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Ghost Stories – Die geschlossene Hand

Farnsworth Wright
Die geschlossene Hand
Originaltitel: The Closing Hand
Eine packende Kurzgeschichte

Einsam und abweisend starrte das Haus gespenstisch durch die struppigen Bäume, die vor seiner Berührung zurückzuweichen schienen. Der grüne Moosbefall der Fäulnis lag auf seinen klammen Dächern, und die Fenster, tief in ihren Höhlen versunken, blickten blind in die Welt, als sähen sie aus augenlosen Höhlen. Sein Anblick war so furchteinflößend, dass Jungen, wenn sie sich den trostlosen Giebeln näherten, ihr Pfeifen einstellten und auf der gegenüberliegenden Straßenseite vorbeigingen.

Jenseits der Felder blickten ein paar zusammengekauerte Hütten durch den fallenden Regen, als fragten sie sich, welche Familie wohl so kühn sein könne, in den düsteren Mauern jener alten Villa Wohnung zu beziehen, deren teppichlose Böden seit zwei Jahren keinen menschlichen Schritt mehr gespürt hatten.

In einem Mansardenzimmer des Hauses lagen zwei Schwestern im Bett, aber sie schliefen nicht. Die jüngere Schwester duckte sich unter der Angst, die der trostlose Ort in ihr auslöste. Die ältere lachte über ihre kindischen Befürchtungen, doch die jüngere spürte den Bann des alten Gebäudes und fürchtete sich.

»Ich schätze, es gibt eigentlich nichts, wovor ich mich in diesem schaurigen alten Haus fürchten müsste«, gab sie zu, ohne Überzeugung in der Stimme, »aber das bloße Gefühl dieses Ortes ist schrecklich. Mutter hätte uns an diesem grauenhaften Ort nicht allein lassen dürfen.«

»Dummkopf«, schalt ihre Schwester, »bei all dem Silberzeug unten muss jemand hier sein, aus Angst vor Einbrechern.«

»Oh, sprich nicht von Einbrechern!«, flehte das jüngere Mädchen. »Ich habe Angst. Ich bilde mir ständig ein, geisterhafte Schritte zu hören.«

Ihre Schwester lachte.

»Geh schlafen, Dummerchen«, sagte sie. »Spukhäuser sind nichts als Aberglaube. Sie existieren nur in der Fantasie.«

»Warum hat dann seit zwei Jahren niemand hier gewohnt? Man erzählt mir, dass in den letzten fünf Jahren jede Familie nach nur kurzer Zeit wieder ausgezogen ist. Die ganze Atmosphäre des Hauses ist grässlich. Und ich kann nicht vergessen, wie das ältere Berkheim-Mädchen erstochen in ihrem Bett gefunden wurde und niemand je erfuhr, wie es geschah. Vielleicht wurde sie genau in diesem Zimmer ermordet!«

»Geh schlafen und mach dich nicht mit solchem albernen Gerede selbst verrückt. Mutter wird morgen Abend bei uns sein, und Dad kommt am nächsten Tag zurück. Jetzt schlaf ein.«

Die ältere Schwester entschlummerte bald, aber die jüngere lag mit offenen Augen da, starrte in das schwarze Zimmer und schauderte bei jedem erstickten Schrei des Windes oder fernen Grollen des Donners. Sie begann zu zählen, in der Hoffnung, sich in Schläfrigkeit zu hypnotisieren, doch bei jedem leisen Geräusch schreckte sie auf und verlor den Faden.

Plötzlich drehte sie sich um und schüttelte ihre Schwester an der Schulter.

»Edith, unten schleicht jemand herum!«, flüsterte sie. »Hör doch! Oh, was sollen wir tun?«

Die ältere Schwester schlug ein Streichholz an und entzündete die Kerze. Dann schlüpfte sie in ihren Morgenmantel und zog ihre Hausschuhe an.

»Du gehst doch nicht etwa da runter? Edith, sag mir, dass du nicht nach unten gehst! Es könnte das ermordete Berkheim-Mädchen sein! Edith, tu das nicht …«

Edith warf ihrer Schwester einen Blick voller vernichtender Verachtung zu, die mit bleichem Gesicht und weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen auf dem Bett lag.

»Da unten bewegt sich etwas, und ich werde herausfinden, was es ist«, sagte sie.

Mit der Kerze in der Hand verließ sie das Zimmer. Ihre jüngere Schwester lag in der Dunkelheit, lauschte dem Prasseln des Regens auf dem Dach und spitzte ihre Ohren, um das geringste Geräusch aufzufangen. Der Lärm unten hörte auf, aber der Wind frischte auf und der Regen schlug in plötzlichen, wütenden Böen gegen das Dach, die ihr Herz wild hämmern ließen …

Zehn Minuten vergingen – zwanzig Minuten – und Edith war nicht zurückgekehrt.

Eine Tür schlug zu, und die jüngere Schwester glaubte, wieder etwas zu hören, aber der Wind begann zu schluchzen und übertönte alle anderen Geräusche. Zwischen den Böen hörte sie das unheilvolle Geräusch, und jedes Mal schien es näher zu kommen.

Dann – sie schrak zusammen, als sie begriff, dass etwas die Treppe heraufkam.

Einmal glaubte sie, einen Schrei zu hören, dem der Wind seine klagende Stimme in einem unheimlichen Duett hinzufügte.

Näher und näher kam das seltsame Geräusch. Es stieg die Treppe hinauf, Stufe für Stufe, nur hörbar, wenn Wind und Regen ihre Stimmen dämpften. Es passierte den ersten Treppenabsatz und bewegte sich langsam den zweiten Treppenlauf hinauf, während das Mädchen voller Furcht auf sein Erscheinen wartete.

Der Wind heulte, bis das Haus bebte; er schrillte an den Traufen vorbei und floh über die Felder wie ein gejagter Geist. Und nun übertönte der pochende Puls des Mädchens das Schreien des Windes, denn die Präsenz war in ihr Schlafzimmer eingedrungen!

Sie kauerte sich unter die Decke, ein kalter Schweiß überlief ihren Körper, bis ihre Zähne klapperten. Ihre Fantasie beschwor schreckliche Dinge herauf – ein körperloser Geist, der gekommen war, um sie zu vernichten – eine Leiche aus dem Grab, die vor Terror stammelte, weil sie die Leichentücher nicht von ihrem Gesicht reißen konnte – das ermordete Berkheim-Mädchen, das Messer noch immer in ihrem Herzen steckend – oder eine entflohene Bestie, die sich gierig die Lippen leckte in Erwartung des Festmahls, das ihr bebender Körper bieten würde. Oder war es ein Mörder, der, nachdem er ihre Schwester getötet hatte, nun darauf aus war, sein blutiges Werk zu vollenden?

Ein Blitz spaltete den Himmel, und der Donner brüllte seine furchterregende Warnung. Das Mädchen warf die Bettdecke zurück und wich an die Wand zurück, die Augen fast aus den Höhlen tretend, aus Angst, ein weiterer Blitz könnte einen Anblick enthüllen, der zu grässlich zum Ertragen wäre.

Langsam schleppte sich das Wesen über den Boden, hievte sich auf das Bett und stieß einen erstickten Laut der Qual aus.

Das Mädchen saß versteinert da. Dann streckte sie zaghaft eine zitternde Hand aus, zog sie aber schnell aus Furcht vor einer scheußlichen Berührung zurück. Wieder stieß sie ihre bebende Hand in die Finsternis, weiter, immer weiter, bis sie etwas Zottiges und Nasses berührte.

Eine klamme Hand schloss sich über der ihren, und sie sprang mit einem entsetzten Schrei auf. Die eisige Hand festigte ihren Griff mit einem widerwärtigen Zittern und zog sie hinab. Da versagten ihre gefolterten Sinne, und sie fiel bewusstlos auf das Bett zurück…

* * *

Als sie erwachte, war es Tag. Neben ihr auf dem Bett lag der blutende Körper ihrer Schwester Edith, in die Brust gestochen von dem Einbrecher, den sie hatte verscheuchen wollen.

Das jüngere Mädchen umklammerte die verklebten Haarbüschel, die über die Brust ihrer Schwester gefallen waren, deren kalte Hand sich im letzten konvulsivischen Schauder des Todes über der ihren geschlossen hatte.

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