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Secret Service Band 4 – Kapitel 1

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective

Kapitel 1
Das Bunco-Spiel

Der Chef des Geheimdienstes war mit seinem Latein am Ende. Seit geraumer Zeit war eine Vielzahl krimineller Fälle unter seinen Augen zusammengelaufen, und er hatte sich bereits mit seinem Erfolg bei deren Bearbeitung geschmeichelt. Doch nun war in das Hauptbüro das Dossier des bemerkenswertesten und verblüffendsten Bunco-Falls gelangt, dem der Chef seit Jahren begegnet war.

Mr. Anthony Moore war ein wohlhabender und philanthropischer Bürger von Harlem. Er unterhielt Büroräume in der Cedar Street und betrieb ein kleines, aber sicheres Bankgeschäft. Jeden Tag begab sich Mr. Moore regelmäßig zu seinem Büro und wieder zurück. Manchmal gab es Geschäfte zu erledigen, doch öfter noch hatte er den ganzen Tag über keinen einzigen Besucher.

Dies jedoch beunruhigte Mr. Moore niemals. Er war finanziell bestens versorgt, und die Frage des Geschäftsumfangs war für ihn von geringer Bedeutung. Er hielt sein Büro eher aus Gewohnheit und langjährigem Brauch aufrecht als aus irgendeinem anderen Grund.

Nun war Mr. Moore eine jener guten Seelen, von denen es in dieser Welt nicht allzu viele gibt, die an menschenfreundlichen Taten ihre Freude haben. Eines Tages stieß er bei der Lektüre seiner Morgenzeitung auf eine eigenartige Anzeige. Sie lautete wie folgt:

Gesucht – Von einer würdigen Witwe in äußerster Not, ein Käufer für sechs Aktien der Far Gas Company aus Smartville, Wisconsin. Die Aktien zahlen eine jährliche Dividende von 10 Prozent. Benötige dringend Geld, um die Rechnung des Bestatters für die Beerdigung meines Gatten zu begleichen. Werde sie unter Wert abgeben. Kaufinteressenten werden gebeten, sich bei Mrs. Carters Wohnung, Nr. — East Thirtieth Street, einzufinden.

Mr. Moore las diese Anzeige mehrmals durch. Dann putzte er seine Brille.

»In der Tat!«, rief er aus, »das ist ein schwerer Fall. Ich glaube, hier bietet sich einem Mann die Chance, ein wohltätiges Werk zu vollbringen.«

Je öfter er die Anzeige betrachtete, desto wärmer wurde es um sein philanthropisches Herz. Er lehnte sich zurück und malte sich die Szene im Geiste aus. Er sah Mrs. Carter, die trauernde Witwe, in ihrer Wohnung in der East Thirtieth Street vor sich. Zweifellos war sie von edler Gestalt, mit einem hellen, gütigen Gesicht und kummervollen Augen, in denen beständig die Feuchtigkeit der Erinnerung an ihren verstorbenen Eheherrn stand.

Wenn sich jemals ein Mensch rühmen konnte, dass das Blut der Nächstenliebe in seinen Adern floss, so war dieser Mann Anthony Moore.

»Die Anteile einer Aktie opfern, die die stattliche Summe von jährlich 10 Prozent einbringt, um das Geld für die Bestattungskosten ihres verstorbenen Mannes aufzubringen. Hm!«, rief Mr. Moore aus. »Das ist traurig – wahrlich traurig! Ein sehr förderwürdiger Fall. Irgendein guter Mann mit mildtätiger Veranlagung sollte diese arme Frau aufsuchen und ihr entweder das Geld leihen, um ihre Aktien zu retten, oder sie ihr zu einem guten Preis abkaufen. Wir schenken den Bedürfnissen unserer würdigen Armen nicht genügend Beachtung. Es ist ja recht und billig, Missionen im Ausland zu unterstützen, aber hier ist ein Fall direkt vor unserer Haustür, der weitaus würdiger erscheint, gefördert zu werden. Ich … ich glaube, ich werde mir die Sache ansehen. Sammy, meinen Hut und meinen Stock.«

»Sehr wohl, Sir.«

Der Laufbursche eilte eifrig herbei, um Mr. Moores Hut und Spazierstock zu holen. Wenige Augenblicke später stapfte der gute Bankier bereits die Cedar Street hinunter, auf dem Weg zur Hochbahnstation.

Er fuhr stadteinwärts und stieg an der nächstgelegenen Station zur Thirtieth Street aus. Dann ging er die Straße entlang, bis er vor der gesuchten Hausnummer stand. Das Mietshaus war eines jener bescheidenen und nicht übermäßig sauberen Gebäude, wie man sie im East Side Viertel häufig findet.

Als Mr. Moore den Hausflur betrat, sah er, dass sich Mrs. Carters Wohnung im Erdgeschoss befand. Er drückte die Klingel. Sogleich öffnete sich die Flurtür und er trat ein. Die Tür zum ersten Zimmer stand offen und gab den Blick auf ein schlichtes Wohnzimmer frei. Eine Dame stand in der Türschwelle.

Es schien, als fände Mr. Moores geistige Vorstellung ihre Bestätigung. Mrs. Carter war eine sanftmütige, gütig blickende Dame jenseits der mittleren Jahre. Sie trug einen Schleier aus Krepp, der auf eine Weise um ihr weißes Haar geschlungen war, die an eine vorteilhafte Witwenhaube erinnerte. Eine goldene Brille ruhte auf ihrer griechischen Nase. Sie lächelte, machte einen Knicks und sagte: »Wünschen Sie Mrs. Carter zu sprechen?«

»J-ja«, stammelte Mr. Moore, der in Gegenwart einer Dame stets ein wenig schüchtern war. »Sind Sie die Dame?«

»Das bin ich«, erwiderte sie mit flötenartiger Stimme. »Bitte, treten Sie ein.«

Mr. Moore betrat die Wohnung. Er schreckte kurz zusammen, als er bemerkte, dass noch ein anderer Gast anwesend war. Es war ein Mann von gütiger Erscheinung, mit vornehmer Ausstrahlung und einem Stock mit goldenem Knauf. Er war im Grunde genau derselbe Typ wie Mr. Moore selbst.

Und nun kommen wir zum interessanten Teil der Geschichte, den der Verfasser als Chronist in so knapper und glaubwürdiger Form wie möglich wiedergeben will.

Beim Eintreten Mr. Moores erhob sich der erste Besucher und blieb fragend stehen. Mrs. Carter blickte von einem zum anderen, woraufhin Mr. Moore, erkennend was verlangt war, sich vorstellte. »Mein Name ist Anthony Moore.«

»Und der meine ist William Aston«, sagte der erste Besucher.

»Ich fühlte mich gedrängt hierherzukommen, nachdem ich Mrs. Carters Anzeige in der Zeitung gelesen hatte, in der sie den Wunsch äußerte, ihre Aktien der Far West Gas abzugeben.«

»Tatsächlich!«, sagte Mr. Moore mit unverhohlenem Vergnügen. »Ich bin aus demselben Grund gekommen.«

»Ich habe ihr bereits ein sehr großzügiges Angebot gemacht«, erklärte Aston. »Ich kenne die Gesellschaft in Smartville gut, sie steht auf einem soliden Fundament.«

»Mr. Aston ist sehr, sehr gütig, so viel Anteilnahme an den Nöten einer schwergeprüften Frau zu zeigen«, sprach Mrs. Carter.

»Ah, zweifellos, zweifellos«, erwiderte Mr. Moore rasch. »Ich hoffe, er hat mir noch ein kleines Feld überlassen. Was verdienstvolle Philanthropie angeht, stehe ich niemandem nach, wie Ihnen fast jeder in New York bestätigen kann.«

»Ich erkenne Ihr leuchtendes Vorbild an, Mr. Moore«, erklärte Mr. Aston mit einem Lachen. »Ich habe schon von Ihnen gehört. Unsere Wege haben sich gekreuzt. Nun schlage ich vor, dass wir in dieser Angelegenheit wetteifern.«

»Mit Vergnügen«, stimmte Mr. Moore zu. »Welche Aktien sind es, Mrs. Carter?«

»Hier, Sir!«

Die Witwe nahm von einem Tisch ein kleines Paket mit Zertifikaten. Er prüfte sie kritisch. Soweit er sehen konnte, waren sie alle ordnungsgemäß und vom Versicherungsmathematiker und dem Sekretär der Smartville-Gesellschaft gegengezeichnet.

»Schön«, sagte Mr. Moore. »Ich nehme sie zum Nennwert, der, wie ich sehe, vierhundert Dollar beträgt.«

»Hmm!«, machte Mr. Aston. »Ich habe bereits fünfzig Dollar Aufschlag pro Aktie geboten.«

»Dann biete ich einhundert Dollar Aufschlag!«

»Oh, meine Herren!«, rief Mrs. Carter, »eine solche Güte verdiene ich nicht.«

»Beruhigen Sie sich, Madame!«, forderte Mr. Moore. »Was sagen Sie dazu, Mr. Aston?«

»N-nun«, stammelte der andere Philanthrop, »Sie sind reicher als ich, Moore. Ich kann die Aktien abtreten und meinen Aufschlag gratis dazugeben.«

»Dem werde ich nicht zustimmen!«, rief der Bankier. »Einer von uns muss die Aktien besitzen.«

»Nun gut, ich biete einhundertfünfzig Dollar Aufschlag.«

»Zweihundert!«

»Puh! Sie haben mich geschlagen!«

Mr. Moore zog triumphierend sein Scheckbuch heraus, doch nun sagte Aston: »Warten Sie einen Moment. Ich habe eine Idee.«

»Nun?«, fragte Mr. Moore.

»Moore, Sie sind ein Mann, der gerne wohltätige Werke vollbringt. Nun, ich darf wohl sagen, dass ich ebenso veranlagt bin. Wir werden eines Tages belohnt werden.«

»Sicherlich.«

»Nun habe ich einen Plan.«

»Nennen Sie ihn.«

»Ein Plan, durch den wir diese Dame für immer über die Not erhaben machen können.«

»Es wird mich freuen, ihn zu hören.«

»Ich besitze bereits Aktien dieser Gasgesellschaft«, sagte Aston. »Ich habe Anteile im Wert von sechzigtausend Dollar – mein bester Besitz. Ich werde diese Aktien in Ihre Hände geben. Ich weiß, wo ich weitere sechzigtausend dazukaufen kann. Sie erhalten meine Aktien. Geben Sie mir einen Scheck über sechzigtausend, und ich werde die weiteren Aktien kaufen – insgesamt einhundertzwanzigtausend. Diese legen wir bei Ihrer Bank als Gemeinschaftsfonds an; die Erträge daraus sollen zehn Jahre lang an Mrs. Carter zahlbar sein. Das wird weder Ihnen noch mir schaden und sie dauerhaft versorgen.«

Mr. Moore überlegte einen Augenblick. Was könnte redlicher sein? Er zögerte nicht. Es konnte kein Risiko geben. Hatte er nicht Mr. Astons Aktien als Sicherheit? Zudem sollte der Fonds in seiner eigenen Bank hinterlegt werden. Das genügte ihm.

»Abgemacht, Aston!«, rief er. »Ich bin dabei!«

Und er stellte den Scheck aus. Sechzigtausend Dollar! Er erhielt die Aktienzertifikate. Mr. Aston war überaus höflich.

Mrs. Carter war den Tränen nahe und überhäufte ihn mit Dankbekundungen. In ihrem überschwänglichen Dank umarmte sie Mr. Moore sogar, was den guten Herrn völlig aus der Fassung brachte.

Mr. Moore kehrte nach Hause zurück und schlief in jener Nacht so tief und fest, wie er es seit vielen Nächten nicht mehr getan hatte. Die arme, alte Seele! Wie bedauerlich es doch ist, dass menschliche Güte oft so kläglich vergolten wird.

Einige Tage vergingen. Mr. Aston erschien nicht in Mr. Moores Büro. Schließlich begann Mr. Moore aus reiner Neugier, nach den Aktien der Far West Company zu forschen. Je länger er suchte, desto weniger Spuren fand er. Dann machte er eine höchst verblüffende Entdeckung: Eine solche Firma existierte überhaupt nicht. Smartville war eine reine Erfindung.

Die von Mrs. Carter bewohnte Wohnung wurde leer vorgefunden. Die Vögel waren ausgeflogen. Mr. Moore war reingelegt worden – das Opfer eines Bauernfängertricks. Der gütige, alte Herr war einer Gruppe von Gaunern zum Opfer gefallen.

Anfangs fiel es ihm schwer, diese Tatsache zu begreifen. Doch als er feststellte, dass sein an William Aston ausgestellter Scheck bereits eingelöst worden war und er tatsächlich sechzigtausend Dollar verloren hatte, schlug seine Stimmung schlagartig um. Mr. Moore war gekränkt. Doch er war ein mutiger und entschlossener alter Mann. Er war fest gewillt, dass die Täter dieses Betrugs bestraft werden sollten.

So begab er sich zum Büro des Geheimdienstchefs und erzählte seine Geschichte. Der Chef hörte ihm teilnahmsvoll zu und setzte Detektive auf die Spur der Schwindler an. Wochen vergingen, doch ohne jedes Ergebnis. Mr. Moore wurde ungeduldig. Er hatte eine stattliche Belohnung ausgesetzt. Doch der Chef des Geheimdienstes war mit seinem Latein am Ende. Kein Plan, den er entwarf, schien von Erfolg gekrönt zu sein.

In diesem Zustand befanden sich die Dinge, als eines Tages die Bürotür aufging. Zwei Männer traten ein. Sie waren von bemerkenswerter Erscheinung, und beim ihrem Anblick stieß der Chef einen Freudenschrei aus.

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