineswegs herab, Notiz davon zu nehmen. Zuletzt kamen der junge Richard Assheton von Middleton und Squire Nicholas, beide sehr heiter lachend und miteinander schwätzend.

»Ein schöner Tag für die Mohrentänzer, Vetter Dick«, bemerkte Nicholas Assheton, als sie sich dem Anger näherten, »und Leute genug, den Spaß zu sehen. Die Hälfte meiner Jungen von Downham ist da, und auch von Euren Middleton-Leuten sehe ich viele. Wie geht’s, Pächter Tetlow?«, fügte er zu einem stämmigen, munter und frisch aussehenden Manne mit einer blühenden, hübschen Frau an seiner Seite hinzu. »Ihr habt Eure schöne kleine Frau auch zum Binsenwagen mitgebracht, wie ich sehe.«

»Jawohl, Squire«, antwortete der Pächter, »und vielen Spaß haben wir schon gehabt.«

»Das freut mich zu hören, Master Tetlow«, entgegnete Nicholas, »und es wird ihr noch besser gefallen, bevor der Tag vorüber ist, dafür stehe ich. Ich werde heute Abend selbst einen Tanz mit ihr machen.«

»Na, Meg, warum machst Du dem Squire nicht einen Knicks? Warum bedankst Du Dich nicht?«, sagte Tetlow und stieß seine schöne Frau, die sich durch die freien Blicke des Squire in Verlegenheit gebracht hatte.

Nicholas aber wartete nicht auf den Knicks, sondern ging lachend fort, um Richard Assheton einzuholen, der längst weitergegangen war.

»Ah, da ist auch Frank Garside«, fuhr er fort, als er einen befreundeten Landmann erblickte. »Hallo, Frank, ich komme nächste Woche vorbei und wir treiben einen Fuchs im Easington-Walde auf. Den letzten haben wir verfehlt, wie Ihr wisst. Tom Brockholes, seid Ihr auch da? Eben von Sladeburn herübergekommen, wie? Wie steht’s mit der großen Schießpartie? Vergesst nicht, dass wir zweiundzwanzig Ruten Entfernung ausgemacht haben. Kommt nächsten Donnerstag nach Downham, Tom. Wir veranstalten ein Wettlaufen, das großen Spaß geben wird, und abends wird im Wirtshaus tüchtig gezecht. Nächsten Freitag schaffen wir die großen Netze heraus und gehen im Ribble zum Lachsfang. Am Montag habe ich einige schöne Fische gefangen – einen Lachs von zehn Pfund, den größten, den ich dieses Jahr gesehen. Ich habe ihn heute mit nach der Abtei gebracht. Es ist auch eine Fischotter im Fluss, auf die ich aber nicht eher Jagd machen will, als bis Ihr kommt, Tom. Also Donnerstag werde ich Euch sehen?«

Nachdem Squire Nicholas eine bejahende Antwort erhalten, ging er weiter, nickte rechts und links, scherz­end mit den Pächtern und liebäugelnd mit ihren hübschen Weibern und Töchtern.

Fortsetzung folgt …

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