Die Gespenster – Vierter Teil – 48. Erzählung
Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil
Achtundvierzigste Erzählung
Die spukend sich bewegenden Holz- und Eisenstäbe (Weder magnetische noch elektrische Täuschung.)
In dem Krausischen Wohnhaus des kurmainzisch-blankenhainischen Dorfes Wandersleben trieb vor Kurzem ein Poltergeist sein Unwesen so auffallend, dass dadurch eine Menge Neugieriger, worunter auch vorurteilsfreie, denkende Köpfe waren, herbeigelockt und in Verwunderung versetzt wurden. Wie es schien, hatte es der Geist vorzüglich auf ein achtzigjähriges Mütterchen und deren Enkel, einen Knaben von acht Jahren, abgesehen, die nebst einem noch kleineren Bruder zusammen in einem Bett schliefen, um sie in die Enge zu treiben.
Zunächst hörte man in der Schlafstube ein spukhaftes Klopfen, ähnlich dem Klappern einer Mühle. Dann sah man zuweilen den Stiel eines Dreschflegels, der zwischen der Wand und dem Bett stand, nach der vorne liegenden alten Frau schlagen. Vergebens suchte man für beide Erscheinungen nach einer natürlichen Ursache. Einige Zweifelnde, die sich vielleicht an die Kräfte des Magnetismus und der Elektrizität erinnerten, stellten andere hölzerne und eiserne Stäbe an die Stelle des spukenden Flegels; die Wirkungen blieben jedoch dieselben. Man veränderte nun die Stellung des Bettes in derselben Kammer und quartierte die beunruhigte Großmutter und die Knaben in das untere Stockwerk um. Doch auch hier äußerte sich die unsichtbare Kraft auf dieselbe spukhafte Weise. Die Denkenden blieben dabei, dass diese ungelösten Rätsel, wenn schon nicht dem Magnetismus oder der Elektrizität, so doch gewiss nicht den sogenannten übernatürlichen Kräften zuzuschreiben seien.
Auch mir kam das Wunder zu Ohren, und man forderte mich auf, diese Sache einer näheren Untersuchung zu unterziehen. Meine Begleiter und ich traten daher die Reise zu dem wundersamen Ort tatsächlich an. Nach unserer Ankunft suchten wir zuerst einen Bekannten auf, um uns vorläufig darüber zu informieren, was wirklich den Tatsachen entsprach. Er versicherte uns, dass die ganze Sache keineswegs nur das Geschwätz voreingenommener Beobachter sei; er selbst habe die Hände des Jungen, der an der Wand lag und auf den natürlich der erste Verdacht fiel, am Bett festgehalten, und dennoch sei die spukhafte Wirkung eingetreten.
Wir betraten nun den Wohnsitz des Gespenstes selbst mit der Miene von Ermittlern. Ja, wir waren sogar so unvorsichtig, ganz unverhohlen unsere Absicht kundzutun. Dies hatte zur natürlichen Folge, dass der Spuk uns dieses Mal absolut nicht den Gefallen tun wollte, sich hören, geschweige denn sehen zu lassen. Wir mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Ich bat jedoch nachdrücklich darum, uns durch einen Boten umgehend zu benachrichtigen, sobald sich wieder etwas Wunderbares ereignen sollte. Diese Nachricht erhielt ich auch bald, und zwar durch den Besitzer des berüchtigten Hauses selbst. Dieser machte es mir aber zur Pflicht, in seinem Ort niemandem zu verraten, dass er mir die Nachricht vom erneuten Spuk überbracht hatte.
Ich scherzte über diese äußerst verdächtige Äußerung mit dem Mann und fragte: »Aber Ihr werdet uns doch nicht abermals einen vergeblichen Weg antreten lassen?«
»Verlassen Sie sich auf mich«, bekam ich zur Antwort, »es spukt ganz gewiss.«
Ich setzte nun nicht mehr die Miene des Untersuchenden, sondern die des Bewunderers auf. So glückte es mir immerhin, das Geräusch zu hören; zu sehen bekam ich jedoch kaum etwas, da es jedes Mal abbrach, sobald ich die Kammer betrat. Ich überredete daher die übrigen Zuschauer, sich zu entfernen und mich allein beobachten zu lassen, da der Geist womöglich die Menschenmenge scheute. Es zeigte sich jedoch erst wieder etwas, als ich die Kammer wirklich verlassen hatte. Da es auch diesmal nichts zu sehen, sondern lediglich etwas zu hören gab, entfernten wir uns. Ich schlich mich jedoch heimlich allein wieder hinauf; sogleich setzte das spukhafte Geräusch des Stockes wieder ein.
Schnell riss ich nun die halboffene Tür auf und sah den Stock noch zweimal anschlagen und dann gleich wieder niederfallen. Die alte Frau und die beiden Kinder mussten nun aufstehen, da ich vermutete, dass sich jemand unter oder im Bett – das vielleicht einen doppelten Boden haben könnte – verborgen hielte; ich fand jedoch niemanden. Ich reiste abermals ab, jedoch mit dem Entschluss, am Sonntag wiederzukommen, da es laut der Versicherung des Hausbesitzers an diesem Tag am schlimmsten spuken sollte. Als ich in Gesellschaft mehrerer Herren aus Erfurt den Schauplatz des Spuks erneut betrat, sagte man uns, dass seit zwei Tagen alles ruhig gewesen sei. Meine Hoffnung, etwas zu entdecken, sank; dennoch bewunderte ich die ganze Sache zum Schein. Die Tochter der alten Frau bemerkte dies und weckte auf unsere Bitte hin die Schlafenden. Es dauerte keine Viertelstunde, da ließ sich der Poltergeist wieder hören. Schnell eilten wir in die Kammer hinauf – und alles war wieder ruhig.
Nach einer ziemlich langen Wartezeit taten wir so, als wollten wir in die untere Stube gehen, blieben aber vor der Tür auf dem Vorsaal stehen und sahen durch das Schlüsselloch. Hier bemerkte ich – obwohl es noch nicht ganz hell war –, dass auf eine Bewegung, die der Junge im Bett machte, das Anschlagen des Stockes folgte; und da beim Öffnen der Tür der Stock sogleich wieder reglos liegen blieb, bestärkte mich dieser Umstand in dem sehr begründeten Verdacht, dass kein anderer als der Bube im Bett der Spukende sei. Wir entfernten uns abermals, und einige von uns gingen absichtlich etwas geräuschvoll die Treppe hinab. Nur ich und noch ein weiterer Begleiter blieben zurück und sahen erneut durch das Schlüsselloch. Wir bemerkten nun deutlicher als zuvor, dass der Junge den Stock ergriff, das Pochen begann und den Stock dann auch in Richtung der alten Frau lenkte. Hocherfreut über diese Entdeckung schoss ich pfeilschnell auf das Bett zu und fand die Hand des Jungen noch außerhalb der Bettdecke am Bettbrett beim Stock. Sowohl der Junge als auch die alte Frau leugneten frech alles, was ich mit meinen sehr scharfen Augen gesehen hatte.
Da eine einzige unentdeckte und unaufgeklärte Gespenstergeschichte über viele Jahre hinweg mehr Schaden anrichtet, als zehn aufgedeckte und bloßgestellte Betrügereien dieser Art wiedergutmachen können, hielt ich mich in jedem Fall für verpflichtet, den Gerichten meine Entdeckung mitzuteilen und den ganzen Vorgang öffentlich zur Sprache zu bringen. Auf diese Weise wollte ich dem Aberglauben einen Streich versetzen oder wenigstens verhindern, dass ihm durch jenen gottlosen Buben neue Nahrung zugeführt würde. Der Beamte des Ortes, Herr Müller, nahm die Anzeige – wie man es von einem wahrheitsliebenden und denkenden Mann nicht anders erwarten konnte – gut auf. Er ließ den Buben durch den Amtsdiener sogleich holen. Nach einigen Ermahnungen, die Wahrheit zu sagen, gestand dieser zunächst dem Amtmann unter vier Augen und danach auch mir in Gegenwart seiner Mutter, dass er, und kein Geist, mit dem Stock geschlagen habe.
Aber was bewog den Knaben, der allen Aussagen zufolge ein pfiffiger Bube ist, zu diesem inszenierten Betrug? Unbestreitbar der Eigennutz; denn selbst wenn es wahr sein sollte, dass die Krausischen Eheleute sich alle angebotenen Geschenke verbeten hatten, um vorwurfsfrei zu bleiben: Warum gestatteten sie dann dem Jungen, Geschenke anzunehmen? Ich weiß von glaubwürdigen Männern, dass dies tatsächlich geschehen ist. Warum wurde ein derart grober Betrug nicht früher entdeckt? Teils, weil man mit vorgefassten Meinungen dorthin ging und gaffend nur bewunderte; teils, weil man mehr auf den Stock und dessen Bewegung als auf die bewegende Ursache achtete.
Jedem Unbefangenen, der nicht von Ammenmärchen und Vorurteilen eingenommen ist, musste es sogleich verdächtig vorkommen, dass der Junge, wenn es spuken sollte, jedes Mal erst geweckt werden musste. Zudem lag er immer an der Wand neben seinem kleineren Bruder, dem stets ein Plätzchen zwischen ihm und der alten Frau am Eingang des Bettes zugewiesen war. Dazu kam noch, dass der Stock immer aufrecht stehen musste. Unter dem Bett liegend hätte er von der Hand des Buben freilich nicht erreicht werden können. Auch pflegte der Junge, der immer lachte und keinerlei Furcht äußerte, wenn es spukte, untätig zu bleiben, sobald Personen anwesend waren, die den Sachverhalt prüfen wollten. Besonders auffällig war jedoch, dass er an beide Seiten des Stockes Stroh legte, damit dieser nicht umfallen konnte. Wenn es zufällig doch einmal geschah, kroch er sogleich unter das Bett, um ihn hervorzuholen und wieder in die gewohnte aufrechte Position zu bringen. Überhaupt bewegte sich der Stock nur dann, wenn er so stand, dass er mit den Händen gegriffen werden konnte.
So wie die Lüge, dieses Kind der Finsternis, dem Aberglauben immer zur Seite zu stehen pflegt, so zeigte sie sich auch bei dieser Gelegenheit überaus geschäftig. Sie vergrößerte das Wunderbare in dieser Volkssage von Mund zu Mund, gleich einem fortgewälzten Schneeball. Nach den Erzählungen einiger Leute sollte der Stock in freier Luft geschwebt haben; nach anderen habe das Holz unter einer Bank, auf der der Junge gesessen habe, getanzt. Wieder andere versicherten gar, das Gespenst habe dem Jungen die Mütze vom Kopf gerissen, ihn an den Haaren gezaust und auf mancherlei Art misshandelt. Man sieht hieraus, dass diejenigen, die sich – gleich Herrn Pfarrer Beck – eifrig bemühen, das Reich der Finsternis zu zerstören, den Dank aller Menschenfreunde verdienen.
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