Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 12
Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Kapitel 12
Die Verfolgungsjagd
Marat öffnete die Augen und blickte teilnahmslos um sich. Dann richtete er sich abrupt auf und setzte sich auf sein Bett.
»Er hat Pawlik mitgenommen!«, schrie Marat verzweifelt. »Er hat ihn mitgenommen! Retten Sie Pawlik, Kapitän! Schnell! Schnell!«
Nur in Unterwäsche bekleidet sprang Marat aus dem Bett und stürzte zur Tür, getrieben von dem Drang, irgendwohin zu rennen und irgendetwas zu tun. Weder der Kapitän noch der Zoologe noch der etwas abseits stehende Kommissar konnten ihn aufhalten. Doch in diesem Moment tauchte Gorelow in der Tür auf, und Marat fand sich in seinen langen, kräftigen Armen wieder.
»Was redest du da, Marat? Wer hat ihn mitgenommen? Woher weißt du das?«, fragten der Kapitän und der Zoologe aufgeregt, während sie den Kranken an seinen Platz zurückführten.
»Ich habe es gesehen«, murmelte Marat und ließ sich kraftlos wieder auf das Bett sinken. »Ein Pottwal … ein riesiger … er ist über uns hinweggeschossen … und hatte Pawlik auf seinem Rücken …«
Erschöpft schloss er wieder die Augen. Sein sonst so dunkles Gesicht war aschfahl geworden, und es schien, als würde ihn erneut das Bewusstsein verlassen. Der Zoologe in seinem weißen Kittel beugte sich wieder über Marat.
»Was soll das bedeuten?«, fragte der Kapitän.
»Das sind natürlich Fieberfantasien, weiter nichts«, sagte Gorelow.
»Ja, höchstwahrscheinlich«, stimmte der Zoologe zu und rieb Marats Brust. »Das lässt mich befürchten, dass er eine Gehirnerschütterung erlitten hat. Womöglich hat der Krake Marat im Todeskampf gegen die Schiffswand geschleudert, als er durch den Handschuh einen Stromschlag bekam. Skworeschnja und ich haben jedenfalls keinen Pottwal gesehen.«
Der Ozeanograph Schelawin betrat die Krankenstation.
»Sprechen Sie von einem Pottwal?«, fragte er und blickte durch seine schief sitzende Brille zum Zoologen. »Um ehrlich zu sein, habe ich in meinem ganzen Leben noch nie ein derartiges Exemplar gesehen. Absolut nicht.«
Alle sahen Schelawin verdutzt an und tauschten fragende Blicke aus.
»Von welchem Pottwal sprechen Sie, Iwan Stepanowitsch?«, fragte der Zoologe.
»Na, von genau dem Pottwal, der wie ein Verrückter über mich hinweggerast ist! Er hat all meine Schwimmkugeln durcheinandergebracht und die Boje mit den Bathometern mitgerissen … Kurzum: Er hat mir heute meine gesamte Arbeit zur Erforschung der Strömungen ruiniert. Er ist so dahingeschossen, als hätte er eine Harpune im Leib.«
»Wann haben Sie ihn gesehen?«, fragte der Kapitän rasch.
»Vor etwa drei Stunden.«
»Wo befanden Sie sich zu diesem Zeitpunkt?«
»Auf der hydrophysikalischen Station Nummer drei, in dreihundert Metern Tiefe, achtzehn Kilometer südöstlich der Basis.«
»Welchen Kurs hielt das Tier?«
»Exakt von Nord nach Süd.«
»Genau in der Richtung von der Krakenlichtung zur Station Nummer drei!«, rief der Zoologe erstaunt. »Kann das ein bloßer Zufall sein?«
In diesem Moment atmete Marat tief ein und öffnete langsam die Augen. Ruhig musterte er die Umstehenden und sagte mit schwacher, stockender Stimme, als würde er das Gespräch fortsetzen: »Ich habe es ganz … deutlich gesehen. Pawlik hing … an der Flanke des Pottwals. Der Wal schoss über uns hinweg … in höchstens zehn bis fünfzehn Metern Entfernung … In seinem Rücken … nahe dem Kopf … steckte das Bruchstück einer Harpune.«
»Stimmt!«, rief Schelawin und warf die Hände in die Luft. »Absolut richtig! Es steckte fest! Tatsächlich, da steckte ein Bruchstück! Das bedeutet, wir haben ein und denselben Halunken gesehen. Er hat mir die ganze Station ruiniert.«
»Aber warum haben Sie in diesem Fall Pawlik nicht an der Flanke des Pottwals gesehen?«, fragte der Zoologe aufgewühlt.
»Der Pottwal könnte Iwan Stepanowitsch einfach die andere Flanke zugewandt haben, das ist alles«, warf der Kapitän ein, dessen Gedanken bereits um etwas anderes kreisten.
»Was sollen wir nun tun? Der arme Junge!«, flüsterte der Zoologe und umklammerte seinen Bart mit der Hand. »Der arme Junge …«
»Es kann natürlich keinen Zweifel daran geben, dass er schon lange tot ist«, bemerkte Gorelow. »Was soll man da noch groß ausrichten?«
Mit großen, ausholenden Schritten durchmaß er den Gang der Krankenstation zwischen den Betten: vier Schritte vor, vier zurück.
Der Kommissar drehte seinen ergrauten Kopf rasch zu Gorelow, und auf seinem jungen Gesicht mit den lebhaften Augen spiegelte sich aufrichtige Verwunderung wider.
Der Kapitän sah Gorelow ebenso verblüfft an und wandte sich dann an den Zoologen:
»Lord, sind Sie sicher, dass er nicht auf dem Schiff oder in dessen Nähe geblieben ist?«
»Völlig sicher!«, antwortete der Zoologe. »Nachdem wir den Großteil der Kraken vernichtet und die restlichen vertrieben hatten, haben Skworeschnja und ich das Schiff gründlich durchsucht. Wir sahen das Leck, das Pawlik gefunden hatte, und wir sahen einen in Stücke gerissenen Kraken von unglaublicher Größe …« Plötzlich rief er aus, als hätte ihn ein unerwarteter Gedanke getroffen: »Ich beginne zu verstehen! Warum bin ich da nicht gleich darauf gekommen? Kraken und Kopffüßer im Allgemeinen sind schließlich die Leibspeise der Pottwale. Und nur ein Pottwal wäre in der Lage gewesen, einen derart riesigen Kraken so zuzurichten und zu verstümmeln. Es passt alles zusammen, Kapitän! Zweifelsohne tobte auf der anderen Seite des Schiffes, zeitgleich mit unserem Kampf, ein Kampf zwischen dem Pottwal und einem Kraken. Und unser armer Pawlik ist da irgendwie hineingeraten … und hat ihn unterbrochen. Der Pottwal hat seinen Sieg ja nicht einmal ausgekostet. Er ließ seine Beute zurück, ohne sie zu verschlingen.«
»Dann ist endgültig klar, dass Iwan Stepanowitsch denselben Pottwal gesehen hat wie Marat«, sagte der Kapitän nachdenklich.
Gorelow blieb stehen, und alle blickten schweigend auf den Kapitän. Sie spürten, dass sich in diesem Moment Pawliks Schicksal entschied.
»Nun gut!«, sagte der Kapitän schließlich und hob den Kopf. »Dieser Pottwal wird uns nicht entkommen.«
Gorelow sah auf seine Uhr – es war bereits kurz nach sechzehn Uhr – und wandte sich eilig an den Kapitän.
»Verzeihen Sie, Nikolai Borissowitsch. Ich bin hierhergekommen, um Ihnen zu melden, dass ich das U-Boot verlassen muss, um die Funktion der beiden linken Düsen zu überprüfen. Ich habe sie heute von innen und außen inspiziert. Sie scheinen leicht verstopft zu sein, und womöglich müssen sie zerlegt und gereinigt werden. Erlauben Sie, dass ich mich sofort darum kümmere.«
»Zwei Düsen sind ausgefallen?«, wandte sich der Kapitän energisch an Gorelow. »Wann soll das passiert sein? Wir sind doch mit intakten Düsen hier angekommen.«
Gorelow zögerte. Er verlagerte schwerfällig das Gewicht von einem Bein auf das andere und sagte langsam:
»Mir war schon früher aufgefallen, dass etwas mit ihnen nicht stimmte.«
»Genosse Militäringenieur«, begann der Kapitän mit eisiger Stimme, »warum haben Sie mir diesen Defekt nicht schon früher gemeldet? Sie haben die elementarste Anforderung der Dienstvorschriften auf einem Kriegsschiff unter Gefechtsbedingungen missachtet. Ich sehe mich gezwungen, Ihnen hierfür einen offiziellen Verweis zu erteilen! Genosse Militäringenieur, sind diese Düsen komplett ausgefallen oder nicht? Und falls nicht, wie viel Prozent ihrer Leistung haben sie eingebüßt?«
Rote Flecken traten auf Gorelows Gesicht.
»Die Düsen sind nicht ausgefallen, Genosse Kommandant, und der Leistungsverlust ist marginal – vielleicht fünf bis acht Prozent.«
»Hervorragend!« Der Kapitän wandte sich an die beiden Wissenschaftler: »Können Sie Ihre Geräte und Instrumente für eine Weile unbeaufsichtigt lassen?«
»Das können wir!«, folgte die Antwort wie aus einem Mund.
»Das U-Boot nimmt die Verfolgung des Pottwals auf. Machen Sie sich bereit!«
»Hurra, Kommandant!«, rief Marat mit schwacher Stimme. »Hurra, lieber Kommandant!«
Der Kapitän lächelte ihm zu und wandte sich wieder an Gorelow.
»Fjodor Michailowitsch«, sagte er nun mit etwas sanfterer Stimme, »machen Sie umgehend die Motoren startklar. Ein Leistungsverlust von selbst zehn Prozent spielt in diesem Fall keine Rolle.«
Gorelow erbleichte dermaßen, wie es manchmal bei sehr dunkelhäutigen Menschen vorkommt: Sein Gesicht nahm eine graugelbliche, wächserne Farbe an, doch an seinen Wangenknochen zuckten die Muskeln, und sein Blick war hart und entschlossen.
»Genosse Kommandant«, sagte er mit einer vor Aufregung leicht heiseren Stimme, »als leitender Mechaniker betrachte ich es als meine Pflicht, Ihnen zu melden, dass das U-Boot hierbleiben sollte. Es ist zu riskant, ohne eine Reinigung der Düsen aufzubrechen. Insbesondere … wegen irgendeines Jungen, der im Grunde genommen schon längst und ganz sicher tot ist.«
Der Sinn für Disziplin, auf den die sowjetischen Seeleute so stolz sind, siegte. Nach einer ersten unwillkürlichen Bewegung, die aussah, als würde er zum Sprung ansetzen, blieb Marat mit aufgerissenen Augen völlig reglos auf dem Bett liegen, angespannt wie eine Bogensehne. Der Zoologe murmelte etwas Unverständliches, das jedoch wütend klang. Der Kommissar starrte Gorelow schweigend, aber durchdringend an. Schelawin blinzelte fassungslos und richtete seinen kurzsichtigen Blick abwechselnd auf Gorelow und auf den Kapitän. Er war schockiert über eine derartige Respektlosigkeit gegenüber dem »Unterwassergott«, den der U-Boot-Kommandant in seinen Augen stets verkörperte.
Das Gesicht des Kapitäns blieb kühl, doch sein Blick war starr und durchdringend. Wie immer in solch seltenen Fällen hinterließ dies einen gewaltigen Eindruck.
»Wir befinden uns hier nicht in einer Lagebesprechung, in der meine Anweisungen kritisiert werden können«, erwiderte der Kapitän, ohne die Stimme zu heben. »Begeben Sie sich umgehend an die Ausführung meines Befehls. Für die Funktionstüchtigkeit der Düsen innerhalb der um zehn Prozent reduzierten Leistung tragen Sie die volle Verantwortung. Für diese inakzeptable Diskussion während einer Gefechtsmission wird Ihnen eine Disziplinarstrafe auferlegt. Sie können auf Ihren Posten zurückkehren, Genosse Militäringenieur.«
Der Kapitän sah Gorelow unverwandt ins Gesicht. Nach einem winzigen, kaum wahrnehmbaren Zögern verbeugte sich Gorelow wortlos und verließ langsamen, schlurfenden Schrittes mit gesenktem Kopf die Krankenstation.
Als der Zoologe im Zentralstand neben dem Wachhabenden, Oberleutnant Bogrow, stand, spürte er kaum den Ruck der ersten Zündung in der Heckdüse. Es war sechzehn Uhr fünfzehn. Die »Pionier« erzitterte leicht und setzte sich in Bewegung. Der Oberleutnant schob den Hebel am Steuerpult auf die nächste Markierung vor. Weitere Zündungen folgten, eine nach der anderen in immer rascherer Folge, und der Zoologe spürte keine einzelnen Stöße mehr, sondern nur noch ein feines, ineinander übergehendes Vibrieren.
Aus dem benachbarten Funkraum drang durch die offene Tür die Stimme des Ersten Funkers Pletnjow.
»Pawlik! … Pawlik! … Antworte! … Hier spricht die PIONIER … Hier spricht die PIONIER …«
Rechts auf einem kleinen Nachbartisch zeichnete der Kursograf automatisch den zurückgelegten Weg des U-Bootes auf seine Karte. Ein baugleicher Kursograf befand sich auf dem Tisch neben dem Steuerpult.
An dem runden Tisch in der Mitte des Zentralstands beugte sich der Kapitän über die blaue Reliefkarte des Grundes der Sargassosee. Ohne den Kopf zu heben, ordnete er an:
»Alexander Leonidowitsch! Allgemeine Richtung: Süd. Kurs: Zickzack, alle fünf Minuten Wechsel von Südwest auf Südost und zurück. Spähgeräte an beiden Bordwänden auf volle Distanz ausfahren. Schiffsrumpf aufheizen, Fahrt unter Dampf, Tiefe: fünfhundert Meter, Geschwindigkeit: acht Zehntel. Wir müssen auf die Düsen Rücksicht nehmen …«
»Zu Befehl, Genosse Kommandant!«, antwortete Oberleutnant Bogrow und wiederholte präzise die erteilten Anweisungen.
»Lord, welche Geschwindigkeit kann ein Pottwal erreichen?«, fragte der Kapitän, nachdem er die Bestätigung des Leutnants entgegengenommen hatte.
»Das hängt von den Gründen ab, die ihn zur Flucht veranlassen, Kapitän«, erklärte der Zoologe, »sowie von Geschlecht, Alter, Größe und Kraft des jeweiligen Exemplars. Aus bloßem Schreck schwimmt ein ausgewachsenes, durchschnittlich kräftiges Männchen acht bis zehn oder sogar bis zu zwanzig Meilen pro Stunde. Wenn ihm aber eine Harpune im Rücken steckt und er von Schmerz, Angst und Wut getrieben wird, zieht er ein Boot mit bis zu dreißig Meilen pro Stunde hinter sich her. Nach den Beschreibungen von Marat und Iwan Stepanowitsch über die enorme Größe unseres Pottwals legt er jetzt wahrscheinlich nicht weniger als dreißig Meilen zurück.«
»Das bedeutet«, folgerte der Kapitän, während er sich am Tisch aufrichtete, »er hat einen Vorsprung von sechzig bis fünfundsiebzig Meilen. Sofern er seine Richtung nicht drastisch geändert hat, müssen wir ihn spätestens in zwei bis zweieinhalb Stunden finden und einholen.«
Im Funkraum wiederholte Pletnjows Stimme monoton: »Hier spricht die PIONIER … Hier spricht die PIONIER … Antworte, Pawlik! … Antworte! … Pawlik! … Pawlik! … Hier spricht die PIONIER …«
Auf dem ringförmigen Gewölbebildschirm huschten die Schatten großer und kleiner Fische vorbei. Sie glitten von der Bugseite des U-Bootes in Richtung Heck und verflüchtigten sich dort wie kleine, unförmige Wölkchen. Der Zoologe spürte nicht das geringste Anzeichen einer Schiffsbewegung: Bei voller Fahrt gab es keinerlei Erschütterungen des Rumpfes mehr, nicht einmal ein leichtes Zittern.
Dabei zeigte die Instrumententafel an, dass das U-Boot – eingehüllt in einen feinen Mantel aus heißem Dampf und von etwa achthundert Zündungen pro Minute angetrieben – bereits mit einer Geschwindigkeit von fünfundsiebzig Meilen pro Stunde durch das Wasser schoss.
Alle fünf Minuten wechselte die PIONIER in einer sanften Kurve die Richtung. Der Kursograf verzeichnete diese Wendemanöver augenblicklich auf seiner Karte. Plötzlich tauchte auf dem Bildschirm voraus an Steuerbord eine dichte, dunkle Masse auf, die sich rasch in die Bahn des U-Bootes schob. Genau unter dieser Stelle des Bildschirms leuchtete sogleich eine rote Warnlampe auf, und die Klingel des automatischen Alarms schrillte. Sowohl der Kapitän als auch der Leutnant unternahmen nichts, um der Masse auszuweichen; sie beobachteten lediglich aufmerksam deren Näherkommen. Exakt fünf Sekunden später neigte das U-Boot ganz von selbst seinen Bug, änderte die Tiefe und tauchte haargenau unter einem gewaltigen, dichten Schwarm großer Fische hindurch.
»Ebenfalls eine Automatik?«, fragte der Zoologe erstaunt. Er erlebte zum ersten Mal ein derart eigenständiges Navigieren des U-Bootes.
»Selbstverständlich!«, antwortete der Kapitän. »Wenn die Bugmembran des Ultraschallscheinwerfers fünf Sekunden lang ununterbrochen Signale von ein und demselben Hindernis direkt voraus empfängt, übermittelt der automatische Mechanismus ein Signal an die Ringdüsen, die bei uns die Funktion des Ruders übernehmen. Daraufhin ändert das U-Boot automatisch seinen Kurs in eine freie Richtung. Sobald das Hindernis vor der anderen Membran, die auf dem neuen Kurs die Bugmembran ersetzt hat, verschwindet, führt die Automatik das U-Boot wieder auf den ursprünglichen Kurs zurück.«
»Faszinierend!«, rief der Zoologe bewundernd aus. »Aber wozu bedarf es dann noch der Alarmklingel und der roten Lampe?«
»Für den Fall, dass der Kommandant des U-Bootes eine andere Absicht hegt, als dem Hindernis einfach nur auszuweichen. Genau deshalb wartet die Automatik auch fünf Sekunden.«
Der Kapitän vertiefte sich wieder in seine Berechnungen. Es herrschte ein langes Schweigen.
In kurzen Abständen drang Pletnjows fast schon müde, monotone Stimme aus dem Funkraum.
»Pawlik! Antworte, Pawlik! Hier spricht die PIONIER … Hier spricht die PIONIER … Pawlik! … Pawlik!«
»Wie viel Strecke haben wir in gerader Linie zurückgelegt, Alexander Leonidowitsch?«, wandte sich der Zoologe leise an den Oberleutnant. »Wir sind nun seit etwa fünfunddreißig Minuten unterwegs.«
Der Leutnant blickte auf die Karte unter der Feder des Kursografen und auf die Anzeige der zurückgelegten Distanz.
»Einunddreißig Meilen, Lord. Sollten wir den Pottwal überhaupt einholen, dann meiner Einschätzung nach frühestens bei der sechzigsten Meile.«
Der Zoologe verzog schmerzerfüllt das Gesicht und fragte, ohne den Bildschirm aus den Augen zu lassen:
»Zweifeln Sie daran, dass wir ihn einholen werden?«
Der Leutnant zuckte die Achseln.
Ein helles Piepen des Telefons ertönte.
Der Kapitän schaltete den Lautsprecher und den Monitor ein. Auf dem Bildschirm erschien der schwach beleuchtete Ausschnitt eines kreisrunden, kegelstumpfartigen Tunnels. Eine Vielzahl gerader Rohre verlief horizontal von der Basis des Kegels zu dessen gestutzter Spitze. Im Halbdunkel des Tunnels, zwischen den Rohren, war die Gestalt eines Mannes zu erkennen. Er verrichtete dort Arbeiten und hatte sich in eine höchst unbequeme Position verbogen.
Aus dem Lautsprecher drang Gorelows keuchende, aber zufriedene Stimme:
»Ich melde gehorsamst, Genosse Kommandant: Ich habe versucht, die Düsen während der Fahrt zu reinigen, ohne sie zu zerlegen. Es ist mir gelungen. Sie können die Leistung des Schiffes nun auf das Maximum hochfahren.«
Das Gesicht des Kapitäns drückte Überraschung und Freude aus.
»Ich danke Ihnen, Fjodor Michailowitsch. Doch Sie haben sich völlig unnötig in Gefahr gebracht, als Sie sich in diese Kammer begeben haben. Letzten Endes sind die zehn Prozent Leistungsverlust nicht so tragisch. Kommen Sie da schnell heraus und melden Sie sich umgehend bei mir.«
»Zu Befehl, Genosse Kommandant.«
Der Kapitän schaltete den Lautsprecher und den Monitor ab, wandte sich an den Oberleutnant und sagte lächelnd: »Geben Sie volle zehn Zehntel Kraft, Alexander Leonidowitsch!« Dann fuhr er fort: »Das nenne ich einen Mechaniker! Er ist offenbar psychisch nicht imstande, sich mit dem kleinsten Defekt seiner Maschinen abzufinden. Dafür war er sogar bereit, Grausamkeit walten zu lassen … eine derartige Grausamkeit! Meiner Ansicht nach ist das schon krankhaft, ein absurd übersteigertes Berufsehrgefühl!«
»Für einen sowjetischen Menschen ist das in der Tat etwas Unnormales«, pflichtete ihm der Zoologe bei. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Und jemand, der zu Kindern grausam ist, wird mir stets unsympathisch bleiben. Das steht fest!«
Im blauen Overall, mit rotem, von Rußflecken übersätem Gesicht und fast völlig schwarzen Händen betrat Gorelow den Raum. Er blickte den Kapitän etwas verlegen, aber fröhlich und offen an.
Der Kapitän empfing ihn mit einem freundlichen Lächeln.
»Das war nicht gut, überhaupt nicht gut, Fjodor Michailowitsch!«, sagte er, während er Gorelow die Hand drückte. »Dort herrschen furchtbare Temperaturen. Man wird ja regelrecht gebraten! Und ein paar zusätzliche acht bis zehn Meilen Geschwindigkeit sind für die PIONIER jetzt wirklich nicht so ausschlaggebend.«
»Ich bitte um Verzeihung, Nikolai Borissowitsch! Aber ich konnte einen solchen Zustand während eines Einsatzes nicht dulden. Außerdem habe ich ein gutes Herz und fürchte mich nicht vor Hitze.«
Der Kapitän schwieg einen Moment und meinte dann langsam:
»Sie wollten wahrscheinlich sagen, Fjodor Michailowitsch, dass Sie ein kräftiges Herz haben … Nun gut! Begeben Sie sich auf Ihren Posten. Und dennoch«, fügte er schmunzelnd hinzu, »stellen Sie sich darauf ein, dass Ihr Name morgen im Tagesbefehl auftauchen wird …«
Gorelow verbeugte sich und ging lautlos hinaus. Der Kapitän vertiefte sich wieder in das Studium der Bodenrelief- und Strömungskarten.
Oben, auf der Wölbung des Bildschirms, tauchte ein großer, langgezogener Schatten mit gleichmäßigen, geschmeidigen Umrissen auf, der vorne spitz und hinten leicht abgerundet war. Ein kleines, wirbelndes Wölkchen am hinteren Ende der Form ließ keinen Zweifel daran, worum es sich handelte.
»Ein Dampfer über uns«, sagte der Oberleutnant. »Er ist auf dem Weg nach Trinidad oder Caracas.«
»Hat Ihnen das ebenfalls der Ultraschallscheinwerfer gemeldet?«, fragte der Zoologe ungläubig.
»Nein!«, schmunzelte der Oberleutnant. »Aber durch diesen verlassenen Teil des Atlantiks in die Richtung, in die das Schiff fährt, führt nur eine mehr oder weniger belebte Route: von London an die Nordküste Südamerikas – Trinidad, Georgetown, Caracas.«
Langes Schweigen kehrte ein. Gäbe es nicht die wandernden Schatten auf dem Bildschirm, hätte man meinen können, das U-Boot stehe still. Selbst Pletnjows monotone, schwermütige Rufe schienen in der Stille des Zentralstands aufzugehen, ohne sie zu durchbrechen.
»Was ist mit Pawlik?«, dachte der Zoologe. »Wo ist er jetzt? Ist er noch am Leben, der arme Junge? Durch welches Wunder, durch welchen Zufall konnte er sich auf dem Pottwal halten? Falls es überhaupt stimmt, dass er sich auf ihm befand … Hat Marat sich das nicht vielleicht nur eingebildet? Womöglich liegt das arme Kind jetzt irgendwo ganz anders – kraftlos, hilflos, vielleicht verletzt – und wartet auf Rettung?«
»Antworte, Pawlik! Antworte, Pawlik! … Hier spricht die PIONIER … Hier spricht die PIONIER. Antworte, Pawlik!«
Der Zoologe hielt es nicht mehr ruhig auf seinem Platz aus. Er musste etwas tun, irgendwohin eilen, rennen, suchen … Dieses Nichtstun, diese Totenstille, das völlige Fehlen jeglicher Anzeichen einer Schiffsbewegung lasteten erdrückend auf ihm.
»Pawlik! Pawlik! Hier spricht die PIONIER … Hier spricht die PIONIER. Antworte, Pawlik!«
»Fünfzig Minuten, Alexander Leonidowitsch«, sagte der Zoologe mit einem Blick auf die Uhr. »Wie viel Strecke haben wir in gerader Linie zurückgelegt?«
»Einundfünfzig Meilen, Lord.«
»Und es ist nichts zu sehen … rein gar nichts zu sehen …«, seufzte der Zoologe und begann erneut, unruhig auf und ab zu gehen.
Doch schon eine Sekunde später blieb er abrupt stehen:
»Kapitän, was gedenken Sie zu tun, falls wir nach weiteren fünfzehn, zwanzig oder gar dreißig Meilen diesen Pottwal noch immer nicht gefunden haben?«
Der Kapitän hob den Kopf und blickte den Zoologen wortlos an. Dann antwortete er:
»Ich werde den gesamten Ozeanabschnitt hier durchkämmen, aber ich werde diese Bestie finden. Ich muss Gewissheit haben, ob der Junge auf ihr ist oder nicht … Es sei denn, er ist vom Pottwal gestürzt …«
Er schwieg einen Moment und fügte hinzu:
»Nur eines begreife ich nicht: Warum setzt er seine Waffen nicht ein? Er hat doch die Ultraschallpistole und die elektrischen Handschuhe bei sich. Er hat doch gelernt, hervorragend damit umzugehen. Was ist also los? Vielleicht ist er verletzt …«
Der Zoologe stand mit gesenktem Kopf da. Jedes Wort des Kapitäns fühlte sich an, als würde es einen Faden in seinem Herzen durchtrennen. Ach, Pawlik, Pawlik … So ein mutiger, so ein feiner Junge!
»Antworte, Pawlik! Antworte, Pawlik! Hier spricht die PIONIER … Hier spricht die PI…«
Plötzlich ertönte aus dem Funkraum das Krachen eines umstürzenden Stuhls. Pletnjows klägliche Stimme brach mitten im Satz ab, ging für einen Moment in ein undeutliches Gemurmel, ein Schluckauf über, und dann stieß der Funker unvermittelt einen verzweifelten Schrei aus:
»Sprich, Pawlik! Ich höre dich! Ich höre dich! Kommen Sie alle her! Hierher! Er spricht! Wo bist du, Pawlik? Wo bist du? Sprich, ich kann dich hören!«
Hals über Kopf stürzten alle – bis auf den Wachhabenden – aus dem Zentralstand hinüber in den Funkraum.
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