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Kommissar Rosic – Band 1.07

Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 7: Der abgetrennte Kopf und das gestohlene Jackett

Rosic und Lahuche speisten im Hôtel du Soleil d’Or. Ehrerbietig wurden sie von Noré bedient, dem der Schrecken der vergangenen Stunde noch immer in den Knochen steckte.

Rosic hatte bereits mit seinen Männern in Lyon telefoniert und ihnen die Personenbeschreibung des Mörders durchgegeben. Dieser sollte direkt beim Verlassen des Zuges festgenommen werden – in dieser Hinsicht war Rosic also beruhigt.

Er hatte Lahuche von seiner Unterredung mit Monsieur Coconaz erzählt, und Lahuche hatte nachdenklich den Kopf geschüttelt: »Sie glauben also noch immer an die Schuld dieses Unbekannten?«

»Mehr denn je!«

»Und doch …«

»Es kann nur er sein! … Überlegen Sie doch: Er hat selbst zugegeben, aus dem B-14 gestürzt zu sein. Und in genau diesem Zug liegt eine Leiche! Ist das nicht eine blendende Übereinstimmung? Und der Dolch aus Kristall, wie steht es damit? Was fangen Sie mit dem Kristalldolch an! Dieser Mann schreibt eine Notiz, in der steht: Denken Sie an den Kristalldolch. Man streckt ihm unter höchst eigentümlichen Umständen tausend Franc vor, und plötzlich taucht der Kristalldolch wieder auf. Schließlich findet man bei dem Ermordeten die Tatwaffe – und was ist es für eine Waffe? Ein Kristalldolch! Das springt doch förmlich ins Auge!«

»Ja … vielleicht«, meinte Lahuche. »Aber was ist mit dem Kopf … dem Kopf, der fehlt? Und die Fußspuren im Gegengleis? Und noch etwas anderes, das Sie – verzeihen Sie mir den Hinweis – völlig außer Acht lassen! Dieser Mörder hat keinen roten Centime bei sich! Wenn man jemanden ermordet, dann doch, um ihn auszurauben. Dieser Reisende im B-14 musste Geld bei sich haben. Wie kommt es, dass sein Mörder völlig mittellos ist, wo doch erwiesen ist, dass die Reisetasche des Opfers geöffnet wurde?«

Monsieur Rosic tat so, als müsse er sich mit äußerster Verbissenheit dem Zerlegen eines Huhns widmen, das gerade aufgetragen worden war, nur um nicht sofort antworten zu müssen. Es war offensichtlich, dass Lahuches Einwände ihn in Verlegenheit brachten. Schließlich sagte er: »Mein lieber Herr, ich versichere Ihnen, ich besitze Erfahrung in diesen Dingen! In diesem Fall gibt es, wie in allen dieser Art, noch einige Unklarheiten … Es wäre ja auch zu schön, wenn von Anfang an alles völlig klar auf der Hand läge. Dann bräuchte man die Polizei gar nicht! Was die Tasche betrifft: Selbst wenn sie geöffnet wurde, beweist das noch lange nicht, dass ihr Inhalt verschwunden ist. Wir werden es bald wissen … Ich kehre nach Valence zurück, sobald ich die Antwort meiner Männer habe!«

Sie setzten ihr Mahl in bester Stimmung fort. Außerhalb seines Berufs war Rosic ein geselliger Lebemann, und Lahuche war der gutmütigste Kerl von der Welt und ein glänzender Erzähler von Schelmengeschichten.

Gegen halb drei schließlich, als sie gerade ein letztes Glas feinen Cognac leerten, brachte man Rosic ein gelbes Telegramm – eine offizielle Depesche. Sicher seines Triumphes brach er das Siegel auf. Doch im selben Moment warf er seine Serviette mit einem fürchterlichen Fluch auf den Tisch: »Er ist uns entwischt! … Dieser Teufelskerl ist noch vor Lyon aus dem Zug gestiegen! Aber wo … wo nur?«

Dann besann er sich und fügte mit einem dennoch siegesgewissen Lächeln hinzu: »Ein Beweis mehr dafür, dass er schuldig ist! Denn wer eine Fahrkarte nach Lyon löst, fährt auch nach Lyon! Aber wir dürfen keine Zeit verlieren!«

Trotz Lahuches Protesten beglich er die Rechnung, drückte ihm die Hand und verabschiedete sich: »Es war mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen! Wir werden uns wiedersehen, denn ich habe das Gefühl, dass uns diese Angelegenheit noch weit führen wird … Also, bis bald!«

Er sprang in sein Automobil und rief dem Chauffeur zu: »Nach Valence … und zwar schnell!«

Eine Stunde später erreichte er die Hauptstadt des Départements Drôme, und sein Wagen hielt vor dem Justizpalast. Mit zwei Sätzen war er im Büro des Staatsanwalts, Monsieur Chaulvet.

»Nun? Haben Sie den Mörder verhaftet?«

»Nein!«

»Das dachte ich mir«, erwiderte der Staatsanwalt spöttisch.

»Aber ich bin ihm auf der Spur! Er hat den Zug in Viviers am rechten Flussufer genommen und ist an einer Station zwischen diesem Bahnhof und Lyon ausgestiegen! Da ich seine Beschreibung habe …«

»Tatsächlich?«

»Aber gewiss!«

Monsieur Chaulvet lächelte. Schließlich sagte er: »Mein armer Rosic, ich fürchte, Sie haben sich da auf eine völlig falsche Fährte locken lassen. Wir hatten mehr Glück als Sie! Sie haben den Mörder zwar nicht verhaftet, aber wir haben den Kopf gefunden!« »Im Waggon?«

»Nein … in der Isère!«

»In der Isère?«

»Oder genauer gesagt auf einer Sandbank am Ufer, direkt unter der Eisenbahnbrücke, die den Fluss überquert!«

»Ah!«, machte Rosic und versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen. Es war offensichtlich, dass der Fund dieses Kopfes sein gesamtes Gedankenkonstrukt über den Haufen warf.

Monsieur Chaulvet fuhr fort: »Heute Morgen hat ein Fischer auf dem Sand unter der Eisenbahnbrücke ein ziemlich großes Paket entdeckt, das in ein Frottiertuch gewickelt war. Darin befand sich der frisch abgetrennte Kopf eines Mannes. Er hat diesen schaurigen Fund hergebracht, und laut dem Gerichtsmediziner, der die nötigen Untersuchungen vorgenommen hat, gehört dieser Kopf zweifellos zu der Leiche, die wir im Waggon B-14 vorgefunden haben.«

»Seltsam …«, murmelte Rosic. »Monsieur Guillenot hatte sich also nicht getäuscht. Er hatte den Kopf tatsächlich gesehen. Man hat ihn folglich im Bahnhof von Valence geraubt. Der Mörder befand sich also definitiv im Zug!«

»Und doch… mein Mann aus Le Robinet…«

»Was wollen Sie machen… es war eine Sackgasse!«

»Aber wie kommt dieser Kopf in nur wenigen Stunden in das Bett der Isère?« »Genau das hat Monsieur Guillenot uns schlüssig erklärt. Der Junge ist nicht dumm, er gäbe einen hervorragenden Polizisten ab!«

Rosic verzog das Gesicht; er mochte es gar nicht, wenn man sich über ihn lustig machte.

»Ja … Er erinnerte sich daran, dass, als man den unglückseligen Waggon auf Gleis 12 rangierte, direkt daneben auf Gleis 10 der Zug 234 stand, der dort wartete, um den B-14 vorbeizulassen. Verstehen Sie? Der Mann, der Mörder, befindet sich im Waggon und hält sich irgendwo versteckt. Guillenot sieht das Blut, schlägt Alarm, der Waggon wird rangiert. In diesem Moment trennt unser Mörder vollends den Kopf ab und springt mit bemerkenswerter Geistesgegenwart in den Zug 234 direkt nebenan! Er muss nicht einmal den Schotter betreten, da sich die Trittbretter praktisch berühren. Das erklärt, warum auf dem Gleisbett keine Blutspuren zu finden waren, während am Trittbrett des Todeswaggons welche prangten. Im Zug 234 schließt er sich in der Toilette ein, reißt das Handtuch ab, wickelt den Kopf hinein, lässt das Fenster herunter und wirft das Paket bei der Überquerung der Isère in den Fluss. Unglücklicherweise landete es daneben auf dem Sand, wo unser Fischer es fand … und voilà. Bedenken Sie außerdem: Erstens ist das Trittbrett des Waggons von Zug 234, in den unser Mann gestiegen ist, voller Blut – Schuhabdrücke, die in Richtung des Eingangs zeigen. Zweitens wurden in der Toilette der ersten Klasse Blutstropfen gefunden, und das Frottiertuch fehlt. Der Beweis ist erbracht, dem ist nichts hinzuzufügen!«

Monsieur Rosic war fassungslos. Unter dem spöttischen Blick von Monsieur Chaulvet dachte er eine ganze Weile nach. Doch schon bald hob er wieder den Kopf und sagte: »Und doch befanden sich im B-14 laut dem Protokoll des Schaffners nur zehn Passagiere! Als wir den Zug in Lyon untersuchten, fehlten zwei: der Mörder und das Opfer!«

»Ganz recht! Das Opfer haben wir hier … und der Mörder hat den Zug 234 genommen!«

»Und der Mann, der beim Robinet aus dem B-14 gesprungen ist und den Frégière bei sich aufgenommen hat? Das macht elf. Wir haben einen Fahrgast zu viel!« »Einerlei … Ich habe mein Opfer und meinen Mörder«, schloss Monsieur Chaulvet, »mehr verlange ich gar nicht!«

»Sie sind nicht besonders anspruchsvoll!«, bemerkte Rosic bitter.

Dann fügte er hinzu: »Was befand sich denn in der halb offenen Tasche, die im Abteil gefunden wurde?«

»Nichts weiter … zwei- oder dreihundert Francs in Gold und Toilettenutensilien mit den Initialen J.W.«

»Gut … Aber ein Engländer, der aus Indien zurückkehrt, hat doch nicht nur zwei- oder dreihundert Francs in Gold bei sich.«

»Der Mörder wird den Rest gestohlen haben.«

»Haben Sie etwas in der Brieftasche des Toten gefunden?«

»In der Brieftasche?«

»Nun ja … er musste doch eine in der Innentasche seines Rockes haben.«

Doch er hielt inne, plötzlich von tiefer Freude erfüllt, als er sah, wie Monsieur Chaulvet wie ein junges Mädchen errötete.

»Ich wette, Sie haben ihn gar nicht durchsucht!«

»Nein«, gestand Monsieur Chaulvet kläglich. »Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben … ich werde sofort …«

»Ich begleite Sie ins Hospital.«

Sie gingen hinaus. Das Krankenhaus, in dessen Seziersaal man den Leichnam geschafft hatte, war nicht weit. Für die Obduktion hatte man das Opfer naturgemäß entkleidet.

»Wo haben Sie die Kleider abgelegt?«, fragte der Staatsanwalt einen Saalwärter.

»In dieser kleinen Kammer dort drüben auf der rechten Seite!«, antwortete der Mann. Er ging zur Tür der Kammer und kam mit einem Bündel Wäsche und Kleidern auf dem Arm zurück, das er auf einem Tisch ausbreitete.

»Schön … und das Jackett?«, warf Rosic ein.

»Das Jackett?«

»Ja, der Mann trug doch ein Jackett?«

»Nun, eigentlich schon …«

»Wo ist es?«

Doch wie sehr sie auch suchten, das Jackett blieb unauffindbar. Wie war es verschwunden? Wer hatte es gestohlen? Dies war ein neues Rätsel, das sich an all die anderen reihte. Der Saalwärter schwor jedoch Stein und Bein, dass er ein graumeliertes Jackett, passend zu Weste und Hose, in der Kammer eingeschlossen hatte. Niemand hätte eintreten können, da er sich nicht von der Stelle bewegt hatte; er verstand die Welt nicht mehr.

»Da haben wir es«, sagte Rosic mit einem spöttischen Seitenblick auf Monsieur Chaulvet. »Das kommt davon, wenn man die Leute nicht sofort durchsucht!«

Er triumphierte; das war seine Revanche. Er fuhr fort: »Wer hatte ein Interesse daran, sich dieses Jacketts zu bemächtigen? Der Mörder? Aber welcher? Ihrer oder meiner? Denn wir haben ja zwei, Herr Staatsanwalt! … Nun, ich habe da so eine Ahnung, dass es meiner sein muss! Gedulden Sie sich eine kurze halbe Stunde … und warten Sie in Ihrem Büro auf mich!«

Mit diesen Worten verließ er das Hospital. Fünf Minuten später überquerte er im Automobil die Rhône, und nach weiteren fünf Minuten erreichte er den kleinen Bahnhof von Saint-Péray. Er sprach den Stationsvorsteher an.

»Verzeihung, Monsieur, ist heute Mittag gegen zwölf Uhr mit dem Vorortzug nicht ein Reisender ausgestiegen, der grün gekleidet war, gelbe Schuhe trug und barhäuptig war?«

»Nun …«, druckste der andere herum.

»Antworten Sie … Ich bin der Chef der Kriminalbrigade von Lyon. Hier ist mein Ausweis!«

»Verzeihen Sie, Kommissar«, sagte der Stationsvorsteher hastig. »In der Tat, beim Mittagszug ist mir ein Mann aufgefallen, auf den Ihre Beschreibung passt! Er ist sogar in den Omnibus gestiegen, der den Anschluss nach Valence und zum linken Flussufer sichert.«

»Parbleu… ich wusste es!«, rief Rosic triumphierend. Er kehrte zum Staatsanwalt zurück.

»Monsieur Chaulvet, mein Mörder – derjenige, der beim Robinet aus dem Zug gesprungen ist, der sich wegen der Sache mit dem Kristalldolch tausend Francs hat geben lassen, der eine Fahrkarte nach Lyon gelöst hat und unterwegs ausgestiegen ist – das ist derselbe Mann, der den unglücklichen Opfern in den Luxuszügen die Sakkos stiehlt!«

»Was … Wer sagt Ihnen …«

»Mein Spürsinn! Mein Mörder ist um Mittag in Péray ausgestiegen, statt nach Lyon weiterzufahren, und ist nach Valence gekommen, um die Jacke des Toten zu stibitzen. Dafür habe ich gerade den Beweis erhalten. Und wissen Sie, warum? Weil er unterwegs in einer Zeitung in letzter Minute gelesen hat, dass sein Verbrechen in Valence entdeckt wurde. Da hat er Halt gemacht, anstatt weiter nach Lyon zu reisen.«

»Aber wer beweist, dass er es war, der das Jackett gestohlen hat?«

»Weil nur er ein Interesse daran hatte, an die Brieftasche des Toten zu gelangen.« »Sie wollen also um jeden Preis, dass dieser Mann der Mörder ist?«

»Aber natürlich!«

»Obwohl felsenfest bewiesen ist, dass der Wahre den Zug 234 genommen und den Kopf in die Isère geworfen hat?«

»Das«, sagte Rosic, »ist die Sache mit dem elften Fahrgast. Sicherlich der dunkle Punkt in dieser Affäre. Aber alles wird sich eines Tages aufklären … und dann werden Sie sehen, dass Sie unrecht hatten, sich über mich lustig zu machen.«

In diesem Moment klopfte es leise an der Tür, und ein Diener trat ein.

»Der Schlafwagenschaffner ist hier.«

»Lassen Sie ihn eintreten.« Dann zu Rosic: »Ich habe ihm telegrafiert, direkt nach Valence zu kommen, statt in Lyon Zwischenstation zu machen! Der arme Kerl! Kaum in Paris angekommen, musste er schon in den nächsten Zug springen, um wieder umzukehren. Er muss todmüde sein. Aber ich brauchte seine Aussage.«

Der Schaffner trat ein.

»Mein Herr«, sagte der Staatsanwalt zu ihm, »Sie haben sicherlich die Fahrgäste des B-14 bemerkt?«

»Gewiss!«

»Und Sie könnten sie wiedererkennen?«

»Ohne Weiteres!«

»Hervorragend! Bitte folgen Sie mir!«

Er führte ihn hinüber zum Hospital, geleitete ihn in den Seziersaal und stellte ihn vor den kopflosen Leichnam. »Das ist doch zweifellos einer Ihrer Fahrgäste?«

Der Schaffner warf einen Blick auf den Toten und sagte dann, wie selbstverständlich: »Dieser Mann war nicht im B-14.«

»Was?!«, rief Monsieur Chaulvet entgeistert aus. »Aber das ist derjenige, den wir mausetot im Waggon gefunden haben …«

»Das mag sein! Aber er war nicht unter den zehn Fahrgästen, die den Zug im Bahnhof von Arenc bestiegen haben. Das kann ich beschwören!«

»Parbleu!«, feixte Rosic. »Der in der Isère gefundene Kopf ist also gar nicht der richtige!«

»Verzeihen Sie mir«, warf der Gerichtsmediziner ein, der sich der Gruppe angeschlossen hatte. »In diesem Punkt ist kein Zweifel möglich. Sehen Sie selbst: Dieses kleine Mal am Hals, genau dort, wo er durchtrennt wurde – es passt perfekt zusammen!«

»Zudem«, fügte der Schaffner hinzu, »waren die beiden verschwundenen Fahrgäste bei Weitem nicht so groß wie dieser Mann … es fehlen ihm, mit bloßem Auge geschätzt, mindestens fünf Zentimeter, und sie waren korpulenter …«

Da sahen sich der Staatsanwalt und Rosic fassungslos an. »Wer in Gottes Namen ist dann dieser Tote?«, fragte Monsieur Chaulvet.

»Parbleu, das ist der elfte Fahrgast«, schloss Rosic.

Doch das brachte kein Licht ins Dunkel. Das Rätsel blieb ungelöst – und schien undurchdringlicher denn je.

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