Kommissar Rosic – Band 1.03
Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 3: Der B-14
Als der B-14 in den Bahnhof von Perrache in Lyon einfuhr, wurde er sofort von einem wahren Schwarm von Polizisten umringt, die einen in Zivil, die anderen in Uniform. Der Bahnhof war für die Öffentlichkeit gesperrt, und der stellvertretende Generalstaatsanwalt leitete die Operationen höchstpersönlich.
Der Telefonanruf von Monsieur Jeulin und der darauffolgende, erklärende Anruf von M. Chaulvet hatten ihre volle Wirkung entfaltet; man hatte Zeit gehabt, alles vorzubereiten, und es war offensichtlich: Sollte sich der Mörder noch im Zug befinden, gäbe es für ihn kein Entkommen.
Der Chef der Lyoner Kriminalpolizei war zu dieser Zeit ein gewisser Monsieur Rosic, der bei zahlreichen Gelegenheiten sein Gespür und sein tiefes Verständnis für Kriminalfälle unter Beweis gestellt hatte. Während er auf den Zug wartete, stand er an der Seite von Monsieur Boulard, dem Staatsanwalt, und schien dem Ausgang der Angelegenheit äußerst skeptisch gegenüberzustehen.
»Wissen Sie, ich kann einfach nicht glauben, dass sich der Mörder noch im Zug befindet.«
»Glauben Sie etwa, er sei während der Fahrt abgesprungen?«
»Nein. Der B-14 ist ein Schnellzug. Man müsste schon sehr verwegen sein, um den Sprung aus einem Zug zu riskieren, dessen Mindestgeschwindigkeit an gefährlichen Stellen nicht unter achtzig Kilometern pro Stunde liegt.«
»Und was dann?«
»Dann muss die Tat vor Avignon geschehen sein, und der Mörder ist in diesem Bahnhof auf der gleisabgewandten Seite ausgestiegen, das ist alles!«
»Oder in Valence.«
»Warum in Valence?«
»Weil in Valence der Kopf verschwunden ist.«
Doch Kommissar Rosic zuckte mit den Schultern. »Sie glauben diese Geschichte mit dem verschwundenen Kopf? Das ist so unwahrscheinlich und unnütz Die Leute in Valence werden im ersten Schockmoment geglaubt haben, einen Kopf zu sehen, falls der Mörder ihn tatsächlich abgetrennt hat. Oder aber er ist unter irgendeine Sitzbank gerollt, wo Monsieur Chaulvet ihn nicht sofort finden konnte.«
»Kurzum, wir verschwenden hier unsere Zeit.«
»Man verschwendet niemals seine Zeit«, erwiderte der Polizist, »denn sehen Sie … Aber da kommt unser Zug!«
Der B-14 fuhr in den Bahnhof ein. Wie bereits erwähnt, war der Zug noch nicht zum Stillstand gekommen, als er bereits von einem Schwarm Polizisten und Beamten umstellt wurde. Die Messieurs Boulard und Rosie begaben sich daraufhin zum Zugführer, der gerade auf den Bahnsteig gesprungen war. Angesichts der vielen Menschen, die seinen Zug umringten, stöhnte er verzweifelt: »Na herrlich! Das geht ja schon wieder los. Wenn wir jemals vor morgen Abend in Charenton ankommen, dann haben wir verdammt viel Glück!«
Doch M. Boulard war an ihn herangetreten.
»Sind Sie der Zugführer?«
»Ja, Monsieur!«
»Haben Sie seit Valence irgendetwas bemerkt?«
»Nichts.«
»Normaler Fahrtverlauf?«
»Vollkommen normal.«
»Keinerlei Verzögerung, aus welchem Grund auch immer?«
»Keine. Zufälligerweise ist die Strecke auf der ganzen Länge in gutem Zustand«, antwortete der Mann, sichtlich irritiert über diese Fragen, deren Tragweite er nicht begreifen konnte.
»Gut!«, schloss der Staatsanwalt mit einem langen Blick zu Rosic. Dann fuhr er fort: »Ich muss Ihren Zug inspizieren! Ich bin der stellvertretende Generalstaatsanwalt.« »Nun, Monsieur«, antwortete der Zugführer, »das fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Meine Aufgabe ist es lediglich, den Zug zu führen; die Fahrgäste gehen mich nichts an. Der B-14 ist kein Zug der Bahngesellschaft; er gehört der Schlafwagen-Gesellschaft (Wagons-Lits), und das ist deren Angelegenheit. Dort drüben ist der Schaffner.«
Er deutete auf einen Mann in khakifarbener Kleidung mit tressierten Ärmeln und einer flachen, goldverzierten Mütze, der einige Schritte von der Gruppe entfernt stand. An ihn richtete der Staatsanwalt nun erneut sein Ersuchen.
»Das ist machbar, Monsieur«, antwortete der Schaffner, »vorausgesetzt, die Inspektion geht schnell und wir verlieren nicht zu viel Zeit.«
Der Staatsanwalt machte eine vage Geste.
»Übrigens«, fuhr der Schaffner fort, »hier ist mein Bordbuch!« Er zog ein Papier aus der Tasche, auf dem der Plan seines Zuges verzeichnet war, und erklärte: »Ab dem Bahnhof Arène hatte ich zehn Fahrgäste: sieben im ersten Wagen – das ist eine Familie: Vater, Mutter, drei Kinder und zwei Bedienstete; im zweiten Wagen nur ein Fahrgast.« Er senkte die Stimme. »… derjenige, der ermordet wurde!. Schließlich im dritten und letzten Wagen zwei Fahrgäste, getrennt, jeder in einem Abteil. Allesamt Engländer, versteht sich.«
»Wir werden sehen!«, sagte der Staatsanwalt.
»Verzeihung, Monsieur«, gab der Schaffner zu bedenken, »es ist nur so … alle diese Fahrgäste schlafen.«
»Nun ja, dann werden Sie sie eben wecken müssen!«, entschied der Staatsanwalt. »Es ist unerlässlich, dass ich Ihren Zug inspiziere. Sie wissen, warum.«
Der Schaffner machte eine Geste der Ohnmacht. »Es ist offensichtlich, dass unsere Vorschriften es uns verbieten, unsere Fahrgäste zu wecken, die teuer dafür bezahlt haben, ihre Ruhe zu haben, aber unter diesen Umständen. Im Übrigen, Monsieur Staatsanwalt, übernehmen Sie die volle Verantwortung dafür.«
Ein Lächeln des Staatsanwalts deutete an, dass diese Verantwortung angesichts seiner weitreichenden Befugnisse schwerelos war, und er folgte dem Schaffner in den ersten Wagen. Es herrschte einige Bestürzung unter der englischen Familie, die der Schaffner sehr höflich und mit den bestmöglichen Entschuldigungen weckte. Rosic hatte mit einem Blick die vier Abteile inspiziert; seine Aufmerksamkeit war besonders an dem Diener hängen geblieben, der voll bekleidet in einem Sessel schlief, eine Zeitung zu seinen Füßen. Doch zweifellos schien ihm alles normal zu sein, denn er blinzelte dem Staatsanwalt zu und murmelte: »Hier gibt es nichts zu holen!«
Durch den Korridor gelangten sie in den zweiten Wagen, während der Schaffner anmerkte, dass dieser Wagen bis Valence der dritte gewesen sei, da der ursprüngliche zweite Wagen in jener Station abgekoppelt worden war.
»In diesem Schlafwagen befinden sich, wie ich Ihnen sagte, Monsieur, zwei Fahrgäste: einer in Abteil Nr. 1 und der andere in Nr. 3.«
Und mit diesen Worten öffnete er das erste Abteil: Ein Mann, der in seiner Koje ausgestreckt war, schnarchte aus vollem Hals. Der Schaffner tippte ihm vorsichtig auf die Schulter; er fuhr kerzengerade hoch – ein grotesker Anblick mit seinem Damast-Madras, das seinen rötlichen Kopf umwand und einen beeindruckenden Pyjama freigab, auf dem eine riesige Baronskrone in Gold gestickt war.
Mit weit aufgerissenen Augen brüllte er: »What is it? Why do you awake me?«
Und während der Schaffner ihm erklärte, dass die Justiz aufgrund einer wichtigen Angelegenheit eine Durchsuchung durchführe, stieg er halb aus seinem Bett und wetterte mit gewaltiger Stimme: »I don’t mind! I will complain to the King! And bring to trial the Company!«
Der Schaffner warf dem Staatsanwalt einen verzweifelten Blick zu, der allerdings kein Wort Englisch verstand. Wie schon im anderen Wagen hatte sich Rosic jedoch rasch eine Meinung gebildet und sagte: »Lassen wir diesen Gentleman schlafen und gehen wir ins andere Abteil!«
Der arme Schaffner war grün vor Aufregung; sicher, es war nicht seine Schuld, aber wenn der Baron sich beschwerte oder die Gesellschaft verklagte, wozu er das Recht hatte – wer würde dann für den Schaden aufkommen? Der arme Mann musste sich wohl oder übel eingestehen, dass er das selbst sein würde.
So öffnete er nur höchst widerwillig das dritte Abteil. Rosic trat als Erster ein und drehte sich plötzlich um
»Aber es ist leer!«
»Leer?«, wiederholte der bestürzte Schaffner.
»Sie haben sich geirrt. Es ist in einem anderen …«
»Ich versichere Ihnen, dass es dieses hier ist. Ich habe Übung darin, ich habe ihn selbst untergebracht. Ich erinnere mich sogar, dass er mich fragte, ob er nicht direkt über den Drehgestellen läge, was ihn am Schlafen hindern würde.«
»Und nun?«
»Dann …«, erwiderte der Schaffner, der Angst davor hatte, die Antwort zu begreifen. »Sehen wir uns erst die anderen an«, meinte der Staatsanwalt.
Der gesamte Zug wurde von oben bis unten durchsucht; der zehnte Fahrgast war verschwunden. Ein Zweifel war nicht mehr möglich: Er war der Mörder.
Es galt nun herauszufinden, wo dieser zehnte Fahrgast den B-14 verlassen haben könnte. Im Grunde schien es gar nicht so einfach, unbemerkt aus dem Zug zu steigen. Wie bereits erwähnt, nimmt der B-14 Fahrgäste am Hafenbahnhof von Marseille mit Ziel London über Calais auf und darf unterwegs weder Passagiere aufnehmen noch absetzen. Bei seinen seltenen Halten, die ausschließlich dem Lokomotivwechsel dienten, wäre ein Fahrgast, der ein- oder ausstieg, zwangsläufig aufgefallen. Der zehnte Fahrgast, der Mörder, musste den B-14 also während eines Halts verlassen haben, indem er zur gleisabgewandten Seite absprang.
»Ich habe es Ihnen ja gesagt, Monsieur Staatsanwalt«, meinte Rosic, »mein erster Eindruck war der richtige. Unser Mann hat sein Verbrechen unmittelbar nach der Abfahrt des Zuges aus Marseille begangen und sich in Avignon, beim ersten Halt, klammheimlich aus dem Staub gemacht. Und jetzt versuchen Sie mal, ihn einzuholen!«
Doch der Staatsanwalt blieb skeptisch. »Wer hätte dann in Valence den Kopf verschwinden lassen?«
Rosie zuckte mit den Schultern.
»Die bilden sich ein, sie hätten den Kopf gesehen. Aber ich bin mir sicher … Übrigens werde ich selbst dorthin fahren und es herausfinden.«
Der Zugführer trat nun näher und fragte: »Kann ich das Abfahrtssignal geben?«
»Sicher. Nur sehen Sie zu, dass Sie der Justiz zur Verfügung stehen, genau wie Sie, Monsieur Schaffner, denn wir werden zweifellos Ihre Zeugenaussage benötigen«, entgegnete Rosic.
»Ja«, fügte der Staatsanwalt hinzu und wandte sich an den Angestellten der Schlafwagen-Gesellschaft. »Am besten wäre es sogar, wenn Sie den Dienst in Paris an einen Ihrer Kollegen übergeben und hierher zurückkehren.«
Der Schaffner verzog das Gesicht. Doch ein Pfiff ertönte, und eine Minute später verschwand der tragische Zug im Tunnel von Fourvière.
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