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Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 20

Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 3, Teil 5

Die drei begaben sich in die Gaststube zurück, wo noch immer gejohlt und mit den Bambusrohren das höllische Gebräu aus der Badewanne gesaugt wurde. Aber nur die Hälfte noch kauerte um dieses Gefäß und brüllte, die andere Hälfte lag am Boden und schnarchte.

Nur noch eine halbe Stunde, draußen brach die Dämmerung an, als auch von jenen dreien, welche im Zechen eine Erholungspause gemacht hatten, einer nach dem anderen umfiel, bis zuletzt nur noch Kapitän Flederwisch allein dasaß.

Er erhob sich.

»Jungs, jetzt gehen wir alle zusammen zu Tinkys Tanzsalon, dort folgt die Fortsetzung. Wer kommt mit?«

Komische Frage! Nur ein allgemeines Schnarchen antwortete.

Da drückte sich in dem schönen, dunkelgeröteten Antlitz des jungen, riesenhaften Mannes etwas wie eine unsagbare Verachtung, sogar wie Ekel aus, als sein Blick die sinnlos Betrunkenen überflog, und seine Worte gaben seine Gedanken wieder.

»Ihr jämmerlichen Affen, ihr Schweine, ihr Schwächlinge. Und ihr sagt, ich sei euresgleichen?!«

Dann wandte er sich schnell an den Wirt, welcher sich mäßig gehalten hatte.

»Ist alles bezahlt?«

»Alles bezahlt, Kapitän.«

Ohne noch ein Wort zu verlieren, wandte sich der junge Riese, dem der Alkohol nichts anhaben konnte, und verließ das Zimmer, trat auf die Straße hinaus.

Ebenso schnell verschwand der Wirt durch die Hintertür, um den Hausknecht zu rufen, dass ihm dieser behilflich war, den noch beträchtlichen Rest des Gebräus aus der Badewanne in Flaschen zu füllen und dann die Alkoholleichen zu bergen.

In demselben Augenblick, da sich die zwei verschiedenen Türen hinter den beiden geschlossen hatten, erhob sich einer der schnarchenden Matrosen, spähte mit klaren Augen um sich, zog unter seiner Jacke den Hut hervor und trat ebenfalls in die anbrechende Nacht hinaus. Es war der fremde Matrose gewesen, welcher sich Ernst Mroch genannt hatte.

 

*

 

»Kapitän Flederwisch kommt!«

So war es auch jubelnd in Tinkys Tanzsaal erschollen, nur dass hier in diesen Ruf sich viele Frauenstimmen eingemischt hatten.

Dann ging es auch hier wie dort, Bier und Wein und Whisky mussten fließen. Aber hier artete die Zecherei immer mehr zu einer Orgie wüstester Art aus.

Und dann fehlte bald der Gastgeber, aber ohne vermisst zu werden. Kapitän Flederwisch hatte sich bald auf die kleine Galerie zurückgezogen, auf welcher sich nun kein Mensch befand, und beobachtete von hier aus, hinter einer Portiere verborgen, das lärmende, frivole Treiben zu seinen Füßen, und wieder war es Verachtung und Ekel, was sich in seinen Zügen ausprägte.

»He, Kapitän Flederwisch, hihihihihi!«, kicherte da hinter ihm eine dünne Fistelstimme.

Unwillig wandte sich der Einsame um und sah ein kleines, altes Männchen mit karfunkelroter Nase in dem verwitterten Gesicht, in einen sehr schäbigen, blauen Anzug gekleidet, einen schmutzigen Schal um den Hals gewürgt – eine jener Gestalten, wie sie jede Hafenstadt aufzuweisen hat, ein verlotterter Seemann, der nur noch auf Kosten jüngerer Kameraden lebt, regelmäßig dem Trunk ergeben, und dieser hier machte davon keine Ausnahme, das sagte mehr noch als die rote Nase das gläserne Auge, und außerdem zitterte der alte, widrige Kerl ebenso mit den Händen und Knien wie mit dem Kopf.

»Was wollt Ihr von mir?«, fragte Flederwisch verdrießlich.

»Na, Ihr kennt mich wohl nicht mehr, hihihihi?«, feixte der Alte, der aber noch recht gute Zähne hatte.

»Nicht dass ich wüsste.«

»Vor zwei Jahren, als Ihr den Portwein nach England brachtet, in Hamford, hihihihi. Ich bin doch der Jimmy, hähähähä.«

»Ach, lasst mich in Ruhe! Ich kenne Euch nicht.«

Aber der Alte zog einen Stuhl heran, setzte sich und tätschelte dem Riesen auf dem Knie herum.

»Kapitän, um Euch ist es doch eigentlich schade«, begann er in vertraulichem Ton.

»So?«, meinte Flederwisch mit gezwungenem Spott. »Kommt Ihr her, um mir das zu sagen? Könnt Ihr mir vielleicht helfen?«

»Ja, ich könnte Euch wohl helfen, hihihihi«, fing der alte Jimmy wieder zu kichern an, nun aber im leisesten Ton.

»Wisst Ihr denn, was mir fehlt?«

»Geld, hihihihi.«

»Geld? Hm. Das wäre bei mir das wenigste. Oder doch, gerade die Hauptsache. Könnt Ihr mir vielleicht zu so viel verhelfen, wie ich brauche?«

»Eine Million – fünf Millionen – zehn Millionen, hihihi.«

»Millionen was? Streichhölzer?«, spottete Flederwisch, der nun aber doch auf das Gespräch einging.

»Dollar oder auch rote Pfund Sterling, zehn Millionen, hihihihi.«

»Nur her damit!«

Der Alte beugte sich vor und machte ein geheimnisvolles Gesicht.

»Kapitän,« flüsterte er, »Ihr seid gerade der Rechte, den ich schon seit Langem suche. Ihr könnt doch tauchen?«

»Ach so«, spöttelte Flederwisch, »das ist ja so ein alter Schatztaucher!«

Wenn man sich in den Matrosenspelunken einer größeren Hafenstadt herumtreibt, so kann man mit Sicherheit darauf rechnen, immer einige verkommene Individuen zu treffen, welche ihr großes Geheimnis zu verkaufen haben oder zur Ausbeutung desselben einen Kompagnon mit Geld suchen. Entweder wissen sie, wo der Schatz der Flibustier liegt, oder wo ein spanisches Goldschiff gesunken ist, oder so etwas Ähnliches, getaucht muss dabei auf jeden Fall werden; diese Menschen leben in ihrer Fantasie nur noch auf dem Meeresgrund, und daher tüfteln sie nebenbei immer an einem neuen Tauchapparat herum, welcher jede Meerestiefe erschließt, während man bis heute noch nicht tiefer als 40 Meter hinabkommen kann.

»Habt Ihr von Pueblo Morgana gehört, hihihi?«, fuhr der Alte fort.

»Aha, richtig, ein Flibustier! Jawohl, der Cartagena und sämtliche Klöster von Zentralamerika geplündert hat und dessen Schiff dann mit der ganzen, riesigen Beute unterging. Ja, wenn ich wüsste, wo der Schatz läge, dann säße ich jetzt nicht hier.«

»Ich weiß es, hihihihi.«

»So geht doch hin und holt ihn Euch.«

»Ja, wenn ich das allein könnte. Aber tauchen, hihihihi, tauchen! Kapitän, Ihr seid der Kerl, den ich brauche, tauchen werdet Ihr können, und ich glaube, Euch kann ich vertrauen.«

»Das könnt Ihr wohl«, ging Flederwisch scheinbar auf den abenteuerlichen Vorschlag ein.

»Schwört mir, keinem Menschen etwas zu verraten, dann nenne ich Euch die Stelle.«

»Unsinn, schwören tue ich nicht, ich fluche höchstens. Aber mein Wort habt Ihr, dass ich nichts verrate.«

»Gut, Kapitän, ich habe Euer Ehrenwort, das genügt mir.«

Der Alte stand auf und streckte sich auf den Fußspitzen empor, bis sein Mund das Ohr des Riesen erreichte.

»21 Grad 89 Minuten 18 Sekunden südlicher Breite; 87 Grad 14 Minuten 52 Sekunden westlich von Greenwich«, wisperte er ihm ins Ohr.

»21, 39, 18 südlich«, wiederholte der junge Kapitän aus dem Gedächtnis, »87, 14, 52 …«

»Ssst, nicht so laut!«, rief der alte Mann erschrocken. »Wisst Ihr, wo das sein könnte?«

»Natürlich, das ist die Westküste der Halbinsel Yukatan.«

Der alte Jimmy nickte geheimnisvoll.

»Da liegt das Schiff, und gar nicht tief, hihihihi, gar nicht tief. Aber freilich, ein Fahrzeug und Tauchapparate braucht man dazu, und das kostet Geld, und das muss man erst haben.«

Kapitän Flederwisch war aufgestanden.

»Mann, ich will Euch etwas sagen. Ihr habt das Delirium, der Schnaps sieht Euch ja aus den Augen. Wenn wirklich etwas an Eurer Behauptung wäre, so würdet Ihr doch nicht dem erstbesten, der Euch in die Quere kommt, Euer Geheimnis preisgeben. Denn Ihr kennt mich doch nur vom Hörensagen. Ich habe nämlich ein ganz vorzügliches Gedächtnis und weiß bestimmt, dass wir uns noch nie gesehen haben. Geht hinunter, dort gibt es eine neue Lage, haltet Euch dazu, es ist die letzte auf meine Rechnung. Good bye.«

Damit entfernte sich der Kapitän schnell.

Fortsetzung folgt …

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