Varney, der Vampir – Kapitel 67
Thomas Preskett Prest
Varney, der Vampir
oder: Das Blutfest
Ursprünglich als penny dreadful von 1845 bis 1847 veröffentlicht, als es zum ersten Mal in Buchform erschien, ist Varney, der Vampir ein Vorläufer von Vampirgeschichten wie Dracula, die es stark beeinflusst hat.
Kapitel 67
Die Erzählung des Admirals von der schönen Belinda
Genau in diesem Augenblick stahl sich Flora Bannerworth in das Zimmer zurück, das sie erst vor Kurzem verlassen hatte. Als sie jedoch sah, wie überaus ernst der alte Admiral Bell blickte und dass er sich offenbar anschickte, mit Henry über eine höchst wichtige Angelegenheit zu sprechen, wollte sie sich schon wieder zurückziehen.
Doch er wandte sich ihr zu und sagte: »Ich habe nichts dagegen, meine Liebe, wenn du meine Geschichte mit anhörst. Und wie allen Frauenzimmern kommt dir eine Liebesgeschichte sicher nicht ungelegen; du kannst also ebenso gut bleiben und zuhören.«
»Eine Liebesgeschichte?«, fragte Flora. »Sie erzählen eine Liebesgeschichte, mein Herr?«
»Ja, meine Liebe, und ich erzähle sie nicht nur, ich bin sogar ihr Held. Bist du nicht erstaunt?«
»Das bin ich in der Tat.«
»Nun, du wirst noch mehr staunen, ehe ich fertig bin; also hör gut zu. Wie Jack Pringle zu sagen pflegt, war es vor gut vierzig Jahren, als ich das Kommando über die Fregatte VICTORY führte. Wir waren während eines damals tobenden Krieges auf der westindischen Station eingesetzt, um unsere Häfen und Buchten in jener Gegend zu schützen. Da wir dort keine starke Streitmacht hatten, musste ich von einem Ort zum anderen jagen und mein Bestes geben. Nach einer Weile glaube ich jedoch, dass wir den Feind verjagt hatten. In dieser Zeit ankerte ich meist vor der Insel Antigua und wurde im Hause eines Pflanzers namens Marchant gastfreundlich aufgenommen. Er machte sein Haus praktisch zu meiner Heimat und führte mich in die gesamte Elite der Inselgesellschaft ein. Ach, Miss Flora, wenn Sie mich heute ansehen, haben Sie keine Vorstellung davon, was ich damals war! Ich besaß das Patent eines Kapitäns und war fast der jüngste Mann im Dienst, der einen solchen Rang bekleidete. Ich war schlank, ja, wie ein Tanzmeister. Diese vertrockneten und ergrauten Locken waren einst so schwarz wie das Gefieder eines Raben. Ja, ja, aber einerlei: Der Pflanzer hatte eine Tochter.«
»Und Sie haben sie geliebt?«, fragte Flora.
»Geliebt?«, rief der alte Mann, und die Röte jugendlicher Begeisterung trat auf sein Gesicht. »Ob ich sie geliebt habe, sagst du! Ich betete sie an, ich betete sie förmlich an! Sie war für mich – aber was für ein verfluchter alter Narr ich doch bin; wir wollen das überspringen, wenn es gefällig ist.«
»Nein, nein«, sagte Flora, »gerade das möchte ich hören.«
»Daran zweifle ich nicht im Geringsten, kein Stück; aber genau das wirst du nicht hören. Lassen Sie Ihre Albernheiten, Miss Flora; der alte Mann mag ein Narr sein, aber ein Idiot ist er noch lange nicht.«
»Er ist weder das eine noch das andere«, konterte Flora. »Wahre Gefühle können niemanden entehren.«
»Vielleicht nicht. Aber um eine lange Geschichte kurz zu machen: Irgendwie saß Belinda eines Tages allein da, und ich überrumpelte sie recht ungestüm. Ich glaube wohl, dass ich damals etwas sagte, was ich nicht hätte sagen sollen, denn es brachte sie völlig aus der Fassung. Ich sah mich gezwungen, sie auf irgendeine Weise zu stützen, und dann – ich – ja, ich bin sicher, ich küsste sie. Und so gestand ich ihr meine Liebe. Und was meinst du, was sie daraufhin sagte?«
»Nun«, mutmaßte Flora, »dass sie Ihre Leidenschaft erwiderte.«
»Dass mich der Teufel hole!«, rief Jack, der in diesem Augenblick das Zimmer betrat. »Ich schätze, das ist der Name irgendeiner Muschel oder so etwas.«
»Du hier, du Halunke!«, rief der Admiral. »Ich dachte, du wärst weg.«
»War ich auch«, sagte Jack, »aber ich bin wegen meines Hutes zurückgekommen, sehen Sie?«
Damit ging er wieder, und der Admiral setzte seine Erzählung fort.
»Nun, Miss Flora«, sagte er, »da haben Sie schlecht geraten, denn sie sagte überhaupt nichts. Sie klammerte sich bloß an mich wie ein wilder Vogel an die Brust seiner Mutter und weinte, als wollte ihr das Herz brechen.«
»Tatsächlich?«
»Ja. Ich kannte den Grund für ihren Aufruhr nicht, aber schließlich brachte ich es aus ihr heraus.«
»Und was war es?«
»Oh, eine bloße Kleinigkeit: Sie war bereits mit einem anderen verheiratet, das war alles. Irgendein verfluchter Kerl, der auf den Inseln Handel trieb, ein Kerl, aus dem sie sich nicht das Geringste machte und der alt genug war, ihr Vater zu sein.«
»Und Sie haben sie verlassen?«
»Nein, das habe ich nicht. Rate noch mal. Ich war ein heißsporniger junger Dachs. Ich fühlte nur – ich dachte nicht nach. Ich überredete sie, mit mir zu fliehen. Ich nahm sie an Bord meines Schiffes und stach mit ihr in See. Einige Wochen verflogen wie Stunden; doch eines Tages wurden wir von einem Schiff angerufen, und als wir uns ihm näherten, setzte es ein Boot aus und brachte einen Brief an Bord, der an Belinda gerichtet war. Er stammte von ihrem Vater, geschrieben in seinen letzten Stunden. Er begann mit einem Fluch und endete mit einem Segen. Es gab ein Nachwort von anderer Hand, das besagte, der alte Mann sei vor Kummer gestorben. Sie las ihn an meiner Seite auf dem Achterdeck. Er entglitt ihren Händen, und sie stürzte sich ins Meer. Jack Pringle sprang ihr nach, aber ich habe sie nie wiedergesehen.«
»Gütiger Himmel! Was für eine Tragödie!«
»Ja, leidlich«, sagte der alte Mann.
Er stand auf, nahm seinen Hut und setzte ihn auf den Kopf. Er versetzte dem Hutgucker einen Schlag, der ihn ihm fast über die Augen trieb, stieß die Hände tief in die Hosentaschen, biss die Zähne zusammen und murmelte etwas Unverständliches, während er aus dem Zimmer schritt.
»Wer hätte gedacht, Henry«, sagte Flora, »dass ein Mann wie Admiral Bell der Held eines solchen Abenteuers gewesen ist?«
»Ja, wer in der Tat. Aber es zeigt uns, dass wir niemals nach dem Schein urteilen dürfen, Flora, und dass jene, deren Herz uns am unversehrtesten erscheint, die wildesten Stürme der Leidenschaft durchlebt haben mögen.«
»Und wir müssen uns auch vor Augen halten, Henry, dass dies vor vierzig Jahren geschah, was einen wesentlichen Unterschied für die Lage ausmacht, in der sich Admiral Bell befindet.«
»Das tut es wahrlich – mehr als ein halbes Leben. Und doch war es so offensichtlich, wie sehr er noch an seinen alten Gefühlen hängt. Ich kann mir die vielen Stunden bitterer Reue lebhaft vorstellen, die ihm die Erinnerung an diese verlorene Liebe bereitet haben muss.«
»Wahr – sehr wahr. Ich kann mit ihm fühlen, denn habe ich nicht selbst jemanden verloren, der mich liebte? Ein Verlust, der noch schlimmer ist als der, von dem Admiral Bell berichtet; denn bin ich nicht ein Raub der schrecklichsten Ungewissheit? Er hingegen wusste das Schlimmste; er wusste, dass der Tod in jedem Fall sein Opfer gefordert hatte. Es blieb kein Raum für quälende Vermutungen, sodass der Geist nichts weiter zu tun hatte, als sich langsam, aber sicher von dem erlittenen Schock zu erholen.«
»Das ist noch schlimmer für dich, Flora; doch lieber möchte ich, dass du die Hoffnung bewahrst, Charles Holland bald wohlauf und lebendig wiederzusehen, anstatt dir auszumalen, dass ihm ein großes Unglück zugestoßen ist.«
»Ich will mich darum bemühen«, erwiderte Flora.
»Mich verlangt danach zu erfahren, was aus Dr. Chillingworth geworden ist. Sein Verschwinden ist höchst rätselhaft; denn ich hatte den starken Verdacht, dass er eine ganz bestimmte Absicht verfolgte, als er sich für kurze Zeit in den Besitz von Bannerworth Hall setzte. Doch nach Jack Pringles Bericht scheint er sich nicht dort aufzuhalten und ist vielmehr gänzlich aus dem Blickfeld aller verschwunden, die ihn kennen.«
»Ja«, sagte Flora, »aber vielleicht hat er das getan, mein Bruder, um eben jene Absicht weiter zu verfolgen.«
»Es mag so sein, und ich will hoffen, dass es so ist. Bleib du im Haus, Schwesterherz, und empfange niemanden, während ich zu seinem Haus gehe, um mich zu erkundigen, ob man dort etwas von ihm gehört hat. Sei unbesorgt, ich werde bald zurück sein. Solltest du in der Zwischenzeit meinen Bruder sehen, so sage ihm, dass ich in etwa einer Stunde wieder daheim sein werde und er das Landhaus nicht verlassen soll. Es ist nämlich mehr als wahrscheinlich, dass der Admiral nach Bannerworth Hall gegangen ist, sodass du ihn wohl eine Zeit lang nicht zu Gesicht bekommen wirst.«
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