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Der Welt-Detektiv – Band 13 – 6. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 13
Die unsichtbare Geheimpost
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin

6. Kapitel
Der Unsichtbare

Es war ein Glück, dass just Dr. Lerman aus Ostly mit seinem Kraftwagen auf dem Gutshof erschien. Ihm gelang es, die Miss ins Leben zurückzurufen. Ihr Herz hatte bereits zu schlagen aufgehört, doch belebte es sich wieder, als sich der kundige Arzt zu einer Kampferspritze entschloss. An eine Vernehmung war natürlich im Augenblick nicht zu denken.

Man bettete sie auf eine Chaiselongue, und Sherlock Holmes bestimmte zwei langjährige Dienerinnen des ermordeten Schlossherrn zu ihrer Pflege und gleichzeitigen Bewachung. Draußen vor der Tür postierte er außerdem noch Jonny, der das Seinige tun würde, die Sekretärin nicht entkommen zu lassen. Sherlock Holmes konnte nicht mehr daran zweifeln, dass sie es gewesen war, die die sieben Schüsse auf ihn abgefeuert hatte.

Dr. Lerman fiel aus allen Wolken, als er aus dem Munde des Weltdetektivs von den Vorfällen erfuhr. Er kannte die Sekretärin und konnte es einfach nicht fassen. »Ihren Namen in Ehren!«, rief er immer wieder, »aber diesmal, Mr. Holmes, müssen Sie sich irren!«

»Wollte Gott, es wäre so«, erwiderte der Meisterkriminalist, »denn es ist im Grunde genommen ein schrecklicher Gedanke, eine Frau als Mörderin zu sehen. Aber unter diesen Umständen …«

»Es gibt seltsame Verkettungen«, ereiferte sich der Doktor und erzählte die Geschichte von seinem verschwundenen Brillantring und seinem Dienstmädchen Mary, die fälschlicherweise der Tat bezichtigt wurde, nur weil sie plötzlich zu Geld gekommen war.

Sherlock Holmes hatte dem Redeschwall willig gelauscht. »Und der Ring? Was wurde aus ihm?«

»Haha, den fand ich eines schönen Tages unter dem Waschtisch – ganz hinten, wissen Sie. Tja, so war das. Merkwürdig, nicht wahr?«

»Schrecklich merkwürdig«, konterte Sherlock Holmes und zündete sich eine Pfeife an. »Nur«, meinte er dann seelenruhig, »scheint mir der Fall hier doch etwas schwieriger zu liegen.«

Keine fünf Minuten später störte ein eigentümliches Geräusch die Stille. Es klang, als ob man mit einem spitzen Gegenstand gegen eine hölzerne Wand fährt. Dr. Lerman schaute ängstlich umher. Sherlock Holmes rührte sich nicht, aber er glich einem sprungbereiten Raubtier. »Schweigen Sie!«, zischte er, als Lerman sich verabschieden wollte.

Holmes zog langsam seinen Revolver. Er glitt schattenhaft auf die Tür zu. Dann schnellte seine Hand zum Türgriff – doch kein Mensch befand sich auf dem Gang. Aber in der Türfüllung steckte ein Dolch. Und in der Schneide des Dolches ein Zettel:

Mr. Holmes! Geben Sie endlich den Kampf auf. Meine Macht ist größer als die Ihre. Denken Sie an die Geschichte, die Dr. Lerman Ihnen erzählte: Es gibt seltsame Verkettungen! Verlassen Sie sofort das Gut. Ich gebe Ihnen noch zehn Minuten Frist. Sollte ich Sie dann immer noch antreffen, werden morgen die Zeitungen Ihren Tod mitteilen. Das rote Triangel.

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