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Der Incal – Gesamtausgabe

Alejandro Jodorowsky, Moebius
Der Incal
Gesamtausgabe: 20 Jahre Splitter Verlag – limitierte Sonderausgabe

Comic, Hardcover mit Leinenrücken, Splitter Verlag, Bielefeld, 27.08.2026, 376 Seiten, 99,80 EUR, ISBN 9783868696240

Der Incal ist eine von Alejandro Jodorowsky geschriebene und von Jean Giraud illustrierte französische, epische Space Opera. Fantastische intergalaktische Reisen vereinen sich hier mit Wissenschaft und Technologie, während politische Intrigen, Verschwörungen und Mystik mit Ausschweifungen und Liebesgeschichten vermengt werden. Ursprünglich in den 1980er-Jahren entstanden, gilt John Difool: Der Incal heute als Comic-Meisterwerk, dem zahlreiche Ableger und Spin-offs folgten.

Doch beginnen wir vorn: Der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky plante Mitte der 1970er-Jahre eine Verfilmung von Frank Herberts Roman Dune – Der Wüstenplanet, lange bevor David Lynch sich des Stoffs annahm. Der Roman galt damals als nicht verfilmbar, doch Jodorowsky versammelte eine Schar großartiger Künstler um sich, um den Versuch dennoch zu wagen. Unter anderem war geplant, dass Salvador Dalí den Herrscher des Universums spielen sollte, während für den Soundtrack die damals angesagte Gruppe Pink Floyd vorgesehen war.

Für das Design wurden neben Christopher Foss, bekannt durch seine ungewöhnlich plakativen Raumschiffzeichnungen, und H. R. Giger auch Jean Giraud alias Moebius verpflichtet. Giraud fertigte für das Filmprojekt rund 3000 Zeichnungen an, laut Jodorowsky »alle hervorragend«. Das Filmprojekt kam jedoch leider nicht zustande.

Jodorowsky war auf Moebius aufmerksam geworden, als dieser Mitte der 1970er-Jahre im Comic-Magazin MÉTAL HURLANT mit seinen Science-Fiction-Storys die Welt der Comics revolutionierte. Gemeinsam legten sie 1981 mit Der Incal ein legendäres Meisterwerk vor. Die Erzählung – oder wie es im Buch selbst heißt, der Bildroman – um John Difool und seinen Betonvogel Dipo wurde praktisch aus dem Stand zum Klassiker.

Die Geschichte spielt in der dystopischen Hauptstadt eines unbedeutenden Planeten namens Terra 21, eingebettet in ein von Menschen dominiertes galaktisches Imperium, die Humano-Galaxis. Der Allerweltsmann und Privatdetektiv der Klasse R, John Difool, schlägt sich dort mehr schlecht als recht durchs Leben. Sein Name ist Programm: Im englischen »Fool« steckt der Dummkopf, womit dieser drittklassige Detektiv bestens charakterisiert ist. Seine einzigen Lichtblicke sind ein abendlicher Bourbon-Verschnitt und eine Homöo-Geisha zur Entspannung.

Seine Heimat ist die gigantische Schachtstadt, die in viele Ebenen unterteilt ist. Die oberen Bereiche werden von den sozial Privilegierten bewohnt, den Aristos. Sie sind immer jung und schön – notfalls mit Hilfe von Hyper-Make-up – und leben in Saus und Braus, während die Masse vor dem 3D-Fernseher abhängt. Je tiefer man in die Schachtstadt eindringt, desto tiefer ist der jeweilige Bewohner sozial abgestiegen. Die untersten Ebenen beherbergen Vergnügungsviertel und einen Säuresee, der den Müll der Stadt aufnimmt und gleichzeitig die Leichen der zahlreichen Selbstmörder zersetzt, die sich in die Tiefe stürzen.

Gleich zu Beginn leidet John unter dem Stiefel dreier maskierter Peiniger. Ohne zu wissen, warum, werfen sie ihn über die Balustrade der Selbstmordallee in einen Schacht, Richtung Säuresee. Die Zeichnung dieses Sturzes, genial von Moebius umgesetzt, füllt eine komplette Seite. Doch an dieser Stelle könnte die Geschichte zwar zu Ende sein, aber stattdessen geht es erst richtig los: Ein sterbender roter Riesenmutant steckt ihm zuvor das magische Artefakt zu – den Incal, eine kleine, leuchtend weiße Pyramide. Mit den Worten »Nimm das, John Difool. Davon hängt das Schicksal des ganzen Universums ab« verändert sich sein Leben schlagartig. Wegen des Incals wird er von ihm unbekannten Mächten, der außerirdischen Rasse der Berks aus einem anderen Universum, Mutanten und dem Präsidenten des Planeten gejagt.

Der Incal ist detailreich, schräg und ein typischer Genre- und Themenmix der 1980er-Jahre aus Gesellschaftskritik, Esoterik, Science-Fiction, Krimi, Thriller, Märchen sowie Abenteuer- und Liebesgeschichte. Die Zukunftsvisionen von Moebius und Jodorowsky beeinflussten später maßgeblich Ridley Scott bei seinem Film Blade Runner und Luc Besson bei Das fünfte Element.

John Difools bester Freund und Begleiter ist eine Betonmöwe namens Dipo, die als Erster vom Incal erleuchtet wird – was man wörtlich nehmen darf, da der Vogel buchstäblich zu strahlen beginnt. Der kahle, betongraue Vogel spricht fortan als Heiliger Vogel zu einer ehrfürchtig lauschenden Menge, bis Difool ihn zwingt, den Incal auszuspucken, woraufhin beide von den aggressiven Gläubigen fast gelyncht werden.

John stolpert von einer irren Welt in die nächste, wird von einem düsteren Techno-Papst beinahe zerstückelt, von Psychoratten bedroht und von einer Nekro-Sonde verfolgt. Im Verlauf der Handlung entwickelt er sich von einem lumpigen, zufälligen Antihelden zu einer Figur von enormer kosmischer Bedeutung. Er bleibt dabei jedoch widersprüchlich, unsicher und fehlerhaft, was seine Entwicklung äußerst glaubwürdig macht. Gemeinsam mit einer Schar von Gefährten, zu denen auch seine alte Liebe Animah gehört, führt ihn sein Weg schließlich zum Sonnenherzen, dem spirituellen Mittelpunkt des Planeten.

Der eigentliche Incal-Zyklus aus sechs Alben erschien zwischen 1981 und 1988 bei LES HUMANOÏDES ASSOCIÉS. Die Farbgebung übernahmen Yves Chaland (Bände 1 und 2), Isabelle Beaumenay-Joannet (Bände 3 und 4) sowie Zoran Janjetov (Bände 5 und 6). Kurz nach dem Erscheinen in Frankreich folgte eine Veröffentlichung im deutschen Magazin SCHWERMETALL des Volksverlags. Später übernahm ab 1983 der Carlsen Verlag die Reihe, gefolgt vom Ehapa Verlag in den 1990er-Jahren (der 2007 auch eine von Valérie Beltran neu kolorierte Gesamtausgabe herausbrachte).

Zum 20-jährigen Bestehen des Splitter-Verlags, aus dessen Programm Jodorowsky, Moebius und das Incal-Universum nicht wegzudenken sind, veröffentlicht der Verlag das einflussreiche Meisterwerk nun in einer auf 1000 Exemplare limitierten Gesamtausgabe. Diese gebundene Version ist für Incal-Novizen ein wunderbarer Einstieg in ein faszinierendes Comic-Universum und für Moebius-Komplettisten ohnehin unverzichtbar – ein Werk, das die Comickunst revolutionierte und bis heute einen legendären Ruf genießt.

(esch)

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