Der Detektiv – Band 31 – Eine leere Streichholzschachtel – Teil 3
Walter Kabel
Der Detektiv
Band 31
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Eine leere Streichholzschachtel – Teil 3
Der Speisesaal in Boorstettens Marmorpalais beherbergte am nächsten Abend eine Gesellschaft von zwölf Herren. Die Stimmung bei Tisch war von vornherein dank Harsts glänzender Laune und dank Rechtsanwalt Templeteys beißendem Witz die allerbeste. Templeteys Nase glühte in allen Farben. Er liebte einen guten Tropfen. Außer dem Advokaten, Hauptmann Plavarston und uns waren noch ein paar Großkaufleute und vier ältere Offiziere der Garnison Singapur anwesend.
Harst saß links neben Boorstetten. Ihnen gegenüber hatten Templetey, ich und Plavarston ihre Plätze. Plavarston war ein stattlicher, hübscher Mann. Ich schätzte ihn auf kaum dreißig Jahre. Er und Advokat Templetey schienen sich nicht zu lieben. Wenn sie miteinander sprachen, geschah es stets in spitzen, ironischen Redewendungen. Plavarston hielt sehr viel auf sein Äußeres. Templeteys Frack (wir trugen sämtlich dieses lästige Ding nach englischer Sitte) war ehrwürdig alt und blankgescheuert.
Einmal sagte Templetey zu dem früheren Hauptmann: »Sie polieren die Fingernägel nicht, sondern lackieren sie. Welchen Lack benutzen Sie?«
Plavarston sah irgendeine Anödung voraus und entgegnete kurz: »Schuhlack, lieber Templetey!«
Worauf natürlich allgemeines Gelächter folgte. Als dies verstummt war, erklärte der trinkfeste Advokat: »Schuhlack?! Glaub ich gern. Wohl von zartrosa Damenschuhen, Plavarston, der Ihnen als gewohnheitsmäßigem Don Juan stets zur Verfügung stehen dürfte.«
Abermaliges Gelächter. Die Diener reichten nun Zigarren und Zigaretten, dazu kleine silberne, altertümliche Lämpchen zum Anzünden. Harst hielt seine Zigarette zwischen den Fingern und fragte laut: »Hat einer der Herren vielleicht Streichhölzer da? Ich zünde mir eine Zigarette stets nur an einem Zündholzflämmchen an. Ich bilde mir ein, die Zigarette verliert sonst an Geschmack.«
Plavarston griff schon in die Tasche. »Bitte – hier sind sogar echte Schweden, Master Harst. Ich bin genau wie Sie: Feuerzeuge und dergleichen sind für mich nicht vorhanden.«
Harst nahm die Zündholzschachtel entgegen und bedankte sich. Mir hatte ein Blick auf das Schildchen der Schachtel genügt: Es war von knallgelber Farbe und zeigte dieselbe Fabrikmarke wie jenes leere Schächtelchen, das ich vor dem Mausoleum gefunden hatte!
Mit einem Mal war mir dieser Hauptmann Plavarston die interessanteste Person der Tischgesellschaft. Ich hatte eigentlich geglaubt, dass Harst es heute Abend hier auf Templetey abgesehen hätte. Jetzt sank ein Teil der Schleier, die mir diesen Fall bisher verhüllt hatten. Ich wusste: Plavarston war der Feind. Denn Harst hatte ihn ja soeben absichtlich zur Hergabe der Zündholzschachtel veranlasst!
Nun folgten die Vorzeichen der Katastrophe Schlag auf Schlag. Ich beobachtete all das mit atemloser Spannung. Ich allein. Harst führte ja diese Vorzeichen herbei. Und von den anderen Gästen konnte niemand ahnen, was sich hier vorbereitete.
Plavarston erhob sich. »Ich werde meine Fertigkeit im Mischen von Likören aufs Neue beweisen«, meinte er lachend.
»Bravo!«, rief Templetey. »Es ist dies Ihre einzige Fertigkeit, die meine Anerkennung findet.«
Unter heiterem Gelächter trat Plavarston an das große Büfett heran und sagte mit dem Rücken zu uns gewandt: »Ich kenne so ziemlich Ihre Geschmäcker, meine Herren. Jedem mische ich, was ihm am besten behagt.«
Er hantierte mit allerlei Flaschen herum, die schon in Eiskühlern bereitgestanden hatten.
»Master Harst«, krächzte Templetey. »Plavarstons Mischungen sind berühmt. Er verrät sie niemandem. Wenn es ihm mal schlecht geht, kann er Mixer in einer Bar werden.«
Plavarston kam mit einem länglichen Nickeltablett, worauf zwölf hohe, feingeschliffene Gläser standen, an den Tisch zurück. Er stellte vor jeden von uns eines der Gläser hin. Als letztes behielt er das für ihn selbst bestimmte in der Hand.
Templetey sprang auf. »Meine Herren – trinken wir auf das Wohl des liebenswürdigen Gastgebers!«
Da – Harsts Stimme sofort hinterdrein: »Halt – noch einen Augenblick!« Er wandte sich an Plavarston. »Wie wäre es, wenn Sie mit Ihrem Freund Boorstetten die Gläser tauschten, Herr Hauptmann?«
In seiner Stimme lag etwas, das alle Gesichter plötzlich ernst werden ließ. Plavarston hatte sich deutlich verfärbt. Er presste die Lippen zusammen – nur einen Moment lang –, lächelte dann und meinte: »Oh – Boorstetten liebt ganz süße Mischungen, die ich verabscheue. Nicht wahr, Boorstetten?«
»Allerdings!«, erklärte der Holländer zögernd.
»Trotzdem muss ich darauf bestehen, dass die beiden Herren die Gläser wechseln«, sagte Harst scharf und befehlend. »Dieses Diner ist auf meinen Wunsch veranstaltet worden, und ich bin verantwortlich für das, was hier geschieht. Wenn Sie, Hauptmann Plavarston, nicht sofort den für Boorstetten von Ihrer Hand hergerichteten Likör trinken, dann – behaupte ich, dass dieser Likör vergiftet ist!«
In dem strahlend hellen Saal war es totenstill. Plavarstons Antlitz hatte jede Spur von Farbe verloren. »Sind Sie wahnsinnig!«, brauste er auf.
»Nein – ich bin ein leidlich bekannter Liebhaberdetektiv, wie Sie alle wissen«, erwiderte Harst kalt. »Und wenn ich behaupte, der Likör …«
Da hatte Plavarston bereits mit einem ironischen Auflachen das Glas Boorstettens ergriffen und – ich glaubte, er würde es wie durch Ungeschick fallen lassen! – trank es leer.
Dann rief er Boorstetten zu: »Sie gestatten, dass ich mich entferne. Ich bin hier aufs Gröblichste beleidigt worden. Master Harst wird morgen weiter von mir hören.«
Er verbeugte sich, wollte zur Tür, prallte jedoch zurück. An den drei Saaltüren waren je zwei Polizeibeamte aufgetaucht. Und nun erschien auch Detektivinspektor Jobster, ging auf Harst zu und fragte: »Wen soll ich hier verhaften? Sie sehen, ich habe Ihre brieflichen Anordnungen genau befolgt.«
Plavarston stand nun da und musterte Harst mit Augen, die vor ohnmächtiger Wut fast ganz zugekniffen waren. Harst nickte Jobster zu und meinte gleichmütig: »Setzen wir uns wieder, meine Herren. Auch Sie, Hauptmann Plavarston. Sie sehen ja, das Spiel ist aus. Sie wollten jetzt schleunigst ins Freie, um den Likör schnell wieder aus Ihrem Magen zu entleeren. Es ist ja so leicht, künstlich ein Erbrechen hervorzurufen. Wenn Sie Ihre Schandtaten eingestehen wollen, können Sie sich noch retten. Sie dürfen dann in Begleitung von ein paar Polizisten hinaus.«
Plavarston trat der dicke Schweiß auf die Stirn. Aber er murmelte nur: »Sie sind verrückt!« und nahm mit gemachter Nachlässigkeit am Tisch Platz.
»Wie Sie wollen!«, meinte Harst und stellte sich hinter seinen Stuhl, auf dessen Lehne er sich mit den Händen stützte. »Ich möchte Sie dann weiter fragen, ob Sie Schraut und mir das Ihnen verpfändete Ehrenwort zurückgeben wollen? Sie zucken die Achseln. Nun, Sie haben ein kurzes Gedächtnis. Wir versprachen Ihnen im Mausoleum, den Fall Ellinor Boorstetten nicht weiter zu untersuchen. Wir haben das auch nicht getan, da ich bereits vollständig Bescheid wusste.«
»Lassen Sie doch die albernen Witze!«, rief der Hauptmann nun, aber sein Gesicht war dabei zur Fratze verzerrt.
»Es handelt sich hier nicht um Witze, sondern um einen Mord und einen Mordversuch«, erklärte Harst ruhig und sachlich. »Im Speisesaal des Raffles-Hotels saß ich vorgestern Abend so, dass ich zwei Herren beobachten konnte, die allein einen Tisch für sich hatten. Es waren Boorstetten und Sie, Hauptmann Plavarston. Boorstetten schaute immer wieder nach unserem Tisch hin, und Sie redeten in einer Weise auf ihn ein, dass ich den Eindruck gewann, der ältere Herr, eben Boorstetten, wollte mich in irgendeiner Sache zu Rate ziehen, während der Jüngere – ich glaubte erst, dies sei der Sohn des Älteren – ihm dies auszureden suchte. Ich beobachtete weiter, dass der Jüngere seine Zigaretten stets mit einem Streichholz anzündete. Die Streichholzschachtel hatte ein grellgelbes Schildchen. Dann kam Boorstetten an unseren Tisch. Plavarston blieb nach einer Weile allein sitzen und blickte heimlich immer wieder zu uns hinüber. Darauf verließ er den Saal. Jedenfalls war mir sein Benehmen etwas auffällig vorgekommen.
Boorstetten bot mir nachher eine seiner Zigaretten an. Ich merkte sofort, dass deren Tabak mit irgendetwas getränkt war – einem scharfen Nervenreizmittel. Boorstettens krankhafte Nervosität war fraglos eine Folge dieser Zigaretten. Ich rauchte die Zigarette nur halb auf. Mein Freund Schraut bekam von dem Rauch einen bösen Hustenanfall. Boorstetten hatte so ganz nebenbei erwähnt, dass ein guter Bekannter von ihm diese Zigaretten aus England besorge. Der Bekannte war Plavarston.
Darauf stellte ich mich Master Templetey vor. Er erzählte mir, dass Frau Boorstetten ein eigenes Vermögen von sechs Millionen besessen und ein Testament hinterlassen hätte, das erst nach dem Tode ihres Gatten geöffnet werden sollte. Bis dahin hatte dieser nur den Nießbrauch ihres Vermögens. Templetey erzählte mir weiter, dass er Plavarston, Boorstettens Freund, für einen großen Schurken hielte. Seine Andeutungen liefen darauf hinaus, dass er an einen natürlichen Tod Ellinor Boorstettens nicht glauben könne. Mehr sagte er jedoch nicht.
Schraut fand dann vor dem Mausoleum eine leere Streichholzschachtel. Der Sarg im Mausoleum war leer. Aber der Leichengeruch bewies, dass die Tote soeben erst fortgeschafft worden war. Ich dachte sogleich an Plavarston hierbei, der eine Sektion der Leiche befürchtet haben mochte und so eine Feststellung von Gift im Körper. Dann wurden wir dort eingesperrt. Ich hatte damit gerechnet. Mir kam also auch die scheinbare Überrumpelung durch Sie, Plavarston, nicht unerwartet. Sie hatten sich als Boorstetten herausgeputzt – durch einen falschen Bart. Sie wollten mich glauben machen, Boorstetten sei der Maskierte.
Vorher hatte ich in der leeren Streichholzschachtel ein winziges Stückchen Nagellack entdeckt, der sich ja leicht ablöst, wenn man zum Beispiel oben an den Schachtelrand stößt. Und Templetey hatte mir gesagt, dieser eitle Weiberheld von Plavarston lackiere sich sogar die Nägel. Die leere Streichholzschachtel, vor dem Mausoleum gefunden und fraglos Plavarstons Eigentum, benahm mir den letzten Zweifel, wer die Leiche weggeschafft hatte. Nachher, als wir dem Maskierten unser Wort gegeben hatten, wurde die Tote scheinbar wieder in den Sarg gelegt. Aber es befindet sich nur deren Kopf jetzt im Sarge. Den Leib hat Plavarston mit seinem Genossen, dem Diener Prangar-Singh (denn ein einzelner Mann konnte den Sargdeckel nicht heben), beseitigt – immer noch aus Furcht vor einer Sektion.«
Harst machte eine kleine Pause. »Lieber Boorstetten«, fuhr er dann leiser fort, »ich bedauere sehr, Ihnen sagen zu müssen, dass Ihre Gattin Sie mit Ihrem Nachbarn Plavarston betrogen hat und dass dieser sie dazu zu bewegen verstand, ein Testament zu seinen Gunsten zu errichten. Es ist dies jenes Testament, welches nach Ihrem Tod eröffnet werden soll. Dann hat Plavarston das Nervensystem Ihrer Gattin auf irgendeine Weise zerrüttet und ihr schließlich ein Gift beigebracht, das erst nach vielen Stunden eine Herzlähmung herbeiführte. Genauso ging er darauf gegen Sie vor. Die Zigaretten machten Sie krankhaft nervös, und heute musste er dann schnell vor Ihrer Abreise den Hauptschlag vorbereiten. Hätten Sie den Likör getrunken, dann wären Sie übermorgen an Herzschwäche verschieden. – Jobster – verhaften Sie Plavarston! Sein Gesichtsausdruck spricht deutlicher als ein Geständnis.«
Ich habe nicht mehr viel hinzuzufügen. Wenn der Leser nun all das, was Harald Harst bei Erledigung dieses doppelten Falles getan, gesprochen und angedeutet hat, mit dieser Lösung vergleicht, wird er leicht erkennen, wie mein Freund Schritt für Schritt der Lösung näher rückte und wie glänzend einmal wieder seine Kombinationen waren.
Plavarston war nicht mehr zu retten. Er starb am folgenden Abend, nachdem er zu Protokoll gegeben hatte, dass seine Geliebte, die vor Kurzem verhaftete Eugenie Malcapier, den Plan zu diesen beiden Verbrechen entworfen und ihn veranlasst hatte, sich auf der Insel Blakang anzusiedeln, um so Ellinor Boorstetten umgarnen zu können, die ja so bedeutend jünger als ihr Gatte war.
Mithin wiederum zwei Verbrechen, die auf Eugenie Malcapiers Rechnung kamen! Was wir dann noch weiter mit dieser unserer rotblonden, schönen Feindin erlebten, schildere ich im nächsten Band in
Der Schatz der »Christine«.
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